Bismarck zeigts den Sozialdemokraten

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Ein Mittel, mit dem Bismarck nicht nur die Arbeiter für sich gewinnen und den Sozialdemokraten, aber auch den Fortschrittlern abspenstig machen möchte, ist die Vorlage eines Unfallversicherungsgesetzes. Es geht nebenbei darum, von den massiven Steuer- und Zollerhöhungen abzulenken, die denselben Arbeitern die Lebensmittel verteuern und die deshalb von der Fortschrittspartei bekämpft werden.

Wir werden noch eingehender über die Vorgänge berichten. Der heutige Leser kann aber jetzt schon einmal einen Test machen, ob er erkennt, welche Forderung von den herzlosen Manchestermännern der Fortschrittspartei stammt und welche vom großen Arbeiterfreund Bismarck, dem Vater der — wie es immer so schön heißt — „modernsten Sozialgesetzgebung“ (moderner wurde es ja nicht, als die „Begünstigten“ selbst die Rechnung bezahlen und den Staat als Wohltäter dafür feiern zu lassen):

Antwort A: Unfälle im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses gehören zum Arbeitsumfeld, für das der Arbeitgeber verantwortlich ist, der deshalb auch für entsprechende Schäden aufzukommen hat. Wie der Arbeitgeber sich dagegen versichert, ist seine Sache. Er kann das über private Versicherungen tun oder bei großen Unternehmen auch ohne Versicherung aus eigener Tasche zahlen, weil seine Belegschaft selbst schon ein hinreichend großer Versicherungspool ist. Wenn sich eine zwangsweise staatliche Versicherung nicht verhindern läßt, dann sollten die Beiträge ganz vom Arbeitgeber entrichtet werden.

Antwort B: Das Reich kann viel besser eine Versicherung betreiben als private Versicherungsgesellschaften und freiwillige Genossenschaften, die deshalb zugunsten eines Reichsversicherungsamtes aus dem Geschäft gedrängt werden müssen. Große Unternehmen, die überhaupt keinen Bedarf für eine Versicherung haben, müssen trotzdem zwangsweise auch einzahlen. Die Kosten werden für niedrige Einkommen unter 750 Mark im Jahr zu zwei Dritteln vom Arbeitgeber und einem Drittel vom Reich, für alle anderen hälftig von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen. Damit das alles für die Arbeitgeber und das Reich nicht so belastend ist, sollte dies die breite Bevölkerung, also insbesondere die Arbeitnehmer, durch höhere Zölle und Steuern auf Lebensmittel gegenfinanzieren. Die Arbeitgeber werden gleichzeitig durch Absenken direkter Steuern entlastet.

Am 8. Juni 1881 machen sich die „Berliner Wespen“ über Bismarcks Theater lustig. Der Kanzler schlägt mit dem Beelzebub-Knüppel „Staatssozialismus“, der wiederum den Knüppel „Unfallversicherungs-Gesetz“ schwingt, auf die in Räubermontur dargestellte Sozialdemokratie ein. Während die feinen Leute im Publikum aus dem Häuschen sind, scheinen die Sozialdemokraten mit den Knüppeln wenig beeindruckt zu sein.

Tragikomödie.

„Paß auf, Teufel, ich treibe Dich mit dem Beelzebub aus!“

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierten Ausgaben mit Reden aus der Zeit, die sich aus freisinniger Sicht mit der Politik von Bismarck gegenüber den Sozialdemokraten beschäftigen (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4  Sozialismus und Reaktion klein 3

Außerdem  sind dort auch zahlreiche Werke  wieder aufgelegt worden von Julius Stettenheim (1831-1916) und Alexander Moszkowski (1851-1934), den Machern hinter den „Berliner Wespen“ (einfach auf das Bild klicken):

Wippchens Gedichte 1 klein 2 Wippchens%20Gedichte%20klein%202 Ein%20lustig%20Buch%20klein%202 Burlesken%20Klein%201 Moszkowski%20Kunst%201a%20klein MZ klein 4 Notenquetscher Dichtungen klein 2

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