Wer bedroht Bismarck? (II)

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Ende Juli 1881 veröffentlicht die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, ein bekanntes Sprachrohr Bismarcks, einen Drohbrief an den Kanzler. Der Inhalt ist hanebüchen. Es klingt so, als wenn ein verbitterter Sozialdemokrat schriebe. Da dem Brief Ausschnitte aus fortschrittlichen Zeitungen beigelegt sind, wird von der NAZ suggeriert, der Schreiber sei von diesen aufgehetzt worden. Von verschiedenen Seiten wird vermutet, daß es sich um eine Fälschung handelt. So weist etwa der im Züricher Exil erscheinende „Sozialdemokrat“ am 4. August 1881 auf Unstimmigkeiten hin:

Was das obige Produkt angeht, so trägt es, auf 10 Schritte sichtbar die Polizeimarke und riecht nach dem Molkenmarkt. Wir kennen den Stil, haben wir doch Dutzende ähnlicher Fabrikate erhalten, deren Urheber bald liberale, bald konservative, bald christliche Masken vorhatten und stets die muffigen Polizei-Odeurs verbreiteten.

Köstlich ist das „D(as) E(xekutiv) C(omite); der Spitzel, der mit der Arbeit betraut war, hat offenbar bisher in sozialdemokratischen Verschwörungen „gemacht“, und vergaß, den gewohnten Apparat bei Seite zu legen; Fortschrittler und ein Exekutivkomite! Wie kann die Polizei nur so dumm sein!

Nun, für den „Eisernen“ ist sie noch immer gescheidt genug. In seiner Angst glaubt er wirklich an ihre Werke, Thaten und Geschichten. Natürlich protestiren die Herren Fortschrittler voll tugendhafter Entrüstung gegen die infam lächerliche Insinuation, und auch die Liberalen sind sittlich entrüstet.

Mit den „Liberalen“ sind die Anhänger der Liberalen Vereinigung und der Nationalliberalen gemeint. Schon vor den Drohbriefen erinnert die „Berliner Gerichtszeitung“ in einem Artikel am 28. Juli 1881 über die Verleumdungskampagne der offiziösen Presse gegen die Fortschrittspartei daran, daß der Gründer der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, August Braß, einmal als blutrünstiger Revolutionär begonnen hat:

Nicht ohne Staunen hat gewiß mancher alte Berliner die Braß’schen Artikel gelesen und sich gewundert, daß heut das Gedächtnis eines Mannes aufgefrischt wird, dessen Lebensgeschichte an manche für die Regierung doch recht verdrießliche „alte Geschichten“ gemahnt. Braß war, — man lese „Wolffs Revolutionschronik“ Verlag von G. Hempel, — anno 1848 einer der rührigsten Straßendemagogen in Berlin, als Volksredner bei den Arbeitern und auch bei der Landwehr, — er war Fähnrich in derselben — bekannt; er war Verfasser des bereits in der Maiwoche (Verlag von A. Hofmann u. Comp.) gedruckten „Soldatenliedes“ und des Refrains: „Wir färben rot, wir färben gut; wir färben mit Tyrannenblut.“ Am badischen Aufstande beteiligte er sich als Freischärler, flüchtete dann nach der Schweiz und kehrte später, amnestiert, nach Berlin zurück. Hier übernahm er die Redaktion der „Nord. Allg. Ztg.“, die, wie es damals hieß, im Interesse des Augustenburgers mit österreichischen Gelde, — Konsul Merc soll die Zahlungen geleistet haben, — begründet worden war. Das Blatt ward bekanntlich allmählich zu einem halbamtlichen, preußischen Regierungsorgan, und sein Redacteur zum ausgesprochenen Günstling und zum gern ja täglich gesehenen Gast der Bureaux in der Wilhelmstraße. Wie erfahrungsmäßig alle Renegaten, so war auch Braß gerade gegen die Partei, zu der er sich selbst einst bekannt hatte, am feindseligsten. Allem, was liberal hieß, erklärte er den Krieg, und er that dies bisweilen in so heftiger Weise, daß die Regierung sich mehr als einmal genötigt sah, ihren Einfluß auf das Blatt abzuleugnen. Mit welchen Summen, aus welchen Fonds, und ob überhaupt das Blatt von der Regierung durch Geld unterstützt worden ist, wissen wir nicht; Tatsache aber ist, daß es durch journalistische Beiträge reichlich subventioniert wurde. Der einst gänzlich mittellose Literat Braß ist, so erzählt man, als ein reicher Mann gestorben; er soll es zum Besitze eines Hauses, einer Druckerei und eine Rittergutes gebracht haben.

Auf August Braß beziehen sich auch die „Berliner Wespen“. Sie machen sich am 3. August 1881 Sorgen über die mangelhafte Verleumdung der Fortschrittspartei und bieten ihre Hilfe an:

Drohbriefsteller der Berliner Wespen.

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht eben einen Drohbrief, welcher dem Reichskanzler zugegangen. Dieser Brief, in Hamburg auf die Post gegeben, enthält Drohungen, Ausschnitte aus fortschrittlichen Blättern und eine Karrikatur aus der Hamburger Reform und schließt mit den Worten: „Die Bismarckbrut muß ausgerottet werden“.

Dies eine Wort Bismarckbrut verräth aber sofort, daß der fragliche Brief nicht mit fortschrittlicher Feder geschrieben ist, wie „das Organ von und für Pindter“ glauben machen möchte. Das Wort „Bismarckbrut“ erinnert denn doch zu lebhaft gerade an den Barden der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, August Braß, welcher bekanntlich gesungen hat:

„Wir färben echt, wir färben gut,
Wir färben mit Tyrannenblnt.“

Es ist daher wohl anzunehmen, daß einer der feschen Braßilianer des genannten Blattes das Wort Bismarckbrut in einem seiner noch unedirten Gedichte, etwa zu der Strophe:

„Wir färben mit Tyrannenblut,
Wir rotten aus die Bismarckbrut“

benutzt und jetzt in dem Drohbrief an Bismarck verwendet hat, um kein Mittel unversucht zu lassen, die Fortschrittspartei bei den Reichstagswählern zu verdächtigen.

Ferner führt auch das Wort „Drohbrief“, wenn auch weniger eindringlich, auf die norddeutsche allgemeine Quelle zurück, da es bekanntlich Herr Pindter war, welcher die Mitglieder der liberalen Partei neulich als „Drohnen“ bezeichnet hat.

Wir glauben daher, den Gouvernementalen, und seien sie noch so freiwillig, den Rath ertheilen zu müssen, in der Herstellung von Drohbriefen an den Reichskanzler künftig vorsichtiger zu sein, damit sie nicht sofort als deren Autoren erkannt werden. Zugleich aber fürchten wir freilich, daß ihre Geschicklichkeit zur Vermeidung solcher Uebelstände nicht ausreichen möchte, weshalb wir uns erlauben, ihnen einige Musterdrohbriefe zur gefälligen Benutzung vorzulegen. Diesen wird man gewiß den offiziösen Fabrikanten nicht anmerken, aber erschrecken werden sie den Reichskanzler nicht weniger, wie sie den Wähler stärker einschüchtern werden.

Erster Musters-Drohbrief.

Durchlaucht!

Nun haben wir Ihr Treiben satt. Bis zum heutigen Tage haben wir gehofft, daß Sie Richter zum Minister machen, oder doch wenigstens an die Stelle Buchers setzen. Ferner laufen Forckenbeck und Rickert gleichfalls noch gänzlich ohne Portefeuille umher. Und Professor Virchow hat kein einziges Telegramm von Ihnen bekommen, während gewöhnliche Studenten nicht wissen, wohin damit. Das darf nicht so weiter gehen. Um keinen Preis. Unsere Geduld geht am Ende zu Ende, und dann reißt sie.

Sie kennen vielleicht das Geheimniß des Liberalismus nicht. So hören Sie denn: Henrici steht im Dienste desselben, und es ist ihm, wie Sie wissen, schon gelungen, durch seine Reden die grimmigsten Gegner des Fortschritts den fortschrittlichsten Wahlen geneigt zu machen. Donnerstag Abend forderte er auf der Berliner Bockbrauerei die Emission einer Milliarde Papiergeld und daß alle Menschen Ihre Kürassierstiefel anziehen und überall aufstampfen sollen. Glauben Sie nicht, daß er das verlangt, um das Schustergewerk zu heben, nein, er treibt dadurch die Furchtsamen mit dem Bebelzettel an die Urne. Sie sehen, wir schrecken vor keinem Mittel zurück, und wenn Sie auf der von Ihnen beschrittenen Bahn fortfahren, wenn Sie das Telegraphiren nicht nachlassen, wenn Sie Ihrem Bill nicht die bekannten baumwollenen Handschuhe kaufen, ohne welche er alle seine Handlungen mit den Worten schließt: „Das geschieht meinem Vater schon Recht!“ kurz, wenn Sie nicht aufhören, Stumm einen guten Mann sein zu lassen, und wenn Sie Brecher und Bredow nicht ein energisches Kusch zurufen, so schreiben Sie sich die Folgen selbst zu. Dann — hören Sie? — dann sagen wir uns nicht nur nicht von dem Demokraten Henrici los, sondern wir veranlassen auch de Grahl zur Gründung eines Reichskanzlervereins, zwingen Ruppel, öffentlich mit Ihnen auf Du und Du anzustoßen, und lassen Elias Cohn [1] auf den Namen Otto taufen.

Sie sehen, Durchlaucht, wir drohen nicht vergebens. Marsch, gehen Sie in sich und kehren Sie um!

R.I.N.G. 

Zweiter Muster-Drohbrief.

An den Deutschen Reichskanzler in Kissingen,
Obere Saline,
vis-à-vis dem Kardinal Hergenröther  [2].

Immer größer wird der kleine Belagerungszustand, immer fahrbarer wird der Weg zwischen Dick und Dünn, durch welches Stöcker und Pickenbach mit Ihnen gehen wollen, immer unhaltbarer werden die Reptilienblätter und Zustände. Wir erröthen vor Kalakaua. Schon wurden Stein und Hardenberg von den noch immer nicht mit der Hundesperre gebändigten Reptilien angegeifert, schon ist Cobden mit einem Namen belegt, den man nur in Antisemitenversammlungen hört, schon scheint Cremer zu glauben, Sie selbst seien Don Carlos, dem er unter die Arme greifen müsse. Die Unterzeichneten glauben, um die Luft von den Miasmen der Reaction reinigen zu können, zu energischen Maßregeln greifen zu müssen. Unser Entschluß steht fest.

Bevor wir ihn zur That machen, wollen wir noch einmal versuchen, das Furchtbare von Ihrem Haupt abzuwenden. Mißglückt unser Versuch, dann sind Sie verloren, und wenn Sie sich täglich zweimal ein reines Panzerhemd anziehen.

Sagen Sie sich los von den falschen Zigeunern, welche jetzt ein Hoch über das andere auf Sie ausbringen, von dem Mob, der mobil ist, andernfalls zwingen Sie uns zu einem verzweifelten Schritt.

Was wir Ihnen thun? Nun denn: wir wählen einstimmig die Helden des Tages in den Reichstag, von Henrici und Luttosch angefangen bis de Grousilliers und Ruppel.

Alle!

Was wird Ihnen übrig bleiben, als sich zu schämen und Ihren Posten zu verlassen! Also! Sie sind gewarnt!

Die Höllenmaschinisten.

Um die Zeit der Drohbriefe sind auf britischen Schiffen „Höllenmaschinen“ (Bomben mit Zündmechanismus) entdeckt worden, die von den irischen Feniern stammen.

Am 10. August 1881 illustrieren die „Berliner Wespen“ den Verdacht in einer Karikatur, daß der Drohbrief von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ selbst verfaßt worden ist. Die Zeitung wird in Karikaturen meist als altes Klatschweib dargestellt:

Der Drohbrief.

Eine Mordgeschichte ohne Worte.

 Am 17. August 1881 folgt eine weitere Karikatur, diesmal mit der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ und der ebenfalls offiziösen „Post“:

Der fidele Drohbrief.

(Nach Defregger.)

„Köstlich amusant jedes Wort, das — wir uns schreiben!“

Fußnoten

[1] Elias Cohn ist ein Fürsprecher von Adolph Stöcker. Von den „Berliner Wespen“ wird er als der „jüdische Antisemit“ verspottet. In der niederländischen Zeitung „Nieuw Israelitisch Weekblad“ wird Mitte August über ihn berichtet:

Elias Cohn van Berlijn, wiens naam aanduidt, dat hij een Jood is, maar die bekend staat als geheimagent van Stöcker, werd dezer dagen gearresteerd, omdat hij openlijk in de straten het volk aanspoorde, de Joden te overvallen. De Isr. Wochenschrift vraagt naar aanleiding hiervan, waarom het aan Henrici en andere „hepp ! hepp !-schreeuwers“ geoorloofd is, ongedeerd op straat te loopen en in openbare meetings tegen de Joden te prediken.

[Elias Cohn aus Berlin, dessen Name andeutet, daß er ein Jude ist, aber der bekannt ist als Geheimagent von Stöcker, wurde dieser Tage verhaftet, weil er öffentlich auf den Straßen das Volk anspornte, die Juden zu überfallen. Die Israelitische Wochenschrift fragt aus diesem Anlaß, warum es Henrici und anderen „Hepp-Hepp-Schreiern“ erlaubt ist, wohlbehalten auf die Straße zu laufen und in öffentlichen Versammlungen gegen die Juden zu predigen.]

[2] Es wird darauf angespielt, daß Bismarck im Sommer und besonders in seinem Urlaub Kontakte zum Vatikan sucht, um den „Kulturkampf“ zu beenden. Damit soll die katholische Zentrumspartei umworben werden.

Siehe auch: Wer bedroht Bismarck?

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