Ein zivilisierter König besucht das nicht so zivilisierte Deutschland

Dieser Artikel wurde 3359 mal gelesen.

Quelle: Wikipedia

Im Jahr 1881 begibt sich König David Kalakaua von Hawaii (zu jener Zeit noch ein unabhängiges Land) auf große Weltreise, um die verschiedenen Länder und ihre Regierungssysteme sowie die Monarchenkollegen kennenzulernen. 

Stationen sind dabei Japan, China, Thailand, Burma, Indien, Ägypten, Italien, Belgien und dann Ende Juli auch Berlin. Wie die Berliner Gerichtszeitung am 2. August 1881 berichtet, gestaltet sich die Ankunft in der Reichshauptstadt eher unauffällig:

Berlin birgt gegenwärtig einen interessanten Gast in seinem Weichbild. Kalakaua I., der König der hawaischen Inseln, ist am Freitag-Abend 8 Uhr 10 Minuten in aller Stille auf dem Lehrter Bahnhofe hier von Köln aus eingetroffen und wurde, da er das strengste Inkognito aufrecht zu erhalten bestrebt ist, und da seine Ankunft erst für gestern angesagt war, auch nicht offiziell empfangen. Nur einige Schutzmannsposten, die kurz vor 8 Uhr auf und vor dem Lehrter Bahnhofe erschienen, deuteten auf etwas Außerordentliches hin und zogen eine ganze Menge Neugieriger an, die den Perron dicht füllten. Der König hatte mit seinen nächsten Begleitern ein Coupé l. Klasse benutzt. Derselbe ist eine recht kräftige, gedrungene Persönlichkeit von dunkelbrauner Gesichtsfarbe. Er trug einen hohen, hellen Cylinderhut, dunkle Beinkleider und einen dunkelgrau melierten Ueberzieher. Der Beherrscher des Reiches der Sandwichinseln rauchte eine Cigarre und hatte in der Hand ein ziemlich einfaches Bouquet von roten und weißen Nelken. Der Begleiter des Königs, ebenfalls eine stattliche, gedrungene Persönlichkeit, war ganz in hell gekleidet, Ueberzieher, Beinkleider und Hut waren von derselben hellgrau melierten Farbe; in der Hand hatte der Begleiter des Königs ebenfalls ein schlichtes Nelkenbouquet. Der König steht im 45. Jahre, sein nächster Begleiter mochte dasselbe Alter haben, dle beiden anderen Begleiter des Königs sind etwas jünger. Nachdem der König einige Minuten auf dem Perron verweilt und wenige Worte an seine Begleiter gerichtet hatte, ging er langsamen Schrittes durch das Portal, bestieg mit seinem Beglelter eine einfache, von zwei Schimmeln gezogene Equipage und begab sich in sein Hotel.

Wintergarten des Centralhotels, 1881 (Quelle: Wikipedia)

Da vom Publikum fast niemand auf den unscheinbaren Wagen achtete, so hatten nur wenige das Glück, König Kalakaua bei seiner Ankunft in Berlin begrüßen zu können. Seine Wohnung hat der König im Hôtel de Rome genommen. Der König, der den Eindruck eines englischen Gentleman macht und auch englische Erziehung genoß, widmete den Sonnabend Besuchen der Staatsminister. der Beiwohnung der Wachtparade, der Besichtigung der Nationalgalerie. Am Nachtmittag erschien er im Zoologischen Garten und beehrte am Abend das Kroll’sche Theater mit seiner Gegenwart. In der Begleitung des königlichen Gastes befinden sich sein Sekretär, der Oberst Judd und der hawai’sche Staatsminister Armstrong. Am Sonntag begab sich der fremde Monarch nach Potsdam, um den Prinzen des Königlichen Hauses Besuche abzustatten, wohnte am Abend der Vorstellung im Friedrichs-Wilhelmstadtischen Theater und später dem Konzerte im Wintergarten des Centralhotels bei. Gestern Morgen begab er sich nach dem Schießplatze bei Tegel, wo das 2. Garde-Feld-Artillerie-Regiment mit acht Batterien ein Probeschießen abhielt und verschiedene Evolutionen ausführte. Heute Vormittag werden dem Gaste auf dem Tempelhofer Felde verschiedene Regimenter vorgeführt werden. Demnächst ist ein Besuch des Krupp’schen Etablissements in Essen in Aussicht genommen. 

Am 3. August 1881 entschuldigen sich die „Berliner Wespen“ bei König Kalakaua für den desolaten Eindruck, den Deutschland macht. Angespielt wird:

An König Kalakaua.

Einsam wandelst Du, Freund, am Spreegestade,
Keiner wagt, mit gutem Rath Dir zu nahen,
Leih’ uns drum ein bräunlich Ohr, ein geneigtes!
O Kalakana!

Mögen wir Dir nicht gelten als Barbaren,
Wenn Du hörst das „Hussah!“ der Distelkämpe,
Und dazu „Lump!“ schimpfen hörst oder ähnlich,
O Kalakana!

Halt’ uns nicht Alle für Tyrannenmörder,
Wenn Du singen die Pindter hörst und die Brässe.
Daß sie mit Tyrannenblut gut färben,
O Kalakaua!

Nicht für Trottel halt’ uns oder dergleichen,
Wenn Du, König, vernimmst, daß Hundesperre
Viel erträglicher sei als Sperre der Menschen,
O Kalakaua !

Denk’ bei all’ dem Trüben und Ungesunden,
Daß Du kamst nach Berlin im Monat Juli,
Wo der Hundsstern herrscht neben Sonnenstichen,
O Kalakana!

Die Berliner interessieren sich dann doch noch sehr für den hohen Gast. Über jeden seiner Schritte wird berichtet. Weiter geht es dann nach Österreich-Ungarn, Frankreich, Spanien, Portugal, Großbritannien, den USA und schließlich zurück nach Hawaii.

In Wien, der nächsten Station, kommt es dann zu einem amüsanten Zwischenfall, bei dem König Kalakaua seinem Spitznamen „The Merrie Monarch“ alle Ehre macht und über den wir noch berichten werden.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Berliner Wespen, Deutschland, Geschichte, Globalisierung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar