Graf Wilhelm Bismarck steigt zum Volke herab

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aus: Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Zweiter Band, S. 230ff.

Am höchsten schlugen die Wellen der Wahlbewegung in Berlin selbst empor. Seit den Reichstagsreden des Kanzlers gegen die Berliner Kommunalverwaltung im Frühjahr [1] hatte die Bewegung auf der Gegenseite mehr und mehr den Charakter angenommen für eine Partei Bismarck sans phrase. [2] Die Reichstagsabgeordneten der deutschkonservativen Partei erschienen jetzt in Wählerversammlungen. Ihre antisemitischen Anspielungen in den Reden wurden durch Zwischenrufe verdeutlicht. Die früher als sozialistische Reichstagskandidaten und Agitatoren ausgewiesenen Sozialisten Körner und Finn waren wieder in Berlin zugelassen worden und versuchten nunmehr eine Agitation mit sozialistischen Schlagworten zu Gunsten der Regierung ins Leben zu rufen. Polizeisozialisten wurden diese Renegaten von den echten Sozialisten genannt.

Auf der Rednerliste der Konservativen figurierte sehr oft Professor Adolf Wagner und noch häufiger der nunmehr von gouvernementaler, konservativer Seite in Dienst genommene, von der Centrumspartei ausgeschlossene Abg. Cremer. Die antisemitischen Radauredner Förster, Ruppel, Pickenbach und Henrici traten fortan etwas mehr in den Hintergrund.

Ihren höchsten Glanzpunkt erreichte die konservativ-antisemitische Agitation, als am 25. Juni Graf Wilhelm Bismarck, wie es der Vorsitzende des konservativen Vereins [3] bezeichnete „zum Volke herabstieg“ und in dem konservativen Halleschen Thorbezirksverein eine heftige Rede gegen die Fortschrittspartei hielt. Kurz vorher war der junge Graf zum ständigen Hilfsarbeiter seines Herrn Vaters in der Reichskanzlei ernannt worden.

Er meinte in seiner Rede u. A., die Hundesperre [4] drücke viele Einwohner Berlins viel schwerer als das Sozialistengesetz mit dem kleinen Belagerungszustand. [5] Die Fortschrittspartei erstrebt die Diktatur. Man sollte einen Reichstag wählen, der den Interessen des arbeitsamen Volkes sich gefügiger gegenüberstellt als der verflossene. Am Parlamentarismus und der vielen Wählerei ist das Volk übersättigt. Was hat das Volk für ein Interesse, ob die Herren v. Forckenbeck, Lasker, Richter Excellenzen werden? Es würde ihm sogar einen gewissen Spaß bereiten, wenn Lasker Excellenz sei, wenn nur der Schaden für das Land nicht zu groß wäre. In der Leitung der Verwaltung von Berlin übt die Fortschrittspartei den größten Absolutismus, die größte Tyrannei aus. Man hat einen neuen Viehhof gebaut, wer habe den Löwenanteil an diesem Viehhof? (Stürmischer Beifall. Rufe: Juden!) Die Rieselfelder sind auch kein glückliches Institut. Wollte man die Wirkungen der fortschrittlichen Verwaltung in Berlin auf das deutsche Reich übertragen, so würde vielleicht das ganze deutsche Reich ein Rieselfeld sein. Eine Fraktion ehrgeiziger Leute habe die Absichten der Regierung durchkreuzt, die ärmeren Leute von dem Steuerdruck zu befreien. Der Schlachtruf müsse lauten: Nieder mit der Fortschrittspartei, nieder mit dem Fortschrittsring, nieder mit der Fortschrittstyrannei!

Ich gab auf diese Rede am 1. Juli im Saale bei Buggenhagen auf dem Moritzplatz in einer Versammlung des Waldeckvereins [6] von 1800 Personen die Antwort:

„Nicht Überschätzung der Person des Grafen Bismarck, so führte ich aus, bestimmt mich zu der Erwiderung. Der Redner bedeutet bei der Bismarckschen Rede so wenig wie der Redakteur bei der „Provinzialkorrespondenz“. [7] Beide sind nur Instrumente, durch welche der Kanzler selber seine Stücke in der Wahlagitation spielt. Die Fortschrittspartei antwortet auf diese Rede keineswegs: Nieder mit Bismarck! oder etwa: Nieder mit dem politischen Ringe seiner Familie! Die Fortschrittspartei will auch ihre Gegner leben lassen; sie hält dieselben nicht für Vaterlandsfeinde, sondern für Vaterlandsfreunde, welche mit ihr wetteifern wollen für das Beste des Vaterlandes. Die Fortschrittspartei würde glauben in diesem Wahlkampfe selbst nachzulassen, wenn ihr die Gegner fehlen sollten. Aber die Fortschrittspartei will aus dem Parteikampf und aus allen Parteien ausschließen, was den politischen Kampf herabzieht und vergiftet. Darum ruft die Fortschrittspartei: Nieder mit der Gesinnungslosigkeit des Strebertums! Nieder mit der Heuchelei des Pfaffentums! Nieder mit dem Übermut des Junkertums! Es lebe das von diesen Schmarotzerpflanzen befreite deutsche Bürgertum! es lebe der stetige Fortschritt im wirtschaftlichen Wohlergehen, in edler Bildung, in öffentlicher Gesittung!“

Diese Rede trug damals nicht wenig dazu bei, der Wahlbewegung in Berlin auf unserer Seite einen neuen kräftigen Aufschwung zu geben.

Nicht minder wirkte dazu auch mit die Veranstaltung von Sommerfesten. Am 17. Juni wurde auf Tivoli unter Teilnahme von etwa 12000 Personen das 20-jährige Bestehen der Fortschrittspartei gefeiert. [8] Virchow, der vor 20 Jahren der Versammlung zur Feststellung des Programms der Fortschrittspartei präsidiert hatte, warf einen Rückblick auf die Entwickelung der Partei und schloß mit einem Hoch auf Kaiser und Reich. Ich ließ eine Schilderung der gegenwärtigen Kämpfe der Partei folgen und brachte ein Hoch aus auf die gesamte deutsche Fortschrittspartei. Weiterhin folgten Ansprachen von Ludwig Löwe, Albert Träger und Günther (Nürnberg).

Dem erwähnten Gartenfeste auf Tivoli folgten andere Gartenfeste der Partei in den einzelnen Reichswahlkreisen, welche sämtlich von vielen Tausenden von Personen besucht waren. An diesen politischen Gartenfesten beteiligte ich mich neben Ludwig Löwe, Träger, Klotz und anderen; Tag für Tag folgten in Berlin jetzt große Versammlungen.

Anmerkungen

[1] Reichskanzler Bismarck verdächtigte die Fortschrittspartei, in Berlin einen „Ring“ zu bilden, womit auf den um die Zeit in New York in der Stadtverwaltung aufgedeckten „Ring“ angespielt wurde. Zudem sei die Mietsteuer des Reichskanzlers aus politischen Gründen von Fortschrittlern in der Berliner Stadtverwaltung zu hoch angesetzt worden. Das stellte sich als unwahr heraus, die Mietsteuer war eher zu niedrig bemessen worden, Fortschrittler waren an der Einschätzung nicht beteiligt. Dennoch drückte Bismarck im Reichstag die sogenannte „lex Tiedemann“ durch, die im Wesentlichen die Mietsteuer für ihn selbst und den Chef der Reichskanzlei von Tiedemann um einige hundert Mark reduzierte.

[2] Von konservativer Seite wurde zur Bildung einer „Partei Bismarck sans phrase“ aufgerufen, der sich alle anschließen sollten, die dem Kanzler bedingungslos Folgschaft leisten wollten.

[3] Professor Brecher von der Militärschule

[4] Wegen Fällen von Tollwut war in Berlin eine „Hundesperre“ verfügt worden, d. h. die Hunde mußten an der Leine geführt werden.

[5] Unter dem Sozialistengesetz konnte der „kleine Belagerungszustand“ über Städte verhängt werden. Alle Veranstaltungen mußten polizeilich genehmigt werden, der Waffenbesitz war eingeschränkt und die Behörden konnten Sozialisten ausweisen. Dies traf zunächst Berlin, Altona und Hamburg, im Juni 1881 kam Leipzig hinzu.

[6] Der „Waldeckverein“ war einer der großen fortschrittlichen Vereine in Berlin, benannt nach dem 48er Benedikt Waldeck.

[7] Die „Provinzial-Correspondenz“ war eine halbamtliche Zeitung, durch die Bismarck üblicherweise seine Kampagnen an den Beamtenapparat verbreitete.

[8] Die Deutsche Fortschrittspartei wurde am 6. Juni 1861 begründet, das Programm wurde am 9. Juni 1861 veröffentlicht.

Siehe auch:

 

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