Re-Rezension der „Irrlehren der Sozialdemokratie“

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Auf Amazon hat jemand mit dem Handle „Jaroschek“ eine Rezension zu Eugen Richters „Irrlehren der Sozialdemokratie“ eingestellt. Wir würden gerne dazu Stellung beziehen, weil daran einiges schief ist. Leider können wir den Rezensenten nicht kontaktieren. Falls er diese Seite findet, ist er natürlich herzlich zur Diskussion eingeladen. Im folgenden zitieren wir aus der Rezension und kommentieren jeweils die Behauptungen.

„Wer meint, er erhielte hier geistige Munition gegen die heutige SPD, braucht diesen Reprint aus dem Jahre 1893 nicht zu lesen.“

Wir stimmen dem insofern zu, als es wirklich Unsinn wäre, die heutige SPD mit der von 1890 ideologisch gleichzusetzen. Die SPD von 1890 vertrat die vollkommene Verstaatlichung des Wirtschaftssystems mit zentraler Planwirtschaft. Von daher ist sie eher mit späteren Kommunisten zu vergleichen, außer daß sie 1890 noch nicht wie jene die ehrliche Konsequenz hatte, die persönliche und politische Freiheit in der Theorie ganz über Bord zu werfen (auch wenn es schon 1890 solche Stimmen durchaus in der SPD gab!). Wir freuen uns darüber, daß die SPD über die Zeit sich in die Richtung einer im Sinne des 19. Jahrhunderts demokratischen Partei entwickelt hat. Das historische Versagen der SPD war es, das erst so spät und nicht schon im Kaiserreich getan zu haben.

Wir denken, daß die „Irrlehren der Sozialdemokratie“ dennoch auch etwas für die heutige SPD hergeben. Zum einen erhellen sie, woher die immer wieder vorkommenden Rückfälle in klassenhasserische Rhetorik und die Vorliebe für staatlichen Dirigismus stammen. Zum anderen zeigt Eugen Richter, daß die sozialistische Bewegung nicht später von ein paar skrupellosen Kommunisten gekapert wurde, sondern der Wurm von Vornherein drin war. Das spezifisch Neue, das die SPD in die Politik des Kaiserreichs einbrachte, war verhehrend.

Im Nachhinein könnte man auch als heutiger Sozialdemokrat anerkennen, daß es ein fataler Fehler war, der Linken von Fortschrittspartei und süddeutschen Demokraten in den Rücken zu fallen und, wie es Eugen Richter nennt: das Bürgertum zu spalten („Bürgertum“ in einem umfassenden Sinne verstanden, nicht als Gegenbegriff zu Arbeitern). Das hat die Bahn für die Reaktion in Deutschland freigemacht und mitgeholfen, den Liberalismus zu zerstören. Wie ein Land ohne Liberale aussieht, das hat die Weimarer Republik gezeigt.

Wir finden es bedauerlich, daß die SPD unseres Wissen keine Auseinandersetzung mit dieser schlechten Seite ihrer Geschichte unternommen hat, sondern sich in ungebrochener Kontinuität sieht. Man muß es so hart sagen: die Sozialdemokraten im Kaiserreich waren die Propagandisten für ein totalitäres System, und das konnte man auch schon damals wissen. Jeder kann klüger werden, und wir würden das sofort der heutigen SPD bescheinigen. Aber wir würden uns viel wohler mit ihr fühlen, wenn sie einen Schritt weiter zurückginge und sich auf die Demokraten von 1848 und danach bezöge, von denen sie ja auch herstammt, und den Sozialismus als Irrweg von Anfang an anerkennen würde.

„Selbst als Kampfschrift gegen die heutige Linke ist es kaum brauchbar, zumal es sowieso
sinnlos ist, verbohrte Ideologen von ihren irrigen Ansichten abbringen zu wollen.“

Ceteris paribus gilt das oben Gesagte auch für die sogenannte „Linkspartei“. Natürlich ist diese nicht exakt dieselbe Partei wie die SPD 1890, aber die ideologische Ähnlichkeit ist durchaus nicht gering. Wir können aus eigener Erfahrung sagen, daß sich die Argumente von Eugen Richter sogar sehr gut auf die heutige Situation übertragen lassen, z. B. das simple Nachrechnen, was denn bei einer gleichen Einkommensverteilung oder der Enteignung der Wohlhabendsten wirklich herauskommt. Insofern die „Linkspartei“ noch weniger Reflektion auf ihre Geschichte gewendet hat, trifft auch Eugen Richters Kritik weiterhin, daß das sozialistische Ziel untrennbar von der totalitären Methode ist.

„Natürlich irrte Bebel vielfach in seinen Zukunftsvisionen, aber auch Richter irrte sich sehr oft. Es sei hier nur daran erinnert, dass wir inzwischen in der Landwirtschaft, in der Industrie, im Handel die Überlegenheit des Großbetriebes gegenüber dem Kleinbetrieb erfahren haben.“

Eugen Richter bestreitet in den „Irrlehren der Sozialdemokratie“ gar nicht, daß Großbetriebe durch Economies of Scale und den je nachdem großen notwendigen Kapitaleinsatz in gewissen Bereichen überlegen sind. Er nennt selbst Bereiche wie Bergbau, Stahlindustrie, usw. Mittlerweile sind andere Bereiche hinzugekommen wie etwa die Autoindustrie oder die Energieversorger, die nur in großem Stil Sinn machen.

Wogegen er sich wendet, ist die Behauptung, daß der Großbetrieb per se in allen Bereichen so große Vorteile hat, daß auf einem Markt eine Monopolisierung von selbst zustandekommt. Das ist die Behauptung, die die Sozialdemokraten aufstellen (und viele implizit, wie vermutlich auch der Kommentator, weiter tun). Für diese Behauptung gibt die weitere wirtschaftliche Entwicklung keinen Anhaltspunkt.

Die deutsche Wirtschaft ist weiterhin geprägt von vielen mittelgroßen und kleinen Unternehmen. Auch der Handel ist kein gutes Beispiel. Ja, in gewissen Bereichen hat sich die optimale Betriebsgröße nach oben verschoben, z. B. im Einzelhandel. Es gibt aber doch weiterhin viele kleine und mittlere Händler.

Durch das Internet gibt es stärkere Konzentrationen in einigen Bereichen, eine große Zersplitterung in anderen. Vor 20 Jahren hätten wir nie ein solches Publikum erreichen können, es gibt Abertausende von publizistischen Unternehmungen im Internet, während die alten Großunternehmen eher schwierigen Zeiten entgegensehen. Noch krasser ergeht es jetzt schon der Musikindustrie.

Auch in der Landwirtschaft stimmt die Aussage nicht, soweit das bei den vielen Marktverzerrungen greifbar ist: zu Eugen Richters Zeiten gab es Großgrundbesitzer mit riesigen Betriebsgrößen. Auf dem Markt hat sich nichts Entsprechendes entwickelt. Westdeutsche Einzelbauern werden durchaus nicht von ehemaligen ostdeutschen LPGs wegen der Größe aus dem Markt gedrängt.

„Richter zitiert häufig Bebels Buch ‚Die Frau in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft‘. Das ist auch heute ein höchst lesenswertes Buch, bei dem man erstaunt ist, wie klar Bebel in diesem Bereich viele nötige Entwicklungen vorausgesehen hat. Wenn man Richters Zitate überprüfen will, steht man vor einem großen Problem, da seine genannten Seitenzahlen erstaunlicherweise um mindestens 200 Seiten niedriger sind als in der heutigen Ausgabe dieses Buches.“

Das Buch wurde immer wieder umgearbeitet von Bebel. Die „heutige“ Ausgabe stützt sich auf eine spätere Ausgabe und nicht auf die Ausgabe von 1883, auf die sich Eugen Richter bezieht und deren Reprint wir beauftragt haben. Dafür kann doch Eugen Richter nichts, das haben die Verleger der DDR so gemacht.

„Aber wenn man Zitate findet, stellt sich rasch heraus, wie stark beim Zitieren Bebels Aussagen dadurch in ihrer Aussage überspitzt werden, dass sie aus dem Zusammenhang gerissen wurden.“

Leider kennen wir den Rezensenten nicht, sonst würden wir ihn bitten, das an Beispielen zu belegen, am besten auch aus der richtigen Auflage.

„Richters Buch ist eine polemische Schrift. Er negiert absolut das Bestehen der sozialen Frage.“

Das ist ja einfach nicht Thema das Buchs. Tatsächlich hat Eugen Richter den Kampfbegriff einer „sozialen Frage“ abgelehnt. Soweit man den inhaltlich fassen kann, ist das die Feststellung, daß es Arme gibt und daß in Arbeitsverhältnissen nicht immer alles perfekt läuft. Das hat Eugen Richter durchaus nicht negiert.

„Dass Arbeiter wirklich am Rande des Existenzminimums und zum Teil darunter lebten, nimmt er nicht wahr.“

Ganz im Gegenteil. Er zeigt auf, daß Industriearbeiter im Schnitt eher zu den bessergestellten Bevölkerungsgruppen gehören, die bei einer gleichen Einkommensverteilung verlieren würden. Daß die Lebensverhältnisse in der Zeit aus heutiger Sicht relativ schlecht waren, ist keine Erscheinung, die speziell für Arbeiter galt. Wie Eugen Richter nachweist, liegt das Durchschnittsseinkommen bei 842 Mark im Jahr. Es ist nur ungefähr möglich, das in heutiges Geld umzurechnen. Ein Kurs von 1 Mark = 10 Euro trifft wenigstens in etwa die Dimension. Mit anderen Worten: Das Durchschnittseinkommen liegt ungefähr auf Höhe von Hartz IV und viele verdienen weniger. Gewerbliche Arbeiter verdienen etwa 640 Mark im Jahr, wobei das neben den teilweise deutlich besser verdienenden Industriearbeitern sehr viele umfaßt, die man heute eher als Handwerksgesellen ansprechen würde, die in kleinen Betrieben arbeiten und schlechter gestellt sind.

Wie Eugen Richter auf der anderen Seite herausstellt: Vielen Leuten auf dem Land und in den kleinen Städten geht es viel dreckiger als den Industriearbeitern. Von daher geht ja auch vorzugsweise die Auswanderung nach Amerika oder in die großen Industriezentren, weil man sich dadurch verbessern kann.

„Er verkennt absolut, dass die bestehenden sozialen Verhältnisse dringend menschenwürdiger gestaltet werden müssen.“

Daß man etwas deutlich verbessern will und das sogar dringend, heißt doch nicht, daß man es auch auf die Schnelle kann. Bebel hebt sich über diesen entscheidenden Punkt hinweg, indem er aus der falschen Prämisse, daß der Großbetrieb per se viel effizienter sei, schließt, daß deshalb der größte Betrieb, nämlich der einheitliche Staatsbetrieb des Sozialismus, sogar unvergleichlich produktiver wäre. Damit meint er rasche und große Verbesserungen versprechen zu können. Das Argument ist aber einfach auf Sand gebaut.

Und wie gesagt, das ist nicht das Thema des Buches. Daß Eugen Richter verkannt hat, daß die Verhältnisse verbessert werden könnten und auch sollten, bezweifeln wir sehr. Er hat sich beispielsweise für Konsumgenossenschaften eingesetzt, dazu einen Ratgeber geschrieben und diverse gesetzliche Initiativen angeregt oder unterstützt, die das Los gerade der ärmeren Leute verbessert hätten oder haben. Beispielsweise gehört sein Kampf gegen Zölle auf Lebensmittel, gegen die Erhöhung der indirekten Steuern, der Kampf für die Einführung einer nur zweijährigen Dienstpflicht in der Armee, für Gewerbefreiheit und Freizügigkeit oder für die Disziplin bei der Haushaltsführung des Staates hier hin.

Klar, das sind nicht die sozialistischen Rezepte von mehr Staat, Regulierung und Verboten. Wie Eugen Richter sehr schön in den „Irrlehren der Sozialdemokratie“ nachrechnet, geht es einfach nicht, per Umverteilung das Los der breiten Bevölkerung zu heben. Deshalb setzt er sich dafür ein, daß die Kapitalbildung erleichtert, die Arbeitsteilung verbessert, kurzum die Produktivität der Arbeit gehoben wird, weil das zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse führt und auch wirklich geführt hat.

„Bebel sieht eine ideale Zukunft in der sozialistischen Gesellschaft. Wir haben vor wenigen Jahren den Zusammenbruch dieser Utopie erlebt. Die wenigen Staaten, die immer noch versuchen, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, werden irgendwann auch einsehen müssen, dass es diese Gesellschaft gar nichtgeben kann, denn der Mensch ist so, wie er wirklich ist. Es gibt keinen Menschen mit sozialistischem Bewusstsein, daran scheitert jeder radikal sozialistische Umgestaltungsversuch .“

Wir müssen ja nicht allem widersprechen und stimmen dem durchaus zu. Allerdings würden wir auf einen wesentlichen Punkt hinweisen wollen: der Sozialismus scheiterte nicht nur daran, daß er nicht die passenden Menschen hatte. Der Sozialismus würde selbst mit diesen nicht funktionieren und ein totalitärer Horror sein, weil er das ist, was Eugen Richter im Schlußsatz der „Irrlehren der Sozialdemokratie“ ausspricht:

„Wir aber schließen unsere Betrachtungen mit dem Ausspruch, daß der Sozialismus nur eine auf unklares Bewußtsein und unzureichende Erkenntnis der Natur und des Wesens der Menschen und der Dinge begründete Irreleitung der Arbeiter darstellt.“

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