Der Universal-Wahl-Leim

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Am 29. Juni 1881 karikieren die „Berliner Wespen“ die buntscheckige Gesellschaft aus Interessengruppen und Parteien, die Reichskanzler Bismarck zur Wahl schleift:

Oben weist ein Wegweiser mit geballter Faust zu den Reichstagswahlen. An einem Strick zieht Reichskanzler Bismarck die verschiedenen Geleimten hinter sich her zur Wahlurne. Unmittelbar hinter ihm kriechen diejenigen, die sich seiner Forderung nach einer „Partei Bismarck sans phrase“ angeschlossen haben, die also bedingungslos alles unterstützen, was der Kanzler will. Den Weg weist ihnen der Erzkonservative Hans Hugo von Kleist-Retzow, Gründer der Neuen Preußischen Zeitung, die wegen des Eisernes Kreuzes im Zeitungskopf zumeist die „Kreuzzeitung“ genannt wird.

Danach folgen unbestimmte Agrarier, Vertreter der Interesse des Junkertums, und unter der Fahne „Clerical“ das katholische Zentrum, geführt von Ludwig Windthorst. Hinter ihnen dann wohlgenährte Spießbürger, die für den Schutzzoll antreten, und die Nationalliberalen, die von Johannes von Miquel geduckt werden.

Als nächstes kommen die Anhänger von Zwangsinnungen und die „polizeilich koncessionirten Socialisten“ Finn und Körner, die unbehelligt in Berlin Propaganda für einen staatstragenden und antisemitischen Sozialismus machen dürfen, während sie als Sozialdemokraten aufgrund des Sozialistengesetzes ausgewesen waren. Hinter ihnen hetzt Hofprediger Stöcker mit seinen Christlich-Sozialen und am Schluß kommen die Radau-Antisemiten.

Der Leim wird von den meist als Waschweiber dargestellten offiziösen Zeitungen bereitet: der Norddeutschen Allgemeinen mit ihrem Chefredakteur Emil Friedrich von Pindter und der halbamtlichen Provinzial-Correspondenz. Die Wähler werden mit „Wirtschafts-Reform-Leim“ (d. h. tatsächlichen Steuererhöhungen) sowie „Steuer-Erlass-Leim“ (d. h. versprochenen Steuersenkungen) geleimt.

Der Universal-Wahl-Leim.

Keine Reklame!

Garantie bis nach dem nächsten Wahltage.

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