Organisitis

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von Alexander Moszkowski, 1922

Jetzt, wohin auch die Pupille stiert,
Alles ist „organisiert“,
Alle Stände, alle Klassen,
Alle Gruppen, alle Massen,
In bewegten Lebensfluten
Haben sich organisiert,
Haben Ausschuß und Statuten,
Haben Obmann, haben Führung,
Haben die Organisierung.
Ja, dies gilt ganz streng genommen,
Kein Beruf ist ausgenommen,
Selbst die Untertertianer
Und die Rutschbahneisenbahner,
Beerensammler, Pilzesammler,
Volksversammlungsredestammler,
Renner und Distanzenläufer,
Schnürensenkelplatzverkäufer
Haben sich, wie konstatiert,
Musterhaft organisiert.
In den Dielen Kunstliedpfeifer,
Lehmhausrabitzwandversteifer,
Harfenisten, Posaunisten,
Aufdemletztenlochflötisten,
Toilettpapieremakler,
Schwarzerkaffeesatzorakler,
Altemessingschraubennieter,
Köhlerhüttenaftermieter,
Mandolinenrep’rateure,
Pudel-, Spitz- und Mopsfriseure,
Futuristen, Lyrikdichter,
Raupentöter, Flohabrichter,
Fakultäts- und Klippschullehrer,
Relativitätserklärer,
Weichenschieber, Bäumefäller,
Rodelbahnrekordaufsteller,
Weintaxierer, Bienenpfleger,
Schlangenmenschen, Kammerjäger,
Elfenbeinernknöpfedrechsler,
Zwischenhändler, Kellerwechsler,
Einheitlich diszipliniert,
Haben sich organisiert.
Nur noch eines wäre zu erzählen:
Daß die feinst „organisierten“ Seelen
Dies Bedürfnis nicht verspüren,
Keinerlei Statut erstreben,
Und, der Einsamkeit ergeben,
Niemals sich organisieren.

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