Die zwei Seelen der Sozialdemokratie (I): Kollektivistischer Totalitarismus

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Am 7. Juli 1881 beginnt in den Spalten des im Züricher Exil erscheinenden Zentralorgans „Der Sozialdemokrat“ ein Streit zwischen zwei Schreibern, die unter den Pseudonymen „Symmachos“ und „A.B.C.“ antreten. Die Diskussion scheint aus dem Nichts zu kommen. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Richtungsstreit, der philosophisch verbrämt wird. Dies ist eine gute Tradition, wie sie auch späterhin gerne bis hin zu den stalinistischen Pseudodebatten gepflegt wird.

Daß hier keine kleinen Genossen schreiben, erhellt schon der Umstand, daß in dem wöchentlich erscheinenen Organ, meist nur von einem Umfang von vier Seiten, beide Kontrahenten umstandslos wiederholt mehrere Spalten eingeräumt bekommen. Und tatsächlich handelt es sich um zwei der bekanntesten Führer der Sozialdemokratie im Kaiserreich. Der eine ist dies auch schon 1881, der andere ist noch ein Rising Star, der allerdings die Rückendeckung von Marx und Engels aus London zu haben scheint.

Um die Spannung etwas hochzuhalten, verraten wir hier noch nicht, wer sich hinter den beiden Pseudonymen versteckt. Das werden wir erst am Ende der Serie tun, die wir hiermit beginnen. So viel kann aber schon offenbart werden: „Symmachos“, der sich sehr proletarisch geriert, hat einen durchaus bourgeoisen Hintergrund, während „A.B.C.“ aus armen Verhältnissen stammt und von daher wenigstens bedingt eine gewisse Street Credibility als Arbeiter hat. „Symmachos“ verrät sich allein schon durch die akademische Sprache als Studierter im Gegensatz zum Autodidakten „A.B.C.“.

Woher kommt nun die Debatte, die „Symmachos“ mit seinem ersten Artikel „Freiheit“ lostritt? Man will hier nicht einfach mal etwas philosophieren. Vielmehr sieht sich die Sozialdemokratie zwei Bedrohungen gegenüber: den innerparteilichen Anarchisten und den konkurrierenden Parteien der Linken: den süddeutschen Demokraten, wie etwa vertreten von Leopold Sonnemann, sowie der Deutschen Fortschrittspartei.

1875 hat sich die sozialdemokratische Partei aus zwei Flügeln zusammengefunden, dem marxistischen und dem lassalleanischen, wobei die Differenzen und viel wichtiger die Machtansprüche nur mit Phrasen im Gothaer Programm verkleistert werden. Die tagespolitisch schon immer rabiateren Lassalleaner möchten 1881 ganz handfest gegen das Sozialistengesetz kämpfen, während die Marxisten durchaus die Vorzüge eines Märtyrerstatus erkennen.

Innerhalb der Partei formieren sich die „Anarchisten“ unter Johann Most, die einen gewaltsamen Umsturz propagieren. Mit ihrem in London erscheinenden Organ „Freiheit“ gelingt es ihnen zu Beginn des Sozialistengesetzes die Debatte zu dominieren. „Der Sozialdemokrat“ wird insbesondere dazu gegründet, die Dominanz der Marxisten in der Partei wiederherzustellen. Entsprechend gibt es eine Dauerkampagne gegen die „Anarchisten“ in der Partei. Die Marxisten möchten nicht mit deren Gewaltbereitschaft zusammengeworfen werden, sondern die Herrschaft des Sozialistengesetzes zur Festigung nutzen, um danach eine legale Strategie der Machtergreifung zu verfolgen. Blutrünstige Aufrufe zu Attentaten kann man von daher nicht gebrauchen.

Die Reihen der Marxisten sind allerdings nicht geschlossen. Sie glauben zwar alle an die Lehren von Marx und Engels, legen diese aber unterschiedlich aus, wobei die politische Herkunft eine wichtige Rolle spielt. Wir haben schon an anderer Stelle erläutert, daß die Ideologie der Sozialdemokraten aus zwei unterschiedlichen Bestandteilen zusammengenäht ist: einerseits der „Demokratie“, verstanden im Sinne der Revolution von 1848, und andererseits dem Sozialismus. „Demokratie“ steht hierbei für Forderungen nach bürgerlicher Freiheit (Redefreiheit, Religionsfreiheit, usw.) sowie politischer Freiheit (Verfassung, Wahlen, Gewaltenteilung, usw.). Sozialismus ist die Forderung nach der vollständigen Übernahme des Wirtschaftssystems mit zentraler Planwirtschaft durch den Staat.

Die beiden Teile der „Sozial-Demokratie“ stehen allerdings nicht, wie die Sozialdemokraten meinen, in einem harmonischen Verhältnis, sondern widersprechen sich, wie man allein an dem Beispiel der Pressefreiheit ersehen kann. Wie frei kann denn eine Presse sein, deren Druckpressen alle in der Hand des einheitlich dirigierenden Staates sind? Und so gibt es immer wieder die Frage: Was ist wichtiger: die Demokratie oder der Sozialismus? Daß diese Frage gestellt wird, dafür sorgt allein schon die Fortschrittspartei. Wie es etwa Eugen Richter 1878 den Sozialdemokraten im Reichstag vorhält:

„Der sozialistische Staat hat die Vernichtung der persönlichen und politischen Freiheit zur Vorbedingung. (Widerspruch bei den Sozialisten.) — Jawohl! Krasser Despotismus einer Majorität oder einzelner weniger Leute, die dem Einzelnen vorschreibt, was er zu arbeiten hat, was er dafür für einen Lohn empfängt und was er dafür zu konsumiren hat; das ist der sozialistische Staat. (Widerspruch.)“

Diese Kritik an den Sozialdemokraten wird vor dem Sozialistengesetz in Massenauflagen verbreitet: die Rede Richters als „Attentat und Sozialistengesetz“ 1878, außerdem „Die Fortschrittspartei und die Sozialdemokratie“ 1877 und 1878 oder „Die Sozialdemokraten, was sie wollen und wie sie wirken“ 1878. Unter dem Sozialistengesetz fällt die Fortschrittspartei nicht etwa über die Sozialdemokraten her. Wie Eugen Richter am 8. April 1881 fast wehmütig klagt:

M[eine] H[erren], wir freuen uns, wenn in Berlin ein lebendiges politisches Interesse sich allenthalben geltend macht, wir freuen uns auch über Lebendigkeit und Rührigkeit unter unseren Gegnern, denn um selbst munter zu bleiben, braucht man auch muntere Gegner. Früher haben die Sozialisten dafür gesorgt; sie sind mundtodt gemacht worden.

Vielmehr konzentriert die Fortschrittspartei ihren Kampf auf die reaktionäre Wende in Deutschland. Dennoch darf man davon ausgehen, daß auf der unteren Ebene die Argumente gegen die Sozialdemokratie weiter präsent sind.

Das ist für die Marxisten durchaus gefährlich, denn viele der Parteiführer stammen aus einer demokratischen Richtung und das gilt noch mehr für die Anhänger und Wähler. Wie Eugen Richter 1890 in seinen „Irrlehren der Sozialdemokratie“ ausführt, geriert sich die Sozialdemokratie in der Öffentlichkeit quasi als linker Flügel der Fortschrittspartei, als Demokraten mit einem sozialreformerischen Akzent. Der Sozialismus ist demgegenüber eine esoterische Lehre für die Eingeweihten, die man in der Öffentlichkeit nach Möglichkeit verschweigt. Von daher liegt es aus Sicht demokratisch gesinnter Anhäger eigentlich nahe, die Reihen mit der Fortschrittspartei zu schließen, den Sozialismus hintenan zu stellen und sich auf den gemeinsamen Kampf gegen die Reaktion zu konzentrieren.

Eine solche Entwicklung wäre aber für die heimlichen Parteiführer in London, Marx und Engels, ein Horror. Um den Sozialismus voranzutreiben, muß deshalb gegen solche demokratischen Anwandlungen angekämpft werden. Der Hauptfeind ist in diesem Sinne nicht etwa die offensichtliche Reaktion in Deutschland, sondern es sind die Fortschrittspartei und die süddeutschen Demokraten, die quasi als „Sozialfaschisten“ zu entlarven sind. Entsprechend hat die Partei ihnen in den Rücken zu fallen, geradeso wie es die Lassalleschen Truppen während des Preußischen Verfassungskonfliktes getan haben. Erst bei den Wahlen 1884 dämmert es den Sozialdemokraten, daß sie sich selbst schaden, wenn sie die einzige Richtung bekämpfen, die für ihre Freiheit und gegen das Sozialistengesetz eintritt. Sie unterstützen Rudolf Virchow gegen die Konservativen und Antisemiten, wozu sie sich 1881 nicht bereitfinden wollen.

Das alles schafft natürlich Spannungen in der Partei und zwischen der Partei und ihren Wählern. Wer zu den Sozialdemokraten übergegangen ist, weil er diese für die konsequentesten Demokraten hält, der muß von einer solchen Linie abgestoßen sein. Entsprechend droht eine Aufweichung des Sozialismus in der Partei. In diesem Kontext ist der untenstehende Artikel von „Symmachos“ zu verstehen: Hier sollen die Argumente geliefert werden, warum die Fortschrittspartei und die süddeutschen Demokraten der wirkliche äußere Feind der Sozialdemokraten sind.

Der 26 Jahre alte Symmachos ist erst seit kurzem Marxist, aber schon seit langem Sozialist. Das ist sein Weg zur Sozialdemokratie, nicht der Weg über die Demokratie, den viele andere gegangen sind. 1881 ist er zudem zu Besuch bei Marx und Engels in London. Und man darf durchaus annehmen, daß er hier als deren Sprachrohr fungiert, mit dem die Partei auf stramm kommunistische Linie gebracht werden soll.

Wir können zwar nicht die leider sehr schlecht dokumentierte, aber vielleicht gar nicht mal falsche Verschwörungtheorie empfehlen, die in dem Buch „Der preußische Regierungsagent Karl Marx“ vertreten wird. Wir müssen allerdings der Beobachtung zustimmen, daß Marx und auch Engels erstaunlich oft an kritischen Punkten eine — in marxistischem Jargon gesprochen — „objektiv reaktionäre“ Haltung eingenommen und propagiert haben, die im Sinne des preußischen, dann des deutschen Staates liegt.

„Symmachos“ ist in seiner Position durchaus konsequent. Die Demokratie wird so umgedeutet, daß sie eigentlich komplett über Bord geworfen wird. Mit erstaunlicher Offenheit wird die Maske heruntergenommen und ein totalitäres Programm entwickelt, wofür „Symmachos“ sich durchaus Verdienste anrechnen kann als Vordenker des Faschismus, begründet vom späteren Chefredakteur des Zentralorgans der italienischen Sozialdemokraten Benito Mussolini, und — mit für den Leser jetzt noch nicht verständlicher Ironie der Geschichte — des „Mehrheitsflügels“ der russischen Sozialdemokraten unter Wladimir Lenin. „Symmachos“ wird übrigens im niederländischen Exil sterben, als die Nationalsozialisten seine Behauptung in die Tat umsetzen:

„Der Mensch ist ein soziales Thier, und wie bei allen sozialen, in Heerden lebenden Thieren ist auch beim Urmenschen das Individuum Nichts, die Heerde Alles.“

Hier nun der Artikel aus „Der Sozialdemokrat“ vom 7. Juli 1881:

Freiheit.

„Freiheit, die ich meine,
Die mein Herz erfüllt!“

„Freiheit“, das ist eines jener Worte, die sich gern da einstellen, wo Begriffe fehlen. Ein Ap[p]ell an die Freiheit verfehlt seine Wirkung niemals; daher kommt es, daß jede Partei die Freiheit als besonderes Privileg für sich in Anspruch nimmt. Klerikale, Liberale und Fortschrittler, sie alle erklären, blos für die „Freiheit“ zu kämpfen. Und mit Recht. Es fragt sich nur für welche „Freiheit“.

Ganz besonders ist die „Freiheit“ eines der Schlagworte der demokratischen Partei, und ist von ihr aus zu uns übergegangen. Auch innerhalb unserer Partei spielt dieses Wörtchen noch eine große Rolle, ohne daß man es immer für nothwendig hält, den richtigen Begriff damit zu verbinden: „genug, die Freiheit ist eine demokratische Forderung und deshalb müssen wir sie auch stellen, und um so energischer stellen, je radikaler wir sind.“

Diejenigen, welche so raisonniren, betrachten eigentlich die Sozialdemokratie blos als eine Erweiterung der bürgerlichen Demokratie, auf deren politische Forderungen eben noch eine Anzahl sozialistischer Forderungen hinaufgepfropft wurde, wie auch von denselben Leuten die Sozialdemokratie als die natürliche Konsequenz der bürgerlichen Demokratie betrachtet wird. Die Demokratie als Vorstufe der Sozialdemokratie.

Nichts einseitiger als das.

Die naturnothwendige Konsequenz der Demokratie ist nicht die Sozialdemokratie, sondern die Anarchie. Beide, Demokratie und Anarchie, sind blos die letzten Konsequenzen der modernen Gesellschaft und bilden daher den geraden Gegensatz zur Sozialdemokratie. Wenn Anarchisten und bürgerliche Demokraten uns heute näher stehen als die anderen Parteien, so ist dies größtentheils nur dem Umstande zu verdanken, daß die guten Leutchen gar nicht wissen, was sie denn eigentlich wollen, andererseits ist es noch ein Fortwirken der Tradition der achtundvierziger Bewegung, die, wenigstens in Deutschland, Demokraten und Sozialisten in einem Lager vereinigte, und damals mit Recht.

Der Grund, warum damals richtig war, was heute falsch ist, ist ein sehr einfacher. Das Proletariat ist zugleich mit der Bourgeoisie entstanden, letztere kann ohne erstere nicht bestehen. Neben der revolutionären Klasse der Bourgeoisie entwickelte sich zugleich die revolutionäre Klasse des Proletariats, beide schon in natürlichem Klassengegensatz, der aber verdeckt wurde durch die beiderseitige revolutionäre Tendenz.

Eine Verbindung des Sozialismus mit der bürgerlichen Demokratie, des energischen revolutionären Proletariats mit den energischen, radikalen Theilen der Bourgeoisie war damals nicht nur gerechtfertigt, sondern nothwendig.

Heute ist die Bourgeoisie aus einer revolutionären eine reaktionäre Klasse geworden, und dadurch ist die Koalition der bürgerlichen Demokratie und des Sozialismus unmöglich geworden. Der eine Theil der Demokratie ist entschieden auf Seiten des Proletariats getreten, ein anderer ebenso entschieden auf Seiten der Bourgeoisie. Die sogenannte demokratische Partei, welche noch an der alten Tradition festhält, fristet nur noch ein saft- und kraftloses Dasein, sie ist ein rudimentäres *) Organ am Körper der Bourgeoisie.

Der vom Bourgeoisstandpunkt aus konsequenteste Theil der ehemaligen Demokratie dagegen, die Fortschrittspartei, ist eben dieser Richtung wegen diejenige Partei, die uns am fernsten steht, die den größten Gegensatz zu uns bildet.

Sie ist es, welche das Schlagwort „Freiheit“ ebenso laut und oft im Munde führt, wie die Anarchisten und einige sich besonders radikal dünkende Sozialisten. Und da dieses selbe Wort auch in unseren Reihen einen großen Zauber ausübt, dürfte es nicht überflüssig sein, zu fragen, was ist denn das eigentlich, die „Freiheit“?

Der Begriff der Freiheit ist ein doppelter, ein positiver und ein negativer. Der negative besagt nichts, als ein Aufhören der bisherigen Herrschaft einer Klasse oder einer Person.

Daß wir für diese Forderung eintreten, ist selbstverständlich, sie bildet ja den Grundzug unserer Bewegung. Die Forderung dieser Art der Freiheit ist jedoch in der Forderung der Gleichheit schon enthalten. Die bürgerliche Demokratie verbindet aber mit dem Wort „Freiheit“ auch einen anderen positiven Begriff, den der absoluten individuellen Freiheit, des laisser faire laisser aller (das Gehenlassen und Geschehenlassen). Und dieser verderbliche. Begriff, diese Hochschätzung der individuellen Freiheit hat sich leider als Nachklang aus der Zeit der sozialistisch-demokratischen Koalition auch in den Köpfen vieler unserer Genossen eingenistet.

Wie entrüstet wird nicht stets der Vorwurf zurückgewiesen: der Kommunismus vernichte die individuelle Freiheit. Und doch ist diese Entrüstung höchst überflüssig. Dieser Vorwurf ist gar kein Vorwurf.

Die absolute individuelle Freiheit ist etwas der menschlichen Natur geradezu Widersprechendes. Der Mensch ist ein soziales Thier, und wie bei allen sozialen, in Heerden lebenden Thieren ist auch beim Urmenschen das Individuum Nichts, die Heerde Alles. Der Indianer erträgt die härtesten Qualen und Entbehrungen mit stoischem Muthe, um dem Stamme zu nützen, um den Stamm nicht zu schänden. Die historische Entwicklung hat diesen urwüchsigen Kommunismus zersetzt, sie hat an Stelle des kommunistischen Kampfes ums Dasein den individualistischen Kampf ums Dasein, den Kampf Aller gegen Alle gesetzt. Und trotzdem und trotz unserer ganz individualistischen Erziehung schlägt immer wieder der alte Kommunist im Menschen durch; die kommunistischen Instinkte, durch den Kampf ums Dasein in Hunderttausenden von Jahren erworben, lassen sich durch die verhältnißmäßig kurze moderne historische Entwicklung der letzten 4-5000 Jahre nicht ausrotten. Der Kommunismus ist keine künstlich erfundene Kategorie, er ist tief in der Menschennatur begründet, und selbst heute gelten nur die kommunistischen Tugenden, welche die Verleugnung des Individuums und dessen Hingabe an die Gesammtheit bezwecken, als verehrungswürdig, indeß der Individualismus als Egoismus im Volke allgemein als etwas Verächtliches gilt.

Die Vernichtung der individuellen Freiheit durch den Kommunismus ist denn auch durchaus nichts Unerträgliches. Der Urmensch unterwirft sich freudig der Herrschaft der Gesammtheit über den Einzelnen. Wogegen er sich empört, das ist die Herrschaft des Einzelnen oder einiger weniger Individuen über die Gesammtheit.

Die Idee der Volkssouveränetät ist von reaktionärer und von „revolutionärer“ Seite aus bespöttelt worden. Das Volk könne nicht herrschen, denn sich selbst könne Niemand beherrschen. Die moralische Selbstbeherrschung sei ja keine Herrschaft.

Sehr richtig, aber sehr falsch, wenn die Einen daraus die Nothwendigkeit der Aristokratie oder Monarchie, die Anderen die der Anarchie folgern. Die Idee der Volkssouveränetät besteht nicht in der Herrschaft des Volkes über sich selbst, sondern in der Herrschaft der Gesammtheit des Volkes über das Individuum.

Diese Idee ist weder lächerlich, noch undurchführbar. Lächerlich und undurchführbar ist dagegen die Idee der vollen, individuellen Freiheit jedes einzelnen Menschen.

Eine solche Freiheit hat es nie gegeben und wird es nie geben, wenigstens solange nicht, als die gegebenen technischen Produktionsbedingungen nicht auf eine ganz neue Basis gestellt werden — ein Moment, welches für uns so undenkbar ist, daß wir damit nicht rechnen können.

Soweit es bisher volle individuelle Freiheit gegeben hat, bestand sie stets blos für die Herrschenden und Genießenden; die Erwerbenden waren stets abhängig, abhängig entweder von einander oder von den Herrschenden. Die Erzählung vom Urmenschen, der einsam im Walde umherstreift, um Kräuter und Früchte zu sammeln, ist ein Hirngespinst, weiter nichts. Die vorgeschichtliche Forschung zeigt uns, daß die Menschen ursprünglich in Horden vereint gemeinsam auf Nahrungserwerb ausgingen.

Die Indianer, soweit ihre Stammesverfassung nicht durch europäischen Einfluß gelockert worden ist, diese Indianer, deren Lebensweise und Sitten denen des Urmenschen am meisten entsprechen dürften, jagen heute noch in Gemeinschaft und verzehren das erlegte Wild gemeinsam. Die technischen Forschritte haben seitdem für die produzirenden Klassen die natürliche Abhängigkeit derselben von einander und von den Produktionsmitteln nur gesteigert. Man sehe sich den Betrieb einer Eisenbahn einmal an und frage sich, ob der bei voller individueller Freiheit fortgeführt werden könnte, ob nicht strenge Ordnung, Disziplin, Zwang zur Erhaltung desselben unbedingt nöthig sind? Wer heute frei ist, das sind die Kapitalisten, die Grundbesitzer und dergleichen Herren, und das Problem besteht nicht darin, den Proletariern dieselbe „Freiheit“ zu verleihen, was eben nur denkbar wäre, wenn man alle Proletarier zu Kapitalisten machte — ein anarchistisch-reaktionäres Unding im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität — das Problem besteht darin, diese individuelle Freiheit der Kapitalisten und Grundherren zu vernichten, und an Stelle des unerträglichen Zwanges der Einzelnen über die Gesammtheit den Zwang der Gesammtheit über den Einzelnen zu setzen, ein Zwang, der in der Menschennatur begründet ist und darum gerne von Jedem getragen wird, außer von den paar entarteten Mitgliedern der herrschenden Klassen, in denen der zersetzende Einfluß des Privateigenthums jeden kommunistischen Nachklang erstickt hat.

Heute schon erzieht der Klassenkampf das Proletariat zur Selbstverleugnung der Individualität zu Gunsten der Gesammtheit. In den Gewerkschaften existirt schon heute keine volle individuelle Freiheit mehr, sondern ein Zwang, der mit dem Wachsthum der gewerkschaftlichen Bewegung sich immer mehr steigert, ein Zwang, der aber keineswegs als eine drückende Bürde gefühlt, sondern freudig getragen wird, weil er der Zwang der Gesammtheit über das Individuum ist.

Die Forderung der vollen individuellen Freiheit für Alle ist also ein Unsinn, sie ist undurchführbar. Die individuelle Freiheit kann nur existiren, wenn sie einigen Wenigen auf Kosten der Gesammtheit zu Theil wird. Darum ist die Forderung nach solcher „Freiheit“ unvereinbar mit der Forderung nach Kommunismus und voller Gleichheit, und Diejenigen, welche Beides zugleich verlangen, beweisen damit nur, daß sie nicht wissen, was sie wollen.

Unser Wahlspruch lautete bisher: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Soweit man unter Freiheit das Aufhören jeder Herrschaft Einzelner über die Gesammtheit versteht, ist diese Forderung in der Forderung der Gleichheit bereits enthalten. Insofern man aber unter Freiheit absolute individuelle Freiheit versteht, ist diese Forderung entschieden im Gegensatz zum Kommunismus und daher unbedingt zu verwerfen. Diese Freiheit können wir Denen überlassen, welche die moderne Gesellschaft auf die Spitze treiben wollen, den Fortschrittlern und Anarchisten.

Symmachos.

*) Verkümmertes.

Siehe auch:

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