Eugen Richter über die „Prachtchristen“

Dieser Artikel wurde 5588 mal gelesen.

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 5. Juli 1881

Berlin, 22. Juni. (Privatmitth.) Die Wahlagitation für die im Herbste bevorstehenden Wahlen ist in Berlin so lebhaft wie möglich. Sowohl von fortschrittlicher wie conservativer Seite werden die größten Anstrengungen gemacht, und Wählerversammlung auf Wählerversammlung abgehalten. Am 20. Juni fand eine Versammlung der Wähler des Stadtheiles Moabit statt, die überaus zahlreich war und in welcher Eugen Richter den Hauptvortrag hielt. Er sagte unter anderem: Die Herren Pastoren klagen über die zu geringe Zahl der Geistlichen und der Kirchen; dagegen muß man doch sagen, daß, wenn die Pastoren soviel Zeit haben, politische Versammlungen abzuhalten, ihre geistliche Arbeitslast noch nicht so schlimm ist. (Beifall und Heiterkeit). Sie jubeln über ihre großen Versammlungen, ohne zu sagen, woher es denn kommt, daß die „Prachtchristen“ ihnen nur zuströmen, wenn Judenhetze betrieben wird, während die Kirchen leer stehen. Dies zeigt, daß diejenigen Prediger Recht haben, welche behaupten, daß diese Agitationen nicht zum Gottesdienst, sondern viel eher zum Teufelsdienst treiben.  (Lebhafter Beifall.) [1] — Und weiterhin: „Gerade wie 1878 werden nur diesmal wieder andere Coulissen vorgeschoben: damals waren es die Socialdemokraten, heute sind es die Juden, welche vorgeschoben werden. Die Judenfrage soll die Aufmerksamkeit ablenken, um die Steuerfrage durchzubringen, gerade als ob die Judenfrage bei diesen Wahlen zur Lösung kommen soll. Wir lassen uns dadurch nicht täuschen. Wir wenden uns gegen das Schlechte, wo wir es finden, gegen schlechte Juden, wie schlechte Christen, ja selbst gegen schlechte Pastoren und wenn man Alles aufbuchen wollte, was von schlechten Pastoren an Erbschleicherei, Betrug, Verführung gesündigt worden ist, so würde im Jahre auch ein anständiges Verbrecheralbum zusammenkommen. (Lebh. Beifall.) Die Juden schlägt man und die Liberalen meint man. Herr Stöcker zieht umher und eifert gegen die großen Magazine, ohne daran zu denken, daß sein Freund Hertzog [2] selbst so ein großes Magazin hat und daß es im Int[e]resse der Arbeiter ist, so viel Arbeitsgeber wie nur möglich zu haben.“

[1] In diesem Sinne etwa Johannes Ronge: Offenes Sendschreiben von Johannes Ronge an die Herren Konsistorialräthe: Ebrand in Erlangen, v. Otto in Eisenberg, Hofprediger Stöcker, Superintendent Hechzermaier in Bielefel, Pfarrvikar Stromberger in Biebesheim (Hessen) und an die andern fünf Geistlichen Mitglieder des Antisemiten-Comités

[2] Rudolph Hertzog: Berliner Textilhändler und zeitweise als Kandidat für die Reichstagswahlen gehandelt, einer der größten Geldgeber für die „Berliner Bewegung“ mit mehr als 100.000 Mark, wobei Eugen Richter vermutete, daß die Gelder auch aus dunklen Quellen der Regierung durchgeleitet worden sein könnten (vgl. Im Alten Reichstag, Band 2, Seite 239/240).

 

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Deutsche Fortschrittspartei, Eugen Richter, Geschichte, Liberalismus, Reaktion, Sozialdemokratie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar