Antisemitische Agitationen

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Aus: Eugen Richter, Im Alten Reichstag, Zweiter Band, Berlin 1896.

Dreizehntes Kapitel, Seite 176-183

(Bis Frühjahr 1881).

Die Zunahme der oppositionellen Bewegung, die überraschenden Wahlerfolge der Fortschrittspartei ließen es der Kanzlerpartei geraten erscheinen, sich nach besonderen Zugmitteln für die 1881 bevorstehenden Neuwahlen zum Reichstag umzusehen. Steuerwesen, Schutzzölle, Zunftwesen verfingen ebensowenig mehr wie das Graulichmachen mit dem roten Gespenst. In den oberen Regionen begann daher um diese Zeit die Vorbereitung der sozialpolitischen Gesetzgebung, in den unteren Stockwerken wurde der antisemitischen Agitation eine breitere Unterlage gegeben, indem man dieselbe zugleich in gewisse Beziehungen zum Reichskanzler brachte.

Die antisemitische Agitation datiert in Berlin von Anfang 1879. Hofprediger Stöcker hatte Anfang 1878 die „christlich-soziale Partei“ gegründet, eine Verquickung von Staatssozialismus und Konservativismus, welche gleich der Sozialdemokratie den Staat für alle Übelstände in den Arbeitsverhältnifsen verantwortlich machte und auch ihre Agitationsmethode von den Sozialdemokraten entlehnte, indem sie Haß und Leidenschaft, Neid und Eifersucht gegen die Besitzenden (ausgenommen die ländlichen Besitzer), erregte. Die Verwandtschaft mit der Sozialdemokratie zog Wirrköpfe aus den Reihen der Sozialisten an; sogar der Attentäter Hödel war eingeschriebenes Mitglied des christlich-sozialen Vereins gewesen und hatte Stöckersche Flugblätter verteilen helfen.

Alsbald ging die christlich-soziale Partei von der Bekämpfung der Sozialdemokratie, mit welcher Stöcker debütiert hatte, zur Bekämpfung des Liberalismus über, der angeblich durch seine Beherrschung von Staat und Gesetzgebung alle Übelstände der neueren Zeit verschuldet habe. Nach und nach trat dann in der Agitation die Judenhetze in den Vordergrund; das Schauspiel, einen aktiven Hofprediger derart Klassenhaß betreiben zu hören, erwies sich für den Mob der Hauptstadt als wirkungsvollstes Zugmittel.

Bei den Landtagswahlen im Herbst 1879 übertrug sich diese Judenhetze auf konservative Vereine und wurde auch dort von mehreren Predigern (Hapke, Diestelkamp u. A.) in Gemeinschaft mit Stöcker betrieben, freilich ohne irgend welchen Erfolg. Schon damals geißelte ich in Wählerversammlungen diese verwerfliche Agitation.

Durch Professor von Treitschke und seine Hetzartikel in den Preußischen Jahrbiichern wurde Anfang 1880 die Judenhetze in Studentenkreisen eingeführt und dort gewissermaßen als „nationaler“ Sport ausgebildet.

Schon im Oktober 1879 hatte der Vorstand der jüdischen Korporation in Berlin sich bei dem Minister des Innern über das ganze Treiben beklagt. Erst nach drei Viertel Jahren und wiederholten Erinnerungen ließ Minister Graf Botho zu Eulenburg am 19. Juni 1880 hierauf antworten, daß Verletzungen der Gesetze bei den Verhandlungen der Christlich-Sozialen bisher nicht festgestellt seien.

Einen gewissen Dämpfer hatte die Bewegung erhalten, als Anfang 1880 die Worte des deutschen Kronprinzen in der Offentlichkeit bekannt wurden, welche derselbe am 29. Dezember 1879 an den Vorsitzenden der jüdischen Korporation in Berlin, Stadtrat Magnus, gerichtet hatte. Der Kronprinz, von längerem Aufenthalt in Italien zurückgekehrt, bezeichnete diese Agitation in einer Sitzung der Viktoria-Invalidenstiftung als eine Schmach für Deutschland. Er habe sich im Auslande den Ausländern gegenüber dieser Agitation geschämt. Der verstorbene Abgeordnete Wulfshein hatte mir sogleich über diese Äußerung als Ohrenzeuge berichtet; späterhin hat Stadtrat Magnus selbst mir die Wahrheit dieser Äußerung persönlich und mündlich bezeugt.

Die Petition der Antisemiten an den Reichskanzler.

[Siehe: Hintergrund: Die Antisemitenpetition]

Unsere Interpellation im Landtage.

[Siehe: Hintergrund: Die Interpellation Hänel]

Berliner Protestkundgebungen.

Anfang Januar [richtig: 12. November 1880] veröffentlichte Oberbürgermeister v. Forckenbeck eine Erklärung von 60 [richtig: 75] Notabilitäten auf allen Gebieten des hauptstädtischen Lebens, welche die antisemitische Agitation in scharfen Worten mißbilligte und Achtung für jedes Bekenntnis, gleiches Recht, gleiche Sonne im Wettkampf, gleiche Anerkennung, gleiches Streben für Christen und Juden verlangte.

Im Januar setzten wir die Offensive weiterhin fort und beriefen als Landtagsabgeordnete von Berlin auf den 12. Januar die Wahlmänner aller Parteien aus allen 4 Landtagswahlkreisen Berlins in die „Reichshallen“. Es war eine stattliche Versammlung von 2500 Personen vereinigt. Nach Reden von Virchow, Professor Dr. Ad. [richtig: Albrecht] Weber (nationalliberal) und mir wurde mit allen gegen eine Stimme eine Resolution angenommen, in welcher „die Versammlung dem Bedauern und der Entrüstung darüber Ausdruck giebt, daß Berlin seit einiger Zeit zum Schauplatz von Versammlungen, Kundgebungen und selbst gewaltthätigen Ausschreitungen gemacht wird, welche darauf ausgehen, durch Aufstachelung der verwerflichsten Leidenschaften die Mitglieder der verschiedenen Bekenntnisse mit Haß und Verachtung gegen einander zu erfüllen, und geeignet sind, den Ruf der Reichshauptstadt und die Ehre des deutschen Namens zu beflecken. Die Wahlmänner Berlins verwahren sich und die von ihnen vertretene Bürgerschaft gegen jede Antastung der Rechtsgleichheit der religiösen Bekenntnisse. Sie sind einig in der Überzeugung, daß nur in dem friedlichen und einträchtigen Zusammenwirken aller Kräfte des nationalen Lebens, vor dem kein Unterschied des Bekenntnisses Berechtigung hat, die Wohlfahrt des Deutschen Reiches und seiner einzelnen Bürger gedeihen kann.“

Ich hatte in meiner Rede — der Bericht über die Versammlung und die Reden wurden von uns als Broschüre herausgegeben — ausdrücklich hervorgehoben: Diese Bewegung hängt sich an die Rockschöße des Fürsten Bismarck (Fürst Bismarck hatte bekanntlich einmal im Reichstag bemerkt, daß der Attentäter Kullmann an den Rockschößen des Centrums hänge), und „wenn er sie gleich ablehnt und in seiner Presse die Überschreitungen mitunter tadeln läßt, so fährt sie doch fort, sich an ihn anzuschmiegen und sich auf ihn zu berufen, gleichwie lärmende Kinder ihren Vater umdrängen.“

Nochmals der Kronprinz.

Ich hatte in meiner Rede in der Wahlmännerversammlung, gestützt auf das direkte mündliche Zeugnis des Stadtrat Magnus, welches ich mir zu diesem Zweck erbeten hatte, die Verurteilung der antisemitischen Bewegung durch die Äußerung des Kronprinzen vom 29. Dezember 1879 ausdrücklich unter einem Beifallssturm der Versammlung erwähnt. Zwei Tage darauf, am 14. Januar, nahm der Kronprinz noch einmal in der Sitzung der unter seinem Protektorat stehenden Viktoria-Invalidenstiftung Anlaß, zu dem stellvertretenden Vorsitzenden, Stadtrat Magnus, der zugleich Vorsitzender, der jüdischen Korporation von Berlin war, sich unter beifälliger Äußerung über das Ergebnis der Wahlmännerversammlung über die antisemitische Bewegung zu äußern. Er hege dieselbe Anschauung noch wie vor einem Jahr; er mißbillige und verwerfe die gedachten Bestrebungen auf das entschiedenste.

„Was sein Gefühl dabei am meisten verletze, sei die Hineintragung dieser Tendenzen in die Schulen und Hörsäle; in die Pflanzstätten des Edlen und Guten sei dieses böse Samenkorn hineingeworfen worden. Hoffentlich werde es nicht zur Reife gelangen. Er vermöge es nicht zu fassen, wie Männer, die auf geistiger Höhe stehen oder ihrem Rufe nach stehen sollten, sich zum Träger und Hilfsmittel einer in ihren Voraussetzungen und Zielen gleichmäßig verwerflichen Agitation hergeben könnten. Er gebe sich der sicheren Hoffnung hin, die Bewegung werde sich langsam im Sande verlieren. Denn derartige ungesunde Dinge könnten keinen Bestand haben.“

Der Reichskanzler ermuntert die Antisemiten.

[Siehe auch: Antisemitische Huldigungen für Bismarck]

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Siehe auch: Eugen Richters Rede am 12. Januar 1881 in den Reichshallen

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