Berliner Reichstags-Candidaturen

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Neue Freie Presse, Wien, 13. Juli 1881

(Orig.-Corr. der „N. Fr. Pr.“)

Berlin, 11. Juli.

Ich habe Ihnen gestern die Namen der meisten Candidaten mitgetheilt, welche die hiesigen Conservativen und Antisemiten — sie nennen sich jetzt klüglich nur Anti-Fortschrittler — für die Berliner Reichstagswahlen aufzustellen beschlossen haben. Die Berliner Wahlen haben nun diesmal besonderes Interesse, nachdem in der vorigen Session Fürst Bismarck persönlich zum Kampfe gegen den „Berliner Fortschrittsring“ die Losung ausgegeben hat und auch sein Sohn offen auf den Kampfplatz getreten ist. Schwerlich werden die Elemente des Rückschritts und der Rohheit, welche sich unter Stöcker’s und Henrici’s Fahnen sammeln, etwas Anderes als ein großes Fiasco erleben; es kann auch sein, daß die Social-Demokraten in einem Kreise der „tertius gaudens“ sein und den Vortheil aus diesem Kampfe ziehen werden. Jedenfalls aber wird der Wahlkampf hier besonders lebhaft und erbittert sein; auch der Charakter des Kampfes wird zeigen, daß Berlin nicht umsonst die „Zwingburg der Fortschrittspartei“ heißt. Ich möchte den Leser deßhalb beizeiten über die Hauptpunkte dieses Kampfes, namentlich über die Personen orientiren. Im letzten Reichstage war Berlin in folgender Weise in demselben vertreten: Erster Wahlkreis. hauptsächlich aus kaufmännischen und gewerblichen Elementen bestehend: Ludwig Löwe. Zweiter Wahlkreis, das sogenannte Geheimrathsviertel, Sitz des Gelehrten-, höheren Beamtenstandes und der Haute finance, welch letztere vorwiegend im eleganten Thiergartenbezirke wohnt: Professor R. Virchow. Dritter Wahlkreis: v. Saucken-Tarputschen. Vierter Wahlkreis, einen großen Theil des alten Berlin an der Spree einnehmend, von vielen Kaufleuten und Handwerkern, aber auch von Arbeitern bewohnt: Social-Demokrat Fritzsche. Fünfter Wahlkreis: Albert Träger. Sechster Wahlkreis, Groß-Industrie- und Arbeiterviertel: Klotz (früher Hasenclever). Für die nächsten Wahlen sind in den erstere drei Wahlkreisen die fortschrittlichen Candidaten dieselben. Die Conservativen stellen auf: gegen Löwe den Kaufmann Rudolph Herzog, gegen Virchow den aus Reichs- und Landtag bekannten conservativen Heißsporn Freiherrn v. Minnigerode, gegen Saucken einen Herrn Julius Schulze. Herzog ist ein Großhändler in Manufacturwaaren, besonders Damenkleiderstoffen, welcher sich durch Geschicklichkeit, Reclame und besonders durch die Maxime des baren Ein- und Verkaufes sehr emporgebracht hat, außerdem aber eine der finanziellen Hauptstützen der Antisemiten ist. Tritt Herzog zurück, so wird an seiner Stelle ein Zünftler, Obermeister Meyer, candidirt. Der obengenannte Schulze ist zwar noch ziemlich unbekannt, aber immerhin kein Schulze, wie andere Schulzen, sondern ein ganz besonderer Schulze. Er war Secretär bei der Gewerbekammer in Bremen, wo er sich durch Eintreten für die Bismarck’schen Socialprojecte dem Kanzler bemerkbar machte und flugs als Hilfsarbeiter in die Reichskanzlei berufen wurde. An manchen der neuen gewerblichen Vorlagen soll er Antheil gehabt und auch sonst sich nützlich gemacht haben. So meint Fama, er hätte dem Grafen Wilhelm Bismarck „geholfen“, als dieser, zum Referenten über das Innungsgesetz bestellt, den betreffenden Bericht ausarbeitete. Im vierten Wahlkreise candidirt diesmal für den Fortschritt Träger, für die Conservativen Professor Ad. Wagner, der bekannte National-Oekonom. Dieser Wahlkreis dürfte den heißesten Karnpf haben, nicht nur weil hier die Social-Demokraten sehr stark sind und das vorigemal Fritzsche, allerdings mit Hilfe des Centrums, gegen Zelle siegte, sondern auch weil die Conservativen hier in Wagner die bedeutendste Persönlichkeit aufstellen, die ihnen zu Gebote steht. Wagner ist durch seine staatssocialistische Haltung und die eindringliche Beredsamkeit, die er besitzt, gerade in diesem Wahlkreise ein der Fortschrittspartei nicht ungefährlicher Candidat. Dagegen fragt es sich, ob die Clerikalen, welche das letztemal gegen den Fortschrittsmann aus Verstimmung über dessen Stellung zum Moabiter Klostersturm stimmten, diesmal den conservativen Candidaten unterstützen würden. Im fünften Wahlkreise candidirt Richter; gegen ihn stellen die Conservativen Cremer auf, offenbar, um dessen Abfall vom Centrum zu belohnen. Sie waren aber so schlau, ihm einen Wahlkreis auszusuchen, wo fast gar keine Katholiken wohnen. Im sechsten Wahlkreis candidirt wiederum Stadtgerichtsrath Klotz und gegen ihn der sattsam bekannte Hofprediger Stöcker. Auch hier könnten die Social-Demokraten vielleicht wieder emporkommen. Ihre Candidaten sind noch nicht bekannt, doch hieß es, daß sie im vierten Wahlkreise statt Fritzsche, der nach Amerika ausgewandert ist, Bebel aufstellen wollen. S.

Die conservativ-clericale Posaune.

 Cremer und Stöcker stoßen jetzt in Ein Horn. Ob es ihnen so gelingen wird, die Ring-Mauern umzublasen?

Aus: „Berliner Wespen“, 13. Juli 1881

Siehe auch zum Ablauf und den antretenden Parteien:

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