Weitere Hetzen 1881

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Neue Freie Presse, Wien, 5. August 1881

In Südrußland [d. i. heutige Ukraine] scheinen nunmehr auf die Judenverfolgungen, die etwas abgenommen haben, Deutschenhetzen im Anzuge zu sein. Bekanntlich besitzen nämlich die südrussischen Gouvernements zahlreiche und wohlhabende deutsche Colonien, mit welchen indes bis jetzt alle volhynischen Bauern auf bestem Fuße gelebt haben. Man schreibt nun der Ostsee-Zeitung aus Warschau: „Die Hetzer sind vorzugsweise Polen. Bezeichnend für die polnische Deutschenhetze in Volhynien ist eine Correspondenz der Gazeta Lubelska (Lubliner  Zeitung), in welcher die „gehässige“ Stimmung der volhynischen Bauern gegen ihre deutschen Nachbarn geschildert wird. Der der polnischen Nationalität angehörige Correspondent schreibt unter Anderm: „Mit den Juden haben wir nur halbe Noth, denn wenn sie auch Manchen betrügen, so suchen sie doch auch zu helfen, wenn über Jemanden das Unglück hereinbricht; aber die deutschen Ungläubigen richten überall nur Verheerung an.“

Neue Freie Presse, Wien, 5. August 1881

Kiew, 17. (29.) Juli. [Orig.-Corr.] (Zur Lage der Juden.) Die fortdauernde und immer strenger werdende Ausweisung der Juden aus Kiew veranlaßte die Ersteren zu einer ganz eigenartigen Umgehung des Gestzes. Den Juden ist nämlich nur in der Stadt, also auf festem Boden, der Aufenthalt verboten; vom fließenden Elemente ist jedoch in diesem Verbote keine Rede. Mit Hinblick darauf siedelten mehrere Familien vom festen Lande auf die am Ufer des Dniepr ankernden Barken über. Dies beunruhigt aber die hiesige judenfeindliche halbofficielle Stadtzeitung Kiewlanin, welche meint, wenn dies so fortdauere, werde man in Kiew eine ganze jüdische Häuserflottille an den Ufern des Dniepr haben. Diese Zeitung, wenn man sie, ohne ironisch zu sein, überhaupt so nennen kann, beklagt sich fortwährend über die Lässigkeit der Regierung in der Ausweisung der Israeliten, was höherenorts nicht ohne Wirkung bleiben dürfte. Wie dieses Blatt redigirt wird, möge nachfolgende Probe zeigen. Der Leitartikel einer der jüngsten Nummern besprach das Londoner Telegramm, demzufolge England, Oesterreich und Holland eine Collectiv-Note hinsichtlich der Judenfrage an Rußland abzusenden gesonnen seien. In diesem Leitartikel wurde (Redacteur ist ein Privatdocent an der hiesigen Universität) Hamburg zur Hauptstadt von Holland gemacht. Bemerkt sei dazu, daß Kiewlanin eine Regierungs-Subvention von 6000 Rubeln jährlich genießt. Elm 27. Juli war ein Kiewer Volks- und Kirchenfest, welches mit allem Pompe gefeiert wurde. Für die hiesigen jüdischen Bewohner war’s ein Tag des größten Schreckens. Man erwartete die Wiederholung der blutigen Apriltage, doch lief Alles ruhig ab. Der Zustand dieser aus mehreren tausend Familien bestehenden Judengemeinde ist wirklich ein unbeschreiblicher; sie schweben in einiger Angst, welche sich mit jedem herannahenden russischen Feiertage — und deren sind bekanntlich viele — erneuert. In Wirklichkeit sind die hiesigen Israeliten vor einem neuen Sturme auch gar nicht gesichert. Am 23. d. M. zerstörte ein verheerendes Feuer den größten Theil des Städtchens Borispol. Als Epilog fielen zwei Tage darauf die russischen Einwohner dieses Städtchens über die Juden, ihre Nachbarn, vielleicht auch frühere Freunde, her und zerstörten und vernichteten Alles im vollsten Sinne des Wortes. Der Zustand der betroffenen Familien ist ein herzzerreißender. Die Reichen, bei denen Hilfe gewesen wäre, sind jetzt ebenso obdachlos und dem Hunger preisgegeben. Da hört überhaupt alle Wohltätigkeit auf, denn es ist beim besten Willen unmöglich, den nach Tausenden zählenden Nothleidenden zu helfen. c. k.

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