Ausgewählte Hetzen 1881: Marseille und Prag

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Im Juni 1881 kommt es zu Ausschreitungen in Marseille gegen italienische Einwanderer. Die „Berliner Wespen“ kommentieren das mit einer Umdichtung der französischen Nationalhymne:

Neue Marseillaise.

Allons enfants de la patrie
Auf die Italinissimi!
Verjagt die Brüder, schlagt sie todt,
Dann essen sie nicht mehr das Brod
Uns fort vom Mund, wir sätt’gen dann
Uns endlich ganz allein daran.

Allons enfants de la patrie
Die Löhne nieder drücken sie,
Jedem für billigen Preis
Sie willig opfern ihren Schweiß,
Mißhandelt blutig sie einmal,
Sie sind ja in der Minderzahl.

Allons enfants de la patrie
Und dies laßt uns nie vergessen nie:
Sehr mager ist jetzt die gloire,
Die einst so fett in Frankreich war,
Hier wär‘ zu einer Heldenthat
Ja alles Nöthige parat.

Allons enfants de la patrie
Und hetzt die Brüder wo und wie
Ihr sie mögt treffen, in die Flucht,
Werft Euch auf sie mit aller Wucht,
Und es verschafft uns Eu’r Elan
Revanche für Tunis und Sedan!

Im Sommer 1881 kommt es in Prag zu diversen Ausschreitungen von tschechischen gegen deutschsprachige Bürger. Hier ein Bericht der Berliner Gerichtszeitung vom 7. Juli 1881:

Wien und Prag. — Der Rundschauer darf sich — wenn dies überhaupt etwas Verdienstliches ist — das Verdienst beimessen, zuerst unter den deutschen Zeitungsschreibern auf den nationalen Gegensatz aufmerksam gemacht zu haben, welcher zur Zelt der kronprinzlichen Vermählungsfeierlichleiten in Oesterreich zwischen den beiden Hauptstädten Cisleithaniens herrschte. Er sprach der gegenteiligen Behauptung anderer Journalisten gegenüber die auf persönliche Beobachtungen begründete Vermutung aus, daß Kronprinz Rudolf nicht aus Rücksicht auf die Gesundheit seiner jungen Gemahlin, sondern aus politischen Rücksichten den festlichen Einzug in Prag abgesagt habe. Heut stellt sich heraus. wie richtig wir die Sachlage beurteilt haben. 

Kronprinz Rudolf war ganz vorzüglich unterrichtet, als man ihn, den Einzug widerratend, warnte, sich zum Gegenstande einer deutschfeindlichen Demonstration rnißbrauchen zu lassen, und als man ihm klar machte, daß eine solche beabsichtigt sei. Die Führer so der Alt- als der Jungczechen waren beflissen gewesen, nicht bloß ihre Trachten, sondern alle Vorbereitungen und Schaustellungen in echt slavischem Zuschnitt glänzen zu lassen. Deutsche Deputationen, Adressen, Anreden, In- und Aufschriften sollten möglichst ferngehalten, nur Czechisches zugelassen, und der Kronprinz nicht als der zukünftige Herrscher von Oesterreich-Ungarn, sondern als der dereinstige Träger der heiligen (!) Wenzelskrone begrüßt werden. Die Spannung der Nationalitäten innerhalb der städtischen Bevölkerung hatte bereits einen. bedenklichen Charakter angenommen. Vermutlich, ja wahrscheinlich wäre es schon in der zweiten Juniwoche zu Excessen und blutigen Zusammenstößen zwischen Czechen und Deutschen gekommen, wenn nicht die vom Statthalter Böhmens veröffentlichte Einzugs-Absage den Uebermut des böhmischen Pöbels gezügelt hätte. Gegen Ende des Monats aber ist diesem Pöbel dermaßen der Kamm geschwollen, und ist sein Sinn für Skandal so tüchtig von Parteiblättern geschürt worden, daß er sich, — wir haben in unserer „politischen Chronik“ wiederholentlich darüber berichtet, — in den gemeinsten Brutalitäten gegen Deutsche Luft gemacht hat. Der erste Angriff galt den deutschen Studenten, welche, ohne irgendwie Anstoß oder Aergernis gegeben oder sich gar einer Herausforderung schuldig gemacht zu haben, beschimpft und mißhandelt wurden. Sie wurden aus ihren Versammlungslokalen, selbst aus denen, die fast meilenweit von der Stadt entlegen waren, gewaltsam ausgetrieben und, — wie der Führer des bayrischen Mob, Dr. Sigl, im „Vaterland“ triumphierend meldet, — „ausgiebig durchgewalkt und ein bischen gesteinigt.“ Die zweite Attacke galt den deutschen Lehrern der Universität und deren Familien; die ferneren richteten sich gegen deutsche Vereine und Institute, ja es war sogar auf das „deutsche Casino“ ein förmlicher Sturm geplant! Wie dürfen sich auch Deutsche erfrechen, ihre Sprache zu reden in einer Stadt, deren Bürgermeister Kramlick soeben allen Behörden befohlen hat, nur Czechisch zu reden und zu schreiben! Wie dürfen „fremde“ Professoren sich noch unterstehen, zu lehren an einer Hochschule, deren Hälfte soeben der czechischen Nation vom Ministerium zugesprochen worden ist! Wie darf überhaupt noch etwas in Prag geduldet und gelehrt werden, was nicht den Klerikalen vom Schlage des bayrischen Sigl und den böhmischen Feudalen genehm ist? — Anfänglich zeigten sich die Behörden, zumal die Städtischen, ziemlich lau und nicht gesonnen, gegen die Ausschreitungen des Pöbels einzuschreiten; später mahnten sie zur Ordnung. Den Studenten ward, — dieses klingt fast wie Hohn und schier unglaublich, — der Rat gegeben, die ihnen beliebten Versammlungslokale zu meiden; — es ward ihnen, wenn auch nicht geradezu verboten, doch widerraten, sich mit den farbigen Mützen der Burschenschaften und Corps auf der Straße zu zeigen! Die Studenten haben sich auch gefügt; trotzdem werden sie noch heut, sobald sie erkannt werden, verfolgt und gehetzt. Die Professoren sehen sich genötigt, den Schluß ihrer Vorlesungen, anzuzeigen. Der Unterrichtsrninister erklärte sich hiermit einverstanden. — In letzterer Zeit thaten die Mannschaften der Polizei zwar ihre Pflicht, trieben die czechischen Excedenten mit Kolbenstößen auseinander, arretierten hier einen Rädelsführer, dort einen Raufbold, und die letzten Depeschen konnten deshalb auch melden, daß — die „Ruhe“ in Prag wieder hergestellt sei. — Die Sicherheit aber der deutschen Einwohner ist noch keineswegs wieder hergestellt.

Mit ängstlichen Augen und Hilfe suchend blickten die Deutschen hinüber gen Wien. — Der Reichsrat ist nicht mehr versammelt, der Kaiser auf Reisen, das Ministerium angeblich mit hochwichtigen, polnischen und Handelsfragen viel zu sehr beschäftigt, als daßes sich um die Vorfälle in Prag kümmern könnte. Die einzige Körperschaft, welche den Schmerzensschrei der Deutschen Böhmens weiter und bis zum Throne fortpflanzen kann, ist — der Wiener Gemeinderat. Derselbe hat denn auch seine Schuldigkeit gethan und, um den Brüdern an der Moldau beizuspringen, zwei Resolutienen — (s. weiter unten) — gefaßt, aber —aber — —

Am 2. Juli sind sämtliche Wiener Zeitungen, welche diese Resolutionen im Wortlaut bringen wollten, konfiscirt worden! Auch das klerikal-feudale „Vaterland“ ward von diesem Schicksal betroffen. — Damit unsere Leser einen Begriff von dem bekommen, was in Wien zu drucken  noch erlaubt ist, teilen wir eine der Resolutionen, die beanstandeten Stellen durch Punkte bezeichnend, mit. Der Klub der Linken beantragt:

„Die in Prag stattgehabten Vorfälle haben in allen Kreisen der Bevölkerung Wiens das größte Erstaunen erregt und die höchste Entrüstung hervorgerufen.

„Diese Gefühlsäußerungen erscheinen nur so berechtigter, als diese Vorfälle nicht unverrnutet sich ereignet haben, sondern durch längere Zelt vorbereitet erscheinen. Von einigen czechischen Journalen wurde eine förrnliche Aufforderung zur Verfolgung der Deutschen veröffentlicht, ohne daß …. die erforderlichen Maßregeln zur Verhinderung jener Ausschreitungen ergriffen worden wären. 

„Bei dem Umstande, daß gegenwärtig der Gemeinderat von Wien der einzige größere Vertretungskörper ist, durch welchen. der Abscheu und die Entrüstung der Bevölkerung über die von den Czechen in Prag verübten Barbareien ausgesprochen werden kann; in Anbetracht ferner, daß seit längerer Zeit …. diese bedauerlichen Excesse (Metzeleien) ermöglicht wurden, wodurch die Deutschen in Oesterreich in ihrer Existenz gefährdet, ja sogar in ihrer persönlichen Sicherheit, an ihrem Leben bedroht erscheinen, beantragen die Gefertigten folgende Resolution: „Der Gemeinderat wolle sein tiefstes Bedauern über jene Vorfälle aussprechen und der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck geben, daß bald solche Maßnahmen ergriffen werden, welche den unerträglichen Zuständen dauernd ein Ende zu machen geeignet erscheinen.“

Die Wiener Blatter sind ob der Konfiscation gewaltig ergrimmt, und eines derselben, das „Tagblatt“, meint: Die Lehren der Geschichte sind kein eitler Wahn, und sie sind niemals ungestraft verletzt worden. In einem freien Rechtsstaat muß man nach anderen Grundsätzen arbeiten als in einem Staate, wo man die Freiheit als eine Gefahr ansieht und als einen überflüssigen Luxus erachtet. Oesterreich aber ist durch die schwersten Kämpfe, durch die bittersten Erfahrungen zu einem Rechtsstaate, zu einem Staate mit freiheitlichen Institutionen geworden.

Im Hinblick auf die mit Arrest belegten Zeitungen, auf den Umstand, daß es der deutschen Studentenschaft Wiens verboten worden ist, den Kommilitonen Prags ihre Sympathie zu bezeugen, im Hinblick endlich auf die letzten Vorfälle in der Czechenstadt wagen wir die Behauptung, daß es mit der „Freiheit“ in Wien doch recht traurig und noch viel trauriger bestellt ist mit dem Rechte der Deutschen in Prag.

Zu den in Prag konfiszierten Zeitschriften gehören auch die „Berliner Wespen“, die in einem längeren Gedicht „Auf dem Hradschin“ in ihrer Ausgabe vom 6. Juli 1881 Position gegen die Ausschreitungen bezogen haben. In ihrer folgenden Ausgabe vom 13. Juli greifen sie dies auf und weisen auf den Umstand hin, daß der tschechische Pöbel auch die Juden Prags als Deutsche attackiert hat:

Die Berliner Wespen confiscirt!

Ja, confiscirt in Prag. Dies zu berichten,
Ist lust’ge Pflicht, es will die Kunde sagen,
Daß doch zuweilen auch die Wespen nagen
An dieser Zeiten allerschlecht’sten Früchten.

An den werthen Czechen-Plebs.

Als Du neulich über die Deutschen in Prag herfielst und sie mißhandeltest, mißhandeltest Du auch die dort wohnenden Juden, da sie Deutsche seien. Wie viel toleranter als die Henricinusse von Berlin bist Du, verehrter Mob von Prag, denn diese wollen den Juden die Ehre, Deutsche zu sein, abschneiden!

 

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