Der Segen Torquemada’s – Berliner Wespen, 6. Juli 1881

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 Scenischer Prolog zur Feier der 1000. Rede Stöckers.

 

1. Bild.

Der Autodafeen-Palast. Thomas de Torquemada will zu Bette gehen.

Diener. Haben der Herr Generalinquisitor noch etwas zu befehlen?
Torquemada. Ich wollte Dich noch etwas fragen, aber es fällt mir nicht ein.
Diener. So will ich warten, Berather des Königs.
Torquemada. Brater! Richtig, da fällt mir gleich ein, was ich fragen wollte. Wie viele Juden habe ich heute verbrennen lassen?
Diener. Ein Dutzend, Ew. Hochwürden.
Torquemada. Ein Dutzend? Ohne Freiexemplar? Diem perdidi!
Diener. Ew. Hochwürden haben ja befohlen, daß niemals dreizehn Juden zusammen verbrannt werden sollen, weil von Dreizehn immer einer stirbt.
Torquemada (leise). So denke ich doch immer liebend an Alles! (Laut.) Und wieviele Juden sind im Ganzen von mir eingeäschert worden ?
Diener. Wenn wir die Kinder mitzählen, etwa 8000.
Torquemada (mit einem Blick nach oben). Es läppert sich. Bald wird meine Mission erfüllt sein, so wahr ich Thomas heiße.
Diener (bei Seite). Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Massenmörder von Bremerhaven.
Torquemada. Was murmelst Du? Auch Du begreifst nicht, weshalb ich es mich so viel Holz kosten lasse, um möglichst viele Semiten in Spanien zu verbrennen. Eines Tages wird die Welt dahinter kommen. Jetzt lasse mich allein, ich will schlafen, gieb mir ein sanftes Ruhekissen.
Diener. Ew. Hochwürden haben ja ein gutes Gewissen.
Torquemada. Richtig. (Er legt sich nieder.) Morgen wieder lustik!

2. Bild.

Rußland. Die Judenverfolgung. Polizeilich geschützte Plünderungen.

Ein Jude. Zu Hilfe! (Militair rückt an und hilft — den Plünderern.)
Ein anderer Jude. Man behandelt uns zu schlecht!
Dritter Jude. Als wenn wir Czaren wären!
Vierter. Wohin jetzt?
Fünfter. In ein Land, wo die Humanität herrscht.
Sechster. Das ist eine doppelte Tour, und man hat uns das ganze Geld abgeplündert.
Siebenter. Und wo herrscht die Humanität?
Achter. Da soll jetzt in Berlin ein Automat leben, der King-Fu heißt und Alles weiß. Wir wollen zu ihm.
Neunter. Das kostet Entree, und wir besitzen ja nichts.
Zehnter. Wie wäre es mit Spanien?
Elfter. Hast Du vergessen, wie dort unsere Vorfahren elend verbrannt wurden?

Da erscheint eine Einladung des Königs Alfons an die Juden, nach Spanien zu kommen. Der König wünscht dadurch die Erinnerung an die ehemaligen Judenverfolgungen in Spanien für alle Zeiten zu tilgen.

3. Bild.

Auszug der Kinder Israels aus Rußland ohne Moses und Propheten, die ihnen die Unterthanen Väterchens abgenommen haben. Marsch in das gelobte Spanien. Ankunft daselbst. Gewährung eines Asyls und Obdachs an die Armen und Elenden. Die Regierung überläßt als Zeichen, daß die Inquisition vorüber ist, dreißig Paar spanische Stiefel an die Museen. Großer Jubel. Da steigt aus dem Grab

Torquemada. Seid mir gegrüßt, Semiten. Eure Freude ehrt mich, mir habt Ihr Alles zu danken. Hätte ich Euch im fünfzehnten Jahrhundert nicht en gros verbannt und verbrannt, so hätte Spanien heute, im neunzehnten, keinen Grund, menschlich gegen Euch zu sein. Wie stehe ich jetzt da?!

Erneuerter Jubel. Absendung einer Festdepesche an Stöcker:

„Rüstig weiter, damit auch Deutschland nach vier Jahrhunderten etwas wieder gut zu machen hat, wenn in irgend einem Lande ein Torquemada obenauf ist.

Viele in Spanien versammelte russische Juden.“ 

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