Die Sozialdemokraten gegen Papiergeld

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Eine der komischen Seiten der sozialdemokratischen Geschichte ist es, die Positionen der Vergangenheit im Licht der Gegenwart zu betrachten. Auf wirtschaftspolitischem Gebiet ist da gerade in der Zeit des Kaiserreichs einiges zu finden, was der heutige Sozialdemokrat als neo- oder wahlweise manchesterliberales Teufelszeug abtun würde. Um Beispiele zu nennen: die Sozialdemokraten widersetzen sich 1890/1 jeglichen Kündigungsfristen, stimmen 1896 gegen ein Verbot des Terminhandels in Getreide oder gerieren sich als Über-Freihändler und Verteidiger der Goldwährung gegen ungedecktes Papiergeld (siehe unten).

Wie kommt es dazu?

Man muß zunächst etwas weiter zurückgehen und sich klarmachen, woher die Sozialdemokraten kommen, wenigstens die meisten ihrer Wähler und auch viele ihrer Vertreter. Aufschlußreich ist hierzu die ältere Schreibweise mit Bindestrich, nämlich als „Sozial-Demokraten“. Was damit ausgedrückt werden sollte, war: Wir sind Demokraten, aber wollen die Ziele der Demokraten durch den Sozialismus erreichen.

Einem heutigen Leser muß man davon abraten, sich an dem Wort festzuhalten. Es geht für die Demokraten nicht allein darum, daß der Staat eine demokratische Form mit Wahlen und Parlament haben soll. Vielmehr wird sich auf eine umfassende Weltsicht bezogen, wie sie die „Demokraten“ der Revolutionszeit von 1848/9 vertraten. Auch wenn es häufig so dargestellt wird, als wenn deren wesentliches Anliegen die Errichtung einer Republik gewesen sei, ist dies eher ein zwar zeitweise markanter, aber keineswegs zentraler Punkt. Eine Republik ist für viele spätere Demokraten nicht einmal ein verpflichtendes Ziel, sie können sich zumeist auch mit einer wirklich konstitutionellen und parlamentarischen Monarchie anfreunden, wie es sie im Kaiserreich nie geben wird.

Wofür stehen nun Demokraten alles? Was sie sicherlich eint, ist die Forderung nach politischer und bürgerliche Freiheit. Politische Freiheit bezeichnet dabei Einrichtungen wie Wahlen, Parlament, Gewaltenteilung oder Verfassung. Bürgerliche Freiheit steht für Forderungen beispielsweise nach der Freiheit der Rede, der Trennung von Staat und Kirche oder der Gleichheit vor dem Gesetz. Weniger klar sind sich die Demokraten der Revolutionszeit über ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen. Die Positionen reichen von sozialistischen bis hin zu manchesterliberalen Entwürfen.

Je nachdem entwickeln sich von daher verschiedene Richtungen: der größte Teil der Demokraten schließt sich der Deutschen Fortschrittspartei an. Ihr Credo ist: Es gibt nur eine unteilbare Freiheit, politische und bürgerliche Freiheit gehören mit wirtschaftlicher Freiheit zusammen. Den einen Teil der Freiheit zu unterminieren, unterminiert auch die anderen Teile.

Die Sozialdemokraten sehen sich auch als Erben der Demokraten, die nur umgekehrt meinen, daß wirtschaftliche Freiheit die politische und bürgerliche Freiheit untergräbt, und diese allein zusammen mit dem Sozialismus, d. h. der Verstaatlichung allen Kapitals und staatlicher Wirtschaftsplanung hergestellt werden könne.

Zwischen diesen beiden Richtungen stehen die süddeutschen Demokraten wie etwa Leopold Sonnemann und seine „Frankfurter Zeitung“. Sie neigen zwar meist eher zu Positionen ähnlich wie denen der Fortschrittspartei und vertreten nicht eine sozialistische Wirtschaftsordnung, sind aber williger, staatliche Eingriffe zu befürworten. Teilweise ist eine solche Position auch bei der Fortschrittspartei vertreten (Julius Lenzmann, Adolph Philipps, je nachdem auch Max Hirsch).

Alle drei Richtungen sehen sich als die wahren Nachfolger der Demokraten von 1848/9. Dies erklärt auch den erbitterten Kampf zwischen Fortschrittspartei und Sozialdemokraten:

Aus Sicht der Fortschrittspartei versuchen die Sozialdemokraten eine antidemokratische Forderung nach Sozialismus unterzujubeln. Aus Sicht der Sozialdemokraten verraten die Fortschrittler die demokratischen Ziele durch ihre Befürwortung der wirtschaftlichen Freiheit.

Die Sozialdemokraten gerieren sich in der Öffentlichkeit, wie Eugen Richter 1890 in seinen „Irrlehren der Sozialdemokratie“ analysiert, als der linke Flügel der Freisinnigen (die aus der Fortschrittspartei hervorgegangen sind), also als ähnlich den süddeutschen Demokraten, nur etwas weitergehender, während der sozialistische Teil ihres Programms im Hintergrund bleibt, ja regelrecht verschwiegen wird.

Nun wird klar, wie die Sozialdemokraten zu ihren tagespolitischen Forderungen kommen. Der sozialistische Teil ihres Programms gibt ihnen keinen Anhaltspunkt: der Kapitalismus wird ja unweigerlich zum Sozialismus führen, der dann alle Probleme löst. Für die gegenwärtige Gesellschaftsordnung folgt daraus fast nichts. Die Folgerungen sind je nachdem sogar verwirrend. Zum Beispiel können die Sozialdemokraten sich anfangs nicht klar werden, ob sie für oder gegen Bismarcks Protektionismus sind, der mit dem Schlagwort des „Schutzes der nationalen Arbeit“ angepriesen wird.

Allerdings verlangen die Wähler Positionen. Und da fallen die Sozialdemokraten reflexhaft meist auf die demokratischen Forderungen zurück, wie sie von der Fortschrittspartei vertreten werden. Karl Marx und Friedrich Engels begrüßten beispielsweise den Imperialismus, weil sie diesen als geeignete Vorstufe zur vollständigen Durchsetzung des Kapitalismus sehen, der dann im Weltmaßstab zum Sozialismus führt. Aber in der konkreten Lage der in den 1880er Jahren anlaufenden deutschen Kolonialpolitik dackeln die Sozialdemokraten mit ihrer Anlehnung brav hinter der Fortschrittspartei/Deutsch-Freisinnigen Partei her.

Der einzige Akzent, den die Sozialdemokraten zumeist zu setzen versuchen, um sich von der Fortschrittspartei zu differenzieren, ist der Versuch, die jeweilige Position zu radikalisieren und die Fortschrittspartei als Schwächlinge hinzustellen.

Während etwa die Fortschrittler als klassische Freihändler Finanzzölle — Zölle, die ausländische Waren ähnlich belasten, wie im Inland hergestellte Waren durch Steuern belastet sind — nicht grundsätzlich ablehnen, sind die Sozialdemokraten nach einer Findungsphase rabiat gegen alle Zölle. Während die Fortschrittler für eine Verminderung indirekter Steuern eintreten und eine Verlagerung hin zu direkten Steuern anstreben, fordern die Sozialdemokraten ohne Umschweife die vollständige Abschaffung aller indirekten Steuern. Während die Fortschrittler zwar kein Problem mit einer Republik hätten, aber es für realistischer halten, die Monarchie parlamentarisch fortzuentwickeln, darf es nach Ansicht der Sozialdemokraten nur eine Republik sein. Ganz im Sinne dieser Strategie erklärt sich auch die erstaunliche Ablehnung aller Kündigungsfristen, mit der man die entschiedenen Liberalen übertrumpfen will.

Die ganze Vorgehensweise ist für die Sozialdemokraten kostenlos, weil sie im Kaiserreich sowieso praktisch keine ihrer Forderungen durchsetzen werden. Die Hauptsache ist der propagandistische Effekt. In der Theorie können sie sich damit als die reinen Demokraten und Vollender der Revolution von 1848 positionieren und die Fortschrittspartei bei jedem Kompromiß zu einer nur teilweisen Umsetzung der demokratischen Ziele als Verräter und Heuchler attackieren.

In Währungsfragen trotten die Sozialdemokraten entsprechend auch folgsam hinter den Liberalen her. Ludwig Bamberger von der Liberalen Vereinigung ist der Vater des Goldstandards in Deutschland. Eugen Richter ist offen auch für eine Währungskonkurrenz, aber genauso wie die anderen Fortschrittler gegen eine inflationäre Politik mit einem Doppelstandard aus Gold und Silber (Bimetallismus) oder mit Papiergeld, wie sie von den Staatssozialisten zur Finanzierung der immensen Staatsaufgaben verlangt werden. In diesem Sinne äußert sich denn auch das Zentralorgan „Der Sozialdemokrat“ aus dem Züricher Exil am 14. Juli 1881, um die Meinungsführerschaft an sich zu ziehen:

— Papiergeld! — das ist jetzt die Parole der christlichen Sozialreformer. Gold ist nämlich jüdisch. infolge dessen ist natürlich das Papiergeld christlich. Da nun jüdisch gleichbedeutend ist mit Wucher und Ausbeutung. christlich dagegen mit Zinsaufhebung und allgemeinem Wohlstand, so liegt der Nutzen und die Nothwendigkeit des Papiergeldes auf der Hand. Es ist großartig, wie „segensreich“ nach den Herren das Papiergeld wirken wird, Schutzzölle und indirekte Steuern sind noch gar nichts dagegen. Das Wasser läuft einem im Munde zusammen, wenn man z. B. die Schilderungen liest, welche der „Staatssozialist“ aus einer Stöpelschen Schrift wiedergibt. Wir würden ein Unrecht an unsern Genossen begehen, wollten wir ihnen nicht auch ein wenig von diesem „Baum der Erkenntniß“ zu kosten geben. Also:

Man wird mit vollem Vertrauen den ausgleichenden Wirkungen des von Zinsbelastungen aller Art befreiten Geldumlaufs entgegensehen dürfen. Hat erst der Verkehr erhöhte Lebhaftigkeit dadurch erlangt, daß der Arbeit die Produktionsmittel und dem Tausch die Tauschmittel zugänglicher gemacht sind, als es unter dem heutigen System der Fall sein kann, dann wird man sich um einen hinreichenden Vorrath von Umlaufsmitteln nicht mehr zu ängstigen brauchen. Dann wird die freie Assoziation in allen Erwerbsständen sich mit Leichtigkeit die Mittel zum Umtriebe der produktiven Güter schaffen, sei es durch Metallgeld oder kostenlose Geldzeichen, sei es durch einfachen und zinslosen Buchkredit. Dann wird der Kredit sein, was er sein soll: volles Vertrauen in die Person; und der erhöhte Wohlstand Aller wird die unerschütterliche Grundlage dieses Vertrauens sein.

Nicht wahr, herrlich! Wie glücklich die Länder, in denen es Papiergeld — „kostenlose Geldzeichen“ regnet. Da verschwindet der Zins vollständig — man vergleiche nur Rußland, das überhaupt das Eldorado dieser Herrn zu sein scheint. Denn trotz ihrer schwärmerischen Liebe zum Papiergeld soll im „Nothfall“ auf die Ausfuhr von Edelmetallen ein „mäßiger Ausfuhrzoll“ sowie sämmtliche Zölle in Edelmetall erhoben werden. Dann könne es gar nicht fehlen, dann „könnte nicht blos für die Bezahlung der Beamten und Soldaten (merkst du was?) sowie zur Bestreitung aller andern Verwaltungsausgaben Papiergeld ausgegeben werden, sondern auch, obschon im begrenzten Umsange (also doch?), für alle produktiven Zwecke der Gesellschaft, wie für den Bau von Eisenbahnen, Kanälen, Landstraßen u. s. w.

Kurzum, wo Papiergeld fließt, fließt Milch und Honig. Darum noch einmal: Papiergeld her!

Denn die Dummen werden nicht alle.

Siehe auch:

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2 Antworten auf Die Sozialdemokraten gegen Papiergeld

  1. Anachronismus

    “Aus dem offenkundigen Versagen des historischen Liberalismus erwuchs die sozialistische Bewegung mit dem Ziel, die missbrauchten Freiheitsrechte einzuschränken zugunsten der Gesamtheit und besonders zugunsten der wirtschaftlich Schwachen. Diese Zielsetzung beruht jedoch auf einem Denkfehler; denn der historische Liberalismus versagte nicht, weil er zuviel, sondern weil er zuwenig Freiheit verwirklichte. Eine „freie Wirtschaft“ hat es im Liberalkapitalismus in Wahrheit nie gegeben, sondern nur eine vermachtete Wirtschaft: vermachtet durch Privatmonopole, durch den privaten Monopolbesitz von Grund und Boden und den Rohstoffen, durch das Geld- und Bodenmonopol, durch die Bildung von Syndikaten, Kartellen und Trusts. An die Stelle einer freien Konkurrenzwirtschaft trat die Herrschaft privater Wirtschaftsmächte, die durch ihre Maßnahmen weitgehend auch die Höhe von Preisen, Löhnen und Zinsen und damit das Wirtschaftsgeschehen insgesamt nach ihren Interessen bestimmen konnten.
    Die sozialistischen Bestrebungen laufen darauf hinaus, die liberalkapitalistische durch eine zentralgeleitete Wirtschaft, also die private durch eine staatliche Vermachtung und die Privatmonopole durch Staatsmonopole zu ersetzen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die vielen erbarmungslosen Wirtschaftsdiktatoren, die sich immerhin noch durch einen letzten Rest von Konkurrenz gegenseitig in ihrer Macht beschränken, durch einen einzigen, ebenso erbarmungslosen, aber völlig unbeschränkten Wirtschaftsdiktator in Gestalt des Staates abgelöst werden. Dadurch kann sich die Lage der arbeitenden Menschen nur noch hoffnungslos verschlimmern, wie mannigfache geschichtliche Erfahrungen hinlänglich bestätigen.”

    Ernst Winkler (Theorie der Natürlichen Wirtschaftsordnung)

    Spätestens seit der Erstveröffentlichung von “Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld” (Silvio Gesell, 1916) sind alle volkswirtschaftlichen Fragen restlos geklärt. Für Politik und Wirtschaft im 21. Jahrhundert bedeutet das: “…weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten” (Zitat: Arthur C. Clarke). Dennoch verstehen die Allermeisten bis heute weder die einfache Ursache noch die einzig denkbare Lösung für die gegenwärtige “Finanzkrise” und lassen sich von “Spitzenpolitikern” und “Wirtschaftsexperten” beeindrucken, die außer Denkfehlern nichts gelernt haben.

    Die Ursache dieses Anachronismus ist die Religion, die vor Urzeiten erforderlich war, um den Kulturmenschen “wahnsinnig genug” für die Benutzung von Zinsgeld zu machen, damit das, was wir heute “moderne Zivilisation” nennen, überhaupt entstehen konnte:

    http://www.deweles.de/willkommen/cancel-program-genesis.html

    • eugen sagt:

      Wie wir ja auch im Artikel zu Herrn Ponader geschrieben haben: nirgendwo darf natürlich die Freigeldlehre fehlen. Halten wir für Unsinn. Nur eine neue Version des archaischen Zinsverbots und letztlich monetäre Planwirtschaft.

      Ansonsten würden wir einzelnen Punkten durchaus zustimmen: die Kritik am Sozialismus hatte Eugen Richter allerdings schon viel früher klar, auch die an dem staatssozialistischen System Bismarcks, das die mäßige Liberalisierung von Mitte der 1860er bis 1870er einkassierte.

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