Hintergrund: Bismarck hofiert die Katholiken

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Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, Seite 233-234

Vergebliche Lockungen für die Centrumspartei.

Kirchenpolitische Verhandlungen mit dem Papst seitens des Kanzlers hatten im Sommer 1878 unmittelbar während der Reichstagswahlen nach der Auflösung ihren Anfang genommen. Am 3. Mai 1879 war Abg. Windthorst im Kanzlerpalais zur Maibowle erschienen (vergl. S. 119). Mit Hilfe der Centrumspartei hatte alsdann Fürst Bismarck seinen neuen Zolltarif zu stande gebracht. Aber im Frühjahr 1880 waren die Unterhandlungen mit Rom wieder abgebrochen worden. Der Kanzler führte in einer Reihe von Noten bei dem Papst Beschwerde über die oppositionelle Haltung des Centrums im Reichstag (gegen das Sozialistengesetz) und im Landtag. Eine dem Landtage im Sommer 1880 vorgelegte kirchenpolitische Novelle hatte nur teilweise, in abgeschwächter Gestalt, bei einer aus Konservativen und der Benningsenschen Hälfte der Nationalliberalen gebildeten Mehrheit Annahme gefunden. Die Centrumspartei hatte dagegen gestimmt wegen der besonderen Gefahren, welche aus der Einräumung diskretionärer Befugnisse an die Regierung in Bezug auf die Handhabung der kirchenpolitischen Rechte erwachsen konnten.

Jetzt, unmittelbar vor den Reichstagswahlen, wurden solche kirchenpolitischen Verhandlungen mit dem Papste seitens des Kanzlers wieder in ostentativer Weise aufgenommen. Gerade jetzt verstand sich der Kanzler zur Einführung einer besonderen preußischen Gesandtschaft bei dem Papste (v. Schlözer), welche er früher ausdrücklich erklärte, nicht ohne besondere Gegenkonzessionen zugestehen zu wollen. Zugleich wurde eine Verständigung herbeigeführt über die Wiederbesetzung des Trierer Bistums (Korum) und über die Aufhebung der Sperre der Staatsbezüge für das Erzbistum Breslau. Prozessionen wurden vom Minister des Innern in weitem Umfange wieder gestattet. Von der Vollmacht der kirchenpolitischen Novelle zur Zulassung von Orden zur Krankenpflege wurde weitgehender Gebrauch gemacht. Konzessionen in der Gesetzgebung wurden für die Zeit nach den Reichstagswahlen in Aussicht gestellt.

Die Centrumspartei nahm von alledem keine besondere Notiz; sie veröffentlichte am 9. September ihren Wahlaufruf in der Fassung, welcher derselbe schon im Juni erhalten hatte. Die Partei traute dem Kanzler nicht über den Weg und fürchtete insbesondere bei den Wahlen die Wiederherstellung der bisherigen konservativ-nationalliberalen Mehrheit. Auf dem Parteitage der Centrumspartei wurde die Parole ausgegeben, bei Stichwahlen unter allen Umständen gegen Nationalliberale und Freikonservative zu stimmen. Alsbald, um Mitte Oktober, gerieten die kirchenpolitischen Verhandlungen mit Rom denn auch wieder ins Stocken.

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