FAQ – Wo gehts hier zur Reichstagswahl?

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Natürlich ist das alles recht neu für Sie, wie es im Jahre 1881 zugeht. Deshalb möchte wir Ihnen ein paar Hilfestellungen geben, damit sie sich rasch zurechtfinden. Heute ein paar Fragen und Antworten zu den Reichstagswahlen:

1) Darf ich überhaupt wählen?

Da hätten wir sofort ein Problem. Sie zücken Ihren deutschen Personalausweis, um sich als deutscher Staatsangehöriger auszuweisen. Aber jeder hier im Jahre 1881 wird Sie für einen Aufschneider halten. Es gibt nämlich keine deutsche Staatsangehörigkeit per se. Sie sind nur deutscher Staatsangehöriger indirekt, indem Sie Staatsangehöriger eines der Bundesstaaten sind. Sie müßten also erst mal zuschauen, daß Sie es beispielsweise zum preußischen, bayerischen oder sächsischen  Staatsangehörigen bringen. Vielleicht werden Sie auch bei den kleineren Anbietern wie Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß ältere Linie oder Reuß jüngere Linie fündig. Oder warum nicht gleich straight outta Hauptstadt des Fürstentums Schaumburg-Lippe.

Was müssen Sie sonst erfüllen? Sie sollten mindestens 25 Jahre alt sein. Außerdem dürfen sie nicht in der Armee oder Marine „bei der Fahne“ sein, dürfen nicht unter Vormundschaft stehen, ein schwebendes Konkursverfahren gegen sich laufen oder im vergangenen Jahr Armenunterstützung erhalten haben. Wählen geht auch nicht, wenn Ihnen rechtskräftig die staatsbürgerlichen Rechte entzogen wurden. Für die ganz Genauen hier noch der Gesetzestext vom 31. Mai 1869 (mit kleineren Änderungen 1871, 1873, usw.).

Und dann hätten wir eine schlechte Nachricht für die Damen: Sie dürfen leider nicht mitwählen.

2) Ich habe etwas von Klassenwahlrecht gehört und, daß die Reichen mehr zu sagen haben. Stimmt das?

Sie haben wahrscheinlich die auch in anderer Hinsicht erbärmliche „Dokumentation“ auf n-tv „Wir Deutschen (1871-1933)“ gesehen. Dort wurde das behauptet, aber nur, um die wissenschaftlichen Berater als Ignoranten vorzuführen. Alle Stimmen bei der Reichstagswahl zählen gleich. Es gibt keinen Zensus, d. h. unterschiedliche Gewichtungen nach Vermögen, Einkommen oder Steuerlast. In den einzelnen Ländern kann das aber für die betreffenden Parlamente der Fall sein, z. B. bei den Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus.

3) Wie wird gewählt?

Sie wählen im Wahlkreis, der zu ihrem Wohnsitz gehört, und dürfen auch nur dort wählen, also nicht noch anderswo. Bis spätestens vier Wochen vor der Wahl werden Wählerlisten mit den Wahlberechtigten ausgelegt. Sie können hier bis spätestens acht Tage nach Ausliegen der Listen Einspruch erheben. Ein Entscheid hat innerhalb von zwei Wochen zu erfolgen. Bei Neuwahlen innerhalb eines Jahres können die alten Wählerlisten unverändert wiederverwendet werden.

Sie schreiben den Namen des Kandidaten, für den Sie stimmen, auf ein Blatt weißes Papier ohne irgendwelche Kennzeichen oder Sie verwenden einen der vorgedruckten Stimmzettel, die von den Parteien ausgeteilt werden. Diesen werfen Sie verdeckt in die Wahlurne. Die Wahl ist geheim und Sie müssen den Stimmzettel von daher nicht unterzeichnen.

4) Wer wird gewählt?

Jeder, der wählen darf und mindestens ein Jahr die Staatsangehörigkeit eines Bundesstaates hat, kann auch gewählt werden. Viele Kandidaten sind Mitglied einer Partei und treten für diese an, aber das ist nicht verpflichtend. Es gibt auch viele unabhängige Kandidaten.

In Deutschland gibt es 397 Wahlkreise, die anfangs so eingeteilt wurden, daß jedem etwa 100.000 Einwohner entsprachen. Leider wurden die Wahlkreise nicht an die Entwicklung der Bevölkerung angepaßt. So wählen mehr Menschen in städtischen und weniger in ländlichen Gebieten in einem Wahlkreis, weil die Städte schneller gewachsen sind. Berlin hat sechs Wahlkreise, was in etwa der Bevölkerung von gut 600.000 in der Mitte der 1860ern entsprach (Gründung des Norddeutschen Bundes mit dem Norddeutschen Reichstag, der im Deutschen Reichstag aufgeht). Bis 1880 hatte sich diese Bevölkerung von Berlin schon fast verdoppelt, die Anzahl der Wahlbezirke blieb dennoch dieselbe.

Wer in einem Wahlkreis die absolute Mehrheit der Stimmen bekommt, ist gewählt. Wenn keiner eine absolute Mehrheit erhält, gibt es eine Stichwahl. Als Abgeordneter bekommen Sie keine Diäten. Manche Parteien (Deutsche Fortschrittspartei oder Sozialdemokraten) bezahlen aus eigener Tasche Tagegelder, wogegen Bismarck aber zeitweise vorgeht. Dafür genießen Sie als Abgeordneter wenigstens Immunität und Indemnität, Sie können weder angeklagt noch verurteilt werden.

5) Führt das nicht letztlich zu einem Zweiparteiensystem?

Definitiv nicht. Zum einen gibt es viele Parteien mit Schwerpunkten in gewissen Gebieten, wo sie auch Mehrheiten erringen können. Und dann ergeben sich bei den Stichwahlen Möglichkeiten auch für kleinere Parteien. Häufig kommt es zu Abkommen, bei denen wechselseitig zur Wahl eines Kandidaten aufgerufen oder kein Wahlkampf gegen einen Kandidaten gemacht wird. Entsprechend sind recht viele verschiedene Parteien im Reichstag vertreten sowie kleinere Fraktionen und fraktionslose Abgeordnete, die als „Wilde“ bezeichnet werden und je nachdem bei einer Fraktion hospitieren.

6) Welche Parteien gibt es und was wollen sie?

Wir werden auf die Forderungen noch ausführlicher eingehen. Hier schon einmal eine Liste der wesentlichen Parteien und wieviele Sitze sie bei der Reichstagswahlen 1878 erhalten haben (Prozent der Stimmen und Abgeordnete im Reichstag), ungefähre Gruppierung nach ähnlicher Ausrichtung.

    • Deutschkonservative Partei (13,0%, 59)
    • Deutsche Reichspartei (13,6%, 57)
    • Zentrum (23,1%, 94)
    • Deutsch-Hannoveraner (1,7%, 10)
    • Nationalliberale Partei (23,1%, 99)
    • Liberale Wilde (2,7%, 10)
    • Deutsche Fortschrittspartei (6,7%, 26)
    • Deutsche Volkspartei (1,1%, 3)
    • Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (7,6%, 9)
    • Polen (3,6%, 14)
    • Dänen (0,3%, 1)
    • Elsaß-Lothringer (3,1%, 15)

Abgegeben wurden 5,76 Millionen Stimmen, die Wahlbeteiligung lag bei 63,4%. Wahlberechtigt waren somit 9,08 Millionen von etwa 45 Millionen Einwohnern, also ungefähr 20% der Bevölkerung. Der Grund lag neben dem Ausschluß der Frauen hauptsächlich darin begründet, daß Deutschland eine recht junge Bevölkerung hatte, von denen viele noch nicht 25 Jahre alt waren (und nicht etwa, wie in der oben genannten „Dokumentation“ suggeriert wird, weil weniger Vermögende oder Verdienende ausgeschlossen waren).

Die Legislaturperioden sind dreijährig. In der vierten Legislaturperiode von 1878 bis 1881 ergeben sich einige wichtige Veränderungen. 1879 tritt der rechte Flügel aus der Nationalliberalen Partei aus (Gruppe Schauß-Völk), 1880 spaltet sich 28 Abgeordnete vom linken Flügel als „Liberale Vereinigung“ (auch „Sezession“ oder „Sezessionisten“ genannt) ab, die der Deutschen Fortschrittspartei politisch nahestehen.

Es gibt auch eine Reihe von Nachwahlen. Gründe für diese können erfolgreiche Wahlanfechtungen, Tod eines Abgeordneten oder Niederlegung eines Mandats sein. Hierdurch verschieben sich die Verhältnisse. Die Fortschrittspartei kann 1880 und 1881 die Größe der Fraktion inklusive Hospitanten auf 28 Mitglieder ausbauen.

7) Ich möchte wählen. Wann ist denn die Reichstagswahl nun?

Gemach, Ende der Wahlperiode ist der 30. Juli 1881. Erst danach kann gewählt werden. Wie es aktuell aussieht — wir haben ja Anfang Juli 1881 — vermuten viele, daß die Wahl Ende September stattfinden könnte. Es gibt aber auch Stimmen, die mit einer Wahl schon im August oder auch erst im Oktober rechnen.

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