Hintergrund: Vorbereitungen für die Reichstagswahl

Dieser Artikel wurde 2882 mal gelesen.

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, Seite 228-230

Die Neuwahlen zum Reichstag.

(Bis November 1881.)

Die inhaltreiche, sechsmonatliche Reichstagssession hatte uns nicht abgehalten, die Wahlvorbereitungen, wie wir sie planmäßig schon im Mai 1880 begonnen, unablässig fortzusetzen. Alle irgendwie freien Zeitabschnitte während der Session wurden dazu verwendet. Lange Zeit mußten wir auch darauf gefaßt sein, daß der Wahltermin schon für Sommer 1881 (die Wahlperiode lief am 30. Juli ab) angesetzt werden würde.

Provinzialparteitage der Fortschrittspartei waren abgehalten worden am 16. Januar in Magdeburg, am 22. Januar in Breslau, am 28. Februar in Posen, am 25. März in Königsberg i. Pr., am 10. April in Nürnberg, am 24. April in Neustadt a. d. H., am 30. April in Hannover. Ich sprach vor Versammlungen von mehreren Tausend Personen in Magdeburg, Breslau, Königsberg i. Pr., Neustadt a. d. H. und Hannover und hielt außerdem vor ebenso großen Versammlungen in dieser Zeit Vorträge am 9. Februar in Weimar, am 3. März in Görlitz, am 7. März in Hagen, am 15. Mai in Dortmund. In Berlin hatte ich am 11. Februar vor einer großen Versammlung einen besonderen Vortrag über Handwerkerfragen gehalten, der als Broschüre gedruckt wurde, dann einen Vortrag am 8. April im 4. Berliner Wahlkreise, am 10. Mai im „Waldeckverein“ in der Philharmonie vor mehreren Tausend Personen, am 25. Mai im 5. Reichswahlkreis. Als Redner auf Provinzialparteitagen und sonst unterstützten die Agitation in dieser Zeit ganz besonders Ludwig Löwe, Träger, Hugo Hermes und Otto Hermes.

Unser Centralorgan, die „Parlamentarische Korrespondenz“, erfuhr in der Auflage eine Ausbreitung bis zu 20 000 Exemplaren. Für die Landtagswahlen von 1879 hatte ich zum erstenmal unter dem Titel „Der liberale Urwähler oder was man zum Wählen wissen muß“ ein politisches Handbuch, nach dem ABC geordnet, in Stärke von fünf Druckbogen erscheinen lassen. Nnnmehr verfaßte ich, allerdings ohne Nennung des Autors, für die Reichstagswahlen ein „ABC-Buch für freisinnige Wähler“, welches später durch einen Nachtrag über alle Vorkommnisse bis Juli 1881 ergänzt wurde und in der Stärke von 18 Druckbogen erschien. Ebenfalls wurde ein von mir verfaßtes Buch herausgegeben „Über unsere Gegner im Reichstage, Abstimmungen, Charakteristisches von 143 Abgeordneten“, gleichfalls mit einem Nachtrag über die Abstimmungen in der Session 1881. Daneben ließen wir als Broschüren erscheinen meine Reichstagsrede aus dem Februar über die neuen Steuern, sodann über die lex Tiedemann, über die Haftpflicht und Unfallversicherung, meine Landtagsrede über die neuen Steuern vom 4. Februar 1881, ferner meine Versammlungsrede in Görlitz über „Die neuen Steuern und die reaktionären Bestrebungen“ und meine Berliner Rede über Handwerkerfragen. Dazu kam ein vom Abg. Dirichlet verfaßter „Politischer Katechismus für freisinnige Landleute“, eine Broschüre mit der Rede des Abg. v. Saucken-Tarputschen aus April 1881 und anderes. Im ganzen haben wir für Rechnung unseres Broschürenfonds vom 15. Oktober 1879 bis 31. Dezember 1881 48 verschiedene Broschüren in 161 000 Exemplaren verbreitet.

Zur Vervollständigung des Materials für die Agitation verfaßte ich Flugblätter über Arbeiterfragen, die Interessenfragen der Landleute, die Handwerkerfragen, die Steuerfragen, die Tabaksteuerfrage, über „Die Schädigung der verschiedenen Berufsklassen durch die neue Wirtschaftspolitik“ und über „Die wirtschaftspolitische Weisheit von Stöcker und Genossen“! Im ganzen gaben wir 21 verschiedene für alle Wahlkreise brauchbare Flugblätter heraus, von denen allein aus Berliner Druckereien 760 000 Exemplare zur Versendung gelangten.

Unsere Sammlungen für den Centralwahlfonds hatten bis zum Februar 1881 eine Summe von 95 000 Mark ergeben, wovon alsdann 50 000 Mark zu dem Diätenfonds für Abgeordnete abgezweigt wurden. über die einzelnen Beiträge wurde in der „Parlamentarischen Korrespondenz“ quittiert. Auch wurde daselbst die Einrichtung des Diätenfonds, welcher späterhin, 1884, Fürst Bismarck zu den Prozessen behufs Einziehung der Diätenbeträge veranlaßte, ausführlich geschildert. Drei nachfolgende Geldaufrufe im Mai, September und vor den Stichwahlen führten uns noch weiterhin 111 000 Mark zu, ein besonderer Aufruf für Berlin außerdem 24 000 Mark.

Nochmals erzielten wir bei einer Ersatzwahl einen überraschenden Erfolg. In Weimar stellten wir unseren früheren Reichstagskollegen, den Oberappelationsgerichtsrat Ausfeld als Kandidaten auf und erlangten auch hier schon im ersten Wahlgang einen glänzenden Sieg. Während 1878 daselbst Träger mit 4521 Stimmen gegen den freikonservativen Kandidaten mit 6853 Stimmen unterlegen war, siegte Ausfeld diesmal mit 8936 Stimmen im ersten Wahlgang, obwohl die Nationalliberalen ihre angesehenste Persönlichkeit im Großherzogtum, den früheren Reichstagsabgeordneten Fries, aufgestellt hatten. Derselbe erlangte 2718 Stimmen, während auf den Freikonservativen 1625 und auf den Sozialdemokraten 373 Stimmen entfielen. Nicht bloß in allen Städten, fast auch in allen Landgemeinden ergab sich eine große Mehrheit für Ausfeld.

Die letzte Ersatzwahl in dieser Wahlperiode, an der wir uns beteiligten, war diejenige in Rinteln. Praktisch hatte die Beteiligung keinen Zweck, weil das Mandat erst mit dem Schluß des letzten Tages der letzten Reichstagssession erledigt wurde. Aber wir waren nun einmal munter im Zuge und erreichten, daß auch in diesem Wahlkreise, zu welchem wir bis dahin keinerlei Beziehungen gehabt hatten, unser Kandidat, Lehrer Liebermann, in die Stichwahl kam. Dann aber unterlag er gegen den bisherigen nationalliberalen Abgeordneten Schläger.

Die „Berliner Wespen“ freuen sich am 18. März 1881 über die Wahl von Carl Ausfeld in Weimar und bringen dazu eine Karikatur:

Aus Weimar.

Schiller und Goethe erledigen den langen Lorbeerstreit dahin, daß sie den Kranz dem leitenden Staatsmann überreichen, dessen Politik die Wahl eines Fortschrittsmannes in Weimar für den Reichstag zuzuschreiben ist.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, ABC-Buch, Berliner Wespen, Deutsche Fortschrittspartei, Eugen Richter, Geschichte, Karikatur, Medien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar