Ein alter Bekannter taucht wieder auf

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Im Jahr 1878 gründet der Hofprediger Stöcker seine Partei, die Christlich-Soziale Arbeiterpartei. Diese soll eine Alternative zu den Sozialdemokraten darstellen und den Sozialismus als Staatssozialismus mit Krone und Altar versöhnen. Beim Zielpublikum bleibt das Interesse allerdings verhalten.

Insbesondere benötigt Adolph Stöcker händeringend ein paar richtige Arbeiter in der Führung der Partei. Da kommt ihm der Schneidermeister Emil Grüneberg gelegen. Nach 12 Jahren als Anhänger der Sozialdemokraten hat dieser sich gerade zum Staatssozialismus bekehrt. Allerdings hat Grüneberg einen gewissen Hang dazu, immer wieder die Eigentumsordnung tatkräftig zu hinterfragen. Als er dann auch noch eine eigene christlich-soziale Partei zu gründen versucht, kommt es zum Zerwürfnis. Im August 1881 taucht Emil Grüneberg wieder aus der Versenkung auf, und zwar als Angeklagter wegen Unterschlagung und falscher Anschuldigung.

Er wird noch einmal 1885 eine Rolle im Prozeß gegen den Redakteur Heinrich Bäcker der „Freien Zeitung“ spielen. Die Anklage kommt auf Betreiben Stöckers zustande, der sich von dem Artikel „Hofprediger, Reichstagskandidat und Lügner“ beleidigt fühlt. Allerdings verwickelt sich Stöcker dann als Zeuge in so viele Unwahrheiten, daß der vorsitzende Richter ihn immer wieder versehentlich als den Angeklagten anspricht. Bäcker wird von Hugo Sachs und dem freisinnigen Reichstagsabgeordneten August Munckel verteidigt, die eine milde Strafe von nur drei Wochen Haft gegen den Antrag der Staatsanwaltschaft von fünf Monaten erwirken können.

Hier nun der Bericht der Berliner Gerichtszeitung vom 4. August 1881:

Landgericht 1.

Erste Strafkammer.

Emil Friedrich Grüneberg ist von Fach Schneider und nebenbei ein politischer Kalefaktor, der sich auf der Rednertribüne in seiner demosthenischen Wichtigkeit berauschte und seine Locken mit Selbstbefriedigung strich, so oft die Tagesblätter seiner erwähnten und für seine Verdienste und Talente nichts als belachenden Humor verwendeten. Grüneberg verschwand aus der Oeffentlichkeit, nachdem sich Herr Hofprediger Stöcker seiner, des eifrigen Christlich-Socialen, wegen nicht ganz sauberer Eigentümlichkeiten desselben entledigen rnußte.

Jetzt macht Grüneberg wieder von sich sprechen. Er tritt in die Oeffentlichkeit, aber vom Gerichtsdiener geleitet; seine Rednertribüne ist die Anklagebank, und weder seine oratorischen Versuche finden Anerkennung, noch seine Logik Erfolg oder humoristisches Erbarmen.

Grüneberg ist der wissentlich falschen Denunziation angeklagt. Eine junge Witwe, die ehemals in Amerika lebte, hielt sich hier auf, und Grüneberg wendete sich plötzlich an die Polizei mit der Anzeige, daß die gedachte Witwe sich gegen § 218 des St.-G.-B. vergangen, ja sogar unter Beihilfe eines Dr. Pitti ein Kind getötet habe. Die Denunziation berief sich auf so wahrscheinliche Umstände, daß die Kriminalbehörde die Verhaftung der Witwe wegen der Schwere des Verbrechens, dessen sie verdächtigt wurde, alsbald veranlaßte; doch bereits nach 24 Stunden hatte die Witwe ausreichende Beweismittel herbeigebracht, daß die Unbegründetheit der Denunziation auf der Hand lag, und die junge Frau entlassen werden konnte.

Selbstverständlich zog man nunmehr Grüneberg zur Rechenschaft, und er gestand vor dem Untersuchungsrichter ein, aus Rache denunziert zu haben; im weiteren Verfahren scheint ihn aber die Ahnung beschlichen zu haben, daß die Sache sehr verdrießlich für ihn enden werde, und er begann, den „wilden Mann“ zu spielen. Er erreichte auch, daß er zur Beobachtung nach der Neuen Charité geschafft, wurde; das Urteil der Aerzte ging jedoch nach ausreichender Exploration dahin, daß Grüneberg simuliere.

Jetzt erschien er auf der Anklagebank. Er wischt sich vielfach die Augen und ergeht sich in byzantinischer Ueberschwänglichkeit bei jeder Anrede an den Gerichtshof. Er ruft mit hochemporgehobenen, gefalteten Händen Gott, Himmel und Evangelium an, bis ihm der Herr Vorsitzende wohlmeinend zu bedenken giebt, daß ein derartiges Gebaren die Sympathie seiner Richter nicht gewinnen werde.

Aus der Beweisaufnahme ergiebt sich folgender Thatbestand, der zur Anklage führte. Es enthüllte sich leider dabei ein Stückchen Sittengeschichte, wie sie nur in den Verirrungen einer Millionenstadt Boden findet.

Die oben erwähnte Deutsch-Amerikanerin knüpfte nach ihrer Ankunft hierselbst ein zartes Verhältnis mit einem Manne an, welches mit der Zeit sehr intim wurde und nicht ohne Folgen blieb; Diese Verbindung war um so sträflicher, als der Geliebte verheiratet war. Die Ehefrau des letzteren erfuhr etwas von der ihr angethanen Schmach und hatte den Mut, ihre Nebenbuhlerin aufzusuchen und sie zur Rede zu stellen. Die Witwe bestritt zwar ihre Beziehungen zu dem Ehemann, wurde aber nichtsdestoweniger von der beleidigten Frau arg bedrängt. Grüneberg, welcher, — wir wissen nicht in welcher Weise, — Zeuge der Scene geworden und auch von den gesamten Verhältnissen der Witwe Kenntnis gehabt zu haben scheint, trat jetzt als ihr Beschützer auf und wußte das Wohlwollen derselben in so hohem Grade zu erwerben, daß sie dem bisherigen Geliebten, der eine so unbequeme Gattin besaß, alle Gunst völlig entzog und dessen Rechte auf ihr Herz und ihre Person dem neuen Beschützer einräumte. Dieser teilte von nun ab die Wohnung der Witwe.

Grüneberg scheint sich im Laufe der nächsten Zeit sehr wohl befunden zu haben; aber es trat später eine Katastrophe ein. Das Kindchen der Deutsch-Amerikanerin verstarb, und außerdem war die Witwe wieder des Beistandes der Hebeamme bedürftig, und zwar viel zu frühzeitig. Grüneberg erhielt von der Leidenden das nötige Geld zur Besorgung des Begräbnisses für das Kind und zur Honorierung der Hebeammendienste.

Nun geschah es aber, daß diese Kosten einige Wochen später bei der Amerikanerin eingefordert wurden, und es stellte sich heraus, daß Grüneberg für das ihm anvertraute Geld eine andere Verwendung in eigenem Nutzen gefunden hatte. Dieser grobe Vertrauensbruch erwerkte den flammenden Zorn der Witwe, und ohne viel Federlesen jagte sie den unzuverlässigen Seladon zum Hause hinaus.

Der Verlust der „Fleischtöpfe in Egypten“ fachte das Rachegefühl in Grüneberg an, und er griff zu der wissentlich falschen Denunziation.

Aus der Schlußverhandlung heben wir nur hervor, daß die Witwe ihren so radikalen Verbannungsakt nicht zu bereuen scheint; sie äußerte auf Befragen, ob sie Grüneberg für geistesschwach halte, daß derselbe etwas erregt sei und namentlich in Frömmigkeitsäußerungen viel leiste, daß aber seine Handlungen mit seinen Worten nicht im Einklang ständen, und daß sein Hauptfehler seine große Abneigung gegen die Arbeit sei.

Das ärztliche Sachverständigen-Gutachten bezüglich des geistigen Zustandes des Angeklagten ging dahin, daß eine ganz normale Geistesthätigkeit bei ihm nicht vorhanden sei, daß jedoch die schriftliche Fassung der Denunziation sowie die mit ihm geführten Zwiegespräche einen Zweifel an seiner Willensfteiheit und an der Annahme, daß er sich in der Folgen seiner Handlungen bewußt sei, — nicht zuließen.

Ein interessantes Resultat hatten die Nachforschungen nach dem angeblichen Dr. Pitti erbracht. Es wurde nach vielen Bemühungen ein Rentier ermittelt, der von Grüneberg mit Bestimmtheit als Dr. Pitti rekognosciert wurde, und welcher auch zugab, etwa sechsrnal bei der amerikanischen Witwe gewesen zu sein, um sich — die Karten legen zu lassen. Die junge Frau treibt nämlich die Kunst der berühmten Lenormand.

Die Königliche Staatsanwaltschaft gab zu, daß der geistige Zustand des Angeklagten nicht normal sei; man finde jedoch diese Erscheinung häufig bei Leuten von wenig Bildung, die sich ins öffentliche Leben drängten, und die endlich von dem Wahn einer Art Unfehlbarkeit befangen würden. Die vorliegende Denunziation zeuge von einer großen Gehässigkeit, doch möge die Erregtheit des Angeklagten als mildernd betrachtet werden. Eine Gefängnisstrafe von 4 Monaten erscheine daher angemessen.

Der Gerichtshof schloß sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an, erblickte aber auch eine große Ehrlosigkeit in dem Vergehen und erkannte auf 4 Monate Gefängnis und 1 Jahr Ehrverlust.

Grüneberg erklärte, die Strafe antreten zu wollen, bat aber um einen 14tägigen Urlaub. Das Gesuch konnte nicht gewährt werden, da er keine Wohnung besitzt. Die Witwe erklärte entschieden, ihn nicht wieder aufnehmen zu wollen.

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