Retourkutsche für den „Bill“

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Am 25. Juni 1881 hält der Sohn des Reichskanzlers Graf Wilhelm „Bill“ Bismarck eine Rede in einem konservativen Verein im Halleschen Torbezirk Berlins. Der Sohnemann ist bis dahin politisch noch nicht in Erscheinung getreten. Seine Rede scheint mit dem Vater abgestimmt zu sein und gipfelt in dem Ausruf: „Nieder mit der Fortschrittstyrannei! Nieder mit dem Fortschrittsring! Nieder mit der Fortschrittspartei!“.

Otto Bismarck hat schon früher im Jahr die Parole ausgegeben, daß es in Berlin einen „Ring“ der Fortschrittspartei gebe, der die Stadt tyrannisiert. Mit dem Begriff „Ring“ wird dabei auf die Korruption in der New Yorker Stadtverwaltung angespielt, die um die Zeit aufgedeckt wird. Allerdings lassen sich keine ähnlichen Vorkommnisse in Berlin finden.

Von der Satirezeitschrift „Berliner Wespen“ bekommt es der „Bill“ nun in den nächsten Ausgaben drüber. Los geht es am 29. Juni 1881 mit zwei Gedichten:

Die Rede des Grafen Wilhelm Bismarck

im Halleschen Thor-Bezirks-Verein am 25.

„Nieder mit der Fortschrittstyrannei!“
Hieß der Text auch Deiner Melodei.
Wenn die Alten also sungen,
Kam’s uns schon nicht lieblich vor,
Doch zerreißt es unser Ohr,
Zwitschern es nun auch die Jungen.

 —

Der Vater und der Sohn.

Eine Berliner Hallesche Thor-Bezirks-Ballade.

Ein Vater und ein Sohn spazieren geh’n,
Eidubimmel eidubammel eidubum bum bum,
Da sehn sie eine Tribüne stehn,
Eidubimmel eidubammel eidubum bum bum.

Der Sohn, der spricht: Herr Vater mein,
Eidubimmel etc.
Ich möcht’ einmal auf der Tribüne sein.
Eidubimmel etc.

Der Vater zu dem Sohne spricht:
Eidubimmel etc.
Mein lieber Sohn, das wünsch’ Dir nicht.
Eidubimmel etc.

Denn schlimmer noch, als die Pestilenz,
Eidubimmel etc.
Das merke Dir, ist die Eloquenz.
Eidubimmel etc.

Und wenn man irgend was Thörichtes spricht:
Eidubimmel etc.
Dann will man wieder runter, und dann kann man nicht!
Eidubimmel etc.

Und als der Sommer kam in’s Land,
Eidubimmel etc.
Der Sohn auf einer Tribüne stand.
Eidubimmel etc.

Gedruckt wird die Rede, eh’ man’s geglaubt,
Eidubimmel etc.
Und die sie dann lasen, die schütteln das Haupt.
Eidubimmel etc.

Der Sohn, der erst so auf’s Reden erpicht,
Eidubimmel etc.
Der wollt’ nun wieder runter, und da konnt’ er nicht.
Eidubimmel etc.

Und von der Geschichte die Moral:
Eidubimmel etc.
Meid’ die Tribüne in jedem Saal!
Eidubimmel etc.

Denn sonst lacht Dir lustig Berlin in’s Gesicht,
Eidubimmel etc.
Und da willst Du wieder runter, und da kannst Du nicht!
Eidubimmel eidubammel eidubum bum bum!

Am 6. Juli 1881 gibt es dann eine Karikatur, die den Angriff auf den Fortschrittsring als etwas verwegen darstellt:

Aus dem Halle’schen Thor-Bezirks-Verein.

Wenn der Vater mit dem Sohne
Auf dem Zündloch der Kanone —
Dann Ade! Ade! Ade!
Bangemachen, dann Ade!

Und weiter gehts in der nächsten Ausgabe am 13. Juli 1881 unter dem Titel „Genitori Genitoque“ („Dem Vater und dem Sohne“ – Zitat aus der Hymne Tantum Ergo). Es geht wieder um die Anpreisung des Grafen Wilhelm Bismarck durch die Vorsitzenden des konservativen Vereins Professor Brecher, dieser sei zum Volke herabgestiegen:

„Genitori Genitoque.“

Herr Brecher — und es war zum Brechen — rief:
„Durch seinen Sohn ist er zu uns herabgestiegen!
Zum Volk der Kanzler!“ Was! Herabgestiegen?!
… Schon gut! Allein, warum denn gleich — so tief?

Zusätzlich gibt es einen Essay des Grafen, in dem dieser seine Behauptung erläutert, daß die Berliner mehr unter der Hundesperre (Leinenpflicht wegen Fällen von Tollwut) als unter dem „Kleinen Belagerungszustand“ leiden, der unter dem Sozialistengesetz über die Stadt verhängt worden ist. Die Hundesperre ist von der Stadt Berlin verfügt worden, die nach Ansicht von Graf Bismarck von der Fortschrittspartei tyrannisiert wird:

Die Hundesperre.

Essay von Graf Wilhelm Bismarck.

Erst kürzlich ergriff ich die Gelegenheit, um auszuführen, daß die Hundesperre unsere Mitbürger weit mehr bedrücke, als der kleine Belagerungszustand. Seitdem sind mir von den achtbarsten Jasagern der Hauptstadt so viele Zeichen der Zustimmung zugegangen, daß ich mich entschlossen habe, der Sache noch weiter auf den Grund zu gehen und die Leine so tief zu hängen, daß Alle, die anderer Ansicht sind, darüber fallen müssen.

Die Leine ist nämlich ein Instrument, welches an dem einen Ende in ein vierbeiniges und an dem andern Ende in ein zweibeiniges Elend ausläuft. Schon bei der Anschaffung derselben beginnt meistens das Unglück aufzutreten. Der Hausvater wünscht für den Nero, Phylax oder Azor der Familie — den Namen des mir persönlich nahestehenden Tyras lasse ich absichtlich aus — eine starke lederne Strippe, die Mutter plaidirt für eine rothe reinleinene Leine, die Tochter des Hauses kann sich ihren Liebling, wenn er nun schon einmal angeleint werden  soll, nur an einem seidenen Fädchen denken. Jeder sucht natürlich seine Ansicht durchzusetzen; darüber entsteht Streit, Zank, Mißmuth, Familienzerfall, Ende des häuslichen Glücks. So säet diese Verordnung den Lein-Samen der Zwietracht in den Haushaltungen aus.

Die zweite schwerwiegende Frage ist die der Länge der Leine. Dieselbe darf nicht zu lang sein, sonst verfällt der Hund dem Hundefänger, und auch nicht zu kurz, sonst reicht der Hund nicht bis auf die Erde herab. Gewöhnlich gestaltet sich der Vorgang folgendermaßen: Die Leine wird gekauft und erweist sich als zu lang. Rasch tritt der Abdecker den Hund an, und der Mensch bleibt einsam mit der Leine zurück. Da diese für sich keinen Zweck hat, wird ein neuer Hund gekauft. Dieser erwürgt sich an der nunmehr übermäßig verkürzten Leine. So gehen einige Dutzend Hunde drauf, ehe das richtige Maß ermittelt ist. Von dieser Seite betrachtet, bedeutet die Verordnung den finanziellen Ruin der Hundeliebhaber.

Am entsetzlichsten aber trifft die Hundesperre diejenigen Menschen, welche gar keinen Hund besitzen. Ueber Berlins Erdboden spannt sich seit dem Erlaß derselben ein unendliches, dichtes, unentwirrbares Netz von Strippen aus und ein Spazier- oder Geschäftsgang setzt sich in Folge dessen aus einer Reihe von Maschensprüngen zusammen. Bis auf die gelernten Akrobaten haben sich daher bereits fast alle Einwohner mehr oder minder complicirte Knochenbrüche zugezogen, eine Calamität, gegen welche selbst mein Papa mit seiner Unfallversicherung machtlos ist. Wer sich selbst als Herr eines Hundes fühlt, weiß doch nun wenigstens, wofür. Wie aber kommt die unschuldige Majorität der Nichtbesitzer dazu, in so gräßlicher Weise umstrickt zu werden?

Nach alledem ist klar, daß die Hundesperre schrecklicher ist als selbst die Mundsperre, und da ich diese glücklicherweise noch nicht habe, werde ich nicht aufhören, auszurufen: So sehen die Verfügungen aus, die mein Papa nicht gemacht hat!

Und am 20. Juli 1881 folgt eine weitere Salve gegen Graf Wilhelm Bismarck:

Zur Wirthschaftspolitik.

Als der Reichskanzler neulich durch seinen Sohn zum Volk herabstieg, ist die wohlwollende Absicht, die er damit verband und die ganz seiner Wirthschaftspolitik entspricht, durchaus verkannt worden. Er wollte offenkundig damit dem Volke bei der allgemeinen Theuerung wenigstens billige Witze verschaffen.

Die conservative Partei sucht jetzt einen Fortschrittsmann, welcher in ihrem Interesse eine ähnliche Rede zu halten im Stande ist, wie Graf Wilhelm Bismarck eine Rede im Interesse der Fortschrittspartei gehalten hat.

Zum Abschluß gibt es dann noch eine Karikatur, die Vater und Sprößling einander gegenüberstellt:

Atlas und Sohn. 

Der große Ernst und der kleine Spaß.

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