Deutschtümler für „deutsche“ Schrift und „deutsche“ Ziffern

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1881 beginnt der epische Antiqua-Fraktur-Streit in Deutschland, der erst 60 Jahre später 1941 per Dekret der Nationalsozialisten beendet wird. Soll die deutsche Sprache gleich den anderen europäischen Sprachen (außer dem Dänischen) mit der sogenannten „deutschen Schrift“ oder mit der „lateinischen Schrift“ geschrieben werden? Der Bonner Schreibwarenhändler Friedrich Soennecken schlägt vor, zu letzterer überzugehen. Die lateinische Schrift sei leichter zu schreiben, und die Kinder brauchen nicht mehr mehrere Schriften zu lernen. In Texten wird nämlich für fremdsprachige Begriffe und Wendungen die lateinische Schrift verwendet.

Das trifft auf Widerspruch von Deutschtümlern, die im Zuge der antisemitischen Welle auf die Reinigung der Kultur von fremden Einflüssen ausgehen. Was zu der Zeit noch nicht bekannt zu sein scheint: beide Schriften stammen von der proto-semitischen Schrift ab, vermittelt über die semitischen Phönizier, und sind auch mit anderen Schriften wie der arabischen oder der hebräischen Schrift verwandt. Bismarck — nie fern, wenn es darum geht, sich auf einen antiliberalen Trend zu setzen — läßt demonstrativ und gut publiziert eine ihm zugesandte Schrift an den Verleger zurückgehen, weil sie lateinische Lettern verwendet, die angeblich dem Kanzler zu anstrengend sind.

Die „Berliner Wespen“ machen sich am 15. Juni 1881 einen Spaß daraus, fremdsprachige Ausdrücke in Fraktur zu setzen, was für die zeitgenössischen Leser brutal wirken muß, um so dem Kanzler einige Wahrheiten leichter faßlich zu machen. Da sich der Effekt natürlich nicht rein in lateinischer Schrift wiedergeben läßt, hier nun der Originalartikel „Ohne lateinische Lettern“:

  

Am 21. Juli 1881 befaßt sich mit dem Thema auch der Arzt und Schriftsteller Edmund von Pochhammer (Pseudonym: E. D. Mund) in der Berliner Gerichtszeitung. Die Zeitung ist kein explizit politisches Blatt, im Wesentlichen geht es um die Berichterstattung über schaurige Prozesse. Man neigt allerdings zu einem unbestimmt liberalen Standpunkt bei der Kommentierung der Tagesereignisse und steht am ehesten der Liberalen Vereinigung nahe, die sich 1880 von den Nationalliberalen abgespalten hat. Von daher ist man für eine Gegenposition zu den Deutschtümlern aufgeschlossen.

Von Nah und Fern.

Die deutschen Schrift- und Zahlenzeichen.

Von E. v. Pochhammer (E. D. Mund).

„Deutschland, Deutschland über alles!“

Nur wenige Deutsche mag es geben, die nicht von Herzens Grund mit einstimmen in diesen Ruf: „Deutschland, Deutschland über alles!“ — aber thöricht ist und ungerechtfertigt das oft gehörte Verlangen, daß solche deutsche Gesinnung sich ohne Prüfung und blindlings in jedem Falle bethätigen und aussprechen müsse. Zuweilen hört man allerdings den Wunsch, statt der deutschen Schriftzeichen die lateinischen, deren sich fast alle anderen Nationen bedienen, eingeführt zu sehen; so oft indessen dieser Vorschlag laut wir, eben so oft wird er lediglich aus dem Grunde bekämpft, daß man festhalten müsse an den deutschen Ziffern, an den deutschen Buchstaben! Als ob es deren gäbe! Ueber die Herkunft unserer  sogenannten deutschen Ziffern wird unter den Gelehrten hin und her gestritten, und es steht nur so viel fest. daß sie nicht deutschen Ursprungs sind. sondern durch die Araber, und zwar etwa im 11. Jahrhundert nach Europa gebracht wurden. Deshalb werden sie auch arabische Ziffern genannt; dennoch ist schwerlich Arabien ihr Heimatsland. Die jetzt bei uns gebräuchlichen Zahlenzeichen, die übrigens im Laufe der Jahrhunderte mehrfach ihre Form und Gestalt verändert haben. sind vielmehr fast ohne Zweifel schon über tausend Jahre früher bei den Indern entstanden, ehe sie in Europa in allgemeineren Gebrauch kamen, was erst ungefähr in der Mitte des 16. Jahrhunderts geschehen ist. Es ließe sich daher wohl streiten, ob man sie arabisch oder indisch. oder etwa gar indogerrnanisch nennen soll. wenn nur nicht der Name Ziffer selbst offenbar von dem arabischen Worte sifr gebildet wäre, welches ursprünglich das Zeichen „Null“ bedeutet, das damals auch erst eingeführt worden ist, und wenn nicht die ganze Sache so vollkommen unwesentlich wäre! Jedenfalls paßt hier bei den Ziffern die Mahnung: Deutschlands Deutschland über alles! garnicht. Anders freilich scheint es mit der deutschen Schrift zu sein. Allein es scheint auch nur so: obwohl es allerdings eine alte nationale Schrift der Germanen giebt: die sogenannte Runenschrift. — Wer aber kennt dieselbe? Wer kann sie lesen? Mit Unkel Bräsig ut mine Stromtid könnte man sagen: „Du kennst sie nicht, und ich kenne sie auch nicht!“ — In der Frithjofssage des schwedischen Dichters Tegner heißt es von Frithjof und Ingeborg:

Es war so herrlich, war so süß,
Als man die erste Run‘ ihm wies,
Kein König glich ihm da an Ehren,
Denn ihr konnt‘ er die Rune lehren.

Das giebt aber auch keine weitere Auskunft höchstens möchte ein prosaisch-kritisches Gernüt an diese Stelle die Bemerkung knüpfen, daß damals bei der Erziehung der Kinder auch schon die Lankaster-Bell’sche Methode der Gegenseitigkeit des Lernens und Lehrens, geübt worden zu sein scheint Im übrigen erfahren wir durch diese und ähnliche Dichterstellen nichts Neues. Der Name Runenschrift kommt übrigens von runa her, das heißt Geheimnis, und es waren senkrechte und schräge, an oder durch die senkrechten gelehnte Linien, die in Holz, Stein oder Metall geritzt oder gerissen wurden, und deren Sinn und Bedeutung nur die Priester kannten. Daher Geheimnis! Am häufigsten wurden diese Zeichen in Stäbe von Buchenholz geritzt; daher kommt der Name Buchstabe. Beim Prophezeien der Priester pflegten diese eine Anzahl solcher Stäbe mit den eingeritzten Runenzeichen auf die Erde zu werfen und dann einzelne derselben aufzulesen, um aus den Runen der Stäbe, die der Zufall oder der Wille der Götter geboten hatte, eine Prophezeiung zu bilden. Nach diesem Auslesen, ist das Entziffern von Runen oder überhaupt von Schriftzeichen Lesen benannt worden. Weil aber die geheimnisvolle Runenschrift vielfach zur Wahrsagerei und angeblicher Zauberei mißbraucht wurde, mußte sie natürlich ebenso wie der gesamte heidnische Kultus bei der Ausbreitung und dem Siege des Christentums allmählich in Verfall geraten, und an ihre Stelle trat bei den Goten eine vom Bischof Ulfila durch Verschmelzung der alten Runen und des griechischen Alphabeted gebildete Schrift, deren er sich bei der Uebersetzung einiger Bibelstellen bediente. Die meisten anderen germanischen Stamme aber nahmen die durch die christliche Kirche verbreitete lateinische Schrift an. Damals bildete sich nach dem lateinischen scribere das deutsche Wort: Schreiben. So stammen die deutschen Bezeichnungen fur das Lesen und Schreiben jenes aus dem Heidentume, dieses aus dem Lateinischen, wenn nicht auch lesen, auflesen lateinischen Ursprungs ist ven legere, eligere. Geschrieben wurde Jahrhundete lang nur in lateinischer Sprache und natürlich mit lateinischen Schriftzeichen. Nach und nach verloren diese aber unter der Hand der mönchischen Abschreiber ihre einfache, runde Form und wurden mehr und mehr durch Schnörkel und Verzerrungen entstellt und in das Eckige gezogen. Jedwedes Ding im Leben hat wenigstens 2 Seiten, die meisten haben deren mehrere. Als im frühen Mittelalter der Verfall von Kunst und Wissenschaft eintrat, fanden diese zwar bekanntlich eine Zuflucht und eine Art von Pflege In dem stillen Frieden der Klöster; aber wie ja vieles durch die mönchische Behandlung sich verändert hat und nicht immer zu seinem Vorteile, so lassen die klaren, runden Züge der alten lateinischen Buchstaben, neben die verzerrten und verzwickten Zeichen der mittelalterlichen Mönchsschrift gestellt, kaum eine entfernte Aehnlichkeit erkennen und jetzt nur schwer den Glauben aufkommen, daß die letzteren sich allmählich aus den ersteren entwickelt haben. Das Bewußtsein der ursprünglichen Gleichheit beider Schriftzüge war in der ersten Zeit nach Erfindung der Buchdruckerkunst noch ganz lebendig, und man zog, als es galt, die Lettern in Holz zu schneiden, zur Herstellung von Typen die geraden, eckigen Buchstaben der Mönchsschrift vor, weil sie leichter herzustellen waren ale die runden, alt-lateinischen Schriftzeichen, und weil die Mönchsschrift gewissermaßen Mode geworden war. Die für den Druck gewählten Zeichen erhielten dann unter dem Einflusse und der Mitwirkung Albrecht Dürers noch weitere Veränderung und feste Ausbildung, und es wurde immer schwieriger, diese im Drucke vervielfältigten Schriftzüge als eigentlich und ursprünglich lateinische zu erkennen. Nach und nach nahm man bei der großen Unähnlichkeit beider die Gewohnheit an, die charakteristisch gebliebene lateinische Schrift von der bloß verderbten zu unterscheiden und letztere deutsch zu nennen. Weil nun aber das Nachmalen der sogenannten deutschen Druckschrift beim Schreiben mühsam und zeitraubend war, veränderten sich auch die geschriebenen Buchstaben wesentlich. Es ist also unsere jetzige sogenannte deutsche Druckschrift nichts weiter als eine Verzerrung der lateinischen Buchstaben, und unser deutsches, geschriebenes Alphabet nur eine weitere Veränderung jener Mißgestaltung. Dies widerlegt nun schlagend die Behauptung der Deutschtümler, daß man an einer ursprünglich deutschen Schrift aus Patriotismus festhalten müsse. Dennoch könnte es für unbedeutend gelten, ob man einen einmal eingebürgerten Gebrauch beibehalten solle oder nicht, wenn die Sache nur nicht auch eine so sehr ernste Seite hätte. Denn dank jener allmählich entstandenen Verzerrung der lateinischen Lettern sind wir jetzt dahin gelangt, daß jedes deutsche Kind, um Lesen und Schreiben zu lernen, das gedruckte deutsche ABC, das geschriebene deutsche und die lateinischen Buchstaben verstehen lernen muß, also im Gegensatz zu den meisten anderen Nationen geradezu die dreifache Geistesarbeit zu leisten hat als alle jene Kinder, deren Gedächtnts nur eine einzige Schrift, die lateinische, in sich aufzunehmen braucht. Ob dies irgend welche, durch nichts Anderes zu ersetzende Vorteile für die geistige Entwickelung mit sich führt, können wohl nur tiefe Studien und Beobachtungen ermessen. Dem einfachen Verstande scheint es eine vollkommen nutzlose Vergeudung von Zeit und Kraft, die umsomehr zu bedauern sein dürfte, als von allen Seiten Klagen über zunehmende Ueberbürdung der lernenden Jugend laut werden. Bei der bekannten Anhänglichkeit der Deutschen andas Hergebrachte ist gleichwohl die Hoffnung gering, daß die Jahrhunderte lang bestehende Unsitte des Festhaltens an dem Gebrauche der verzerrten Mönchsschrift des Lateinischen ein baldiges Ende finden wird, wenn auch die deutsche Nation deshalb von anderen mehr oder weniger bespöttelt und belächelt wird. Möge hier der Hinweis gestattet sein aus Nationen, die an allgemeiner Bildung und Intelligenz weit unter Deutschland stehen und doch schon seit Jahren dahin streben, sich frei zu machen von dem Joche hergebrachter sprachlicher Tyrannei und, wie die spanische, sich der phonetischen Rechtschreibung zuwenden, deren oberster Grundsatz mit Recht ist: Schreib’ wie Du sprichst! — Fünfzig Jahre früher, als dies Bestreben sich kund zu geben begann im Anfange dieses Jahrhunderts, war in Gegenwart des damals lebenden Prinzen Heinrich von Preußen die Rede von der tadelnswerten Eigenheit der Franzosen und Engländer, anders zu schreiben, als sie sprechen. Da sagte der geistreiche Prinz lächelnd: „Ist es bei uns Deutschen anders? Wir schreiben N, E, I, N und sprechen es: Nee! aus!“ — Dies war ein Scherz— allein der Deutsche findet schwerlich Grund zu sprachlicher Ueberhebung, zumal unzweifelhaft in fast allen anderen Sprachen ein zunehmendes Streben nach Uebereinstinrmung der Aussprache und der Schrift sich erkennen läßt, so daß die Herstellung vollkommener Gleichheit nur eine Frage der Zeit scheint. Allein wie wird es mit der angeblich deutschen Schrift? Wie die allgemeine Einführung der bizarren, geschnacklosen Mönchesschrift hauptsächlich der Buchdruckerkunst und der Verbreitung durch gedruckte Bucher zu verdauen ist, so kann auch nur die Buchdruckerkunst uns Befreiung von dem Uebel. bringen. Vieles könnten die Regierungen und die Schulen thun; die Hauptmacht aber ist — die Presse! Vermutlich ist die Herstellung beweglicher Lettern in angeblich deutscher und in lateinischer Schrift im Preise kaum verschieden; allein die lateinischen Leitern werden weit langsamer abgenutzt und unbrauchbar als die deutschen mit ihren Spitzen und Ecken; deshalb ist der Druck eines Buches mit lateinischen Leitern erheblich wohlfeiler (?) als mit sogenannten deutschen — und dennoch! Der Deutsche hält fest am Alten! Wenn aber die gesamte Presse, jede Zeitungsredaktion, oder nur ein großer Teil dieser oft gepriesenen, oft angefeindeten, aber immerhin gefürchteten und anerkannten Macht sich zur Annahme der lateinischen Buchstaben verstehen sollte, — wäre ein gewaltiger Schritt vorwärts gethan. Die Schulen, die Regierungen würden nicht zurückbleiben können, und ehe noch ein Menschenalter verflossen ist, würde das deutsche Volk freigeworden sein von der Herrschaft der verderbten lateinischen Mönchsschrift, diesem unseligen Ueberbleibsel des traurigen Mittelalters.

Doch — was sind Hoffnungen? was sind Entwürfe? und Träume sind Schäume! sagt der Dichter.

Ironie der Geschichte ist es, daß ausgerechnet die Nationalsozialisten die lateinischen Lettern durchsetzen, was heutigen Neonazis wohl entgangen ist. Hitler hat wenig für die ihm zu wenig modern erscheinende Fraktur übrig. Nach einigem Hinundher beerdigt er die „deutsche Schrift“ am 3. Januar 1941 endgültig. In der Schweiz überlebt die Fraktur noch eine Weile. Zeitungen wie etwa die NZZ bedienen sich ihrer bis Ende der 1940er Jahre. Dann gibt man auf, weil die Frakturlettern in Deutschland, von wo man sie bezieht, ein Auslaufmodell geworden sind.

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