„Der Sozialdemokrat“ will auch Öl ins Feuer gießen

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Während 1881 in Deutschland und besonders Berlin der Kampf zwischen einem Bündnis aus Antisemiten und Konservativen auf der einen, der Deutschen Fortschrittspartei auf der anderen Seite tobt, und von den ersteren die Juden attackiert, von den letzteren verteidigt werden, während in Rußland Pogrome wüten und die verängstigten Juden zu fliehen suchen, um zumeist an den deutschen Grenzen abgewiesen zu werden, was macht da die Sozialdemokratie?

In Deutschland ist sie durch das Sozialistengesetz behindert, aber im behaglichen Exil in der Schweiz — etwas, was die undankbaren Sozialdemokraten von heute vergessen haben — können sie ungestört ihr Hausorgan „Der Sozialdemokrat“ drucken, das dann nach Deutschland geschmuggelt wird. „Der Sozialdemokrat“ fällt vorzugsweise über die Fortschrittspartei her und versucht immer wieder seinen Löffel in die antisemitische Suppe zu bekommen. Nicht daß man die Antisemiten nicht auch als politische Konkurrenten angreift, aber im Zweifelsfall steht der Feind links bei den Fortschrittlichen und den Demokraten.

Zu einer Verteidigung der Juden will man sich nicht verstehen, vielmehr augenzwinkernd um die Anhänger der Antisemiten buhlen. Die Judenhetzer bekommen recht bei ihren Anschuldigungen, etwa wenn „Der Sozialdemokrat“ sie am 9. Januar 1881 mit der Warnung vor der „Verjudung des Deutschen Reiches“ zu übertreffen sucht. Nur hat die Sozialdemokratie in ihrer Selbsteinschätzung anders als die Antisemiten das Patentrezept: im Sozialismus wird es keine Juden mehr geben! Diese sind nämlich nur eines der üblen Phänomene der bürgerlichen Gesellschaft und verschwinden mit ihr. Um einer solchen Albernheit und moralischen Verwirrung Tiefe zu geben, wird eine Frühschrift von Karl Marx exhumiert und auf die antijüdischen Phrasen verdichtet. Am 30. Juni erscheint der erste Teil in „Der Sozialdemokrat“:

Feuilleton.

Karl Marx über die Judenfrage.

In der 1. und 2. Lieferung der „deutsch-französischen Jahrbücher“, herausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx, Paris 1844, findet sich ein Artikel „zur Judenfrage“, von K. Marx, welcher an zwei Abhandlungen von Bruno Bauer, „die Judenfrage“ und „die Fähigkeit der Juden und Christen, frei zu werden“, anknüpft. Angesichts der aktuellen Bedeutung, welche die Judenfrage heute wieder erlangt hat, dürfte es von doppeltem Interesse sein, auf diesen Artikel hinzuweisen, dessen Inhalt durch die fast vierzigjährige Entwicklung, die seiner Abfassung folgte, nur bestätigt wurde. Der Artikel ist leider zu lang, als daß wir ihn ganz abdrucken könnten, wir wollen nur die, unseres Erachtens nach wichtigste Stelle, welche die soziale Bedeutung des Judenthums behandelt, wiedergeben.

Indem wir das thun, glauben wir indeß unsere Leser davor warnen zu müssen, einzelne leichtverständliche Stellen aus dem Zusammenhang herauszugreifen, sie laufen sonst Gefahr, gerade das Gegentheil von dem anzunehmen, was Marx, unserer Ansicht nach, vortrefflich entwickelt, daß nämlich der sogenannte jüdische Geist ein Produkt der bürgerlichen, auf der kapitalistischen Produktionsweise basirten Gesellschaft ist, die, wo sie keine orientalische Juden vorfindet, christliche Juden, in Amerika z. B. christlich-germanische Juden, erzeugt. Vielleicht nehmen wir später Gelegenheit, an Verhältnissen der Gegenwart die Marxschen Ausführungen zu illustriren.

Geben wir nun Marx selbst das Wort:

„Wir versuchen, sagt Marx, p. 208 u. ff., die theologische Fassung der Frage zu brechen. Die Frage nach der, Emanzipationsfähigkeit des Juden verwandelt sich uns in die Frage, welches besondere gesellschaftliche Element zu überwinden sei, um das Judenthum aufzuheben? Denn die Emanzipationsfähigkeit des heutigen Juden ist das Verhältniß des Judenthums zur Emanzipation der heutigen Welt. Dieß Verhiiltniß ergibt sich nothwendig aus der besonderen Stellung des Judenthums in der heute geknechteten Welt. Betrachten wir den wirklichen, weltlichen Iuden, nicht den Sabbaths-Juden, wie Bauer es thut, sondern den Alltagsjuden. Suchen wir das Geheimniß des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimniß der Religion im wirklichen Juden.

Welches ist der weltliche Grund des Judenthums? Das praktische Bedürfniß, der Eigennutz.

Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher.

Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.

Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judenthum wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit.

Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Unmöglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebenslust der Gesellschaft sich auflösen. Andererseits: Wenn der Jude dies, sein praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an der menschlichen Emanzipation schlechthin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung.

Wir erkennen also im Judenthum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, aus welcher es sich nothweniger Weise auflösen muß.

Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judenthum.

Der Jude hat sich bereits auf jüdische Weise emanzipirt. „Der Jude, der in Wien z. B. nur tolerirt ist (1844),bestimmt durch seine Geldmacht das Geschick des ganzen Reiches. Der Jude, der in dem kleinsten deutschen Staate rechtlos sein kann, entscheidet über das Schicksal Europas.

„Während die Korporationen und Zünfte sich dem Juden verschließen oder ihm noch nicht geneigt sind, spottet der Kühnheit der Industrie des Eigensinnes der mittelalterlichen Institute.“ (B. Bauer, Judenfrage, p. 14.)

Es ist das kein vereinzeltes Faktum. Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipirt, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich in so weit emanzipirt, als die Christen zu Juden geworden sind.

Der Widerspruch, in welchem die praktische politische Macht des Juden zu seinen politischen Rechten steht, ist der Widerspruch der Politik und Geldmacht überhaupt. Während die erste ideal (d. h. nominell. D. R.) über der zweiten steht, ist sie in der That zu ihrem Leibeigenen geworden.

Das Judenthum hat sich neben dem Christenthum gehalten, nicht nur als religiöse Kritik des Christenthums, nicht nur als inkorporirter Zweifel an der göttlichen Abkunft des Christenthums, sondern ebensosehr, weil der praktisch-jüdische Geist, weil das Judenthum in der christlichen Gesellschaft selbst sich gehalten und sogar seine höchste Ausbildung erhalten hat. Der Jude, der als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht, ist nur die besondere Erscheinung von dem Judenthum der bürgerlichen Gesellschaft.

Das Judenthum hat sich nicht trotz der Geschichte, sondern durch die Geschichte gehalten.

Aus ihren eigenen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden.

Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfniß, der Egoismus.

Der Monotheismus des Juden ist daher in Wirklichkeit der Polytheismus der vielen Bedürfnisse, ein Polytheismus, der auch den Abtritt zu einem Gegenstand des göttlichen Gesetzes macht.

Das praktische Bedürfniß, der Egoismus, ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und tritt rein als als solches hervor, sobald die bürgerliche Gesellschaft den politischen Staat vollständig aus sich herausgeboren. Der Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld.

Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen, — und verwandelt sie in eine Waare. Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst konstruirte Werth aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt, wie die Natur, ihres eigenthümlichen Werthes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn und es betet es an.

(Schluß folgt.)

 Siehe auch: Wie antisemitisch waren die Sozialdemokraten im Kaiserreich?

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