Brief nach Kissingen

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Ende Juli ist Kanzlerurlaubszeit. Otto Bismarck begibt sich 1881 zur Erholung wieder einmal nach Bad Kissingen. Gut publiziert wird er dabei von einer großen Schar preußischer und bayrischer Polizeibeamter bewacht. Schon bald wird der Verdacht geschürt werden, daß ihm aus den Reihen der Fortschrittspartei nach dem Leben getrachtet wird.

Die „Berliner Wespen“ haben allerdings einen viel schlaueren Vorschlag zum Schutz des leitenden Staatsmannes, bei dem sogar die Fortschrittspartei behilflich sein kann. Zum Hintergrund muß man dazu wissen, daß Bismarck den Reichstag zu verlassen pflegt, wenn Eugen Richter eine Rede gegen ihn hält. Der ist in Deutschland in etwa so bekannt wie der Kanzler.

Mit dem „Bill“ ist der Sohn des Kanzlers Graf Wilhelm Bismarck gemeint, der zu der Zeit in den politischen Ring steigt und für seinen Vater leichte Speere und billige Witze auf den „Fortschrittsring“ abfeuert.

Angespielt wird außerdem auf diverse antisemitische Agitatoren, wie den vormaligen Zentrumsmann Christoph Josef Cremer, von dem sich übrigens später herausstellt, daß er von Bismarck finanziell unterstützt wird, den Hofprediger Adolph Stöcker oder den Druckereibesitzer und Verleger Julius Ruppel. Aus antisemitischen Hetzveranstaltungen werden immer wieder Huldigungstelegramme an den Kanzler geschickt, die dieser höflich beantwortet. Auch wenn Bismarck die Antisemiten dabei explizit nicht unterstützt, erscheint es in der Öffentlichkeit so, als wenn der Kanzler diese wohlwollend beobachtet.

Hier nun der Artikel aus den „Berliner Wespen“ vom 27. Juli 1881:

Fast sämmtliche Journale veröffentlichen Briefe aus den Bädern und unter diesen in erster Linie deren aus Kissingen zur Feier der Anwesenheit des Reichskanzlers daselbst. Es wird daher unseren Lesern willkommen sein, einmal einen Brief nach Kissingen zu lesen.

Für alle Fälle ist hier ein solcher:

….. *), den 25. Juli 1881.

Mit lebhaftestem Interesse werden am hiesigen Ort in allen Schichten der Bevölkerung die Nachrichten verschlungen, welche die Correspondenzen von der längst geflügelt gewordenen oberen Saline über den Aufenthalt des leider nicht nur leitenden, sondern auch leidenden Staatsmannes in die Leserkreise schleudern. Stets sind es Blitze in Pulverfässer. Denn aller Gemüther bemächtigt sich sofort ein tiefes Bedauern, wenn ihnen offenbar wird, wie schwer es dem Reichskanzler ist, sich der neugierigen Badegäste zu erwehren. Ueberall verfolgen sie ihn, er kann niemals unter zwei Augen sein, jede Einsamkeit aus der Saline wird ihm versalzen. Natürlich denkt jeder Freund der neuen Wirthschaftspolitik, auch solcher, der noch nicht telegraphirt hat, darüber nach, wie diesen Uebelständen wirksam entgegenzutreten sei. Ich bin nun in der angenehmen Lage, hierzu einen Fingerzeig beitragen zu können.

Es handelt sich ja darum, daß der Reichskanzler als solcher nicht erkannt wird. Dazu bedarf es eines Kunstgriffs, dessen Ausführung dem Fürsten vielleicht einige Opfer auferlegt, dann ihm aber auch Alles gewährt, wonach er sich so sehnt.

Der Reichskanzler lasse sich anstatt von so vielen preußischen und bayrischen Criminalbeamten von dem Abgeordneten Eugen Richter begleiten. Ist der Bill zum Besuch anwesend, so nehmen Vater und Sohn den Genannten in die Mitte. Richter ist bekannt. Wer ihn nun mit dem Reichskanzler gehen sieht, wird natürlich annehmen, es sei gar nicht der Reichskanzler, sondern ein demselben wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlicher Herr, und wird den Reichskanzler anderswo suchen. So dürfte es bald allen in Kissingen anwesenden Badegästen gehen, und — Bismarck ist und bleibt unbelästigt.

Aus naheliegenden Gründen wollte ich dem Reichskanzler anfangs an Stelle Eugen Richter’s eine andere öffentliche Persönlichkeit empfehlen, welche ebenfalls im Stande sein würde, die oben geschilderte Wirkung hervorzubringen. Ich erwog Cremer, Stöcker, Ruppel u.A., sagte mir aber dann, daß leider doch immer Einige existiren könnten, die es nicht für unmöglich hielten, daß der Reichskanzler in dieser oder ähnlicher Gesellschaft erscheint, und so wäre denn der Zweck verfehlt und der Reichskanzler wieder allen Badegästen preisgegeben.

Also der Reichskanzler versuche es mal mit Eugen Richter!

*) Hier kann jede Redaktion einen beliebigen Ort namhaft machen.

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