Die Reptilien gegen die Fortschrittspartei

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Am 29. Juni 1881 startet die „Provinzial-Correspondenz“ mit „Treue gegen den König“ eine Serie von Artikeln, die die Fortschrittspartei als Feinde von König, Vaterland und Religion angreifen. Ein Ziel dabei ist es auch, einen Keil in das liberale Lager zu treiben. Die sowieso kaum noch liberalen Nationalliberalen werden gewarnt, sich mit der Fortschrittspartei gemein zu machen, entsprechend für die „Liberale Vereinigung“, als die sich der linke Flügel 1880 von den Nationalliberalen abgespalten hat.

Im Satireblatt "Berliner Wespen" schreibt Dr. Reptilius Beiträge, die den Tonfall der Regierungspresse persiflieren.

Die „Provinzial-Correspondenz“ ist ein halbamtliches Blatt, das insbesondere den Landräten und allgemein der Beamtenschaft die aktuelle Linie der Regierung durchgibt. Sie wird in Flugblattform allen amtlichen Kreisblättern auf Staatskosten beigelegt. Um den Wahlkampf der Regierungsparteien zu unterstützen bekommen diese sie für 10 Mark je 100 Exemplare für das ganze dritte Quartal portofrei geliefert. Hinter der „Provinzial-Correspondenz“ steckt der preußische Innenminister Robert Viktor von Puttkamer, unter dessen Aufsicht das Blatt redigiert wird. Es gehört zur „Reptilienpresse“, die aus dem Reptilienfonds finanziert wird und über die Kanzler Bismarck Stimmung für sich und seine Politik macht.

Am 6. Juli 1881 erscheint in der „Provinzial-Correspondenz“ ein weiterer Beitrag der Serie: „Der Respekt vor dem kirchlichen Glauben“, in dem der Fortschrittspartei unter anderem vorgehalten wird, daß sie die Trennung von Staat und Kirche sowie von Staat und Schule anstrebt. In einem Aufmacher wird die Linie gegen die Fortschrittspartei ausgegeben:

Der Kampf gegen die Fortschrittspartei

Das Bemühen der „Provinzial-Correspondenz“, die königstreuen Versicherungen der Fortschrittspartei auf ihren praktischen Werth zu prüfen, finden naturgemäß in dem Lager dieser Partei selbst und besonders bei denjenigen, welche im Sinne der „großen liberalen Partei“ das Zusammengehen mit derselben bei den Wahlen empfehlen, heftigen Widerspruch. Wir werden uns hierdurch in der Erfüllung unserer Pflicht, die Bevölkerung über die wirkliche, thatsächliche Stellung der Parteien zur Regierung des Kaisers aufzuklären, nicht irre machen lassen: je lauter man vielmehr das Bündniß mit der Fortschrittspartei verkündet und je fester die Ueberzeugung ist, daß diese Bewegung nur den entschlossensten, thatkräftigsten Männern dieser Partei zu Statten kommen kann, um sie aus einer kleinen, ohnmächtigen wieder (wie einst in der Konfliktszeit) zu einer großen, einflußreichen Partei zu machen, desto entschiedener ist das Volk über diese ihm drohende Gefahr in jeder Beziehung und ohne Unterlaß zu belehren. Je mehr die Fortschrittspartei durch augenblickliche, anscheinende Mäßigung die Bürger und Bauern an sich heranzuziehen bemüht ist, desto dringender erscheint es, ihr Wesen und Treiben aus der Zeit, wo sie zur Herrschaft gelangt war, zu schildern.

Es ist nicht wahr, daß von dieser Stelle dabei die geheiligte Person des Königs in die Erörterung gezogen worden sei, sondern nachdem die „Treue gegen den König“ unter Berufung auf ihr Programm von der Fortschrittspartei zu ihrer Empfehlung mißbräuchlich immer wieder betont worden ist, mußte einmal beleuchtet werden, wie sie diese von ihr gerühmte Treue mit der That bewährt und gehalten hat.

Daß ihr früheres Verhalten durch die von der Regierung erbetene Indemnität gesühnt und gedeckt sei, wäre nur dann wahr, wenn sie die Indemnität ertheilt oder jemals anerkannt hätte; die Fortschrittspartei rechnet es sich noch heute zum Ruhme an, daß sie selbst im Jahre 1866 Indemnität Kriegskosten, Dotation für Bismarck u. s. w. ver- weigert habe. Es wäre geradezu widersinnig, wenn man die Folgen der Indemnität für eine Partei gelten lassen wollte, die dieselbe nicht anerkennt. Gerade hierin zeigt sich, wie grundverschieden die Elemente sind, aus denen man die „große liberale Partei“ zusammenschweißen will.

Viele auch freisinnige Bürger und Bauern, die dem Könige die Treue nicht blos bekennen, sondern auch halten wollen, lassen sich durch die berechnet zahmen Versicherungen der Fortschrittspartei und ihrer Helfershelfer bethören, ihnen gilt es, durch Rückblicke auf das Verhalten dieser Partei die Augen zu öffnen, daß sie erkennen, wohin man sie führen will.

So lange die liberalen Parteien sich nicht von der Gemeinschaft mit der Fortschrittspartei lossagen, ihr vielmehr den Vortritt und die Führung in der öffentlichen Bewegung überlassen, wird aller Kampf vorzugsweise gegen diese thatkriäftigsten Wortführer der „großen liberalen Partei“ zu richten sein.

Am 9. Juli 1881 kommentiert die Berliner Gerichtszeitung die Propaganda der Regierung, die auch über andere Kanäle der „Reptilienpresse“ betrieben wird:

Warnungen. — Die vom Rundschauer in Nr. 76 gemachte Beobachtung, daß die Regierung keine Woche, ja fast keinen Tag vorübergehen lasse, ohne durch die ihr ergebenen Blatter, namentlich durch die „Prov.-Korresp.“ neue Anklagen gegen die Liberalen zu schleudern, hat sich vollauf als richtig erwiesen. Neue und immer wieder neue Vorwürfe werden erhoben, schweres und immer schwereres Geschütz wird angefahren, um die Burg des Fortschrittsrings samt allen, die darinnen und um dieselbe wohnen, in die Luft zu sprengen. Ihr gröbstes Geschütz aber hat die „Prov.-Korresp.“ gegen die „Häuptlinge“ der Burg und deren liberalen Anhang spielen lassen in einem Artikel (vom Mittwoch), welcher die Ueberschrift trägt: „Der Respekt vor dem kirchlichen Glauben.“ — Sie hat es gethan getreu dem von ihr verfochtenen Grundsatze: „So lange die liberalen Parteien sich nicht von der Gemeinschaft mit der Fortschrittspartei lossagen, ihr vielmehr den Vortritt und die Führung in der öffentlichen Bewegung überlassen, wird aller Kampf vorzugsweise gegen diese thatkräftigsten Wortführer der „großen liberalen Partei“ zu richten sein.“ 

So oft, wo und wann eine herrschende Partei in Feindschaft lag mit entweder nach der Herrschaft strebenden, oder noch im Besitze einerseits der parlamentarischen Gewalt befindlichen, oder mit den, sei es von nationalen, sei es von materiellen Sonderinteressen geleiteten — stets hat sie die Gegner als Feinde des Staatsoberhauptes und des Vaterlandes dargestellt. Wie sie in Amerika und Frankreich warnt vor den Wahlen, welche den Stuhl des Präsidenten untergraben, so läßt sie in monarchischen Staaten ihre Warnungen erschallen vor den Bösen, die darauf ausgehen, das Königtum von Gottes Gnaden in den Abgrund und das Land ins Verderben zu stürzen. Haben wir es doch, — und es ist noch gar nicht lange her. — erlebt, daß vor denen, die sich heut die festesten Säulen des Thrones nennen, gewarnt wurde als vor gefährlichen Feinden des Thrones! Ward doch vor der Lektüre des von den Feudalen herausgegebenen Blattes [d. i. die Kreuzzeitung, die zeitweise bei Bismarck in Ungnade gefallen war] gewarnt mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß jeder anständige und Ehrenmann sich schämen müsse, diese Zeitung zu halten oder gar zu unterstützen! Ist uns doch, und zwar öffentlich und von hoher Stelle gesagt worden, daß „Kulturkampf“ nichts Anderes als der Kampf zwischen Papsttum und Königstum, und daß deshalb alle, welche zum Papste halten, als Feinde der Monarchie, als Reichsfeinde zu betrachten und zu behandeln seien. Wie lang ist’s denn her, daß den Herren des Centrums zugerufen wurde, es werde ihnen nimmermehr gelingen, den Mordgesellen Kullmann [d. i. Eduard Kullmann, Mitglied eines katholischen Gesellenvereins, der 1874 ein Attentat auf Bismarck verübte] von ihren Rockschößen abzuschütteln? Weshalb anders hat man das Socialistengesetz geschaffen und den „kleinen Belagerungszustand“ erst über Berlin, dann über Hamburg und jetzt auch über Leipzig verhängt [vgl. Die Saison der Wahlen, zweiter Teil], als weil die Socialdemokratie für eine Gefahr des Thrones und Vaterlandes gehalten ward? — Heut ist es nun die Fortschrittspartei,  einschließlich sämtlicher Liberalen, von den sezssionististischen Flügelmannern der Linken bis herab zu den Nationalliberalen, vor der eindringlichst gewarnt wird. — Schon vor vierzehn Tagen ließ das offiziöse Blatt den Warnruf hören: „Das Königtum ist in Gefahr!“ Was in dem Programm der Fortschrittspartei geschrieben steht von „Königstreue“ ist eitel Lug und Heuchelei! Die Fortschrittler sind, und sie haben es bewiesen durch ihr ganzes Verhalten, vor, während und nach der Konfliktszeit, — Feinde der Krone, Leute, die nur darauf ausgehen, die Hohenzollern-Macht zu schwächen. Sie wollen ihre Einsicht, ihre Regierung setzen an Stelle der königlichen! Seht euch also, ihr Bürger und Bauern, vor ihnen und ihresgleichen vor! — „Das Vaterland ist in Gefahr!“ so ertönte der zweite Warnruf. Die Liberalen erheben und überheben sich allerorten! In der Presse, in Vereinen und in den Parlamenten, so im Reichs- wie im Landtage, führten und führen sie das große Wort. Sie sind nicht von der Liebe zum Vaterlande, sondern, — Graf Bismarck hat auch das klar gesagt, — nur von Eigennutz, Eitelkeit und Ehrgeiz geleitet. Die Herren Lasker und Bamberger möchten gern „Ercellenzen“ werden [vgl. Graf Wilhelm Bismarck steigt zum Volke herab]. Sie widersetzen sich den Reformplänen des Kanzlers; denn — und mögen sie heißen, wie sie wollen, mögen sie noch so lange studiert, noch so lange entweder unentgeltlich dem Volke gedient oder gar im Solde des Staate gestanden haben, — sie haben weder Verständnis für die „wahren“ Bedürfnisse des Volks noch Willen und Kraft, dieselben zu befriedigen. Sie und insbondere die mit ihnen verbündeten Semiten drängen sich überall ein und vor, sie wollen Führer sein nicht allein in den Staats-, sondern auch in städtischen Verwaltungen. So schön und klar, als ob er schon Mitarbeiter wäre der „Provinzial-Korrespondenz,“ hat das vor kurzem im Vereine der Antisemiten der bekannte Herr Limprecht gesagt, als er sprach: „Juden sind es, die das Uebergewicht haben in der Finanzverwaltung der Stadt, Juden, die für „christliche Prediger ohne jede Religion“ stimmen, „jüdische Aerzte“ sind es, die ihre Kraft der der Armenverwaltung, den Sanitätswachen widmen, und freilich dadurch auch sicher sind, daß sie, wenn sie einmal für einen Armen des Nachts aus dem Bett geholt werden, nicht des Honorars verlustig gehen. So sehen Sie überall, wie uns die Juden Wohlthaten zuteil werden lassen. Wir aber wollen undankbar sein und bei den nächsten Wahlen dahin wirken, daß vorläufig keine Juden weiter in die Stadtverwaltung hineinkommen.“ Herr Limprecht hat gewiß ganz recht und braucht sich nicht um diejenigen zu kümmern, welche da sagen: Bei den, beiläufig bemerkt, recht kärglich bezahlten Armenärzten kommt es ganz und gar nicht auf die Religion an: Männer der Wissenschaft, durch langwieriges und obenein sehr kostspieliges Studium auf ihren Beruf vorbereitet. von staatlichen Behörden geprüft, auf Grund dieser Examina zur Praxis verstattet und zu gewissenhafter Ausübung derselben eidlich verpflichtet, gewinnen die jungen Aerzte das Recht selbständigen Broterwerbs. Die meisten unter ihnen erlangen die Möglichkeit einer menschenwürdigen Existenz, d. h. lohnender Beschäftigung, erst kurze Zeit vor dem dreißigsten Lebensjahre, d. h. also in einem Alter, in welchem die zum Civil- und Militärdienst herangebildeten jungen Männer sich längst in einkömmlichen Stellen befinden. Was aber haben Staat und Stadt darnach zu fragen? sie sollen, — so will’s Herr Limprecht, — jeden Arzt, bevor sie ihn anstellen, auch auf seine christliche Rechtgläubigkeit prüfen lssen; denn — —

„Die Religion ist in Gefahr!“ so lautet die dritte Warnung, der „Prov.-Korresp.“ — Sie sagt: „Im Programm der Fortschrittspartei steht zwar: „Die Gleichberechtigung aller Religionsgesellschaften muß mit Nachdruck  gewahrt bleiben.“ — Dies beweist aber garnichts, oder es beweist nur, daß die Partei sich in Religionssachen unparteiisch verhalten und sich bloß auf den Rechtsstandpunkt stellen will. . . . Die Partei steht jedenfalls auf Grundlagen, welche eine rechte, zumal kirchliche Frömmigkeit schwer aufkommen lassen und wenn man nichts Anderes für ihre Religiosität anzuführen weiß, als daß sie die Gleichberechtigung aller Religionsgenossenschaften wahren wolle, so muß ein Mitglied oder Anhänger der Partei freilich für Freigemeindler aller Sorten, für Christkatholiken u. s. w., ja selbst für Muhamedaner ebenso eifrig eintreten wie für seine eigene Kirche.“

Sonderbar, recht sonderbar, daß derselbe Vorwurf, welchen heut die „Prov.-Korresp.“ den Fortschrittlern macht, schon vor Jahren vom Centrum der Regierung gemacht, daß auch sie beschuldigt worden ist und — wird, weil ihr „der Respekt vor dem kirchlichen Glauben“ fehle. — Das offiziöse Blatt sollte doch mit seinen Warnrufen etwas vorsichtiger sein, damit nicht selbst die Gemäßigsten, selbst ehemalige Freunde der Regierung wie jüngst die „Magd. Zeitg.“ unwillig werden über die unnützen Warnungen und leeren Drohungen. Jede neue Warnung vor den Liberalen soll, — das ist der Inhalt eines Artikels vom vorgestrigen Tage, — den nach Einigung aller liberalen Parteien Strebenden eine neue Mahnung sein.

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