Bismarcks bunte Truppe

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Die Strategie des Reichskanzlers für die Wahlen von 1881 besteht aus zwei Teilen: einerseits eine willenlose „Partei Bismarck sans phrase“ zu bilden, andererseits die Liberalen zu spalten und unter diesen insbesondere die Fortschrittspartei zu dezimieren. Als griffiges Stichwort hierfür etabliert sich im Sommer 1881 der Begriff „Antifortschritt“, von Seiten der Fortschrittspartei auch als „Rückschritt“ wegen seiner reaktionären Ausrichtung tituliert.

Wir werden noch genauer auf den zweiten Teil der Spaltung und Bekämpfung des Liberalismus eingehen. Hier zunächst eine Beschreibung der „Partei Bismarck sans phrase“:

Es gibt bereits eine Partei, die dem Ideal recht nahe kommt: die Deutsche Reichspartei, auch Freikonservative genannt. An ihrem Programm hat der Kanzler mitgeschrieben und ihre Mitglieder folgen dem Kanzler selbst dann willig, wenn sie seine Pläne nicht verstehen. Allerdings ist die Partei weit von einer Mehrheit im Parlament entfernt mit 13,6% der abgegebenen Stimmen und 14,4% der Sitze bei den Wahlen 1878.

Von ihrer Ausrichtung her sehr ähnlich ist die Deutschkonservative Partei, zumeist auch einfach Konservative genannt, mit einem Programm, das die gute alte Feudalzeit mit der Herrschaft von Adel und Klerus soweit als möglich bewahren oder wiederherstellen möchte. Eines ihrer Hauptorgane ist die „Neue Preußische Zeitung“, die wegen des Eisernen Kreuzes im Zeitungskopf üblicherweise nur die „Kreuzzeitung“ genannt wird. Die Konservativen können 1878 bei den Wahlen 13,0% der Stimmen und 14,9% der Mandate auf sich vereinigen.

Was die beiden konservativen Parteien unterscheidet, ist mehr eine unterschiedliche Betonung einzelner Punkte. Die Freikonservativen sind in ihrem Nationalismus auf das Reich ausgerichtet und befürworten wie Bismarck um die Zeit eine Stärkung des Reiches gegenüber den Bundesstaaten. Die Konservativen sind auf den Bundesstaat ausgerichtet und stehen stärker für dezentrale Strukturen. In Preußen sind sie zu allererst preußische Nationalisten, in anderen Bundesstaaten auch regelrecht partikularistisch gegen das Reich gerichtet.

Während die Freikonservativen Bismarcks Kampf gegen die katholische Kirche, den sogenannten „Kulturkampf“ unterstützen, gibt es unter den Konservativen dazu auch kritische Stimmen, da man sich als orthodoxe Protestanten durchaus auch in orthodoxe Katholiken einfühlen kann. Allgemein sind die Freikonservativen eher bereit, eine grundsätzliche Konservierung auch durch Veränderungen zu sichern, während die Konservativen eine rein rückwärtsgewandte Ausrichtung bevorzugen und beispielsweise seit längerem einen gewissen Antisemitismus kultiviert haben, den sie dann 1892 im Tivoli-Programm explizit als eine ihrer Forderungen aufnehmen werden.

Die Unterschiede zwischen Freikonservativen und Konservativen sind allerdings hauptsächlich durch die jeweiligen Prioritäten Bismarcks induziert, dem die Freikonservativen am Nasenring folgen. In den 1870ern gibt es etwa zeitweise einen regelrechten Kampf zwischen dem Kanzler und den Konservativen. Nähert sich Bismarck dann wieder streng konservativen Positionen an wie zu Zeiten des Wahlkampfs 1881, so sind die Unterschiede zwischen den beiden konservativen Parteien eher geringfügig.

Wie man an den Zahlen für die Wahl 1878 ersieht, reicht auch die Unterstützung beider konservativer Parteien bei weitem für Bismarck nicht aus. Und die Wahl war günstig für die konservative Richtung mit der Aufregung über die Attentate auf den Kaiser und einem Wahlkampf im Zeichen des von Bismarck geforderten Sozialistengesetzes.

Als Mehrheitsbeschaffer benötigt der Reichskanzler von daher eine weitere Partei. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: die Nationalliberalen (1878: 23,1% der Stimmen und 24,9% der Sitze) und die Zentrumspartei mit den ihr sehr nahestehenden Deutsch-Hannoveranern (1878: 24,8% der Stimmen und 26,2% der Sitze).

In der 4. Legislaturperiode von 1878 bis 1881 spielt Bismarck die beiden Parteien geschickt gegeneinander aus und setzt seine Projekte jeweils mit dem Minderbietenden durch. Allerdings sind beide Parteien nicht dafür zu haben, dem Kanzler „sans phrase“ zu folgen. Bei den Nationalliberalen gibt es einen starken freihändlerischen Flügel, der die Wirtschaftspolitik des Kanzlers ablehnt und sich dann im Sommer 1880 als Liberale Vereinigung abspaltet. Und die Zentrumspartei, Vertreterin katholisch-klerikaler Interessen, mißtraut dem Kanzler wegen des „Kulturkampfs“, den Bismarck nur allmählich zu entschärfen beginnt.

Die Strategie Bismarcks ist es nun, quer zu den Parteien Interessenkämpfe anzuzetteln, die innerhalb der Parteien für ihn wirken sollen. Wenn möglich ist auch eine Spaltung erwünscht in den jeweiligen Teil der Partei, der für eine bismarckhörige Politik zu haben ist und mit den beiden konservativen Parteien in ein „Kartell“ eintreten könnte (wechselseitige Unterstützung bei den Wahlen), und in den für ihn hoffnungslosen Teil. Bei den Nationalliberalen zielt sein Keil auf die Abspaltung der Freihändler, bei der Zentrumspartei wird Bismarck ab 1884 versuchen, diese auf eine nationale Richtung zu verpflichten und sie von den ihnen aus religiösen Gründen nahestehenden Polen zu trennen.

Bei den Interessengruppen bedient sich Bismarck aller Möglichkeiten, die sich bieten. Wie es zeitgenössisch heißt, geht er mit jedem unanständigen Mädchen ins Bett, um ein Kind zu zeugen. Im Wahlkampf 1881 kommen dafür in Frage:

  • Die Antisemiten, die Anklang bei den Konservativen, aber auch beim Zentrum und teilweise den Nationalliberalen finden
  • Die Agrarier, Vertreter der Großgrundbesitzer mit der Forderung nach Zöllen und Subventionen, die ebenfalls neben Konservativen viele ländliche Zentrumspolitiker und einige Nationalliberale ansprechen
  • Die Schutzzöllner, Vertreter der Großindustrie mit der Forderung nach Zöllen auf Eisen- und Stahlwaren, die vor allem Nationalliberale sowie Konservative und Zentrumspolitiker für sich interessieren können
  • Die Zünftler, Vertreter gewisser Handwerksinteressen mit Forderungen nach Innungszwang und obligatorischen Meisterprüfungen, denen viele Zentrumspolitiker, Konservative und auch je nachdem Nationalliberalen gewogen sind
  • Die Staatssozialisten, die die Arbeiter über Zwangsversicherungen in den feudalen Staat einbinden und wieder von diesem abhängig machen möchten, ein Ziel, das wiederum bei allen drei Gruppierungen auf Interesse stößt, weil man sich davon eine Befriedung der Arbeiter verspricht. Die Arbeiter wählen übrigens nicht geschlossen die Sozialdemokraten, wie es eine gewisse Geschichtsschreibung meint. Viele sind auch Anhänger der Fortschrittspartei, die stark bei Gewerkvereinen und Genossenschaften vertreten ist. Entsprechend ist der Hauptfeind der Staatssozialisten nicht der nur auf Abwege geratene Sozialdemokrat mit seinen eigentlich „berechtigten“ Forderungen, sondern der böse Manchestermann der Liberalen Vereinigung und der Fortschrittspartei.

Gemeinsam ist all diesen Richtungen das antiliberale Ziel einer Refeudalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft. Allerdings ergeben sich dabei wie in jedem korporatistischen Modell Verteilungskämpfe zwischen den einzelnen Gruppen, sodaß das Zusammenwirken nicht immer ganz harmonisch ist.

Die „Berliner Wespen“ karikieren die bunte Truppe Bismarcks am 27. Juli 1881. Zu sehen sind links oben die Agrarier, darunter die Zünftler und ganz unten die Schutzzöllner. In der Mitte werkeln die (Frei)konservativen, die Konservativen (wie üblich mit Eisernem Kreuz und Monokel dargestellt) sowie ein sehr bärtiger Staatssozialist, der an die Darstellung von Sozialdemokraten erinnert.

Rechts versucht von oben der Antisemit Ernst Henrici aus dem Dunkeln „Henricinus“ in die Suppe zu träufeln (er vertritt einen antikonservativen Antisemitismus und wird um die Zeit in den Hintergrund gedrängt), während unten triumphierend Adolph Stöcker seinen christlich-sozialen Antisemitismus und Staatssozialismus als Zutat hochhält. Vor den Köchen versucht der Führer des Zentrums, Ludwig Windthorst seine „clerikale Sauce“ anzubringen. Und an der Wand hängt das Bild des Schutzpatrons Bismarck, wie immer mit genau drei Haaren auf der Glatze.

Es fehlen die Nationalliberalen, die um die Zeit wieder gewisse Neigungen zeigen, sich mit Liberaler Vereinigung und Fortschrittspartei als große liberale Opposition zu gruppieren. Dies zu verhindern, ist das Ziel der offiziösen Propaganda gegen die Fortschrittspartei „und Genossen“. Bis 1887 erreicht Bismarck sein Ziel. Die Nationalliberalen reihen sich in das Kartell mit den Konservativen ein. Wie es Bismarck verächtlich ausdrückt: ihm ist eigentlich egal, ob seine Truppen die weiße oder blaue Montur tragen („weiß“ ist die Farbe der Konservativen, „blau“ die der Nationalliberalen).

In der antifortschrittlichen Küche.

Viele Köche verderben den Brei.

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