Deutschland ist doch kein Auswanderungsland!

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Das Jahr 1881 verzeichnet einen Rekord an Auswanderungen aus Deutschland, zumeist nach Amerika. Hinzu kommt auch eine erhebliche Binnenwanderung vom Land in die großen Städte, wie etwa nach Berlin oder in das Ruhrgebiet.

Damit gehen den Junkern die billigen Arbeitskräfte verloren. In diesem Kontext ist auch die plötzliche Entdeckung der Arbeiter zu verstehen, deren Lebensbedingungen man bejammert. Man macht die Abwanderung seinen Knechten madig. Und eine Belastung der Industrie durch neue Regulierungen und Abgaben wäre nicht unwillkommen, um das Gefälle bei den Löhnen etwas weniger steil zu gestalten. Industriearbeiter verdienen nämlich erheblich besser als ihre Kollegen auf dem platten Land.

Als das alles nichts hilft, kommen weitergehende Vorschläge auf. Den Liberalen wird die Einführung der Freizügigkeit (im Norddeutschen Bund ab 1867, dann erweitert auf das gesamte Reich ab 1871) als eine ihrer Sünden vorgehalten. Und nun will man die Uhr zurückdrehen und die Landbevölkerung wieder an die Scholle binden wie in der guten alten Feudalzeit. Flüchtige Dienstknechte werden von der Polizei an Bahnstationen aufgegriffen. Über eine andere Variante berichtet am 16. Juli 1881 die Neue Freie Presse aus Wien:

[Gegen die Auswanderung.] Um die sich immer mehr vergrößernde Auswanderung der deutschen Landbevölkerung so viel als möglich su vermindern, haben mehrere Provizialregierungen in Deutschland folgendes Schreiben an die betreffenden Localbehörden gerichtet:

Es ist zu unserer Kenntnis; gelannt, daß gewisse Auswanderungs-Agenten an Gutsbesitzer und Wirthe Placate gesendet haben mit der Bitte, dieselben in ihren Localitäten aufzuhängen, welch erstere Mittheilungen über billige und sichere Fahrt enthalten und zur Auswanderung verleiten sollen. Sie sind daher gebeten in solchen Fällen die betreffenden Paragraphe in Abtheilung 144 des Strafgesetzbuches in Anwendung zu bringen, welches das Ankleben von Placaten an öffentlichen Plätzen, Wirthsstuben und Speisesälen verbietet, soweit es in obiger Abtheilung specificirt ist. Die Polizei-Behörden und Gendarmen sind demgemäß zu unterrichten.

Es soll ferner beschlossen sein, ein Gesetz wegen der Auswanderung vor den nächsten Reichstag gelangen zu lassen.

Niemand hat dabei wie immer die Absicht, eine Mauer zu bauen. Doch eine solche Vorgehensweise ist extrem unpopulär und so versanden die angesprochenen Gesetzesinitiativen zunächst. Erst 1897 wird ein „Auswanderungsgesetz“ gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten angenommen. Von daher verlegen sich die Konservativen später mehr auf die Propaganda für höhere Fahrkartenpreise in den billigen Klassen, um so der „Eisenbahnvagabondage“ (saisonale Abwanderung der sogenannten „Sachsengänger“ vom Osten in den Westen) entgegenzusteuern.

Eugen Richter wird sich 1891 in seinem Zukunftsroman „Sozialdemokratische Zukunftsbilder“ den Spaß machen, den Sozialisten an der Macht die Schlagworte der Konservativen in den Mund zu legen. Der Roman spielt nach der Machtübernahme der Sozialdemokraten, die den planmäßigen Aufbau des Sozialismus durchführen wollen, aber auf einige unerwartete Probleme stoßen. Gegen diejenigen, die das sozialistische Deutschland Richtung Großbritannien, USA oder Schweiz verlassen wollen, wird der Schießbefehl eingeführt. Aber auch innerhalb Deutschlands geht einiges schief: die Bewohner vom Land drängen nämlich in die Städte, wo es ihnen besser geht. Der Erzähler des Romans, ein strammer Sozialdemokrat, erläutert die Maßnahmen der Regierung:

Es wäre freilich richtiger gewesen, wenn die erst jetzt erlassenen Bestimmungen schon früher gekommen wären, wonach niemand seinen Wohnort zu vorübergehender Abwesenheit ohne Urlaubskarte und zu dauernder Entfernung ohne Anweisung der Obrigkeit verlassen darf. Natürlich soll Berlin auch künftig Besuch und Zuzug erhalten, doch nicht willkürlich und planlos, sondern, wie dies alles der „Vorwärts“ einfach und klar darlegt, nach Maßgabe der sorgfältig aufgestellten Berechnungen und Pläne der Regierung. Der sozialdemokratische Staat oder, wie es jetzt heißt, die Gesellschaft, nimmt die allgemeine Arbeitspflicht ernst und duldet deshalb keinerlei Vagabondage, auch keine Eisenbahnvagabondage.

Am 27. April 1881 unterbreiten die „Berliner Wespen“ ihren eigenen Vorschlag unter Anspielung auf der Sozialistengesetz, wie man die Auswanderung eindämmen könnte:

Ein Gesetz gegen die Auswanderung.

Von allen Seiten mehren sich die Meldungen über die Auswanderung Deutscher nach überseeischen Ländern, die eine in früheren Jahren nie dagewesene Ausdehnung anzunehmen droht. Als Mittel gegen diese Kalamität schlagen wir Folgendes vor:

Es wird ein zweites Ausnahmegesetz erlassen, welches seiner Tendenz nach dem ersten entgegengesetzt ist; es enthält nur 2 Paragraphen.

§ 1. Menschliche Versammlungen, worunter auch ganze Städte und Dörfer zu verstehen sind, welche sich durch Auswanderungsgelüste der einzelnen Personen aufzulösen beginnen, sind polizeilich zusammenzusprengen.

§ 2. Personen, welche, ohne auf Grund des Socialistengesetzes verfolgt zu sein, ins Ausland gehen, sind in ihren Heimathsort einzuweisen, und dürfen die Banngrenze nicht überschreiten.

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