Eine Zeitungsnotiz im Stil verschiedener Blätter

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von Alexander Moszkowski, 1912

(Das betreffende Blatt zu identifizieren bleibt dem Scharfsinn des Lesers in jedem Fall überlassen.)

Die Notiz:

Der König von Belgien, der sich eines rheumatischen Leidens wegen von Dr. Conrell mit Heißluft behandeln läßt, hat sich am Schenkel eine schmerzhafte Verbrennung der Haut zugezogen.

Zeitung Nr. 1:

Seine Majestät der König von Belgien haben allergnädigst geruht, sich von Allerhöchstihrem Leibarzt Dr. Conrell Allerhöchstihren Schenkel verbrennen zu lassen.

Zeitung Nr. 2:

Wie wir schon vor vierzehn Tagen zu melden in der Lage waren, hat sich der König von Belgien gestern am linken Oberschenkel eine Verbrennung zugezogen. Der Versuch einiger pseudooffiziöser Blätter, die morgen die Stirn haben werden, diese Tatsache abzuleugnen, richtet sich von selbst.

Zeitung Nr. 3:

Das bekannte tragikomische Erlebnis des Königs von Belgien — die Zuziehung einer kleinen Brandwunde am Bein — ist soeben dramatisiert worden. Die erfolgreiche Novität wird demnächst das Licht der Rampen erblicken. Ein König als unfreiwilliger Dramatiker, ist das nicht köstlich?

Zeitung Nr. 4:

Wieder ein jüdisch-anarchistisches Attentat! Der hebräische Doktor Cohn (alias Conrell) ist auf frischer Tat ergriffen worden, als er es unternahm, den Belgischen König rituell zu braten. Zum Glück wurde das empörende Bubenstück, das bereits bis zur Abkochung der Schenkelhaut gediehen war, noch im letzten Moment vereitelt.

Zeitung Nr. 5:

Verheerend wirkt der Hitze Macht,
Wenn sie ein Bein zum Sieden bracht;
Wohltätig aber wirkt sie ein,
Bringt sie die Reben zum Gedeih’n.
Ich heb’ mein Glas und ruf’ einstweilen:
O König, mög’ dein Bein bald heilen!

Zeitung Nr. 6:

No, was jammerst über d’schlechte Zeiten? Bal’ a Keenig a nix anders hat, wie a g’selchtes Beinfleisch?

Zeitung Nr. 7:

,,Da stieß ich auf verbrannte menschliche Gebeine« — war’s nicht so ähnlich bei einem andern Monomachos, der sein Imperium bis Flandern gedehnt hatte? Zwar anders. Einerlei. Heißluft ist schwer zu schwichtigen. Auch am Kongo. Hinc illa duplicitas.

Zeitung Nr. 8:

Achtung! Kassenärzte! In der Hofregion ist die Mauke ausgebrochen und der Brand hinzugetreten. Laßt es brennen! Zuzug ist fernzuhalten!

Zeitung Nr. 9:

Bleib‘ stille an diesem Bette steh’n
und wisse, hier liegt ein König,
Die Heißluft war im Uberfluß, die
Aufsicht war viel zu wenig;
Weh’ ihm, daß das am Schenkel ist,
jetzt hat er es am Beine,
Und wünscht bloß, seine Beine
wär’n nicht seine, sondern deine!

Zeitung Nr. 10:

Den umlaufenden Gerüchten gegenüber stellen wir fest, daß es sich nicht um Heißluft, sondern um kalte Kompressen, nicht um Brandblasen, sondern um einen schmerzlosen Schorf, nicht um den Schenkel, sondern um den Bizeps, nicht um ein rheumatisches, sondern um ein nervöses Leiden und nicht um den König von Belgien, sondern um den König Kalakaua handelt.

Zeitung Nr. 11:

Gedankensplitter:

Jeder König sollte seine Beine gegen Feuer versichern lassen.

*

Schlimm ist es, wenn ein Monarch in Hitze gerät.

*

Revolutionen von unten werden mit Heißluft gemacht.

*

Gebrannter Herrscher scheut den Doktor.

*

Eine Base am Arme ist angenehmer als zwei Blasen am Bein.

Zeitung Nr. 12:

Ein König verbrannt!!

Als gestern der König der Belgier ein Heißluft-Sitzbad nahm, schlug plötzlich eine meterlange Stichflamme aus dem Apparat, deren greller Schein von den Fischern der Nordsee zuerst für ein Leuchtfeuer gehalten wurde. Die sofort alarmierte Feuerwehr fand von dem Monarchen nur noch Aschenreste im Gesamtgewicht von einer halben Unze vor. Sämtliche Regierungsgebäude flaggen auf Halbmast. Man nimmt Kurzschluß an.

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