Jedermann kann bequem ein 6faches Gewehr bei sich tragen

Dieser Artikel wurde 5952 mal gelesen.

Einer der eifrigsten Annoncierer in den „Berliner Wespen“ ist der Waffenhändler Hippolit Mehles. Teilweise schaltet er sogar, was sehr ungewöhnlich ist, ganzseitige Anzeigen. Waffenbesitz und Tragen von Waffen sind in Deutschland weitgehend unbeschränkt.

Das erste Gesetz, das diese Freiheit teilweise beschneidet, ist das Sozialistengesetz von 1878. In § 28, Absatz 4 wird im Rahmen des sogenannten „Kleinen Belagerungszustandes“ für die davon betroffenen Städte die Möglichkeit geschaffen, „daß der Besitz, das Tragen, die Einführung und der Verkauf von Waffen verboten, beschränkt oder an bestimmte Voraussetzungen geknüpft wird.“ Das ist natürlich gegen die Sozialdemokraten gerichtet, heute die eifrigsten Befürworter von Beschränkungen des Waffenbesitzes.

Dies scheint auch Auswirkungen auf das Geschäft von Hippolit Mehles zu haben. Bei Verhängung des „kleinen Belagerungszustandes“ über Städte wie Berlin, Hamburg oder Leipzig wird zwar nur das Tragen von Waffen untersagt, aber auch ein Verbot des Verkaufs oder Einführens ist ja denkbar. Brenzlig ist dabei auch, daß der Attentäter Max Hödel seine Tatwaffe bei Hippolit Mehles gekauft hat, mit der er den ersten der beiden Attentatsversuche 1878 gegen den Kaiser verübt.

Am 23. August und 28. September 1877 vor dem Sozialistengesetz wirbt Hippolit Mehles noch in ganzseitigen Anzeigen mit dem Kernsatz „Es kann also Jedermann bequem ein 6faches Gewehr stets bei sich tragen“ (Bilder anklicken für größere Version):

Und am 17. Mai 1878 preist er seine Revolver mit einer Dramatisierung und dem Werbespruch an: „Kein Mann ohne Revolver. Keine Frau ohne Revolver. Keine Reise ohne Revolver. Kein Vergnügen ohne Revolver.“

1879 machen sich die Chilling Effects des Sozialistengesetzes in den Annoncen bemerkbar (nicht nur denen für Waffen, wir werden darüber noch berichten). Hippolit Mehles schaltet nur noch wenige Anzeigen und scheint sich vorzutasten. Am 4. April 1879 gibt es eine kleine Anzeige, in der erst auf den zweiten Blick der eigentliche Zweck erkennbar wird:

Am 16. Mai 1879 geht Hippolit Mehles etwas mehr aus der Deckung, allerdings, als wenn die kleinformatige Anzeige verboten wäre:

Ein weiteres Experiment, eher indirekt zu werben, folgt am 12. September 1879:

Erst etwa ein Jahr nach Verhängung des Sozialistengesetzes am 24. Oktober 1879 geht es wieder, wenn auch in bescheidenerem Format, um Waffen:

Dann zieht Hippolit Mehles sich wieder auf indirektes Anpreisen zurück, etwa am 13. Februar 1880 mit einem auf seine Person zugeschnittenen Album:

Die Anzeigen erscheinen allerdings relativ selten. Dabei betont Hippolit Mehles den Direktverkauf gegenüber dem Versand, hier in einer wieder expliziteren Anzeige vom 11. Februar 1881:

Dann kehrt er dazu zurück, seine Waren indirekt anzupreisen, wie hier in einer kleinen Anzeige vom 20. Juli 1881:

Schließlich scheint er einen Ausweg gefunden zu haben. Ab August annonciert Hippolit Mehles wieder häufiger mit größeren Anzeigen wie dieser vom 17. August 1881, die aber nicht mehr Schußwaffen in den Mittelpunkt rückt:

Bis 1883 sind die Anzeigen vollends harmlos geworden, wie etwa diese vom 16. März 1883 zeigt:

Und 1885 sind die Annoncen komplett aus den „Berliner Wespen“ verschwunden.

1893 wandert Hippolit Mehles, 57 Jahre alt, an Bord der „Fürst Bismarck“ nach Illinois aus.

Siehe auch: Dirk Schindelbeck: “Kein Vergnügen ohne Revolver”

Dieser Beitrag wurde unter 1877, 1881, Berliner Wespen, Bürgerliche Freiheit, Deutschland, Geschichte, Sozialdemokratie, Waffen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar