Wie antisemitisch waren die Sozialdemokraten im Kaiserreich?

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In der allgemein bei allen liberalen Themen unzuverlässigen deutschen Wikipedia findet sich die folgende Darstellung im Artikel zum Antisemitismus bis 1945:

„Die SPD verstand sich als Interessenvertretung der Lohnarbeiter zugleich als Kraft des humanen Fortschritts und Opposition gegen Diskriminierung von Minderheiten. Sie nahm seit ihrer Gründung nie antisemitische Forderungen in ihr Programm auf, ließ keine Antisemiten auf ihren Listen kandidieren und widersprach dieser Ideologie als einzige Partei im Kaiserreich offen.“

Über längere Zeit war dies die einzige Information, die der Leser erhielt. Mittlerweile wurde die Behauptung eingerahmt, sodaß die Falschheit ersichtlich ist. Die einzigen Parteien die nämlich offen und konsequent gegen die erste Welle des Antisemitismus in den 1870er und 1880er Jahren kämpften, waren die Deutsche Fortschrittspartei und die Liberale Vereinigung, die sich 1884 zur Deutsch-Freisinnigen Partei vereinigten, sowie die Deutsche Volkspartei. Die Haltung der Sozialdemokraten war durchaus nicht so offen und konsequent gegen den Antisemitismus gerichtet, wie es der Wikipediaschreiber gerne glauben machen möchte.

Daß die Sozialdemokraten keine antisemitischen Forderungen in ihr Programm aufnahmen, ist allerdings richtig und besser als gar nichts, aber noch nicht sehr beeindruckend. Die einzige Partei, auf die das nicht zutrifft, außer den erklärten Antisemiten, war die Konservative Partei, die 1892 antisemitische Forderungen in ihr Programm aufnahm. Alle anderen Parteien tun das nicht, auch wenn bei vielen bereits frühzeitig ein gerütteltes Maß an Antisemitismus hervortritt. Beispiele sind die Hetzereien der Zeitung „Germania“, die zum Zentrum gehört und den Antisemitismus seit Mitte der 1870er in Deutschland anschiebt, die Auslassungen Heinrich von Treitschkes vom rechten Flügel der Nationalliberalen oder der auch schon vor 1892 weit verbreitete Antisemitismus in den Reihen der Konservativen.

Die Sozialdemokraten stellen hierbei durchaus keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil. Schauen wir uns einfach einmal die spätere Darstellung des Parteihistorikers Franz Mehring an (es sei nebenbei bemerkt, daß die folgenden Zitate aus der Zitatesammlung in Wikiquote zu Franz Mehring unter Vorwänden beseitigt wurden, siehe Vergleich der Versionen):

„Die freihändlerische Bourgeoisie mußte den großen Krach aus der Welt zu hexen, die ruchlosesten Gründungen als „korrekteste“ Geschäfte darzustellen suchen, und das gelang ihr nur unvollkommen, trotz der massivsten Unwahrheit, welche die Eugen Richter und Konsorten bei der Lösung dieser erhebenden Aufgabe entwickelten. Am wenigsten entwaffnete sie den „Sozialismus des dummen Kerls“ durch einen künstlich gezüchteten Philosemitismus, der nicht klüger, aber noch widerlicher war, als der naturwüchsige Judenhaß der Bauern und Handwerker.“

Franz Mehring, Geschichte der Sozialdemokratie, Band 4, Bis zum Erfurter Programm, 1906

Die Verteidigung der Juden durch die Deutsche Fortschrittspartei ist also nach Ansicht von Franz Mehring noch widerlicher als die Hetzereien der Antisemiten! Was die Stellung der Sozialdemokraten war, erklärt Franz Mehring so, wobei er wie üblich die Arbeiter mit den Sozialdemokraten gleichsetzt, auch wenn es sehr viele fortschrittlich gesinnte Arbeiter gab:

„Indem sie [die Sozialdemokratie] den falschen Bruder Sozialismus [des Staatssozialismus] abwies, durfte sie sich nicht von dem falschen Bruder Manchestermann [der Fortschrittspartei] umgarnen lassen. Selbst in dem antisemitisch-philosemitischen Froschmäusekriege, worin die Arbeiter noch am ehesten neutral bleiben konnten, nahmen sie sofort eine entschiedene und klare Stellung über den Parteien. Sie hatten nicht den geringsten Anlaß, sich für das Geldjudentum zu begeistern, aber durften sie sich deshalb von der christlich-germanischen Schachererpolitik betören lassen, die nichts als das Geldjudentum in höchster Potenz war und von Stöcker durch dick und dünn verteidigt wurde?“

a. a. O., Seite 190.

Ganz stimmig stellt Franz Mehring, ein Demagoge in seinem eigenen Sinne, den Hofprediger Stöcker als nur etwas auf Abwege geraten im Gegensatz zu Eugen Richter dar:

„Obgleich er über jenen glücklichen Leichtsinn im Behaupten und Widerrufen von Tatsachen verfügte, der zum rechten Demagogen gehört, war Stöcker keineswegs das Scheusal von Verlogenheit, das die liberale Presse in pfiffiger Berechnung aus ihm machen wollte; verglichen mit Eugen Richter, konnte er immer noch als Meister von Wahrheitsliebe gelten.“

a. a. O., Seite 131

Um Franz Mehrings Sicht zusammenzufassen: die Sozialdemokraten sind die lachenden Dritten, wenn die fortschrittlichen Verteidiger der ausbeutenden „Geldjuden“ gegen die nur etwas fehlgeleiteten Antisemiten kämpfen. Das charakerisiert relativ ehrlich die Position der Partei, die viel lieber mit den antisemitischen Parolen kokettiert und den Hauptfeind in der Fortschrittspartei sieht, sich aber — darin ganz ähnlich wie Bismarck — formal neutral stellt und auf „plausible deniability“ achtet.

Es ist nicht schwer, auch abwertende Zitate von Sozialdemokraten gegen die Partei-Antisemiten als Konkurrenten, aber nicht unbedingt inhaltlich gegen den Antisemitismus zu finden, bisweilen auch, allerdings fast immer von der Basis und nicht der Parteileitung, durchaus prinzipielle Verurteilungen des Antisemitismus.

Aber daneben gibt es viele Beispiele, wie die Partei mit dem Antisemitismus kokettiert. In der Parteiführung tummeln sich eine Reihe Genossen, die zum Antisemitismus hinneigen, wie etwa August und Otto Kapell, Carl Wilhelm Tölcke, Wilhelm Hasselmann oder Wilhelm Hasenclever, der im Januar 1881 unter Pseudonym ein antisemitisches Pamphlet veröffentlicht (siehe: Der Wahrheit die Ehre. Ein Beitrag zur Judenfrage in Deutschland). Und in der sozialdemokratischen Presse werden den Antisemiten je nachdem die Stichworte gegen fortschrittliche Politiker wie den jüdischen Berliner Abgeordneten Ludwig Löwe geliefert. So stellt Friedrich Werder (Pseudonym von I. Lewy) 1881 etwa einige Zitate in seinem Buch über Eugen Richter und die Deutsche Fortschrittspartei zusammen:

„Ludwig Loewe avancirte in der socialistischen Presse zum New-Yorker Millionen-Dieb, der „in der Reihe von Männern wie Tweed an der Spitze eines solchen lügenausbeutenden Ringes steht.“ Man sieht, in wessen Fußstapfen die Männer getreten sind, welche heute vom Berliner Fortschrittsringe reden! Beiläufig sollte Loewe, soweit er als „Gründer, Regierungslieferant, Ringmann und Geschäftspolitiker“ noch freie Zeit hatte, zur Nebenbeschäftigung seinen Kutscher und seine Arbeiter prügeln.“

Vgl. Friedrich Werder, Eugen Richter, 1881, Seite 168.

Ein Beispiel für die nur parteipolitische Kritik bietet auch am 7. Juli 1881 das Zentralorgan „Der Sozialdemokrat“, das sich aus dem Züricher Exil mit den konservativen Staatssozialisten auseinandersetzt. Es ist bemerkenswert, wie offen die letzteren ihren Sozialismus zur Schau tragen und kaum vom Original zu unterscheiden sind. Nicht mit Unrecht wird von den Fortschrittlern immer wieder auf die Doppelmoral hingewiesen, daß den Sozialdemokraten wegen ähnlicher Äußerungen unter dem Sozialistengesetz, das von der Fortschrittspartei bekämpft und von den Konservativen unterstützt wird, die Ausweisung droht.

— Ein verlogeneres Gesindel als diese christlich-konservativen „Sozialreformer“ wird man sobald nicht finden. Wo man auch in ihre Veröffentlichungen hineinblickt, überall stoßen wir auf ein System von Lüge, Verleumdung und Falschheit, daß einem vor Ekel übel wird. Da zitirt der biedere „Staatssozialist“ in seliger Verzückung einen „vortrefflichen“ Artikel „Die historische Weltstellung der Juden und die moderne Judenfrage“ aus der „Allg. konservativen Monatsschrift für das christliche Deutschland“, und wenn wir uns diesen „vortrefflichen“ Artikel näher ansehen, auf was stoßen wir? Auf die seichtesten Salbadereien, „pikant“ gemacht durch die infamste Verdächtigung. Man höre nur:

Lawinenartig wächst der Reichthum auf der einen, die Verarmung auf der andern Seite. Hier liegt der Nerv der sozialen Frage. Den jüdischen Sozialisten Marx, Lassalle u. a. ist es freilich gelungen, diese Frage in ein ganz falsches Fahrwasser zu leiten. Sie faßten die Frage auf als Konflikt zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, zwischen Arbeiter-Lohn und Unternehmer-Gewinn, zwischen Kraft und Kapital, als ob die paar Millionen, welche die Fabrikanten in einem langen arbeitsvollen Leben erwerben, Schuld seien an der Verarmung des Volkes, an der Noth der unteren Klassen. Was sind aber die Millionen aller Fabrikanten gegenüber den Milliarden der großen Geldfürsten? Was ist Unternehmergewinn eines langen, mühevollen Fabrikantenlebens gegenüber dem Börsengewinn, den jene obersten Zehntausend mühelos bei Staatsanleihen und beim Handel mit Staatspapieren und Aktien machen? Daher rührt die Verarmung des Volkes, denn des Volkes Steuern müssen die Zinsen der Staatsschulden aufbringen. Es läßt sich nicht entscheiden, ob die jüdischen Sozialisten absichtlich und im Einverständniß mit den jüdischen Börsenmännern der sozialistischen Bewegung diese Richtung gegeben haben oder nicht; aber soviel ist gewiß, daß die soziale Frage bisher den christlichen Fabrikanten vielmehr Sorge gemacht hat, als den jüdischen Börsenmännern. 

Wir haben diesen Blödsinn schon öfters und in allen möglichen Tonarten parliren hören, einmal sogar von Jemanden, der sich im Ernst für einen Sozialisten hielt, aber in fast allen Fällen war eine fast phänomenale Unkenntniß der Schriften dieser jüdischen Sozialisten und eine noch phänomenalere Unwissenheit in Bezug auf den Charakter der modernen Gesellschaft die Ursache. Unser „vortrefflicher“ Artikelschreiber aber weiß, daß er lügt, denn kurz nach dieser jesuitischen Verdächtigung sagt er mit einer wunderbaren Unverfrorenheit: „Denn nicht allein die Rothschilde bedürfen der Staaten, sondern auch umgekehrt, die Staaten bedürfen immer wieder und noch lange der Rothschilde“ — wozu selbst der „Staatssozialist“ ein weises Fragezeichen macht. Und es folgt der fürchterliche Vorschlag, die „Rothschilde“ zu verstaatlichen, in der Weise, daß der Staat mit den Rothschilden den „Rebbes“ theilt: Rothschild darf weiter spekuliren, aber der Staat heimst den Gewinnst ein, und Rothschild bekommt nur einen bestimmten Prozentsatz.

Für wie dumm müssen die Herren ihre Leser halten, daß sie ihnen mit einer so elenden Utopie Honig um’s Maul schmieren zu können glauben!  

Wollen den Börsenschwindel verewigen und zetern über die „jüdischen Sozialisten“, welche der menschlichen Ausbeutung in allen ihren Formen den Krieg erklärt haben und den „Giftbaum“ an der Wurzel anpacken, bei der Ausbeutung besitzlosen Proletariats durch den besitzenden Kapitalisten. Wie die Ausbeuter unter sich gegenseitig den Raub sich streitig machen, das ist den „jüdischen Sozialisten“ ebenso schnuppe, wie dem christlich-germanischen“ Proletarier, wenn er vor Hunger und Elend zu Grunde geht. Und ob Ihr platzen möget vor Wuth, sie bleiben bei einander, der jüdische Sozialist und der christliche Arbeiter, bis sie dem christlichen und dem jüdischen Ausbeuter den Garaus gemacht haben. Basta!

Ein köstliches Geständniß finden wir in demselben Artikel. Es heißt da: „Die Zwangslage der Fürsten, daß sie, um unter jetzigen Verhältnissen den Geldfürsten an Vermögen gleich zu bleiben, sich mit Geldgeschäften abgeben und sich in jüdische Interessen hineinziehen lassen müssen (!) liegt offen am Tage (!!!); gleichwohl bleibt es verhängnißvoll für sie und wird sie um so gewisser in den großen Ruin mit hineinreißen (selbstverständlich! Red. des „Sozialdem.!); denn „Einst wird kommen der Tag, wo das heilige Ilion hinsinkt!“ — das gilt auch vom Tempel der Börse.“

Bravo! 

Worum geht es hier? Nicht um eine inhaltliche Kritik am Antisemitismus, sondern um den Streit zweier sozialistischer Richtungen um die korrekte Auslegung der Lehre. Während die Sozialdemokraten nicht nur den jüdischen Kapitalisten, sondern auch den christlichen „den Garaus machen“ wollen, denken die Staatssozialisten ein solches Schicksal den jüdischen Kapitalisten zusammen mit allen anderen Juden zu. Da beide davon ausgehen, daß die meisten Juden eher wohlhabende „Ausbeuter“ sind, gibt sich das nicht viel.

Und auch die Forderung an die Juden ist fast parallel. Die Staatssozialisten (soweit sie nicht zu den rassistisch argumentierenden Antisemiten gehören) stellen es den Juden frei, sich der Verfolgung durch Übertritt zum Christentum zu entziehen, die Sozialdemokraten durch Übertritt zum Sozialismus. Einfach Jude zu bleiben und Geschäfte zu machen, ist für beide eine verächtliche Haltung. „Der Sozialdemokrat“ bezieht auch hier keineswegs Stellung gegen die Anwürfe der Antisemiten, sondern bestätigt sie, um sie dann in das eigene Weltbild einzufügen. Man hält sich offen für antisemitische Stimmungen.

In eine ähnliche Richtung geht auch ein anderer Beitrag in „Der Sozialdemokrat“ ebenfalls vom 7. Juli 1881. Schon eine Woche vorher hat man mit dem Abdruck einer auf die heftigsten Passagen kondensierten Version von Marx‘ Schrift „Zur Judenfrage“ begonnen.

Daß Marx durchaus nicht einfach vergeistigt daherredet, sondern von Verachtung und Haß gegen Juden getrieben ist, ersieht man etwa an seinen sonstigen Bemerkungen wie der über den Demokraten, späteren Nationalliberalen, Sezessionisten und Freisinnigen Ludwig Bamberger, dem er die  „Zigeunersprache der Pariser Börsensynagoge“ vorhält, oder über Ferdinand Lassalle, den er als „jüdischen Nigger“ bezeichnet.

Es ist bemerkenswert, daß „Der Sozialdemokrat“ ausgerechnet 1881 zu diesem Zeitpunkt es für opportun hält, die gehässigen Passagen von Marx nachzudrucken. Fast täglich finden in Berlin antisemitische Hetzveranstaltungen statt, in Hinterpommern kommt es zu Ausschreitungen gegen Juden und in Rußland tobt eine Serie von Pogromen.

Zwar wird der Leser eingangs des ersten Artikels auf unklare Weise davor gewarnt, die Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und dadurch ihren Sinn in ihr Gegenteil zu verkehren. Das dient allerdings wohl mehr der „plausible deniability“.  Denn, wenn man einmal davon ausgeht, daß der durchschnittliche Leser die hegelianischen Schwurbeleien von Marx überliest, dann muß man sich schon fragen, auf was die Partei hinauswill, wenn der Artikel in gesperrter Schrift in der Aussage „Die gesellschaftliche Emanzipation des Judenthums ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judenthum.“ gipfelt. Wir würden sagen: „Schnipp, schnipp, Herr Lehrer, wir haben die Lösung der Judenfrage, nicht die anderen.“

Feuilleton.

Karl Marx über die Judenfrage.

(Schluß.)

Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein Gott ist nur der illusorische Wechsel.

Die Anschauung, welche unter der Herrschaft des Privateigenthums und des Geldes von der Natur gewonnen wird, ist die wirkliche Verachtung, die praktische Herabwürdigung der Natur, welche in der jüdischen Religion zwar existirt, aber nur in der Einbildung existirt.

In diesem Sinne erklärt es Thomas Münzer für unerträglich, „daß alle Kreatur zum Eigenthum gemacht worden sei, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden — auch die Kreatur müsse frei werden“.

Was in der jüdischen Religion abstrakt liegt, die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbstzweck, das ist der wirkliche bewußte Standpunkt, die Tugend des Geldmenschen. Das Gattungsverhältniß selbst, das Verhältnis von Mann und Weib wird zu einem Handelsgegenstand! Das Weib wird verschachert.

Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationalität des Kaufmann’s, überhaupt des Geldmenschen.

Das grund- und bodenlose Gesetz des Juden ist nur die religiöse Karikatur der grund- und bodenlosen Moralität und des Rechts überhaupt, der nur formellen Riten, mit welchen sich die Welt des Eigennutzes umgibt.

Auch hier ist das höchste Verhältniß des Menschen das gesetzliche Verhältniß, das Verhältniß zu Gesetzen, die ihm nicht gelten, weil sie die Gesetze seines eigenen Willens und Wesens sind, sondern weil sie herrschen und weil der Abfall von ihnen gerächt wird.

Der jüdische Jesuitismus, derselbe praktische Jesuitismus, den Bauer im Talmud nachweist, ist das Verhältniß der Welt des Eigennutzes zu den sie beherrschenden Gesetzen, deren schlaue Umgehung die Hauptkunst dieser Welt bildet,

Ja, die Bewegung dieser Welt innerhalb ihrer Gesetze ist nothwendig eine stete Aufhebung des Gesetzes.

Das Judenthum konnte sich als Religion, es konnte sich theoretisch nicht weiter entwickeln, weil die Weltanschauung des praktischen Vedürfnisses ihrer Natur nach bornirt und in wenigen Zügen erschöpft ist.

Die Religion des praktischen Vedürfnisses konnte ihrem Wesen nach die Vollendung nicht in der Theorie, sondern nur in der Praxis finden, eben weil ihre Wahrheit die Praxis ist.

Das Judenthum konnte keine neue Welt schaffen, es konnte nur die neuen Weltschöpfungen und Weltverhältnisse in den Bereich seiner Betriebsamkeit ziehen, weil das praktische Bedürfniß, dessen Verstand der Eigennutz ist sich passiv verhält, und sich nicht beliebig erweitert, sondern sich erweitert findet mit der Fortentwicklung der gesellschaftlichen Zustände.

Das Judenthum erreicht seinen Höhepunkt mit der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft; aber die bürgerliche Gesellschaft vollendet sich erst in der christlichen Welt. Nur unter der Herrschaft des Christenthum, welches alle nationalen, natürlichen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich vollständig vom Staatsleben trennen, alle Gattungsbande des Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfniß an Stelle dieser Gattungsbande setzen, die Menschenwelt in eine Welt atomistischer feindlich sich gegenüberstehender Individuen auflösen.

Das Christenthum ist aus dem Judenthum entsprungen. Es hat sich wieder in das Judenthum aufgelöst.

Der Christ war von vorneherein der theoretisirende Jude, der Jude ist der praktische Christ, und der praktische Christ ist wieder Jude geworden.

Das Christenthum hatte das reale Judenthum nur zum Schein überwunden. Es war zu vornehm, zu spiritualistisch, um die Rohheit des praktischen Bedürfnisses anders als durch die Erhebung in die blaue Luft zu beseitigen.

Das Christenthum ist der sublime Gedanke des Judenthums, das Judenthum ist die gemeine Nutzanwendung des Christenthums, aber diese Nutzanwendung konnte erst zu einer allgemeinen werden, nachdem das  Christenthum als die fertige Religion der Selbstentfremdung des Menschen von sich und der Natur theoretisch vollendet hatte.

Nun erst konnt das Judenthum zur allgemeinen Herrschaft gelangen und den entäußerten Menschen die entäußerte Natur zu veräußerlichen, verkauflichen, der Knechtschaft des egoistischen Bedürfnisses dem Schacher anheimfallenden Gegenständen machen.

Die Veräußerung ist die Praxis der Entäußerung. Wie der Mensch, so lange er religiös befangen ist, ein Wesen nur zu vergegenwärtigen weiß, indem er es zu einem fremden phantastischen Wesen macht, so kann er sich unter der Herrschaft des egoistischen Bedürfnisses nur praktisch bethätigen, nur praktisch Gegenstände erzeugen, indem er seine Produkte unter die Herrschaft eines fremden Wesens stellt und ihnen die Bedeutung eines fremden Wesens — des Geldes — verleiht.

Der christliche Seligkeitsegoismus schlägt in seiner vollkommenen Praxis nothwendig um in den Leibesegoismus des Juden, das himmlische Bedürfniß in das irdische, der Subjektivismus in den Eigennutz. Wir erklären die Zähigkeit des Juden nicht aus seiner Religion, sondern viel mehr aus dem menschlichen Grund seiner Religion, dem praktischen Bedürfniß, dem Egoismus.

Weil das reale Wesen des Juden in der bürgerlichen Gesellschaft sich allgemein verwirklicht, verweltlicht hat, darum könnte die bürgerliche Gesellschaft den Juden nicht von der Unwirklichkeit seines religiösen Wesens, welches eben nur die ideale Anschauung des praktischen Bedürfnisses ist, überzeugen. Also nicht im Pentateuch oder im Talmud, in der jetzige Gesellschaft finden wir das Wesen des heutigen Juden, nicht als ein abstraktes, sondern als ein höchst empirisches Wesen, nicht nur als Beschränktheit der Juden, sondern als die jüdische Beschränktheit der Gesellschaft.

Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judenthums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegensatz mehr hat, weil die subjektive Basis des Judenthums das praktische Bedürfniß vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist.

Die gesellschaftliche Emanzipation des Judenthums ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judenthum.

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4 Antworten auf Wie antisemitisch waren die Sozialdemokraten im Kaiserreich?

  1. „An dieser Stelle scheint mir eine Bemerkung zu dem immer wieder gegen Marx erhobenen Vorwurf des Antisemitismus angebracht zu sein, der vor allem an der Judenfrage festgemacht wird. So etwa bei Silberner (1962), bei Künzli (1966, S. 195 ff.), der Marx gleich noch einen „jüdischen Selbsthaß“ unterstellt oder bei Hirsch (1968, S. 229), der Marx vorwirft, in der Judenfrage die „Ausmerzung des Handel treibenden Juden“ vorgeschlagen zu haben. Selbst Braun (1992, S. 66), der sich differenziert mit Marx beschäftigt, schreibt: „Marxens Diffamierung der Juden ist peinlich“. Als Beleg für solche Vorwürfe werden Sätze herangezogen, die „den Juden“ anscheinend als egoistischen, eigennützigen Geldmenschen charakterisieren. Nicht zur Kenntnis genommen wird dabei, daß die damals (wie auch heute) verbreiteten antisemitischen Stereotypen von der „jüdischen Krämerseele“ in der Marxschen Argumentation auf die bürgerliche Gesellschaft zurückprojiziert werden: der (meist christliche) Bourgeois hat genau die Eigenschaften des egoistischen Geldmenschen, die den Juden zugeschrieben werden. Daher kann Marx schreiben:

    „Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden. Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. (…) Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft.“ (I,2/166; 1/374)

    Und wenn es am Ende des Textes heißt:

    „Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judenthums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden.“ (I.2/169; 2/377)

    dann geht es nicht um die „Ausmerzung der Handel treibenden Juden“, sondern um die Ausmerzung des Handels, womit „der Jude“, d.h. das Stereotyp des jüdischen Schacherers, genauso „unmöglich“ wird, wie der christliche Kaufmann (vergl. zur Kritik des Antisemitismusvorwurfs an Marx auch Haug 1993 und Claassen 1994, S. 85 – 100). – An der Petition der jüdischen Gemeinden zur rechtlichen Gleichstellung hatte sich Marx im übrigen ohne zu zögern beteiligt (vergl. seinen Brief an Ruge vom 13.3.1843, III/1, 45f.; 1/418).“

    Aus: Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert – Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Westfälisches Dampfboot, 2. durchges. Auflage Münster 2001 , S. 100 f.

    z.n. http://kulturkritik.net/quellen/antisemitismus.html

    „Friedrich Engels

    Über den Antisemitismus
    (Aus einem Brief nach Wien)
    (1890)

    [Arbeiter-Zeitung Nr.19 vom 9. Mai 1890]

    … Ob Sie aber mit dem Antisemitismus nicht mehr Unglück als Gutes anrichten werden, muß ich Ihnen zu bedenken geben. Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur und findet sich deshalb auch nur in Preußen und Österreich resp. Rußland. Wenn man hier in England oder in Amerika Antisemitismus treiben wollte, so würde man einfach ausgelacht, und Herr Drumont erregt in Paris mit seinen Schriften – die an Geist denen der deutschen Antisemiten unendlich überlegen sind – doch nur ein bißchen wirkungslose Eintagssensation. Zudem muß er ja jetzt, da er als Stadtratskandidat auftritt, selbst sagen, er sei gegen das christliche Kapital ebensosehr wie gegen das jüdische! Und Herrn Drumont würde man lesen, wenn er auch die gegenteilige Meinung verträte.

    Es ist in Preußen der Kleinadel, das Junkertum, das 10.000 Mark einnimmt und 20.000 Mark ausgibt und daher den Wucherern verfällt, das in Antisemitismus macht, und in Preußen und Österreich ist es der dem Untergang durch die großkapitalistische Konkurrenz verfallene Kleinbürger, Zunfthandwerker und Kleinkrämer, der den Chor dabei bildet und mitschreit. Wenn aber das Kapital diese Klassen der Gesellschaft vernichtet, die durch und durch reaktionär sind, so tut es, was seines Amtes ist, und tut ein gutes Werk, einerlei, ob es nun semitisch oder arisch, beschnitten oder getauft ist; es hilft den zurückgebliebenen Preußen und Österreichern vorwärts, daß sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle alten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehen in den einen großen Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern. Nur da, wo dies noch nicht der Fall, wo noch keine starke Kapitalistenklasse existiert, also auch noch keine starke Lohnarbeiterklasse, wo das Kapital noch zu schwach ist, sich der gesamten nationalen Produktion zu bemächtigen, und daher die Effektenbörse zum Hauptschauplatz seiner Tätigkeit hat, wo also die Produktion noch in den Händen von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und ähnlichen aus dem Mittelalter überkommenen Klassen sich befindet – nur da ist das Kapital vorzugsweise jüdisch, und nur da gibt’s Antisemitismus.

    In ganz Nordamerika, wo es Millionäre gibt, deren Reichtum sich in unseren lumpigen Mark, Gulden oder Franken kaum ausdrücken läßt, ist unter diesen Millionären nicht ein einziger Jude, und die Rothschilds sind wahre Bettler gegen diese Amerikaner. Und selbst hier in England ist Rothschild ein Mann von bescheidenen Mitteln z.B. gegenüber dem Herzog von Westminster. Selbst bei uns am Rhein, die wir mit Hilfe der Franzosen den Adel vor 95 Jahren zum Land hinausgejagt und uns eine moderne Industrie geschaffen haben, wo sind da die Juden?

    Der Antisemitismus ist also nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit können wir nichts zu schaffen haben. Ist er in einem Lande möglich, so ist das ein Beweis, daß dort noch nicht genug Kapital existiert. Kapital und Lohnarbeit sind heute untrennbar. Je stärker das Kapital, desto stärker auch die Lohnarbeiterklasse, desto näher also das Ende der Kapitalistenherrschaft. Uns Deutschen, wozu ich auch die Wiener rechne, wünsche ich also recht flotte Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, keineswegs deren Versumpfen im Stillstand.

    Dazu kommt, daß der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst würde er wissen, daß hier in England und in Amerika, dank den osteuropäischen Antisemiten, und in der Türkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende jüdischer Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendesten. Wir haben hier in England in den letzten zwölf Monaten drei Streiks jüdischer Arbeiter gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?

    Außerdem verdanken wir den Juden viel zuviel. Von Heine und Börne zu schweigen, war Marx von stockjüdischem Blut; Lassalle war Jude. Viele unserer besten Leute sind Juden. Mein Freund Victor Adler, der jetzt seine Hingebung für die Sache des Proletariats im Gefängnis in Wien abbüßt, Eduard Bernstein, der Redakteur des Londoner Sozialdemokrat, Paul Singer, einer unserer besten Reichstagsmänner – Leute, auf deren Freundschaft ich stolz bin, und alles Juden! Bin ich doch selbst von der „Gartenlaube“ zum Juden gemacht worden, und allerdings, wenn ich wählen müßte, dann lieber Jude als „Herr von“!

    London, 19. April 1890
    Friedrich Engels“ http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1890/04/19-ansem.htm

    Vom BAK Shalom (Plattform gegen Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und regressiven Antikapitalismus innerhalb des Jugendverbandes Linksjugend [’solid]):

    „Begriffserklärung: Regressiver Antikapitalismus

    Der Begrifflichkeit “regressiver Antikapitalismus” schließt ein, dass nicht jede Kritik am System der kapitalistischen Vergesellschaftung fortschrittlich ist. Dies wollte die Linke lange Zeit nicht wahrhaben und will es zum Teil bis heute nicht. So wie der Antikapitalismus der Nationalsozialisten nicht ernst genommen wurde, so wenig wird heutzutage eine reaktionäre Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft zur Kenntnis genommen, wie sie von Neonazis, aber auch von radikalen Islamisten formuliert wird. Einer regressiven Kaptialismuskritik geht es nicht um die Bewahrung der Errungenschaften der Aufklärung und der bürgerlichen Demokratie, sondern darum, ein vormodernes Gesellschaftsideal zu etablieren. Gehetzt wird gegen Individualismus, westliche Dekadenz und das Finanzkapital.

    Die Kritik am Finanzkapital steht meist im Zentrum einer regressiven Kaptialismuskritik, was die Totalität des kapitalistischen Systems verkennt. Dies drückte sich bei den Nazis in der Unterscheidung von “raffendem Kapital” und “schaffendem Kapital” aus. Das “raffende Kapital” wurde mit den Juden in Verbindung gebracht, als bodenlos und kosmopolitisch verleumdet. Dies ist die offene Flanke zum Antisemitismus. Das heißt nicht, dass jede Kritik an der Börse o.ä. antisemitisch sei. Dennoch läuft eine Hetze gegen “Heuschrecken” immer Gefahr, die Systemkritik zu personalisieren und dadurch die kapitalistische Vergesellschaftung nicht als „gesellschaftliches Verhältnis“ (Marx) mit abstrakten Zwängen zu begreifen, sondern die konkreten Akteure als persönlich Verantwortliche für Elend, Armut und Ausbeutung auszumachen.

    Sebastian Voigt (Sympathisant [ehem. Mitglied, Ausschluss durch Beschluss der Bundesschiedskommission der Linksjugend [’solid])“ http://bak-shalom.de/index.php/bildung/begriffserklarung-regressiver-antikapitalismus/

    „I.) Was ist Antisemitismus?
    Antisemitismus ist eine in der Moderne entstandene und zugleich gegen sie gerichtete Ideologie. Sie beansprucht die Welt umfassend zu erklären und brandmarkt die Verwerfungen moderner Vergesellschaftung als jüdisch. Komplexe und zuweilen undurchsichtige Vorgänge in der Gesellschaft werden in einfache Freund-Feind-Schemata übertragen und an Juden oder vermeintliche Juden festgemacht. Jüdisches wird mit Abstraktheit und Unnatürlichkeit verbunden (z.B. Börsenhandel, Kosmopolitismus), dem das vermeintlich Gute im Konkreten und Natürlichen entgegen steht (z.B. „ehrliche Arbeit“, Volk). Antisemitismus unterscheidet sich vom Rassismus dadurch, dass er Juden als übermächtig ansieht, die die Welt mithilfe geheimer Zirkel kontrollieren und nicht wie andere „Rassen“ als minderwertig versteht. Zudem werden Juden aufgrund ihrer jahrhundertelangen diasporischen Lebensweise als Antination begriffen, die keine natürliche Staatlichkeit entwickeln könnten. Sie sind damit Feind jeder Nation. Vom christlichen Antijudaismus unterscheidet er sich dadurch, dass er auch ohne religiöse Chiffren funktioniert und primär auf eine angebliche Verschwörung von Juden in politökonomischen Sphären abzielt.

    Ähnlich funktioniert der israelbezogene Antisemitismus: Die komplexen Prozesse moderner Staatlichkeit werden auf einfache Schwarz-Weiß-Schemata übertragen. Negative Phänomene moderner Staatlichkeit wie die Herrschaft über die Staatsbürger, Grenzen, Gefängnisse oder das Militärwesen werden von den positiven Phänomenen wie Rechtsstaatlichkeit, Partizipation und Demokratie abgespalten und auf Israel isoliert. Der jüdische Staat wird somit als totalitärer, militaristischer und rassistischer Staat gesehen (Stichworte: Atommacht, Besatzungsmacht, „Apartheidregime“), während über die Verfasstheit anderer Staaten geschwiegen wird. Ihre Verbrechen werden verharmlost oder gar als notwendige Übel verteidigt. Sofern überhaupt demokratische und rechtstaatliche Aspekte im jüdischen Staat anerkannt werden, werden sie als bösartige Hinterlistigkeit abgetan. Das aktuellste Beispiel hierfür ist die Debatte über „pinkwashing“: So soll Israel bewusst homosexuellenfreundliche Politik betreiben, um von der Unterdrückung der Palästinenser abzulenken. Israel wird zudem unterstellt, die Geschicke der Welt zu beherrschen, indem es durch die jüdische Lobby die Politik der USA bestimmt. Darüber hinaus dient Israel als Folie für den sogenannten sekundären Antisemitismus (auch bekannt unter Schuldabwehr-Antisemitismus): So wird Israels Politik dem Nationalsozialismus gleichgesetzt, um sich von der eigenen Schuld am NS zu entlasten.“ http://bak-shalom.de/index.php/faq/

    Freilich tritt (eliminatorischer) Antisemitismus heute vor allem in Form des sogennatnen „Islamismus“ auf, was merkwürdigerweise (also des Merkens würdiger weise) gerade in Deutschland sehr unbekannt ist:

    „An die Stelle der säkularen Entwicklungsregimes trat im Nahen Osten und darüber hinaus der sogenannte Islamismus, der nur scheinbar als traditionelle religiöse Bewegung firmiert. Tatsächlich handelt es sich um eine postmoderne kulturalistische Krisenideologie eines Teils der längst verwestlichten Eliten in den islamischen Ländern, die das autoritäre Potential der Postmoderne repräsentieren und den gänzlich unislamischen europäischen Antisemitismus aufgesogen haben. Die am Weltmarkt gescheiterten Segmente des Kapitals in dieser Region erklärten den Krieg gegen die Juden zum exemplarischen Kampf gegen die westliche Vorherrschaft.“ http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=20&posnr=395&backtext1=text1.php

    „Wer die Frühgeschichte des Nahost-Konflikts unabhängig von der PLO-Historiographie und ihren Nachbetern analysiert, wird mit dem frühen Islamismus in Palästina und einer folgenreichen Einflussnahme Nazi-Deutschlands konfrontiert. Die Schlüsselfigur für beides war Amin el-Husseini, der Mufti von Jerusalem. Dieser lebte von 1941 bis 1945 in Berlin, konferierte mit Adolf Hitler und gründete die muslimische Bosniaken SS-Division. Seine Hauptsorge galt der Gefahr, Juden könnten der Shoa entkommen: 4.000 jüdische Kinder, die freikommen sollten, schickte man auf seine Veranlassung in den Tod.
    […]
    Seit 1937 honorierte Deutschland diese Aktivitäten mit Waffenlieferungen und Geld. Ausgangsbasis der Mufti-Hitler-Kooperation war ein vom Nationalsozialismus formulierter Antizionismus, dem der eliminatorischer Antisemitismus von vornherein eingeschrieben war. […] In Mein Kampf führte Adolf Hitler dies 1925 weiter aus: Die Juden „denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, … sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete … Organisationszentrale ihrer internationalen Weltgaunerei.“
    […]
    1947 wurde anlässlich des UN-Teilungsplans für Palästina die zweite große Chance einer Einigung vereitelt. Mit größter Vehemenz sorgte der Mufti im arabischen Lager für die Ablehnung des UN-Beschlusses um stattdessen den Krieg gegen den beschlossenen jüdischen Staat vorzubereiten. Der skandalöse Umstand, dass der in Europa als Nazi-Kriegsverbrecher gesuchte el-Husseini erneut als Sprecher aller Palästinenser reüssieren konnte, erhielt so historisches Gewicht. Es waren in erster Linie die Muslimbrüder, die dem Mufti zuvor ein Aufenthaltsrecht in Ägypten und neue Handlungsspielräume erkämpft hatten: 1947 hatten sie Amin el-Husseini zum offiziellen Führer der Muslimbrüder in Palästina gekürt.

    Für große Teile der arabischen Welt wurden mit dem Mufti aber gleichzeitig auch der Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus rehabilitiert. Scharenweise strömten die in Europa gesuchte Nazis in die arabische Welt, um dort entweder im Bereich „Agitation und Propaganda“ ihre antisemitische Mission fortzusetzen oder sich an der Entwicklung ägyptischer Raketen zur Zerstörung Israels zu beteiligen. Massenhaft wurden hier in den folgenden Jahrzehnten die Protokolle der Weisen von Zion verbreitet und mit Unterstützung der ägyptischen Präsidenten Gambal Abdel Nasser und Anwar as-Sadat – beide einst Mitglieder in der Muslimbruderschaft – stets neu verlegt.
    Der Mufti blieb bis 1974, als er starb, von der Nazi-Variante des Antizionismus beseelt. Er stand als Pate und Finanzier hinter der 1959 gegründeten Fatah und setzte 1968 Jassir Arafat inoffiziell als seinen Nachfolger ein: „Amin el-Husseini hatte den Eindruck, dass Arafat der richtige Führer für die palästinensische Nation war. Er fand, er sei fähig, die Verantwortung zu tragen.“ (J. und J. Wallach, Jassir Arafat, München 1994)
    […]
    Die wichtigsten Weichen zur Torpedierung einer arabisch-jüdischen Verhandlungslösung wurden allerdings bereits in der Phase der Nazi-Mufti-Kooperation gestellt: Ausschaltung der palästinensischen Politiker, die eine Zwei-Staaten-Lösung befürworteten, Einschwörung der arabischen Welt auf den eliminatorischen Antizionismus, Islamisierung des Palästina-Konflikts. Dies ist evident. Um so verblüffender die Hartnäckigkeit, mit der man gerade diese Kooperation hierzulande in ein viel sagendes Schweigen hüllt. So wie im Hause des Henkers über den Strick nicht gesprochen werden darf, setzt sich hierzulande das Schweigen über die Nazi-Verbindungen des Mufti als Schweigen über den islamistischen Antisemitismus weiter fort.“ http://www.matthiaskuentzel.de/contents/die-nazis-und-der-islamismus-in-palaestina

    „die Berliner Propaganda im Nahen Osten während des Zweiten Weltkriegs. In erster Linie wurden dazu Radiosendungen auf Arabisch und Farsi genutzt […]

    Die Propagandisten aus Berlin beschimpften die Juden als Schädlinge für die Menschheit; Briten, Amerikaner und Russen wurden als jüdische Agenten über einen Kamm geschoren. Im Nahen Osten wurde die Botschaft geschluckt und fügte der ursprünglichen islamischen Judäophobie […] eine neue Ebene hinzu. Doch während viele Muslime früherer Jahrhunderte Juden für niederträchtig, zugleich jedoch für verachtenswert und schwach gehalten hatten, zeichnete die Nazi-Propaganda die Juden als übermächtig und verschworen im Versuch, Deutschland zu vernichten und die Menschheit zu verderben.

    In den Sendungen aus Berlin betonten deutsche Kommentatoren Werte, die, wie sie behaupteten, dem Nazismus und dem Islam/den Arabern gemeinsam seien, wie etwa die Opposition gegen Liberalismus und Demokratie des Westens. Beide, hieß es in einer Sendung von 1940, ‚teilten das Leid und das Unrecht nach Ende des (Ersten) Weltkriegs. Die Ehre dieser beiden großen Völker wurde beleidigt.‘

    […]

    Husseini sendete am 1. März 1944: „Erhebt euch. Erhebt euch wie ein Mann für eure geheiligten Rechte. Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, Geschichte und Religion.“ http://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article6035106/Dann-schickte-Allah-Adolf-Hitler.html

    • eugen sagt:

      Vielen Dank für die Zitate. Uns ist außer bei den ersten nicht klar geworden, welchen Zusammenhang sie mit dem Artikel haben. Vielleicht machen Sie sich noch einmal die Mühe, Ihre These selbst zu formulieren.

      Soweit wir es verstehen, sind die Argumente diese:

      – Marx war nicht antisemitisch, weil er in „Zur Judenfrage“ die Juden, wie sie sich ihm darstellen, nur als eine Ausprägung des kapitalistischen Systems ansieht und dieses kritisiert und überwinden möchte.
      – Engels ergreift in dem Zitat Partei für die „guten“ Juden, die Proletarier und insbesondere Sozialisten sind.

      Zunächst zu Marx:

      Für den Artikel ist eigentlich unerheblich, was Marx hier argumentiert oder ob er antisemitisch war. Der wesentliche Punkt ist, daß der „Sozialdemokrat“ auf der Höhe einer antisemitischen Kampagne in Deutschland nichts Besseres zu tun hat, als selektiv die Passagen aus Marxens Schrift wiederzugeben, die Juden und das Judentum runtermachen und ganz den Vorwürfen der Antisemiten entsprechen, das Argument von Marx aber damit unverständlich macht.

      Die einzige Erklärung für uns ist, daß der „Sozialdemokrat“ seinen Lesern damit folgendes sagen möchte: Laßt Euch nicht von den Antisemiten fangen! Wir Sozialdemokraten haben schon lange durchschaut, was für miese Leute Juden sind. Wenn Ihr etwas gegen die Juden habt, seid Ihr gut bei uns aufgehoben. Wir lassen uns in der Kritik an ihnen nichts vormachen.

      Nun zu Marx selbst: Es ist unseres Erachtens müßig, sich darüber zu streiten, ob hier die Diagnose Antisemitismus nach irgendeiner Definition zutrifft. Wir würden unmittelbar die These selbst kritisieren. Diese lautet aus dem Hegelschen übersetzt:

      – Juden, wie sie sich gegenwärtig darstellen, sind wirklich abscheuliche Leute, wie es das Vorurteil besagt.
      – Juden sind so geworden, weil der Kapitalismus solche abscheulichen Leuten erzeugt. (Und hierauf beruht dann die ganze Zurückweisung eines Antisemitismusvorwurfs:) Sie können nichts dafür, daß sie so scheußlich sind.
      – Innerhalb des Kapitalismus werden sich die Juden nicht ändern oder es werden eben andere zu solch scheußlichen Leuten gemacht.
      – Nur der Sozialismus kann das ändern. Er beseitigt den Grund, daß Juden so scheußlich sind. Juden werden sich irgendwie wieder zu netten Leuten zurückentwickeln (bei Marx: auf sozialem Wege, bei Bebel: darwinistisch).

      Mit einer solchen Argumentation kann man immer schön beides machen:

      – Antisemitisch gestimmten Anhängern klarmachen, daß man ihre Vorurteile teilt und ihnen diese sogar bestätigen und sie verfestigen, und auch für den Sozialismus reklamieren, daß er die wirkliche Lösung der „Judenfrage“ parat hält.
      – Sich als Kritiker von parteipolitischen Antisemiten aufspielen, die sich von ihren (von den Sozialisten geteilten) Vorurteilen irreleiten lassen und nicht die Einsicht der Sozialisten haben, somit nur nach wirkungslosen Mitteln zur Lösung der „Judenfrage“ suchen und objektiv der falschen historischen Richtung dienen. Man kritisiert damit aber nicht den Antisemitismus, sondern die spezifischen Antisemiten, die man selbstverständlich als politische Konkurrenten bekämpft.

      Wenn man das genau dann herausholt, wenn gleichzeitig in Deutschland Pogrome stattfinden und die rechtliche Stellung von Juden durch eine Bewegung untergraben werden soll, dann ist das, gelinde gesagt, suboptimal und man kann es durchaus als Anbiederung deuten.

      In der sozialistisch gestimmten Geschichtsschreibung wird das dann gerne dadurch relativiert, daß man so tut, als wenn das „Bürgertum“ viel schlimmer gewesen sei und man da einfach in den Formulierung etwas sehr dem Zeitgeist nachgegeben hätte. Es sind aber nicht die Formulierungen, es ist die Kernthese, die vertreten wird.

      Wenn Sie sich die Position der Fortschrittspartei vergegenwärtigen, die wir dokumentiert haben, dann ist das auch einfach nicht wahr. Der Fortschritt hat den Antisemitismus „head on“ angegriffen, während die Sozialdemokraten ihm sogar in den Rücken fielen und mit dem Antisemitismus kokettiert haben.

      Zu Engels:

      Die These in dem Text ist ja eigentlich auch dieselbe, die wir oben dargestellt haben. Hier wird zur Abwechslung nur mal die „kritische“ Seite, die Antisemiten als reaktionär zu durchschauen, betont. Es wird nicht ausgeführt, aber doch impliziert, daß die nicht-proletarischen Juden eben doch scheußliche Leute sind (natürlich auch die Rockefeller, und sie sind ja nicht schuld und der Sozialismus wird sie wieder in gute Menschen verwandeln und sie können auch vorher schon Sozialisten werden).

      Engels tut das aber nicht von ungefähr: Um die Zeit gibt es in der SPD durchaus einen starken Zug dahin, sich auf Antisemitismus zu verlegen, denn die zweite Welle der Antisemiten wie Hermann Ahlwardt läßt sich nicht mehr so einfach als verkappte Helfer der Konservativen hinstellen und spricht auch viele Sozialdemokraten an.

      Daß Engels auch anders kann und keineswegs das romantische Bild des edlen proletarischen Juden pflegt, können Sie etwa aus diesem Zitat aus dem Vorwort zu Neuauflage „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von 1892 ersehen: „Die kleinlichen Schlaumeiereien des polnischen Juden, des Repräsentanten des europäischen Handels auf seiner niedrigsten Stufe, diese selben Pfiffe, die ihm in seiner eignen Heimat so vortreffliche Dienste leisten und dort allgemein angewandt werden, […]“.

      Wir würden durchaus zugestehen, daß Engels im Vergleich zu anderen Sozialisten eher wenig von Ressentiment getrieben ist. Aber wenn es paßt, dann bedient er eben auch die Vorurteile.

      Zudem spielt das Zitat, das sie bringen, keine Rolle zur Beurteilung des Verhaltens der Sozialdemokraten 1881. Die Sozialdemokraten haben zur antisemitischen Bewegung in der Zeit fast nichts zu sagen, außer seichter parteipolitischer Kritik und ansonsten Anbiederung. In Berlin kann man sich nicht mal dazu verstehen, die Fortschrittspartei gegen die Antisemiten bei den Wahlen zu unterstützen.

  2. Ihre Kritik am „Sozialdemokraten“ teile ich.

    „Vielen Dank für die Zitate. Uns ist außer bei den ersten nicht klar geworden, welchen Zusammenhang sie mit dem Artikel haben. Vielleicht machen Sie sich noch einmal die Mühe, Ihre These selbst zu formulieren.“

    Ui, das ist schwierig. Ich werde versuchen, die Aussage zu verdeutlichen. In eigenen Worten ist dies jedoch schwer. Zumal es mir ja auch darum ging, klar zu machen, dass zumindest Marx niemanden den „Gar aus“ machen wollte:

    Um gute oder schlechte Juden, oder um „böse“ Kapitalisten geht es Marx nicht, und je weiter er sich theoretisch entwickelt, desto weniger geht es ihm darum. Marx geht es eine Kritik der Verhältnisse, um die „Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Und Mensch ist man prinzipiell unabhängig von der Klassenlage. Und erst recht unabhängig von Religion oder gar „Rasse“.
    Er schreibt später in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ z.B. ziemlich eindeutig:

    Der „stumme Zwang der Verhältnisse“ (Marx) bzw. (in „personifizierter“ Version) die „unsichtbare Hand“ (Smith) sorgen dafür, dass „der Markt sich reguliert“. Der Mensch ist damit „abstrakten Mächten“ unterworfen, denn er wird vom Markt reguliert.
    Dieser Widerspruch der kapitalistischer Vergesellschaftung (also der Tatsache, das gesellschaftliche Verhältnisse bestehen, in der potentiel „alles“ als Ware gehandelt werden kann), also einerseits „Freiheit“, „Kreativität“ usw. zu fördern, aber andererseits das Wirken einer „unsichtbaren Hand“ oder „Marktmechanismen“ kann (also) hoffentlich auch ohne Marx erfasst werden.

    Hier kommt der Antisemitismus „ins Spiel“. Moishe Postone:

    „Nicht nur Ausmaß, sondern auch Qualität der den Juden zugeschriebenen Macht unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus. Alle Formen des Rassismus schreiben dem Anderen potentielle Macht zu. Diese Macht ist gemeinhin konkret, materiell und sexuell. Es ist die potentielle Macht des Unterdrückten (als Macht des Verdrängten) in Gestalt des ‘Untermenschen’. Die den Juden zugeschriebene Macht ist jedoch größer und wird nicht nur als potentiell, sondern als tatsächlich wahrgenommen. Sie ist vielmehr eine andere Art der Macht, die nicht notwendigerweise konkret ist. Die den Juden im modernen Antisemitismus zugeschriebene Macht wird durch mysteriöse Unfaßbarkeit, Abstraktheit und Universalität charakterisiert. Es wird angenommen, daß diese Form der Macht sich selbst nicht direkt manifestieren kann, sondern eine gesonderte Ausdrucksweise benötigt. Sie sucht sich einen Träger, sei er politisch, sozial oder kulturell, durch den sie wirken kann. Weil die Macht der Juden nicht konkret gebunden, nicht ‚verwurzelt’ ist, wird sie zum einen als überwältigend wahrgenommen und ist zum anderen sehr schwer nachzuprüfen. Es wird angenommen, daß sie hinter den Erscheinungen stehe, ohne mit diesen identisch zu seien. Ihre Quelle ist hinterlistig verborgen: konspirativ. Die Juden stehen für eine ungeheuer machtvolle, unfaßbare internationale Verschwörung.
    […]
    Der moderne Antisemitismus ist dadurch gekennzeichnet, daß die Juden für die geheime Kraft hinter jenen Widersachern, dem plutokratischen Kapitalismus und dem Sozialismus gehalten werden. ‘Das internationale Judentum’ wird darüber hinaus als das wahrgenommen, was hinter dem ‘Asphaltdschungel’ der wuchernden Metropolen, hinter der ‘vulgären, materialistischen, modernen Kultur’ und, generell, hinter allen Kräften steht, die zum Niedergang althergebrachter sozialer Zusammenhänge, Werte und Institutionen führen. Die Juden stellen demnach eine fremde, gefährliche und destruktive Macht dar, die die soziale ‘Gesundheit’ der Nation untergräbt.
    […]
    [Es gilt] hervorzuheben, daß eine sorgfältige Überprüfung des modernen antisemitischen Weltbildes das Vorliegen einer Denkform deutlich werden läßt, in der die rasche Entwicklung des industriellen Kapitalismus durch den Juden personifiziert und mit ihm identifiziert wird. Es handelt sich dabei nicht um die bloße Wahrnehmung der Juden als Träger von Geld – wie im traditionellen Antisemitismus; vielmehr werden sie für ökonomische Krisen verantwortlich gemacht und mit gesellschaftlichen Umstrukturierungen und Umbrüchen identifiziert, die mit der raschen Industrialisierung einhergehen: explosive Verstädterung, der Untergang von traditionellen sozialen Klassen und Schichten, das Aufkommen eines großen, in zunehmendem Maße sich organisierenden industriellen Proletariats und so weiter. Mit anderen Worten: Die abstrakte Herrschaft des Kapitals, wie sie besonders mit der raschen Industrialisierung einhergeht, verstrickte die Menschen in das Netz dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut zu werden vermochten, in Gestalt des ‘internationalen Judentums’ wahrgenommen wurden.“ http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/postone-deutschland_lp.html

    Im Vergleich eine von Ihnen zitierte Stelle:

    „Nun erst konnt das Judenthum zur allgemeinen Herrschaft gelangen und den entäußerten Menschen die entäußerte Natur zu veräußerlichen, verkauflichen, der Knechtschaft des egoistischen Bedürfnisses dem Schacher anheimfallenden Gegenständen machen.

    Die Veräußerung ist die Praxis der Entäußerung. Wie der Mensch, so lange er religiös befangen ist, ein Wesen nur zu vergegenwärtigen weiß, indem er es zu einem fremden phantastischen Wesen macht, so kann er sich unter der Herrschaft des egoistischen Bedürfnisses nur praktisch bethätigen, nur praktisch Gegenstände erzeugen, indem er seine Produkte unter die Herrschaft eines fremden Wesens stellt und ihnen die Bedeutung eines fremden Wesens — des Geldes — verleiht.“

    Für Marx ist das antisemitische Ressentiment eine Ausprägung der kapitalistsichen Gesellschaft. Er unterstellt eben nicht den Juden ein Dasein als „dem Juden an sich“.

    Der Marx zur Zeit der Judenfrage (da war er gerade einmal 25 Jahre alt) hat zwar noch die Entwicklung zu jenem Marx vor sich, der sagen wird: „Das gesellschaftliche (!) Sein bestimmt das Bewusstsein“ (z.B. weil er hier noch von einem „Gattungsleben“), als auch „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ und dann auch noch das Kapital schreiben wird.
    Dennoch sind solche Ansätze hier eben schon vorhanden:

    „Die Religion gilt uns nicht mehr als der Grund, sondern nur noch als das Phänomen der weltlichen Beschränktkeit. Wir erklären daher die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit.“ (MEW 1/352).

    Es geht hier nicht um die Juden, sondern um das Vorurteil gegen die Juden. Hoffe ich – und wenn nicht, dann wird der spätere Marx den Sachverhalt noch vom Kopf auf die Füße stellen, ohne „den Juden“ dabei zu erwähnen.

    Dazu auch:

    “ Ganz ähnlich interpretierte diesen Passus vor knapp 25 Jahren übrigens der marxistische Philosophieprofessor Wolfgang Fritz Haug in seiner berühmten mehrbändigen Aufsatzsammlung „Pluraler Marxismus“. Er ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er in Marxens Ausführungen „im Gegenteil einen Generalangriff auf allen christlich-bürgerlichen Antisemitismus“ (Haug 1987: 141) sehen zu können glaubte. Marx hätte demnach in „Zur Judenfrage“ gar nicht den Kapitalismus mit dem Juden (und umgekehrt) identifiziert, sondern in der Sprache Bruno Bauers eben diesem seine eigenen Vorurteile zurückgespiegelt: „Der Sinn ist: Erkennt Euch selbst – in Euerm Feindbild! Wo Ihr ‚Jude‘ sagt, redet ihr blind von Euch selbst. (…) Euer ‚Jude‘ ist der Bankier, ist der Händler, ist ganz allgemein der Kapitalist (…)“ (146) – ein Typus eben.

    Und diese Interpretation hat einige Plausibilität auf ihrer Seite. Denn was die meisten Autoren, die Marx des Antisemitismus überführen wollen, nicht zitieren, sind eben jene Sätze, in denen Marx die „dem Juden“ zugeschriebenen Elemente auf die ganze bürgerliche Gesellschaft bezieht. Im Judentum würde nämlich ein „allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element“ (MEW 1/372) erkennbar, an dem „die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet“ hätten (373). Wir haben es nach Marx also mit einem allgemeinen Phänomen zu tun, dem zwar auch „der Jude“ verfallen ist – aber eben nicht nur. Denn das Geld sei „durch ihn und ohne ihn“ zur Weltmacht geworden und hätte eine bürgerlich-kapitalistische und nicht politische Form der Emanzipation des Judentums hervorgebracht: „Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind.“ (ebd.) „(…) in der jetzigen Gesellschaft“, fährt Marx am Schluss seines Textes fort, „finden wir das Wesen des heutigen Juden, nicht als ein abstraktes, sondern als ein höchst empirisches Wesen, nicht nur als Beschränktheit des Juden, sondern als die jüdische Beschränktheit der Gesellschaft.“ Marx schließt mit den Worten: „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ (ebd.: 377)

    Freilich klingen diese Worte nach Auschwitz ungehörig, allerdings sind sie eben vor Auschwitz geschrieben. Marx verteidigt in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ gerade gegen Bruno Bauer die Religionsfreiheit und die volle gesellschaftliche Emanzipation der Juden. Von Diskriminierung, Forderung nach Sonderbehandlung keine Spur. Im Gegenteil. Das Einzige, was hier als antisemitisch klassifiziert werden könnte, ist die Tatsache, dass Marx im „Juden“ den historisch verwirklichten Idealtypus des Kapitalisten sehen zu können glaubt, weil eben „die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet“ hätten. Marx spielt dabei auf die von Antisemitismus-Experten als historische Tatsache angesehene These an, dass Juden aufgrund ihrer gesellschaftlichen Zwangslage „in der Geschichte des deutschsprachigen Raumes eine wirtschaftliche Sonderrolle gespielt“ (Hirsch/Schuder 1999: 12) hätten. Strittig ist hierbei in aller Regel nicht, dass Juden in kaufmännischen Betätigungsfeldern etc. überdurchschnittlich vertreten waren und somit neben den Protestanten zu den Motoren der Entstehung des Kapitalismus wurden (Max Weber), sondern höchstens, ob „die Juden das gewollt“ (Hirsch/Schuder 1999: 12) hätten oder dies nicht vielmehr das Ergebnis einer entsprechenden Diskriminierung gewesen sei (ebd.: 43-74).“
    […]
    Denn es gilt bereits in „Zur Judenfrage“: „Aus ihren Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“ (MEW 1/374). „Der Jude“ wird bei Marx somit in polemischer Wendung zum Spiegelbild des Kapitalismus insgesamt. Er fasste damit in jungen Jahren unter dem Begriff des „Juden“ einen Teil dessen, was er später in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ mit dem Begriff der „ökonomischen Charaktermasken“ (MEW 23/100) wieder aufnehmen wird. Marx „hasste“ zwar den Kapitalismus, aber nicht den Kapitalisten (und auch nicht „den Juden“) – ein feiner Unterschied, der noch heute so mancher linksextremistischen Politsekte schwer verständlich scheint. Denn als historischer Materialist könne er selbstverständlich nicht „den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (MEW 23/16)“
    […]
    Freilich: Die Konsequenz einer solchen „behutsamen“ Interpretation wäre es, auch in anderen Fällen nicht unhistorisch und vorschnell die Antisemitismus-Keule zu schwingen. Marx‘ Argumentation beruht dennoch auf einer logisch unzulässigen, polemisch zugespitzten Verallgemeinerung. Aber reicht das schon aus, um Antisemit zu sein?“ http://www.endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=4683:zur-judenfrage-war-karl-marx-ein-antisemit?-teil-2&Itemid=618

    Engels weißt auf den Ursprung des Antisemitismus hin, nämlich die Tatsache, das Juden im Mittelalter in bestimmte Berufe gezwungen wurden sind, die insbesondere mit dem Zins bzw. dem Wucher identifiziert wurden. Diese Ressentiment sei erhalten geblieben, auch wenn es mit der Realität nichts mehr zu tun habe.

    Der Antisemitismus ist eine Ausprägung des Kapitalismus, insbesondere beliebt in bestimmten sozialen Klassen, die sich durch die zunehmende Entwicklung von Deklassierung bedroht fühlen bzw. deklassiert werden, und dabei „fremden Mächten“ ausgeliefert sind. Das Kapital der Handwerker wurde entwertet, wenn ihre Arbeit durch Modernisierung ersetzt werden konnte. (Übrigens kein Prozess, der sich auf die [Früh]Industrialisierung beschränkt)

    Das Thema ist meines erachtens nach auch sehr aktuell, weil auch in jüngerer Zeit der Antismitismus, vor allem als Folge der Kride, zunimmt, etwa wenn Erdogan von einer „Zinslobby“ und sein Vize von der „jüdischen Diaspora“ spricht, der malayische Staatspräsident die Juden für den Verfall der Währung bestimmt, während die Bevölkerung, aus mangel an „echten Juden“ Chinesen-Pogrome begeht, wenn Hamas, Muslimbrüder und Co. „Die Protokolle der Weisen von Zion“ als historisches Dokument betrachten, oder wenn in Griechenland eine Partei in den Umfragen auf die 20% zugeht, deren Offizelle vor laufenden Kameras sagen, es wäre Zeit „die Öfen zu öffnen und sie zu Seife zu verarbeiten“.

    • eugen sagt:

      Vielen Dank für die umfangreiche Antwort. Angesichts der etwas vorgeschrittenen Stunde antworten wir nicht sofort.

      Wir verstehen auch nicht ganz, was das mit dem Artikel zu tun hat, der sich um die Haltung der Sozialdemokraten angesichts der ersten Welle des Antisemitismus in Deutschland von etwa 1878 bis 1881 (plus/minus) dreht.

      Wir würden gerne weiter mit Ihnen diskutieren, müssen nur noch mal überlegen, wie wir das anpacken, damit die Diskussion nicht hier in den Fußnoten hängen bleibt. Ein kleines Bißchen Geduld erbeten wir.

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