Frankreich knabbert an Afrika

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Deutschland hat 1881 noch keine Kolonien. Bismarck startet zwar einen Versuchsballon, als die private „Deutsche See-Handels-Gesellschaft“ bankrott geht. Diese war in Samoa aktiv und sollte nach dem Wunsch des Kanzlers mit einer Reichsgarantie gerettet werden. Die sogenannte „Samoa-Vorlage“ wird aber am 27. April 1880 vom Reichstag mit einer Mehrheit von 128 Stimmen (darunter die Fortschrittspartei) gegen 112 abgewiesen, nachdem der Bundesrat am 15. April 1880 zugestimmt hat. Samoa wird erst 1889 Protektorat von Deutschland, Großbritannien und den USA, und dann 1899 zwischen Deutschland und den USA aufgeteilt.

Die „Berliner Wespen“ haben kein Verständnis für derartige Abenteuer und spotten in einer Karikatur am 23. Januar 1880 über die naiven Investoren:

Von den Samoa-Inseln.

Da giebt es noch Menschenfresser, Du kleines Capital, und wenn Du dahin Dich verirrst, so wirst Du gefressen!

Die anderen europäischen Mächte stürzen sich allerdings um die Zeit in den „Scramble for Africa“, ihnen voran Großbritannien mit der Annexion Transvaals 1877. Frankreich hat bereits 1830 Algier annektiert und von daher in einem langen Kampf ganz Algerien. Nach dem demütigenden Niederlage im Krieg von 1870/1 gegen Deutschland suchen die französischen Diplomaten und Militärs Erfolge außerhalb Europas. Schon seit einer Weile lauert man darauf, einen Vorwand für eine Ausdehnung nach Tunesien, Teil des osmanischen Reiches, zu finden, denn die französische Öffentlichkeit und das Parlament stehen einer Kolonialpolitik ablehend gegenüber.

Als die Khroumir von Tunesien aus einen Ausfall nach Algerien machen, ist es so weit. Am 3. bis 6. Mai 1881 landen französischen Truppen in Bizerta, Tunesien. Unter massivem Druck muß sich der tunesische Bey Muhammad III. al-Hussain am 12. Mai 1881 im Bardo-Vertrag unter das Protektorat der französischen Republik stellen, das bis 1956 andauern wird.

Allerdings gibt es einige Komplikationen. Italienische Unternehmen sind in Tunesien engagiert, und es gibt einige Italiener, die dort leben. Auch wenn Italien nicht anstrebt, in Nordafrika Kolonien zu erwerben, hält man dennoch Tunesien und Libyen für seine Interessensphäre (Libyen wird erst 1912 italienische Kolonie). Der Einmarsch der Franzosen in Tunesien führt von daher zu Spannungen zwischen Italien und Frankreich, die durch anti-italienische Ausschreitungen in Südfrankreich im Juni verschärft werden. Italien nähert sich im Gegenzug Deutschland und Österreich-Ungarn an, was 1882 zum Dreibund führt.

Entscheidend ist allerdings die Haltung Großbritanniens, das lieber Frankreich in Tunesien sieht als Italien, welches in dem Fall beide Seiten des Mittelmeers im Griff hätte. Und Bismarck gefällt es, daß sich die Franzosen außerhalb Europas abreagieren. Deutschland bleibt von daher neutral. Während die „Berliner Wespen“ in der Innenpolitik scharf gegen den Kanzler kämpfen, stimmen sie ihm hierbei zu. Am 13. April 1881 illustrieren sie das in einer Karikatur:

Nach Tunis!

Deutschland: Dank, heiliger Monsieur Florian. Du schonst mein Haus, zünd’st and’re an!

Aus Sicht der „Berliner Wespen“ ist die Kolonialpolitik Frankreichs unsinnig und gefährlich, wie die der Briten, die das gerade im Ersten Burenkrieg von 1880 bis 1881 mit einer herben Abreibung, insbesondere der Niederlage in der Schlacht am Majuba Hill am 27. Februar 1881 erfahren haben. In einer Karikatur am 25. Mai 1881 warnt der verwundete englische Löwe den französischen Hahn:

Warnung von unten nach oben.

England (zu Frankreich): Das Anknabbern wird Ihnen auch noch einmal leid thun!

In derselben Ausgabe wird Frankreich auch als alberner Raufbold Falstaff dargestellt. Rechts freuen sich die Mächte des Dreikaiserabkommens: Österreich-Ungarn, Deutschland und Rußland, während links Italien, Großbritannien sowie die Türkei wenig angetan scheinen:

Der ewige Falstaff!

„So lag ich, und so führt‘ ich meine Klinge!“

Die Tunesier nehmen die Besetzung nicht kampflos hin. Am 10. Juni 1881 bricht ein Aufstand im Süden des Landes aus, der den Franzosen zu schaffen macht. Erst am 16. Juli 1881 gelingt es ihnen nach Bombardierung die Stadt Sfax einzunehmen. Allgemein wird angenommen, daß die Franzosen als nächstes ein Auge auf Libyen werfen werden. Das illustrieren die „Berliner Wespen“ am 20. Juni 1881 mit einem Wortspiel auf „L’appetit vient en mangeant“ (Der Appetit kommt beim Essen):

Aus Tunis. 

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