Aufklärung und Antisemitismus

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„Der Islam hat noch keine Aufklärung gehabt wie das Christentum“ — das ist ein Bonmot, mit dem man auf jeder von Lehrern besuchten Party punkten kann. Wir bilden uns das nicht ein, so ist es uns schon vor der Nase passiert.

Wie Hannes Stein richtig bei „Welt Online“ anmerkt, hat die Aufklärung nicht unbedingt so viel drauf, wie ihr nachgesagt wird: „Die großen Aufklärer waren oft Judenhasser“. Er illustriert die These dann mit folgenden Beispielen: H. G. Wells, Voltaire, Diderot, Kant, Sam Harris und Christopher Hitchens. Dann geht es weiter auf bekanntem Terrain: Stalin, Hitler, als Gegenbeispiel Johannes Paul II., wieder als Beispiel Islam und dann ein Schlenker zur Beschneidungsdebatte.

Leider wirkt das ganze etwas, als wenn sich ein paar Zitate aufgestaut hätten, die in einem Artikel zusammengefaßt werden müssen, ohne daß es ein richtiges Argument gibt. Hannes Stein schreibt immerhin gut genug, daß es trotzdem lesenswert bleibt. Nicht alles muß ja eine Dissertation sein.

Dabei ist die Frage wirklich anregend, wie Aufklärung und Antisemitismus zusammenhängen. Wir würden nur zunächst mit einer halbwegs präzisen Definition von Aufklärung anfangen, unter die nicht nachher zeitgenössische Atheisten, Hitler und Voltaire passen. Auch wenn wir mehrere Jahre Zeit zum Aufzählen gehabt hätten, wären wir wohl im Leben nicht auf H. G. Wells als prominenten Vertreter der Aufklärung gekommen. In unserer Vorstellung wäre die Aufklärung in erster Linie die französische und dann die schottische Aufklärung, die Hannes Stein nicht mal erwähnt, sowie alle die, die nahe daran standen und sich darauf positiv bezogen haben, und nur im erweiterten Sinne, was sich über die Zeit daraus entwickelt hat.

Beginnt man mit einem derart enger gefaßten Begriff, dann fällt es uns schwer, die These von Hannes Stein nachzuvollziehen. Interessant ist sie ja nur, wenn man nicht ein vages „oft“ hinzufügt, sondern wenn man nach einem Zusammenhang zwischen Aufklärung und Antisemitismus fragt, der allgemeiner besteht. Aufklärer haben ja auch oft französisch gesprochen oder Bücher geschrieben, was nicht viel über die Aufklärung aussagt.

Daß es einen solchen festen Zusammenhang nicht gibt, kann man leicht mit ein paar Beispielen belegen. Wir würden etwa Gotthold Ephraim Lessing für einen Aufklärer halten oder Jeremy Bentham, der die Juden gegen die üblichen Beschuldigungen in „A Defence of Usury“ verteidigte. Auch die amerikanischen Gründerväter würden wir doch durchaus dem Orbit der Aufklärung zuzählen, die von vornherein auch für Juden gleiche Rechte und Religionsfreiheit für selbstverständlich hielten.

Was geben nun die Beispiele von Hannes Stein her, wenn die Aufklärung allgemein nicht das Verbindende ist? Wir würden zwei Momente sehen, die aus der Aufklärung hervorgingen, ohne selbst identisch mit ihr zu sein: eine rabiate Antireligiosität und der Sozialismus.

Nicht alle Aufklärer waren unbedingt derart ablehnend der Religion gegenüber. Sicherlich, „offenbarte Religion“ war wohl den meisten suspekt, aber beispielsweise ein deistischer oder pantheistischer Glaube konnte bei vielen Anklang finden, genauso wie Toleranz sogar gegen als falsch eingeschätzte Meinungen. Wer aber rabiat die Religion bekämpfte, das waren die französischen Aufklärer. Das war eher eine Ersatzhandlung, denn gegen die Aristokratie und den König konnte man nicht antreten, die Kirche war aber schwach genug, daß man auf ihr herumhauen konnte. Den Sack schlägt man, den Esel meint man.

Wie der leider viel zu wenig bekannte australische Philosoph David Stove erläuterte, hatte der Haß auf die Religion auch noch eine andere Funktion. Die aufklärerische Sicht hat ein großes Problem. Zum einen glaubt man, daß es ganz einfache Gesetze gibt, die die Vernunft leicht aus der Natur herauszulesen vermag und deren Befolgung die Welt in ein Paradies verwandeln werden. Aber — sehr großes Aber! — sonderbarerweise ist das erst den Aufklärern plötzlich aufgefallen und die ganze Weltgeschichte zeigt das Gegenteil.

Und an so einer Stelle ist immer eines nah: Verschwörungtheorien. Schuld daran ist die Kirche und allgemeiner die Religion. Nicht daß es an Anhaltspunkten fehlen würde, daß Religion Besserungen verhindert und Schaden angerichtet hat. Aber die hanebüchene Behauptung der französischen Aufklärer ist es, daß das alles nur von der Religion kommt und mit ihr verschwindet. Wie David Stove an einer Stelle zeigt, ist die Selbsteinschätzung so vermessen, daß die Aufklärer bereits im 18. Jahrhundert den Schlüssel gefunden zu haben meinen, die Welt herrlichen Zeiten zuzuführen. Es gibt dabei wohlgemerkt noch keinen technischen Fortschritt, auf den sich das stützen könnte. Alles wird auf die Zerstörung der Religion gesetzt, die man sich mit seiner Kritik zutraut.

Damit haben wir sicherlich eine Gemeinsamkeit wenigstens eines Teils der von Hannes Stein aufgezählten Aufklärer: Voltaire, Diderot und die zeitgenössischen rabiaten Atheisten mit Sendungsbewußtsein. Mit Leichtigkeit springt der Funke dann vom eigentlichen Ziel, dem Christentum, auf das Judentum über, das aus dieser Perspektive als noch hartnäckiger eingeschätzt werden muß, da es sich ja sogar ohne Zutun staatlicher Macht so lange erhalten hat. Und praktischerweise kann man dann auf einen großen Fundus christlicher Judenfeindschaft zurückgreifen.

Bei aller Kritik an einem solchen Atheismus und Würdigung für das Bemühen der katholischen Kirche, wie es Hannes Stein am Beispiel Johannes Pauls II. illustriert, würden wir dabei nebenbei doch daran erinnern, daß der letzte Staat Europas im 19. Jahrhundert (außer vielleicht auf andere Weise Rußland), der Juden in ein Ghetto einsperrte, der Kirchenstaat war, und das Ghetto von den aufgeklärten Führern des italienischen Staates 1870 aufgemacht wurde.

Nun zum anderen Teil, der die Beispiele von Hannes Stein verbindet, nicht alle, aber doch beispielsweise H. G. Wells, Hitler, Stalin und den selbsterklärten Marxisten Christopher Hitchens: den Sozialismus. Die Motivationslage ist eigentlich ganz ähnlich. Es gibt ein ganz einfaches vernünftiges System, wie die Wirtschaft organisiert werden könnte, das das Wohlergehen aller bringen wird. Aber in der gesamten Weltgeschichte ist es nie dagewesen.

Also was hält die Menschheit zurück: offensichtlich eine Verschwörung. Und ähnlich wie mit Christentum und Judentum, springt der Funke dann auch gerne von den Kapitalisten im Allgemeinen auf die Juden über, für die man gegenüber gesichtslosen Kapitalisten auch ein großes Repertoire an Vorurteilen abrufen kann. Die Liste solcher „Aufklärer“ ließe sich noch bedeutend verlängern. Uns fallen auf Anhieb Franz Mehring, Charles Fourier, Eugen Dühring oder Werner Sombart als besonders markante, aber durchaus nicht untypische Beispiele ein. Dokumentiert haben wir das hier auch für Wilhelm Hasenclever und die Parteizeitung „Der Sozialdemokrat“ (siehe: Wilhelm Revel [d. i. Wilhelm Hasenclever]: Der Wahrheit die Ehre, Wie antisemitisch waren die Sozialdemokraten im Kaiserreich?, “Der Sozialdemokrat” will auch Öl ins Feuer gießen).

Nachdem wir damit bestimmt nicht erschöpfend den Artikel von Hannes Stein abgehandelt haben, nun zu den Bonusfragen, die Stefan Blankertz bei „Freiheitsfabrik“ stellt:

(1) „Könnte e[s] sein, dass je radikaler liberal, individualistischer und kapitalistischer ein Denker war (ist), um so weniger anfällig macht das für Antisemitismus?“

Auch wenn wir im Allgemeinen hier mit Ja antworten würden, gibt es auch ein paar abschüssige Stellen. Stefan Blankertz nennt ganz richtig Proudhon. Auf anarchistischer Seite war zudem Michail Bakunin ein recht offener Antisemit. Wir würden hier auch noch Nestor Makhno nennen, auch wenn in Wikipedia hart dran gearbeitet wurde zu bestreiten, daß seine Truppen genauso wie die Bolschewiken je nachdem an Pogromen teilnahmen.

Wirklich verblüffend finden wir das eigentlich nicht, sind diese Anarchisten eben auch Sozialisten gewesen, natürlich nicht im marxistischen Sinne, womit das obige Argument greift.

Auf mehr libertärer und liberaler Seite wären Wackelkandidaten: Samuel Edward Konkin III, Hilaire Belloc (wenigstens als Bezugspunkt, weniger als Liberaler selbst) oder Julius Kopsch. Um das Argument zusammenzufassen: die Antwort ist wohl eher „Ja, aber“. Es wäre interessant, hier genauer zu untersuchen, auf welchen Wegen auch Liberale, Libertäre, Anarchisten anfällig für Antisemitismus sein können. Kandidaten (es muß ja nicht nur eine Möglichkeit geben) wären der Versuch, Liberalismus mit Nationalismus oder völkischem Denken zu verbinden, sowie überspannte Versuche, die Geschichte umzudeuten, um den Staat oder einen bestimmten Staat als den einzigen Übeltäter hinzustellen. Fast hätten wir nämlich Noam Chomsky vergessen.

(2) „Dagegen möchte die die Hypothese formulieren, dass nicht die Meinung zum Mord führt, sondern die innerstaatliche Logik (Notwendigkeit von Prügelknaben etc.).“

Diese Behauptung können wir nicht nachvollziehen. Warum änderte sich die innerstaatliche Logik des deutschen Staates 1933 dramatisch und 1945 wieder? Hatte das nicht doch etwas damit zu tun, daß die Nationalsozialisten bestimmte Meinungen über Juden hatten. Ja, Antisemitismus wird auch als staatliche Politik zu anderen Zwecken eingesetzt. Aber kann man deshalb gleich darauf schließen, daß dies fast als einzige Erklärung ausreicht?

Daß man von dieser Aussage schnurstracks zu Zensur und Verboten gelangt, haben wir auch nicht begriffen.

Bei aller Kritik am Staat gibt es nicht nur Gewalt, die vom Staat ausgeht. Die Pogrome im 19. Jahrhundert in Rußland wurden zwar staatlicherseits zeitweise geduldet und gefördert, kamen aber doch aus der Gesellschaft. Sobald die Verfolgung von den Juden auf alle Reichen und Mächtigen überzuspringen drohte, wurde sie vom Staat auch wieder gehemmt. Ähnlich war es im Mittelalter, wo millenarische Sekten häufig den Weg in das tausendjährige Reich mit Pogromen ebnen wollten. Hiergegen trat je nachdem die weltliche und auch kirchliche Macht ein. Ähnlich bei den Hepp-Hepp-Unruhen am Anfang des 19. Jahrhunderts, wo die Bevölkerung gegen die beginnende Judenemanzipation von oben durch die Staaten mobil machte.

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Eine Antwort auf Aufklärung und Antisemitismus

  1. eugen sagt:

    Zu fragen wäre auch noch, ob der Antisemitismus bestimmter Aufklärer eine Folge von zu viel oder von zu wenig Aufklärung war. Folgte der Antisemitismus von Voltaire daraus, daß er Aufklärer war, oder war er einfach nur nicht konsequent genug, seine aufklärerische Haltung auch auf seine eigenen Vorurteile anzuwenden?

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