Antisemitische Huldigungen für Bismarck

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Unter dem 28. Juni 1881 berichtet die Neue Freie Presse in Wien:

Berlin, 27. Juni. Fürst Bismarck beantwortete ein Huldigungs-Telegramm, welches ein antisemitischer Studentenverein in Breslau an ihn gerichtet, in folgender Weise:

Ich danke für den freundlichen Gruß, an dem sich meine Hoffnung stärkt, daß der nationale Sinn der deutschen Jugend der Zukunft des Vaterlandes den innern Frieden bringen werde, den die Vertreter der mit mir absterbenden Generation auf dem Boden des neuerstandenen deutschen Reiches nicht gefunden haben.

Es handelt sich dabei keineswegs um einen Einzelfall oder ein Versehen. Die wohlwollende Haltung den Antisemiten gegenüber zieht sich schon seit geraumer Zeit hin, auch wenn der Reichskanzler es dabei vermeidet, Position zu deren Anliegen zu beziehen. Keine Absage, sondern freundliche Antworten zu erhalten, schafft in der Bevölkerung den Eindruck, als wenn Bismarck mit den Antisemiten sympathisiert, es vielleicht einfach noch nicht für opportun hält, damit an die Öffentlichkeit zu treten. Sich nicht festzulegen, gibt ihm aber auch „plausible deniability“, sollte sich die antisemitische Bewegung als eine Belastung erweisen.

Bismarck vermeidet in diesem Sinne auch Maßnahmen der Regierung, die auf die Antastung der Rechtsgleichheit der Juden hinauslaufen. Am 20. November 1880 hatte sich die preußische Staatsregierung auf diese Linie als Antwort auf die Interpellation Hänel der Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus festgelegt. Ein Beispiel für eine solche Vorgehensweise ist etwa die Entscheidung am 13. April 1881 im Preußischen Staatsministerium gegen die Pommersche Landschaft, die beschlossen hatte, keine Nichtchristen, was natürlich auf Juden abgezielt war, zuzulassen (vgl. Protokolle des Preußischen Staatsministeriums, Band 7, Seite 81).

Aber unterhalb der Ebene offener Rechtsbrüche gibt es keine Hemmungen, auf administrativem Wege den Antisemiten entgegenzukommen. Bismarck muß dazu nur seinem Minister Robert Viktor von Puttkamer freie Hand lassen. So sekundiert Bismarck diesem am 3. April 1881 bei dessen wohlwollender Haltung den antisemitschen Studenten gegenüber (vgl. Protokolle des Preußischen Staatsministeriums, Band 7, Seite 80). Am 22. Mai 1881 spricht er sich für die Beschränkung der Einwanderung von Juden aus Rußland aus, wo seit etwa einem Monat eine Serie von Pogromen tobt, vor der die Juden zu fliehen suchen. Zudem unterstützt Bismarck Puttkamer auch bei dessen Wunsch, die Einbürgerung von Juden möglichst restriktiv zu handhaben (vgl. Protokolle des Preußischen Staatsministeriums, Band 7, Seite 85).

Am 2. April 1881 bringt Eugen Richter die Vorgehensweise des Kanzlers, Huldigungen der Antisemiten freundlich zu beantworten, in einer Rede im Reichstag zur Sprache, um den Reichskanzler zu einer Stellungnahme zu zwingen:

Die Unhaltbarkeit des Sozialistengesetzes kann uns in dieser Weise nirgends lebhafter vor Augen geführt werden, als gerade in Berlin. Die Sozialisten werden ausgewiesen. Diejenigen Komités aber, die die Judenhetze veranstalten, erfreuen sich eines lebhaften Telegrammwechsels mit einer hochstehenden Person, die ich nicht nennen will.

Auch wenn dies nur eine kurze Nebenbemerkung Richters in einer längeren Rede ist, antwortet Reichskanzler Bismarck sofort ausführlich darauf und biegt den Vorwurf jovial ab:

Der Herr Vorredner hat, was ich nur beiläufig erwähnen will, weil es vor einigen Tagen auch in einer anderen Rede vorkam, angespielt auf einen angeblich lebhaften Telegrammwechsel zwischen „gewissen Kreisen“ und „einer hochstehenden Person“, unter welcher Bezeichnung ich mich in diesem Falle verstehen muß. Meine Herren, es ist dies eine sehr einfache Sache; ich bekomme tausende von Telegrammen — ich bin ein höflicher Mann und ich würde sogar wahrscheinlich auf ein Telegramm von Herrn Richter antworten,

(Heiterkeit)

wenn er mich mit einem freundlichen Telegramm beehren wollte; ich kann auf ein freundliches Telegramm zur Begrüßung nur freundlich antworten, keine polizeiliche Recherche darüber anstellen, welcher politischen Richtung diese Absender etwa sind. Ich bin auch nicht so ängstlich in meinen Anschauungen, daß ich besondere Katechisationen über die politische Partei der Absender anstellte. Macht es Jemand Vergnügen, mich als Mitglied der antisemitischen Verbindungen darzustellen, so gönne ich ihm das. Ich habe mich, wie es mir meine amtliche Stellung gebietet, von allen diesen Bewegungen, die mir nicht erwünscht sind, ferngehalten, ich möchte nur wünschen, daß auch die übrigen Herren und namentlich diejenigen, welche die Regierung und mich in Person mit ihrem Wohlwollen beehren, sich von Aufhetzungen der Klassen gegeneinander, von Wendungen der Rede, die den Klassenhaß schüren, mehr als bisher entfernt halten möchten.

Was wie eine schwache Distanzierung von der antisemitischen Bewegung klingt, enthält eine versteckte Spitze gegen den Hofprediger Stöcker, der in seiner Hetze unbedachterweise auch den Hausbankier des Kanzlers Gerson Bleichröder angegriffen hatte, dieser besitze mehr als alle Prediger zusammen. Bismarck hält Stöcker dabei allerdings nur das Aufhetzen der Klassen vor, nicht den Antisemitismus.

Eugen Richter weist in seinen Erinnerungen darauf hin, daß die Absage an die Antisemiten so flau wie nur möglich ausfällt:

„Bei dieser überaus leisen und milden Censur ließ es in diesem Falle derselbe Reichskanzler bewenden, welcher sonst gar kräftige Worte im Reichstag zu gebrauchen wußte gegen jede ihm wirklich unerwünschte Agitation.“

Wie auch an anderer Stelle kombiniert der Kanzler dann in seiner Erwiderung die Worte gegen die Antisemiten mit Wendungen, die diesen gut in den Kram passen. So attackiert er als nächstes die beiden jüdischen Abgeordneten Eduard Lasker und Ludwig Bamberger von der Liberalen Vereinigung, als die sich 1880 der linke Flügel der Nationalliberalen abgespalten hat. Gewissermaßen seien die Juden ja selbst schuld daran, daß die Antisemiten gegen sie hetzten:

Wenn wir neulich von dem Herrn Abgeordneten Lasker die Bezeichnung hörten, die wirthschaftliche Politik, welche die Regierung treibe, sei eine „aristokratische“ Politik, und damit alles, was zur Aristokratie gehört, als des Eigennutzes verdächtig dem armen Manne, auf dessen Kosten sie angeblich lebten, denunzirt wird; wie sollen nicht, wenn solche Aeußerungen auf antisemitischen Boden fallen, dort die richtigen Repressalien für ein solches Wort gefunden werden? so daß man die Politik, die uns entgegensteht, mit einem anderen Epitheton, was ich gar nicht aussprechen will, was jeder selbst finden wird, bezeichnete? Wenn nachher eine Zeitung, wie die Tribüne, von der gesagt wird, daß sie Eigenthum des Herrn Bamberger sei, diesen Ausdruck des Herrn Lasker noch durch ihr Sprachrohr weiter gibt und weiter verfolgt, daß dies die richtige Bezeichnung, daß dies eine Kolumbusentdeckung sei, dieses Wort gefunden zu haben, daß Fürsorge für den armen Mann und Aristokratie nicht in derselben Gedankenordnnng neben einander stehen können, ja, dann denken Sie sich das umgekehrt im Munde des Antisemiten, was für ein Element der statt Aristokraten setzen wird, ob er ganz dasselbe setzen wird, in alle den Wendungen mit welchen das Organ des Herrn Bamberger der Aristokratie egoistische Ungerechtigkeiten unterschiebt.

(Bravo! rechts.)

Die Darstellung Bismarcks, als wenn er bei so vielen Telegrammen gar nicht wissen könne, wem er freundlich antwortet, ist auch unwahr. Allein an den Namen der Absender kann er das teilweise leicht erschließen. Wie oben schon bemerkt, bestätigt er einen Tag später im Preußischen Staatsministerium etwa Puttkamers wohlwollende Haltung den antisemitischen Studenten gegenüber. Noch krasser liegt es mit der Antwort auf ein Telegramm des „Deutschen Reformvereins“ nach einer Versammlung in Dresden am 10. Februar 1881. Für jeden ersichtlich handelt es sich um einen antisemitischen Verein, denn die Antisemiten haben den Begriff „Reform“ mittlerweile für sich gepachtet.

Wie Eugen Richter in seinen Erinnerungen „Aus dem Alten Reichstag“ im Kapitel „Der Reichskanzler ermuntert die Antisemiten“ berichtet, erklärt Bismarck sich in seiner Antwort “bereit, die Hoffnung auf Anbahnung besserer sozialer Verhältnisse zu teilen, sobald wir aufhören, die Besserung derselben durch spontane Entstehung abzuwarten.” Die Wendung „durch spontane Entstehung“ richtet sich dabei gegen eine liberale Wirtschaftspolitik.

Noch haarsträubender wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, aus was für einer Versammlung das Huldigungstelegramm kommt. In Dresden hält nämlich einer der übelsten Antisemiten, Ernst Henrici, eine Rede, in der er in Stürmermanier vom Leder zieht zum Gefallen seiner Zuhörer. Auch im Nachhinein sollte das dem Kanzler bekannt geworden sein, denn die Rede wird als Broschüre „Toleranz und nationale Ehre“ veröffentlicht. Die freundlichen Worte bleiben dennoch so stehen.

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