Wer bedroht Bismarck?

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Neue Freie Presse, Wien, 1. August 1881

Seit gestern ist das Mandat des am 30. Juli 1878 gewählten deutschen Reichstags erloschen, aber über den Termin der Neuwahlen ist noch nichts bekannt. Die Wahlbewegung schwillt inzwischen immer heftiger an, und die Veröffentlichung des famosen Drohbriefes an Bismarck hat natürlich die Heftigkeit der Polemik nicht verringert. Diejenigen, welche entweder an der Echtheit des belegten Briefes zu zweifeln oder die Publicirung desselben als ein Wahlmanöver zu bezeichnen wagten, werden von der [offiziösen] Norddeutschen Allgemeinen Zeitung als „niederträchtige Verleumder“ qualificirt, was nicht hindert, daß die Veröffentlichung des Drohbriefes augenscheinlich die beabsichtigte Wirkung völlig verfehlt hat.

Neue Freie Presse, Wien, 30. Juli 1881

Der Drohbrief an Bismarck.

Berlin, 29. Juli.

In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung liest man:

„Um unseren Lesern ein Beispiel zu geben, welche Früchte die schimpflichen Hetzereien der Fortschrittspresse gegen den Reichskanzler zeitigen, veröffentlichen wir nachstehend einen der Drohbriefe, wie sie dem Reichskanzler jetzt wiederholt zugehen, um ihn zum Aufgeben seiner auf die Verbesserung des Loses der Arbeiter gerichteten socialen Reformpläne zu veranlassen. 

Seiner Durchlaucht dem Reichskanzler Fürsten Otto von Bismarck!

O großer eiserner, resp. einfältiger Reichskanzler was hört und liest man blos von Dir. Nichts als Lächerliches. Glaubst Du etwa daß Du Deiner gefällten Strafe entgehen kannst? Nein! Nein! Was wir Dir einst zugeschworen wird für Dich sicher in Erfüllung gehen und wenn Du den Polizeiring um das zehnfache vermehrst der Dich etwa schützen soll vor dem Bestrafer Deiner verübten Tyrannei. Wie es bei Dir in Kissingen aussieht wissen wir ganz gut. Traurig genug, daß Du es so weit gebracht hast mit Deiner elenden Tyrannenpolitik, daß Du jetzt nicht einmal Deines Lebens sicher bist. Weise nur immer fleißig Mitmenschen aus Deutschland. Desto eher kannst Du Dich mit dem Todtengräber bekannt machen. So wie damals die Würfeln für uns fielen, so sind diese auch schon für Dich gefallen, d. h. vorläufig die kleinen, bis Dich der große Würfel für immer und ewig trifft. Deinen Sohn Wilhelm mit seinen bisherigen maskirten und lächerlichen Redensarten werden wir auch bald was zuschwören wenn er nicht aufhört zu wühlen. 

Die Bismarckbrut muß ausgerottet werden. D. E. C.

Diesem Briefe, welcher am 25. Juli in Hamburg auf die Post gegeben war, lagen Ausschnitte aus fortschrittlichen Blättern mit einer Caricatur aus der „Hamburger Reform“ bei, auf deren Lectüre die Entstehung dieses Drohbriefes also zurückzuführen ist. Eine social-demokratische Presse existirt seit drei Jahren nicht mehr; sie kann deßhalb für solche Ausbrüche nicht verantwortlich gemacht werden; die Stelle derselben haben aber, was Verleumdungen und Beschimpfungen des Reichslanzlers betrifft, die Organe des Fortschrittes, vor Allem in Berlin und Hamburg, vollauf eingenommen, und wer nur diese liest, ohne ein eigenes Urtheil zu haben, muß wol glauben, daß wir von einer Gesellschaft von Schuften und Dummköpfen regiert werden! Wenn die Fortschrittspresse sich nicht an die Sache hält und auf persönliche Angriffe verzichtet, so muß man schließlich glauben, daß ihr daran liegt, etwa einen zweiten Blind oder fortschrittlichen Kullmann mobil zu machen. Dies dürfte ohne Extra-Bemühungen zu erreichen sein; denn da die gehässigen Angriffe der Fortschrittspresse sich fast ausschließlich gegen die Person des Reichslanzlers richten, so wäre es kaum zu verwundern, wenn unter ihren urtheilslosen und einfältigen Lesern sich wieder Einer findet, der wie Blind der Allgemeinheit einen Dienst zu leisten glaubt, wenn er auf einen — nach fortschrittlicher Anschauung — ja gemeinschädlichen und „längst gerichteten“ Menschen, wie den Reichskanzler, ein Attentat ausführt.“

Die Abendblätter der liberalen Journale verurtheilen es aufs schärfste, daß die Norddeutsche Allgemeine Zeitung den von ihr publicirten, an den Fürsten Bismarck gerichteten Drohbrief der Fortschrittspartei zur Last legt. Die conservativen Blätter drucken den Drohbrief nicht ab. Der [deutschkonservative] „Reichsbote“ bezeichnet denselben als ein Machwerk roher Menschen, die [zur Zentrumspartei gehörende] „Germania“ als eine einfache Sudelei. 

An anderer Stelle theilen wir den bereits telegraphisch signalisirten Drohbrief an Bismarck nebst den an denselben geknüpften Bemerkungen der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung mit. Man würde sich billigerweise wundern dürfen, daß ein solches Machwerk der Ehre der Veröffentlichung theilhaftig werden kann, wenn nicht gerade der Wahlkampf in Deutschland wüthete, und zwar in einer solchen Heftigkeit, daß den Gegnern der Liberalen alle Mittel zu deren Verdächtigung eben recht zu sein scheinen. Die Authenticität dieses „Drohbriefes“ zu prüfen, ist müßig; sie wird Vielen zweifelhaft vorkommen, da auch anderweitig officiöse Fälschungen zu einem Merkmale der jetzigen Wahlagitation in Deutschland geworden sind und eben heute die Norddeutsche Allgemeine Zeitung von der [demokratischen] Frankfurter Zeitung der Lüge und „ehrlosen Verleumdung“ geziehen wird. Auch thut der officiöse Commentar, welcher dem „Drohbriefe“ beigefügt ist, das Seinige, um die Absicht der Veröffentlichung desselben zu verrathen. Es handelt sich um einen Vorwand, der fortschrittlichen Presse einen Knebel anzulegen, und zu diesem Zwecke wird der Fortschrittspartei vorbereitungsweise ein Blind oder Kullmann angedichtet. Als das Socialisten-Gesetz zur Debatte stand, wurde die Befürchtung ausgesprochen, dasselbe werde auf den gesammten Liberalismus ausgedehnt werden. Die Social-Demokraten werden bereits von Ort zu Ort gehetzt; vorgestern wurden wieder vierzehn aus Leipzig ausgewiesen. Es scheint nun, daß Aehnliches der Fortschrittspartei zugedacht ist. „Anständige Leute schreiben nicht für mich,“ hat einmal Fürst Bismarck gesagt. Sollte der Verfasser jenes „Drohbriefes“ für den Kanzler geschrieben haben?

Eugen Richter bei der Beratung der ersten Version des Sozialistengesetzes am 23. Mai 1878:

„Wir lesen ja in der Presse, daß die Fortschrittspartei, die liberale Partei den Sozialdemokratismus erzeugt habe. Nun, meine Herren, welche Logik liegt denn da näher, als die Quelle zu verstopfen und ein weiteres Gesetz auch gegen diese Parteien zu kehren.“

Siehe auch: Wer bedroht Bismarck? (II)

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