Gährung im Baltikum

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Neue Freie Presse, Wien, 16. Juli 1881

Die russischen Blätter besprechen die uns bereits telegraphisch signalisirte Gährung in den baltischen Provinzen. Unter den von russisch-nationaler Seite gegen die Deutschen verhetzten lettischen und esthnischen Bauern scheint in der That eine Agitation zu herrschen, welcher es nicht an drohenden Anzeichen fehlt. Die Städte Dorpat und Reval wurden jüngst durch Brandlegungen in Allarm versetzt, und die Esthen halten erregte Zusammenkünsfe, wo die Agrarfrage besprochen wird. Dem Golos, welcher mit heuchlerischem Bedauern eine Schilderung dieses — wie er sagt — „unerfreulichen Bildes“ entwirft und mit allerlei das deutsche Element ziemlich unverblümt verdächtigenden Abhilfsvorschlägen aufwartet, entgegnet die deutsche Petersburger Zeitung in folgender Weise:   

Wer trägt die Schuld an diesem „unerfreulichen Bilde“, an diesen „schlimmen Zeichen“? Wer hat unausgesetzt die Bauern der Ostseeprovinzen, die sich bei normaler agrarischer Entwicklung eines steigenden Wohlstandes erfreuen, aufgehetzt und aufgestachelt Wer hat unermüdlich den Haß der Gutsherren, gegen die Gerichte, gegen die Pastoren, mit Einem Worte gegen Alles, was unter den Begriff Autorität fällt, geschürt? Wer hat, trotz anderweitiger rühmlicher Vertretung der Gewissensfreiheit, sogar die lutherische Confession schlecht zu machen gesucht, weil Deutsche sie ins Land getragen? Wer in den letzten Jahren die Politik, die ein bedeutender Theil der russischen Presse und ihre Helfershelfer ins Lande gegen die baltischen Bauern getrieben, verfolgt hat, wird nicht im Unklaren darüber sein, wo die Ursache der jetzigen „unerfreulichen“ Aufregung zu suchen ist.

 

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