Konkurrenz für die SMS des 19. Jahrhunderts

Dieser Artikel wurde 4245 mal gelesen.

Im Jahr 1869 erblickt ein revolutionär neues Kommunikationsmedium in Österreich-Ungarn das Licht der Welt: die „Correspondenz-Karte“, auch Postkarte genannt. Ein Jahr später zieht Deutschland nach, von wo die Idee ursprünglich gekommen ist, und dann viele andere Länder. Binnen weniger Jahre simsen sich Millionen kurze Botschaften per Correspondenz-Karte hin und her. Die Wiener Neue Freie Presse berichtet dazu am 23. Juli 1881:

Erste Correspondenz-Karte, Quelle: Wikipedia

[Die Geschichte der Postkarte] Der Berliner Secretär Unger veröffentlicht interessante Beiträge zur „Geschichte der Postkarte (Correpondenz-Karte) mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands“. Derselbe berichtet, daß die erste Idee zur Einführung der Postkarten von dem jetzigen Leiter des deutschen Reichs-Postwesens, Staatssecretär Dr. Stephan, ausgegangen sei. Seine Denkschrift datirt vom October 1865. Sie kam in Karlsruhe auf der fünften Postconferenz zur Sprache und erweckte das besondere Interesse des Sectionsrathes Kolbensteiner, des späteren österreichischen General-Post- und Telegraphen-Directors. Durch dessen Einfluß trat die Postkarten-Einrichtung für die österreichisch-ungarische Monarchie am 1. October 1869 ins Leben. Der sofortige Consum in Oesterreich stellte sich für ein einziges Quartal auf 2.930,000 Stück. Deutschland führte die Postkarte im Juni 1870 ein. Die erste Ausgabe der norddeutschen Postkarten fand in Berlin am 25. Juni 1870 statt; an diesem Einen Tage wurden allein in Berlin 45,469 Stück abgesetzt; in noch nicht zwei Monaten waren zwei Millionen ausgegeben. Dem Beispiele Oesterreichs und Norddeutschlands folgten nach und nach die übrigen Staaten der Welt. Die Karten kamen gerade zur rechten Zeit, welchen Segen sie gestiftet haben, wissen Alle zu erzählen, die 1870 in den Krieg zogen. Zehn Millionen Karten gingen von hier an die Armee und von der Armee nach Deutschland zurück. Die französische Regierung der nationalen Vertheidigung folgte am 29. September 1870 sofort dem Beispiele Deutschlands; dann kamen nach dem Kriege die französischen Karten wieder in Fortfall, und erst 1873 wurden sie wieder eingeführt. Den stärksten Consum an Postkarten hat verhältnißmäßig unstreitig die amerikanische Union.  Zu den einfachen Postkarten kamen bald solche mit Antwortkarten. Durch die billigen Postkarten hat sich die Correspondenz zu Gunsten der Staatskassen wesentlich gehoben. Im Jahre 1872 expedirte die deutsche Reichspost 307.042,000 Briefe und 7.727,833 Karten, im Jahre 1873 337.567,392 Briefe und 24.955,986 Karten. Augenblicklich haben wir auch Weltpostkarten in 44 Staaten; 73 Länder der Erde correspondiren auf Karten. Zwischen Deutschland und anderen Staaten bestand 1879 ein Kartenverkehr von 16.614,000 Stück gegen 14.096,000 Stück im Jahre 1878; er erfuhr also eine Zunahme von 2 1/2 Millionen Stück. In Europa gelangen nach den Anführungen des Herrn Unger gegenwärtig 350 Millionen Postkarten zur Versendung; in Amerika beziffert sich ihr Verbrauch allein in den Vereinigten Staaten im Jahre auf rund 280 Millionen. Von den 350 Millionen Postkarten Europas beförderte die deutsche Reichspost im Jahre 1879 122.747,000 Stück, worunter mehr als 16 Millionen Stadtpostkarten sich befanden. Zur Deckung dieses Bedarfes liefert die Reichsdruckerei in Berlin durchschnittlich täglich 400,000 Formulare im Gewichte von 1360 Kilogramm; bei ihrer Herstellung sind nicht weniger als 28 Personen, drei Schnellpressen und zwei Dampfschneidemaschinen thätig. Bei dieser Gelegenheit wollen wir unserem Bedauern Ausdruck geben, daß die österreichische Correspondenz-Karte, welche die erste in Europa war, gegenwärtig das schlechteste Material und die unpraktischeste Form hat; in dieser Richtung hat sich Oesterreich von allen Staaten überflügeln lassen.

Quelle: Wikipedia

Wie bei jeder Neuerung wird die „Correspondenz-Karte“ allerdings zunächst von harter Kritik begleitet, woran die Neue Freie Presse erinnert, als sie die neue Generation smarter Kommunikation bespricht: das Telephon. Diesmal hat Deutschland die Nase etwas vor Österreich-Ungarn. Am 1. April 1881 startet das erste Telefonnetz in Berlin mit 48 Teilnehmern, am 16. April 1881 zieht Hamburg mit 206 Teilnehmern nach. Und am 14. Juni 1881 erscheint dann das erste Telefonbuch für Berlin als „Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ mit 185 Einträgen. Die Bevölkerung tut es mitleidig als das „Buch der 99 Narren“ ab, die auf die Erfindung hereingefallen sind.

Hier nun der Bericht der Neuen Freien Presse vom 17. Juli 1881:

Das elektrische Stadtgespräch.

In der nächsten Saison wird man eine technische Neuigkeit in Wien aufführen, den Fernsprecher, der von Familie zu Familie, von Amt zu Amt laufen, unsere Gedanken und Wünsche mit unseren eigenen Worten blitzschnell hin- und hertragen wird. Wie mit Einem Schlage wird dadurch der hauptstädtische Verkehr ein verändertes Gesicht machen; die Stadtpost, welche uns das sehnlichst erwartete Billet just um die entscheidende Viertelstunde zu spät bringt; das Local-Telegramm, das mit einer verstümmelten Unterschrift anlangt; der frankirte Dienstmann, welcher die Taxe zweimal einhebt — all diese lieblichen Eigenheiten des großstädtischen Zusammenlebens werden verschwinden. Man gewinnt, verliert, haßt sich, liebt sich durch das Telephon, und das elektrischer Stadtgespräch wird das Stadtgespräch sein.

Gleich vielen epochemachenden Neuerungen hat sich auch das kleine Telephon mühsam zu einer ernsten Stellung aufgeschwungen. Die Menschen bleiben ewig große Kinder, und wie unsere Kleinen bei jeder plötzlich in ihren Gesichtskreis tretenden Neuerung die erste Verblüffung durch ein herziges Lachen ausdrücken, so haben auch die erwachsenen Kinder die merkwürdigsten technischen Erfindungen zuerst mit allgemeiner Heiterkeit begrüßt. Der Buchdruck — magisches Zauberstückchen, der Dampf — eine Spielerei, die Electicität — ein artiges Amüsement; heutzutage können wir ohne diese Riesenspielzeuge gar nicht mehr leben. Eine der nützlichsten Einrichtungen, die vor zwölf Jahren im gemüthlichen Oesterreich ausgedacht wurde und seither in vermehrter und verbesserter Ausgabe sich alle civilisirten Staaten erobert hat, rief bei ihrem ersten schüchternen Auftauchen den lebhaftesten Widerspruch hervor. Die Correspondenz-Karte, welche jetzt schon so populär ist, daß sich der Volksmund das Fremdwort sogar eigens als Rispondenzkarte zurechtgelegt hat, war der Gegenstand heftigster Angriffe, als sie in Verkehr gesetzt wurde. Ein schlichter Aufsatz aus der Feder eines Fachmannes hatte in der „Neuen Freien Presse“ zum erstenmale auf das bequeme Verkehrsmittel aufmerksam gemacht. Tausend Einwendungen erhoben sich gegen das bescheidene Kärtchen; die Magna charta ist gewiß nie so ernsthaft discutirt worden, wie diese kleine Karte. Ein offener Brief, eine den Augen Aller preisgegebene Epistel, das ist der Tod aller Geheimnisse, das trägt den Unfrieden, ja das Unglück ins Haus, die Verwirrung in den Handel — nimmermehr! Fort mit dieser teuflischen Erfindung, welche Alles Allen verräth! rief es von links und rechts. Macht uns doch gleich im Ganzen aus Glas, ja daß Jeder den Andern durch und durch schauen kann, die schlimmen Folgen können nicht schlimmer sein!

Bei jeder Erfindung, die einem hellen Kopf entspringt, ärgert sich natürlich eine Million Köpfe, daß ihnen die so simple Idee nicht eingefallen; der Neid ist der Urgrund jeder solchen Opposition. Ein boshafter Franzose, der beständig von Deutschen hören mußte, daß doch sie es waren, welche das Pulver erfunden, antwortete ganz trocken: „Das ist nicht richtig, nur Ein Deutscher hat diese Entdeckung gemacht, die übrigen Millionen Deutsche haben aber das Pulver nicht erfunden.“ Sehr wahr, aber ein Franzose hat es auch sammt allen Anderen zusammengenommen nicht erfunden.

Als sich der gekränkte Ehrgeiz aller Nichtentdecker beruhigt hatte und die Correspondenz-Karte emsig durch alle Stadtbezirke flog, waren die ersten Erfahrungen, die das neue Institut lehrte, ärgerlich genug. Der Spott war einmal wachgerufen, und die Post hatte in den Kindertagen der Correspondenz-Karte einen geradezu unerhörten Umsatz an Grobheiten zu besorgen. Wer sein gepreßtes Herz lüften wollte, griff zur Feder, und es regnete anonyme Liebenswürdigkeiten hinüber und herüber. . . „Guten Morgen, Herr Joseph; ich beeile mich, Ihnen mitzutheilen, daß Sie ein Esel sind!“ — oder auch: „Liebe gnädige Frau, Ihr Mann weiß Alles, retten Sie sich!“ oder endlich: „Sr. Durchlaucht dem Herrn ***. Wie geht es denn, hochverehrtes Haderlümpchen?“ Die Empfänger dieser offenen Briefe, welche der Briefträger schmunzelnd überreichte, der pfiffige Kammerdiener lächelnd auf den Präsentirteller legte, waren in Verzweiflung, und die meisten rächten sich an dem Anonymus durch eben so gesalzene Epistelchen an die guten Freunde. Die Zeitungen wimmelten nur von entrüsteten „Mittheilungen aus dem Publicum“, und man rief den Schutz der Behörden gegen die neue Stadt- und Landplage auf. Die Verwirrung war eine allgemeine, und die Schadenfrohen kicherten den ganzen lieben Tag. Als aber der erste Lachanfall sich gelegt hatte, tauchten auch schon die ernsten geschäftlichen Correspondenz-Karten auf, man befreundete sich allmälig mit dem neuen Verkehrs-Institute, und diejenigen, welche behauptet hatten, den heimtückischen Attentaten sei jetzt geradezu ein Freibrief gegeben, sahen ein, daß durch diese Postkarten, welche nun millionenweise durch Europa wandern und über die Meere segeln, nicht mehr Grobheiten an den Mann gebracht werden, als das statistisch noch nicht ermittelte Bosheitspercent unter den Menschen überhaupt zu Tage fördert.

So wohlfeile Witze (à 2 Neukreuzer), wie sie die Correspondenz-Karten ermöglichten, wird das Telephon in Wien freilich nicht zulassen. Vorläufig werden wol nur die oberen Zehntausend sich auf die elektrischen Fernsprecher abonniren können, und so lange man nicht eine billige Volksausgabe davon veranstalten kann, so lange man nicht wie das kühlende Getränk die Elektricität „über die Gasse“ holen wird, sind wir vor einem muthwilligen Mißbrauche des Telephons noch gesichert. So wenig aber die Correspondenz-Karte salonfähig geworden ist, weil doch für feierliche und zarte Gedanken der geschlossene Brief unbedingt in seine Rechte tritt, ebensowenig wird jemals die menschliche Stimme im übertragenen Wirkungskreise gesellschaftlichen Rang erhalten. Der glückliche Bräutigam oder gefeierte Jubilar wird also nicht besorgen dürfen, daß er an seinem Ehrentage fortwährend bei seinem Apparate werde stehen müssen, um durch das Sprechfernrohr oder Fernsprechrohr von hundert verschiedenen Stimmen zu hören: „Ich gratulire!“ Wol aber werden unglückliche Schuldner das Vergnügen genießen können, eines schönen Morgens durch den elektrischen Klingel-Apparat aus bangen Träumen geweckt zu werden, um im Brummchor unzähligemale das lakonische Wort: „Ultimo! Ultimo!“ zu vernehmen. . . Es wird ein Flüstern und Rauschen, ein Schwatzen und Seufzen durch die Stadt gehen, und der heitere Genius Wiens, der über unseren Häuptern schwebt, wird ein ewiges Lächeln auf den rosigen Lippen tragen, wenn er, gelehrter als Jung-Siegfried, auch die geheimnißvolle Sprache des Blitzes versteht und all unsere Kümmernisse und Freuden, alle unsere kleinen Lächerlichkeiten, die sich so oft mit einem würdigen Gewande drapiren, von Bezirk zu Bezirk schwirren hören wird. . .

Phantasievolle Kaufleute mögen sich selbst die commerzielle Zukunft des Telephons in unserer Stadt ausmalen, wir wollen hier nur die stärksten Leidenschaften, den Ehrgeiz und die Liebe, durch den Fernsprecher senden. Wir sehen die Minister mit ihren Getreuen noch kurz vor einer wichtigen Sitzung sich verständigen; wir hören schmeichelnde lockende Stimmen, süße Versprechungen, herbe Vorwürfe: „Nur noch dieses Einemal, liebster Baron — die Sache will es! . . .“ Wenn nur nicht gerade ein Oppositionsmann an den Apparat getreten ist, so daß der Minister, durch ein donnerndes „Niemals!“ entsetzt das Portefeuille erschrocken aus den Händen fallen läßt. . . Wir sehen den allgewaltigen Preßleiter allein in seinem Zimmer, das sonst von einer Schaar demüthiger Jünger erfüllt war, die an den Lippen und den Taschen des Meisters hingen. Wir hören ihn, wie er nach Nord und Süd officiös inspirirt, wie er nach Ost und West die Thaten der Regierung preist und wie sein Wort in offene Ohren fällt. Der Glückliche! Während er früher für Jeden ein eigenes verbindliches Lächeln bereithalten mußte, sendet er jetzt Allen denselben sinnigen Spruch und darf dazu die trockenste Geschäftsmiene von der Welt machen. Nimm dich zusammen, unvorsichtiger Mann, dessen Geist über allen officiösen Gewässern schwebt, knapp neben deinem Apparat läuft der Fernsprecher eines andern geheimen Preßleiters, der dich zu controliren hat, und ehe du dich’s versiehst, klingelt man dir dreimal, und du hörst durch das Telephon: Sie sind aus Gesundheitsrücksichten entlassen; schreiben Sie Ihre vierzehn Tage und setzen Sie sich zur Ruhe! . . .“

Hinweg mit dem politischen Intriguenspiel und singe, uns sterbliche Telephon-Muse, von den schönen Huldinnen, welche den kleinen Mund an das Blitzrohr legen. Ihr anmuthigen Frauen und Mädchen, webet nicht so fleißig himmlische Rosen ins irdische Leben, unterbrechet diese Handarbeit und schwebet freundlich heran! Werden sich die Damen mit dem neuen Schwatz-Instrumente befreunden, werden sie ihre Geheimnisse dem elektrischen Liebesboten anvertrauen? Die Frauen ziehen seit jeher das mündliche dem schriftlichen Verfahren vor, und vor Jahren hieß es, das geschehe wegen der Orthographie, jener häßlichen, runzligen Person, voll Falten und Tücken, mit welcher die Damen nie etwas zu schaffen haben wollten. Aber heutzutage gibt es ja gottlob gar keine Regeln mehr; es gibt nur eine allgemeine Unrechtschreibung und jeder Gelehrte behauptet, daß die Methode des Andern gründlich falsch sei. Der teuere Freund gilt soviel wie der theuere; die Libste steht so hoch wie die Liebste, und die kleinen Anfangsbuchstaben sind bei den stolzesten Worten hoffähig und lachen keck alle großen aus. Auch hat ja die Allerweltsbildung, welche so monton ist, wie unsere Mode, die jedem Schablonenkopfe denselben originellen Hut aufsetzt, schon längst dafür gesorgt, daß unsere jungen Damen ungemein correct schreiben; es fehlt dem Briefchen vielleicht die holde Naivetät, aber seien wir gerecht, nicht der kleinste Beistrich wird vergessen. Wie entzückend war nicht früher so ein recht kindischer Verstoß gegen die kühle Rechtschreiblehre, eine reizende Unbesonnenheit, verführerisch wie eine pikante Unregelmäßigkeit im Gesichte, welche über die schönen Bilder ohne Gnade siegte. Die Herren der Schöpfung sind sehr betrübt über diese geradezu beklemmende Gelehrsamkeit schreibender Damen, und die schönen Briefstellerinnen werden Rococobriefe erfinden müssen, in welchen künstliche Orthograpdiefehler wie kleine Schönpflästerchen aufgeklebt werden . . .

Aber durch das Telephon, das für die Grammatik absolut unempfindlich ist, wird es sich herrlich von Mund zu Mund plaudern lassen. Wird das duftende Billetdoux verschwinden und werden wir dafür schwärmerische Botschaften in Moll hören? Gewiß nicht, der Fernsprecher wird wol mancher Stoßgebet sinniger Liebespaare durch die Stadt tragen, aber im Allgemeinen kommt es diesen etwas excentrischen Leuten weniger auf die Schnelligkeit, als auf die Deutlichkeit an. Sie trauen nur sich und deponiren ihre Geheimnisse selbst nicht bei behördlich privilegirten Schallwellen. Jüngst kam über den Ocean eine verwickelte Liebesgeschichte nach Europa; die transatlantische Mär erzählte von einer Jungfrau, deren Herz für einen armen Bankjüngling glühte, dem der Vater des Mädchens jedes Talent zum Schwiegersohn absprach. Das empfindsame Fräulein aber schlich sich eines Tages zum Telephon-Apparate des grausamen Vaters, erlauschte alle Börsengeheimnisse, setze sich dann blitzschnell mit dem Apparate des Liebenden in Verbindung — wer dichtet nicht von selbst die elektrische Ballade zu Ende? Romeo und Julie am Telephon, das ist nur im Wunderlande des Realismus, in Amerika möglich. Die Herzen unserer deutschen Mädchen sind zarter besaitet, unsere Jungfrauen setzen sich nicht den Gefahren einer telephonischen Carambolagen aus, die etwa auf einem großen Kreuzungspunkte eintreten könnte. Welch entsetzlicher Gedanke, wenn die blonde oder braune Emmy (Farbe à discrétion!) gerade durch den Fernsprecher: „Mein einziger August, was begehrt dein Herz?“ flötet, und die rauhe Antwort lautet: „Sende sofort dreißig Ballen Rindsleder an Abeles!“ 

Nein, die himmlische Liebe fliegt von Auge zu Auge und nicht durch das Telephon; aber die irdische Nächstenliebe der Frauen, wie sie sich im Jour fix, in der etiquettegemäßen Wochenvisite und im Cafécirkel ausspricht, wird von der neuen Erfindung vollauf Gebrauch machen können. Madame erklärt künftig, daß sie Donnerstag chez elle sein werde, und von allen Theilen der Stadt kommen zur gewohnten Nachmittagsstunde die tetephonischen Neuigkeiten, die elektrische Médisance steht in hellster Blüthe und der Jour fix ist in unterhaltendster Form ausgefüllt. Tritt eine Erkältung der Beziehungen zu einer Familie ein — eine Katastrophe, die so leicht durch einen viel schöneren Hut der Freundin hervorbrechen kann — so wird die telephonische Verbindung einfach ausgeschaltet, und in der Gesellschaft heißt es dann: „Frau X. und Frau Y. sind fachées.“ — „Was Sie nicht sagen!“ — „Gewiß, der Bruch ist vollständig, man hat soeben den Draht Nr. 95 B aufgelassen!“

Wohin wird uns der menschliche Erfindungsgeist noch führen? Er fingert und tastet ewig ins Weite und Blaue, wie nervöse Menschen, die immer etwas zum Spielen zwischen den Händen haben müssen und dabei die wunderlichsten Dinge anstellen. Wir werden uns telephonisch zanken und versöhnen, wir werden durch den Fernsprecher referiren und recensiren, und berühmte Schauspieler werden sich nächtlicherweise selber ihr Lob in die Druckerei flüstern. Zuletzt werden wir Schrift und Druck ganz aufgeben und einigen hunderttausend Lesern mündliche Artikel und Feuilletons zusenden. Der Staatsanwalt wird alle Hände voll zu thun haben, nur den liberalen Telephonen die bösen Mäuler zu stopfen — man wird uns doch hoffentlich statt des alten Preßgesetzes rechtzeitig ein scharfes Sprechgesetz bescheeren? 

J. Opp.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Deutschland, Geschichte, Medien, Österreich, Technik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar