Hintergrund: Die Antisemitenpetition

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Eugen Richter: Im Alten Reichstag, 2. Band, Seite 177-178

Die Petition der Antisemiten an den Kanzler.

Vom Herbst 1880 ab wurde dann die antisemitische Agitation in größerem Stil organisiert und ausgebreitet im Anschluß an die Sammlung von Unterschriften zur Petition an den Reichskanzler gegen das Judentum. In der Petition wurde u. A. verlangt: die Einwanderung ausländischer Juden zu verhindern oder einzuschränken, die inländischen Juden von allen obrigkeitlichen Stellungen auszuschließen und auch an christlichen Schulen, welche von jüdischen Schülern besucht werden, nur christliche Lehrer anzustellen.

Zur Sammlung von Unterschriften hatte der Berliner städtische Oberlehrer Förster in Charlottenburg ein förmliches Bureau organisiert.

Diese Petition und die Sammlung von Unterschriften dazu waren aber nur nebensächlich; die Absicht der Bewegung ging dahin, durch die daran anknüpfende Bewegung in den großen Städten das Bürgertum zu spalten und einen Teil desselben durch Aufhetzung gegen das Judentum zu den Gouvernementalen und Konservativen hinüberzuziehen. Daß diese Bewegung von Jugendlehrern geschürt und geleitet werden durfte, bekundete jedermann, wie sehr dem Kanzler diese Bewegung als Bestandteil seiner Wahlpolitik genehm war. Kultusminister v. Puttkamer hielt die schützende Hand über die an der Agitation beteiligten Lehrer, als in Breslau und Berlin die Magistrate ein disziplinarisches Vorgehen gegen diese Art von Jugendlehrern in Anregung brachten. Alsbald waren es denn auch neben den Geistlichen vorzugsweise Lehrer höherer Schulen, welche die Bewegung schürten.

Bald begannen in Berlin auch tumultuarische Radauversammlungen. Stöcker wurde in der Hetze von Personen wie Henrici (als provisorisch angestellter Hilfslehrer entlassen, weil er seine Hetzrede auch auf die Erzväter des alten Testaments ausgedehnt hatte), Ruppel etc. überboten, Treitschke durch seinen Anhang unter den Studenten übertroffen. Personen, welche sich über die Hetzreden in den Versammlungen der Antisemiten mißliebig äußerten, wurden gewaltsam entfernt. Andererseits versuchten antisemitische Banden in liberale Versammlungen einzudringen und dieselben gewaltsam zu stören. Die Polizei (Minister des Innern, Graf Botho zu Eulenburg) verhielt sich allen solchen Ruhestörungen gegenüber durchweg passiv, ähnlich wie im Jahre 1869, als die Sozialdemokraten in Berlin systematisch begannen, die Versammlungen der Fortschrittspartei zu stören. Unter den Linden kam es in der Neujahrsnacht 1881 zu gewaltthätigen Ereessen, indem eine organisierte Bande von 500 Personen in der Nähe des kaiserlichen Palais unter Hochrufen auf Stöcker, Henrici und Treitschke gewaltsam in das Kaffee Bauer mit dem Rufe „Juden raus!“ eindrang.

Am 10. Dezember 1880 persifilieren die „Berliner Wespen“ die Antisemitenpetition mit ihrer eigenen Petititon, in der die liberalen Paragraphen der Verfassung des Deutschen Reiches zu Maßnahmen gegen das Überwuchern des reaktionären Elements in Deutschland aufrufen:

Wortlaut einer an Se. Durchlaucht den Fürsten Bismarck zu richtenden Petition. — Als Manuskript gedruckt. —
Exemplare dieser Petition sind weder vom Herausgeber, noch von der Druckfirma zu beziehen.

Durchlauchtigster Fürst,

Hochgebietender Herr Reichskanzler und Minister-Präsident!

In allen Gauen Deutschlands hat sich die Ueberzeugung durchgerungen, daß das Ueberwuchern des reactionären Elementes die ernstesten Gefahren für unsere Existenz in sich birgt. Ueberall reichen sich Junker und Ultramontane, Streber und Hofprediger, freiwillig gouvernementale und festangestellte Reptilien, unzufriedene Professoren und rempellustige Studenten, Grenz- und Reichsboten, Kriecher und Kröcher, die Anhänger Stahls, Stiehls und des heiligen Stuhls, die Gerlacher und andere traurige Existenzen die Hände, um aus ihren  Sümpfen und Canälen Schmutz auf uns zu werfen und uns so einer streichlustigen Majorität in den Parlamenten zu überliefern. Mit Petitionen, Wahlreden, Programmen und Anträgen überschreiten sie schachernd und hausirend die Grenzen des Anstandes, und die hochbedeutsame liberale Verfassung des Deutschen Reiches gelangt mehr und mehr in die Gewalt ihrer unerbittlichen Feinde.

Diese nehmen bereits kein Blatt mehr außer der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vor den Mund, verdächtigen Diejenigen, welche uns beschützen, der Reichsfeindschaft und der republikanischen Tendenzen und schelten sie reiche Gründer, obschon sie doch mehr, die Gründer des Reiches, sind. Schon wanken die
Simultanschulen, schon rüsten sich gegen die Civilehe die Sturmcolonnen. Freisinnige Dichter und Schriftsteller christlichen Bekenntnisses werden zu Juden erklärt, damit das, was sie gedichtet und geschrieben haben, leichter discreditirt werden kann. Wir sollen den Stillstand der Geschäfte, die Verbrechen, alles Elend verschuldet haben, und nur durch eine Einschränkung unserer Wirksamkeit soll eine bessere Zeit herbeigeführt werden können: welche Zukunft steht dem Reich bevor, wenn es dem reactionären Element noch auf einige Sessionen hinaus möglich bleibt, gleiche Eroberungen zu machen, wie dies bereits geschehen ist?

Es ist Gefahr im Verzuge, deßhalb gestatten wir uns, Ew. Durchlaucht mit der ehrfurchtsvollen Bitte zu nahen:

Hochdieselben mögen Ihren mächtigen Einfluß  in Preußen und Deutschland dahin geltend machen:

  1. daß die Vermehrung der reactionären Bestrebungen als unsere Wirksamkeit und unser Bestehen gefährdend eingeschränkt werde;
  2. daß die Landräthe von jeder obrigkeitlichen (autoritativen) Beeinflussung der Landtags- und Reichstagswahlen ausgeschlossen werden und daß die Verwendung der Waschzettel Beschränkungen erfahre;
  3. daß der liberale Charakter der Verfassung streng gewahrt bleibe und in derselben nur solche Aenderungen zugelassen werden, welche zu ihrem Ausbau nöthig sind;
  4. daß die Verwendung des Reptilienfonds zu einem nützlichen Zweck angeordnet werde.

Mit dem Ausdruck größter Ehrerbietung und  unerschütterlichen Vertrauens verharren wir als

Euer Durchlaucht

An den Reichskanzler, Fürsten von Bismarck, Durchlaucht in Berlin.

aufrichtigst ergebene liberale Paragraphen der Verfassung des Deutschen Reichs.

Anmerkung. In dem Augenblick, wo wir diese Petition absenden wollen, erfahren wir, daß ein Herr Dr. B. Förster in Charlottenburg den Wortlaut und die Form dieses Schriftstückes zu einer sogenannten Antisemiten-Petition an den Reichskanzler benutzt hat. Wir überlassen es getrost dem Publikum, ein solches Verfahren zu beurtheilen.

D[ie] O[bigen]

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