Schwachsinn „aus der Region“

Dieser Artikel wurde 3774 mal gelesen.

Lebensmittel „aus der Region“ zu kaufen, ist chic. Und man tut irgendwie etwas Gutes damit. Jedenfalls glauben das immer mehr Leute hierzulande. Kauft man „aus der Region“, so unterstützt man die heimische Landwirtschaft. Und auch ökologisch ist es doch wohl sinnvoll, keine langen Transportwege zu haben.

Wirklich?

Wenn ich also meine Zitrusfrüchte mit dem Fahrrad vom Gewächshaus „in der Region“ hole, dann ist das besser, als wenn ich sie mir sehr effizient über den Einzelhandel aus Südeuropa kommen lasse, wo sie einfach an der Sonne reifen? Und warum sollte die regionale Landwirtschaft und nicht die anderswo unterstützt werden? Bestenfalls ist das eine schlaue Kampagne für freiwilligen Protektionismus, schlechtestenfalls wabert hier völkisches Denken, das sich darum sorgt, den deutschen Bauern auf deutscher Scholle zu halten.

Wie bizarr die Logik des „aus der Region“ ist, kann man an dem finnischen Film „Canned Dreams“ studieren. Zu von Leiden triefender Musik wird gezeigt, wie die Zutaten zu einer Dose Ravioli aus allen Teilen Europas zusammenkommen. Wir würden das für ein schönes Beispiel halten, wie die internationale Arbeitsteilung über den Markt die Aktivität von vielen Leuten sehr gezielt koordiniert. Die Unsichtbare Hand in Aktion. Aber nein, laut Zusammenfassung der Berlinale, auf der der Film vorgeführt wurde, zeigt dieser „die Absurdität der Lebensmittelproduktion in Europa.“

„Im Film sehen wir die Produktionskette vom Anfang bis zum Ende und verfolgen die Route des Produktes durch Europa. Das Getreide wird auf riesigen Feldern in der Ukraine angebaut und zu einer französischen Fabrik transportiert, wo der Nudelteig hergestellt wird. Die Tomaten sind aus Portugal, Eier aus Frankreich und das Olivenöl aus Italien. Das Endprodukt wird in Frankreich fertiggestellt und verpackt, um dann zu einem Supermarktregal in Finnland geliefert zu werden.“

Schocker! Und es fällt uns schwer, uns in jemanden einzufühlen, der das absurd findet.

Die einzige Erklärung, die wir finden können, ist die, daß hier Planwirtschaftler draufschauen, die den Transport für überflüssig halten, weil sie meinen, es besser zu können. Doch wie wäre es denn, wenn die Ravioli „in der Region“ hergestellt würden? Dann würde das Getreide auf viel schlechteren finnischen Böden mit mehr Aufwand angebaut und die Tomaten und Oliven würden in Gewächshäusern in Finnland gezüchtet.

Ja, man würde dann etwas weniger auf den Transport verwenden, aber anderswo doch weitaus mehr verschwenden. Zudem wäre wegen des kleinen Marktes die Arbeitsteilung sehr schlecht. Wenn man sich den Preis der Dose vergegenwärtigt von unter einem Euro, so würde ohne Arbeitsteilung ein finnischer Hersteller nur wenige Minuten Zeit haben, alles zusammenzuzaubern.

Schon aus diesen Gründen würde es „aus der Region“ vermutlich gar keine Ravioli mehr geben, oder man könnte sie sich kaum noch leisten. Und selbst wenn: Gibt es mal eine schlechte Ernte oder eine Schädlingsplage „in der Region“, dann ist es nichts mit Ravioli. Über Jahrtausende haben die Menschen bei Hungersnöten „in der Region“ in die Röhre geschaut, während anderswo vielleicht ein Überschuß vorhanden war, der nicht zu ihnen gelangen konnte.

Nun aber gut mit all diesen Argumenten, gehen wir zur Reductio ad Absurdum über:

Konsequenterweise sollten nämlich auch Filme „in der Region“ und nur mit Zutaten „aus der Region“ hergestellt werden. Der Film „Canned Dreams“ zeigt somit die „Absurdität der Filmproduktion in Europa“!

Der Film wurde nämlich unter anderem mit Mitteln von ARTE France und Radiotelevisão Portuguesa finanziert. Dazu mußten zunächst französische und portugiesische Steuerzahler ausgenommen werden. Als nächstes wurde das Geld finnischen Filmemachern hinterhergeworfen, die vermutlich mit Kameras aus Japan mit Linsen aus Deutschland sowie Computern aus den USA und China in der Ukraine, Spanien, Frankreich, usw. rumkurvten, um den Film dann letztlich nach Berlin zum Filmfest zu bringen.

Einziger Unterschied: Billig wars bestimmt nicht.

In diesem Sinne auch Steve Horwitz bei Bleeding Heart Libertarians: Locavores, Droughts, and Famines (and the Market). Er bespricht das Buch „The Locavore’s Dilemma: In Praise of the 10,000-Mile Diet“ von Pierre DesRochers und Hiroko Shimizu. Wir haben das Buch noch nicht gelesen, aber das Interview mit Pierre DesRochers bei ReasonTV macht gleich Appetit:

Siehe auch: Ernährung aus der Welt anstatt “aus der Region”

Hinweis

Bei Libera Media ist das Buch „Richard Cobden“ von Franz von Holtzendorff neu aufgelegt worden. Ursprünglich handelte es sich um eine Rede im Berliner Handwerkerverein über den großen Freihändler, die Holtzendorff, einer der führenden Juristen seiner Zeit, im Jahre 1866 hielt. Sie erschien dann auch im Druck.

Das Buch enthält eine ausführliche Einleitung zu Franz von Holtzendorff und Richard Cobden sowie zahlreiche Fußnoten, die Hintergründe, Personen und ungewöhnliche Wörter erläutern. Es ist über Amazon erhältlich (einfach auf das Bild klicken):

Cobden klein 4

Dieser Beitrag wurde unter Ernährung, Freihandel, Globalisierung, Kapitalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar