Wieder Pogrome in Hinterpommern

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Am 17. und 18. Juli 1881 kommt es zu Ausschreitungen gegen die kleine jüdische Gemeinte in Neustettin, Hinterpommern. Dies ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal. Schon seit 1880 läuft die antisemitische Propaganda in der Region unter der Führung einer lokalen Zeitung, der „Norddeutschen Presse“.

Einer der gehässigsten Berliner Antisemiten, Ernst Henrici, wiegelt die Bevölkerung zusätzlich mit seinen Reden auf, wie etwa am 13. und 14. Februar 1881. Am 18. Februar 1881 brennt dann die Neustettiner Synagoge ab. Der Verdacht fällt auf die Antisemiten, aber stattdessen werden Mitglieder der jüdischen Gemeinde beschuldigt, sie hätten ihr eigenes Gotteshaus als Versicherungsbetrug angezündet. Als sich herausstellt, daß die Versicherungssumme gar nicht der Anlaß sein könnte, werden die Juden dennoch beschuldigt, sie hätten durch eine Brandstiftung die Antisemiten in ein schlechtes Licht rücken wollen. Die Bevölkerung und die Staatsanwaltschaft suchen eifrig nach einschlägigen „Beweisen“, finden aber zunächst nichts.

Bis März 1882 gelingt es dann aber doch eine Geschichte zurechtzumachen. Angeklagt werden aus der jüdischen Gemeinde wegen vorsätzlicher Brandstiftung der 39jährige ehemalige Tempeldiener Lesheim und sein 15jähriger Sohn, der Tempeldiener Loewenberg sowie der 72jährigen Rentier Heidemann und sein 39jähriger Sohn.  Die „Norddeutsche Presse“ hetzt parallel zum Prozeß und übt Druck aus. Vom 18. bis 22. Oktober 1883 kommt es zur Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht in Köslin. Verteidigt werden die Angeklagten unter anderem vom Berliner Anwalt und Mitglied des Reichstags für die Liberale Vereinigung Erich Sello. Drei von ihnen werden verurteilt, der minderjährige Sohn Lesheim in eine Besserungsanstalt eingewiesen.

Nur aufgrund eines Verfahrensfehlers wird das Urteil vom Reichsgericht aufgehoben und ein erneutes Verfahren vor dem Schwurgericht in Konitz anberaumt. Hermann Makower, Rechtsanwalt in Berlin und Vorsitzender der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde, schaltet sich nun in die Verteidigung ein. Er erwirkt vom Innen- und Justizminister, daß der sehr fähige Kriminalkommissar Höft aus Berlin zur Untersuchung des Falles abgestellt wird.

Höft trifft genau drei Jahre nach dem Synagogenbrand am 18. Februar 1884 in Neustettin ein, und ihm gelingt es, die Phalanx der Antisemiten in der Stadt zu durchbrechen. Der Hauptbelastungszeuge verstrickt sich in Widersprüche, die es sogar wahrscheinlich machen, daß er selbst die Tat begangen hat. Am 29. Februar 1884  beginnen die Gerichtsverhandlungen, die bis zum 7. März 1884 andauern und mit einem Freispruch enden. Weder wird der nun selbst belastete Belastungszeuge angeklagt noch weiter nach den wirklichen Tätern gesucht. Der Fall bleibt unaufgeklärt.

Für eine ausführliche Darstellung siehe:

 Leopold Auerbach: Das Judenthum und seine Bekenner in Preußen, 1890, Seite 51ff. — Kapitel: „Der Neustettiner Synagogenbrand“.

Begleitet wird der ganze Ablauf von immer wiederkehrenden Ausschreitungen gegen Juden, die sich auch auf andere Orte in Hinterpommern ausdehnen. Um den Haß aufzustacheln, hetzt Ernst Henrici fast als Dauergast in der Region, so etwa am 25. Juni 1881 in Bärwalde oder am 26. Juni 1881 in Neustettin und Ratzebuhr. Am 17. und 18. Juli ereignet sich dann ein weiteres Pogrom, wie „Der Israelit“ am 20. Juli 1881 nach einem Bericht der liberalen Berliner Vossischen Zeitung berichtet:

Berlin. Der „Vossischen Zeitung“ wird unter dem 18. von Neustettin geschrieben: „In der hier erscheinenden „Neustettiner Zeitung“ wurde ein Herr Luttosch, der in Semitenhetze macht, wegen seiner Rohheit angegriffen. Hierfür revanchirte er sich dadurch, daß er den Redacteur am hellen Tage auf der Straße durchprügelte. Dieser seinerseits rächte sich wieder dadurch, daß er in Verbindung mit seinem Bruder am 17. Juli die Prügel mit Zinsen zurückzahlte. Gegen halb 9 Uhr Abends rottete der L. nun große Volkshaufen (ca. 500 Mann) zusammen, um, wie er seine Genossen anfeuerte, sämmtliche Juden todtzuschlagen. Unsere Polizei sah sich solcher Zusammenrottung gegenüber machttlos; sie wurde selbst mit Steinwürfen traktirt, und Herrn Bürgermeister Zingler flog ein Stein an die Brust, während im Rathhause selbst Fenster eingeworfen wurden. Sie machte zwar den L. und einige Hauptschreier aus dem Haufen, der lärmend und drohend die Straßen durchzog, dingfest, so daß vorläufig Alles ruhig erschien. Gegen 11 Uhr jedoch begann die Menge wieder durch die Straßen zu ziehen und bei den jüdischen Einwohnern die Fenster, Fensterladen, Thüren und Schaufenster durch Steinwürfe zu demoliren. Später wurde der L. von der Polizei wieder losgelassen, und nun bekam daz Zerstörungswerk einen Leiter und festen Mittelpunkt. Die Verwüstungen, welche in der preußischen Straße, die vom Markt biz zum Kreuzdamm führt, an dem Aeußern der Häuser angerichtet sind, sind sehr beträchtlich, da die Fenster und Schaufenster eingeworfen und an einigen Stellen sogar die Fensterkreuze ausgebrochen oder zertrümmert sind. Ein Haus am Kreuzdamm, einem jüdischen Bürger gehörig, hat bis in den dritten Stock kein ganzes Fenster aufzuweisen, ebenso wie die Figuren, welche zur Verzierung angebracht waren, zerstört sind. Sogar einzelne Christen sind nicht verschont geblieben, ob aus Irrthum oder weil sie, um in der jetzt modernen Sprache zu reden, Judengenossen und Judenknechte sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Unsere Polizei ist, wenn sie auch den guten Willen hat, solchen Tumulten gegenüber zu schwach. Es muß übrigens constatirt werden, daß auch nicht ein einziger anständiger Bürger oder Handwerker an dem Tumult sich betheiligt hat. Charakteristisch ist es, daß bei einem Theil der Menge sogar die Absicht zu plündern bestand, da, wie von einem Polizisten versichert wird, vor einem Kaufladen, der mit Steinen bombardirt wurde, Frauen und Kinder mit Körben bereit standen. Der Schaden, welchen die Stadt zu ersetzen hat, dürfte sich auf eine nicht zu kleine Summe belaufen. Der Tumult ist wohl zum größten Theil den täglichen Hetzereien der hier erscheinenden „Nordd. Presse“ auf Rechnung zu setzen, ebenso wie der Pöbel wohl nur die Ideen, welche in dem hier bestehenden deutschen Bürgerverein gepflegt werden, ins Praktische übersetzt hat. Der L., dem bei der Verhaftung ein fünfläufiger Revolver abgenommen wurde, hat sich heute Morgen mit der Eisenbahn gedrückt; doch dürfte er vielleicht bald zurückkehren, um sich wegen Anstiftung zum Landfriedensbruch vor Gericht zu verantworten.

Aus Zürich meldet sich das sozialdemokratische Zentralorgan „Der Sozialdemokrat“ am 28. Juli 1881 mit einem Bericht zu Wort. Wie wir schon an anderer Stelle aufgezeigt haben, pflegt die Zeitung zwar formal eine Unterstützung der Antisemiten zu unterlassen, aber mit deren Positionen zu kokettieren:

— In dem pommerschen Städtchen Neustettin ist es, Dank der Judenhetze, bereits zu recht artigen Exzessen gekommen, ebenso in einigen unweit Neustertin gelegenen Dörfern. Die Wohnungen und Läden der jüdischen Einwohner sowie derer, welche jüdisch-klingende Namen führen, wurden mit Steinen bombardirt, sämmtliche Fenster demolirt und dergleichen mehr.

Obwohl es schließlich kein Wunder wäre, wenn in Orten, wo die Sozialdemokratie noch keine Anhänger zählt, die Arbeiter auf den so ungeheuer arbeiterfreundlich sich geberdenden Antisemitenrummel hineinfielen,  um so mehr, als die jüdischen Geschäftsleute ohnehin nicht sehr beliebt sind, so müssen wir doch dagegen protestiren, wenn in den liberalen Zeitungen die Tumultuanten als Arbeiter bezeichnet werden, und ausdrücklich mit Rücksicht auf die Arbeiter von aufgehetztem  „Pöbel“ gesprochen wird. Der Pöbel, ihr Herrn, das sind nicht die Aufgehetzten, sondern die Aufhetzer, der Pöbel, das sind die Literaten, die Beamten, die aus Brodneid und wider besseres Wissen hetzen und schüren, nicht aber die Arbeiter, die lediglich ihrem Gefühle folgen und im Juden den Betrüger und Ausbeuter, nicht aber den Konkurrenten hassen.

Die offiziöse „Provinzial-Correspondenz“ erwähnt die Ereignisse erst in ihrer Ausgabe vom 10. August 1881. Es wird vollkommen verschwiegen, von wem und gegen wen die Ausschreitungen stattgefunden haben. Der Artikel folgt unmittelbar auf einen Artikel gegen die Fortschrittspartei, sodaß sogar der Eindruck entstehen könnte (oder sollte?), daß diese Ausschreitungen angestachelt hat. Die eher zögerliche Haltung der Behörden wird in entschiedenes Eingreifen umgedeutet:

An mehreren Orten der Provinzen Pommern und Westpreußen haben in der letzten und vorletzten Woche bedauerliche, mit der Beschädigung und Zerstörung von Privateigenthum verbundene Ruhestörungen stattgefunden. Dem energischen Einschreiten der Ortsbehörden ist es — zum Theil allerdings erst nach Verstärkung des Exekutivpersonals und unter Beihiilfe des einsichtsvollen Theils der Einwohnerschaft — überall gelungen, die Excesse zu unterdrücken, und die Excedenten zur gerichtlichen Untersuchung zu ziehen.

Seitens des Ministeriums des Innern sind die Regierungs-Präsidenten der betreffenden Landestheile beauftragt worden, mit allen Mitteln, welche die Gesetze an die Hand geben, der Wiederkehr derartiger Ruhestörungen vorzubeugen und etwaigen erneuten Versuchen mit vollster Energie entgegenzutreten. Insbesondere sind die betheiligten Behörden angewiesen worden, einer Ausbeutung und Steigerung der vorhandenen Aufregung, welche aus einer öffentlichen Erörterung der bezeichneten Ereignisse und ihrer Ursachen in den von bekannten Agitatoren abzuhaltenden Versammlungen zu befürchten sein würde, sofort zu begegnen, soweit dies überhaupt nach den Vorschriften thunlich ist, welche bezüglich der Verhütung eines die gesetzliche,Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versammlungsrechts in Geltung stehen.

Die verzerrte Darstellung in der Regierungspresse ist kein Einzelfall. Die „Berliner Wespen“ machen sich wiederholt über die Berichterstattung des offiziösen Wolffschen Telegraphischen Büros lustig. Am 27. Juli 1881 schicken sie sich ein Telegramm in dessen Stil:

Neustettiner Telegramme.

(Wolff’s Telegraphisches Bureau.)

Endlich ist es mir vergönnt, Ihnen einen authentischen Bericht zukommen zu lassen. Die wüsten Juden übten einen solchen Terrorismus aus, daß es mir absolut unmöglich war, mein Manuscript, von dem sie wußten, daß es reinen Wein einschenkte, bis zum Telegraphen-Bureau zu bringen.

Es sind über den Krawall viel Lügen verbreitet worden, die unverschämteste ist die, daß er von Antisemiten angestiftet sei, deren es hier keine giebt. Die Wahrheit ist, daß einige Juden ein Glaslager haben und daß ihnen natürlich daran liegen mußte, einmal recht viele Scheiben zertrümmert zu sehen. Alles Geschäft! Sie wußten daher ihre Glaubensgenossen zu bestimmen, durch Manöver aller Art, durch Musik und dergl. Ansammlungen harmloser Christen vor jüdischen Häusern zu veranlassen und nun die vorher in die Wohnungen gebrachten Steine von drinnen heraus durch die Fensterscheiben zu werfen. Die draußen stehenden Christen wurden nur wie durch ein Wunder vor Verletzungen bewahrt. Der Erfolg machte dann die Semiten übermüthig, und als sie alle Scheiben und vieles von ihrem Eigenthum, das ihnen die Stadt ersetzen muß, zertrümmert hatten, durchzogen sie die Straßen mit dem Geschrei: „Schlagt die Christen todt! Es lebe der Wucher! Hoch der Schacher! Fort mit den Christen aus Jerusalem!“ u. s. w. Der letztverzeichnete Ruf erklärt sich dadurch, daß die Nachricht verbreitet ist, es hielten sich in Jerusalem einige Christen auf!

Und das Alles, nachdem Herr Dr. Henrici sich hier in einigen öffentlichen Reden für die Befestigung des consessionellen Friedens ausgesprochen hatte! Nun, hoffentlich gelingt es der jetzt verstärkten Polizeimannschaft, die Juden von weiteren Excessen zurückzuhalten.

Daß der Bauunternehmer Herr Luttosch ein Ehrenmann ist, das hat Ihnen wohl schon ein früheres Wolffsches Telegramm gemeldet.

Und am 3. August 1881 legen die „Berliner Wespen“ noch einmal nach:

Aus Neustettin.

(Wolff’s Telegraphisches Bureau.)

Die nachträglich bekannt werdenden Einzelnheiten werfen ein immer grelleres Licht auf die Thatsache, daß der jüngste Krawall ein Werk der wüsten Juden gewesen ist. So wurde ein Semit in dem Moment erwischt, wo er mit seinem wuchtigen Rücken auf den Knüppel eines Antisemiten loshieb. Der Bauunternehmer Luttosch sagte aus, er habe gesehen, wie ein Jude mit der dieser Rasse eigenen Aufdringlichkeit seine Fenster so angebracht hatte, daß kaum ein Stein ungestört geschleudert werden konnte, sondern nothwendigerweise in die Scheiben derart fliegen mußte, daß der arme Stein von Scherben und Splittern förmlich bedeckt war. Der Redaktion der „Norddeutschen Presse“ wird von einem ihrer Freuude eine noch auffallendere Mittheilung eidlich bekundet. Derselbe sagte aus, daß ihn ein Semit mit beiden Augen in die Faust geboxt habe, so daß diese heute noch braune und blaue Flecken aufweise.

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2 Antworten auf Wieder Pogrome in Hinterpommern

  1. Krass, was vor über 130 Jahren so in der Zeitung stand!

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