Waffenbrüder kritisiert man doch nicht

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Gründung der Provisorischen Indischen Nationalregierung durch Subhas Chandra Bose, Ansprache von Staatssekretär Keppler, Berlin 1943 (Quelle: Bundesarchiv, Wikipedia)

Die „Achse des Guten“ verweist auf einen Artikel von Publikative: „Indienkritik: Gerade wir als Deutsche!“ 

In dem Artikel wird die typische Israelkritik persifliert, die sich mit großem Pathos zum Lehrmeister aufwirft und in tiefer Sorge die Hände wringt. Nur daß Israel durch Indien und die Verhältnisse dort ersetzt wird, die tatsächlich der Kritik bedürften, was aber der deutschen Öffentlichkeit herzlich gleichgültig ist.

Kostprobe:

Pogrome gegen Christen mit fast 60 Toten im Jahr 2008 und andere Gewalttaten verursachten (k)einen Aufschrei der Empörung bei Menschenrechtsgruppen in Deutschland. In einem (nicht existenten) offenen Brief – unterzeichnet von 0 Hochschuldozenten und Kulturschaffenden – wurde ein besserer Schutz von Minderheiten in Indien gefordert.“

Der Artikel ist sehr witzig geschrieben, aber das Komische an ihm ist eigentlich, daß er davon ausgeht, daß es keinen Zusammenhang mit der deutschen Geschichte gibt. Das ist aber nicht so.

Vielleicht könnte sie Günter Grass kennen: die Legion Freies Indien, eine aus Kriegsgefangenen rekrutierte und bis zu 2.600 Mann starke Formation zunächst der deutschen Wehrmacht und ab 1944 der Waffen-SS. Gebildet wurde sie auf Anregung des indischen Nationalisten Subhas Chandra Bose, von seinen Anhängern „Netaji“ (Führer) genannt. Dieser hatte sich 1941 nach Deutschland geflüchtet, um auf Seite der Achsenmächte für die indische Unabhängigkeit zu kämpfen. Hier heiratete er eine Österreicherin, mit der er eine Tochter hatte, die in Deutschland aufwuchs und mit einem Abgeordneten der Grünen verheiratet ist.

Die Legion Freies Indien legte ihren Eid auf Bose und Hitler ab:

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich für den von unserem Führer Subhas Chadra Bose geführten Freiheitskampf Indiens dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler als Oberstem Befehlshaber der Wehrmacht unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid das Leben einzusetzen.“

Nach längeren Bemühungen 1943 wurde dann in Deutschland die „Provisorische Regierung des Freien Indiens“ unter Subhas Chandra Bose gegründet, die bereits die Symbolik des indischen Staates vorwegnahm. Ihre Hymne „Jana Gana Mana“ (Text von Rabindranath Tagore, übrigens sehr schön fotografiert von Mussolini 1926) wurde zur heutigen Nationalhymne und auch die Flagge war fast schon dieselbe mit der Trikolore. Nur anstelle des Rads stand noch ein komplettes Spinnrad. Gehißt wurde sie zum ersten Mal offiziell in Berlin.

Hitler konnte sich allerdings nicht für seine indischen Sympathisanten erwärmen. Es gab zwar in seiner Partei einiges an Indienschwärmerei: So soll etwa Heinrich Himmler stets eine Ausgabe der Bhagavad Gita bei sich getragen haben, und auch dem Partei-Ideologen Alfred Rosenberg erschien in seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ das indische Kastensystem als vorbildlich, nur die heutige indische Bevölkerung durch Vermischung nicht mehr als richtig arisch. Doch in Hitlers Sicht war an Indien vor allem die harte britische Herrschaft zu bewundern, und mit den Briten hoffte er ins Geschäft zu kommen. Von daher paßte ihm ein unabhängiges Indien nicht in den Kram. Schon in „Mein Kampf“ hatte er schließlich den Untergang Großbritanniens vorhergesagt, wenn dieses Indien verlöre.

Da er in Deutschland nicht weiterkam, ließ sich Subhas Chandra Bose 1943 von einem deutschen U-Boot in die Nähe von Madagaskar bringen, wo er von einem japanischen U-Boot übernommen wurde, das ihn nach Singapur brachte. Unter japanischer Aufsicht formierte er von dort die Indian National Army neu, die mit mäßigem Erfolg von Osten nach Indien vorzudringen suchte. 1945 kam er unter obskuren Umständen bei einem Flugzeugabsturz in Taiwan um.

Es gäbe auch noch andere Querverbindungen, beispielsweise die Bewunderung des Gründers des Hindu-Fundamentalismus Vinayak Damodar Savarkar für Faschisten und Nazis:

“He observed India’s foreign policy must not depend on “isms”. Germany has every right to resort to Nazism and Italy to Fascism and events have justified that those isms and forms of governments were imperative and beneficial to them under the conditions that obtained there. Bolshevism might have suited Russia and Democracy as it is obtained in Briton (sic) to the British people.”

Oder diese Aussage eines anderen Gründers des Hindu-Fundamentalismus, Madhav Sadashiv Golwalkar:

German national pride has now become the topic of the day. To keep up the purity of the nation and its culture, Germany shocked the world by her purging the country of the Semitic races — the Jews. National pride at its highest has been manifested here. Germany has also shown how well–nigh impossible it is for races and cultures, having differences going to the mot (sic), to be assimilated into one united whole, a good lesson for us in Hindustan to learn and profit by.“

Oder die Bewunderung von Bal Thackeray für Hitler oder „Mein Kampf“ als Anleitung fürs Management oder Hitler-Mechandizing oder oder oder …  — Aber erst einmal muß das Recht auf Selbstverteidigung der Israelis gegen ihre angekündigte Vernichtung kritisch hinterfragt werden. Als Lehre aus der Geschichte natürlich.

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