Ernährung aus der Welt anstatt „aus der Region“

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Im redaktionellen Teil der Neuen Freien Presse in Wien vom 7. August 1881 findet sich ein Bericht, der allerdings den Eindruck einer verkappten Werbung macht:

Französische Werbekarte von 1884 (Quelle: Wikipedia)

[Liebig’s Fleisch-Extract.] Seitens medicinischer Autoritäten und angesehener Physiologen ist festgestellt, daß für die rationelle, ökonomisch richtige Ernährung des Menschen zur Beschaffung eines normalen, gesunden Körperzustandes desselben die gemischte Kost — bestehend aus Fleisch- und Pflanzennahrung — am zuträglichsten ist. Viele glauben durch fast alleinigen Genuß von Fleisch ihrem Körper besonders zu nützen, was jedoch von wissenschaftlicher Seite durchaus widerlegt ist, indem festgestellt worden, daß der Mensch mit Fleisch allein sich kaum dauernd zu ernähren vermag und es leichter ist, bei reiner Pflanzenkost als bei reiner Fleischkost zu leben. Es wird nun jeder Hausfrau einleuchten, daß ein Mittel, um auf leichte Weise animalische und vegetabilische Nahrung zusammen zu beschaffen, ihr eine große, unschätzbare Bequemlichkeit bieten muß. Dieses Mittel besteht seit circa 15 Jahren, und zwar in dem Liebig’schen Fleisch-Extract. Vegetabilien empfangen durch dessen Zusatz dieselbe Verbesserung und Würze, wie durch sonstige Fleischsuppe, und Suppen von Erbsen, Linsen, Bohnen, Kartoffeln, Brot, Gerste, Wurzeln, Gemüse gewinnen durch den Zusatz von Fleisch-Extract ebenso viel, als wenn ein der Extractmenge entsprechend großes Stück Fleisch darin ausgekocht würde. Der große Werth für die Küche liegt außerdem in der Bequemlichkeit, Zeitersparniß und Billigkeit, indem die Bouillon aus Fleisch-Extract überall und jederzeit sofort bereitet werden kann und nur ein Drittel des Preises des sonst dazu nöthigen Fleisches kostet. Dabei ist der Fleisch-Extract das erfahrungsgemäß wirksamste Mittel zur Verbesserung und Würze aller unserer Suppen, Gemüse, Saucen und Fleischspeisen. Es sollte deßhalb in keiner Haushaltung fehlen.

Auch wenn die Werbung hier etwas sehr durchkommt, stellt sich das Produkt bei näherem Hinsehen wirklich als faszinierend heraus. Günther Klaus Judel hat die Hintergründe in einem sehr empfehlenswerten Artikel erhellt, auf den wir uns im folgenden stützen: Die Geschichte von Liebigs Fleischextrakt. Nebenbei ist dies alles auch eine Illustration, wieso die Forderung nach der Versorgung „aus der Region“ schon immer Unsinn war.

Die Geschichte fängt mit einer der schlechtesten Prognosen aller Zeiten an. Einer seiner Lehrer urteilte über Justus von Liebig (1803-1873): „Du bist ein Schafskopf! Bei Dir reicht es nicht mal zum Apothekenlehrling.“ — Und tatsächlich reichte es für Justus von Liebig nicht zum Apothekenlehrling, aber zu einem der größten Wohltäter der Menschheit!

Eine kleine Auswahl seiner Leistungen, bevor wir uns dem Fleischextrakt und seiner Geschichte zuwenden:

  • Er entwickelte mit Blick auf arme Familien eine „Suppe für Säuglinge“, eine der ersten professionellen Babynahrungen.
  • Er entwickelte das Backpulver.
  • Er war an der Entwicklung des Silberspiegels beteiligt, der den gebräuchlichen, aber schädlichen Quecksilberspiegel ablöste.
  • Er entwickelte einen wasserlöslichen Phosphatdünger und allgemeiner Kunstdünger, bis heute die Grundlage für reichhaltige Ernten und die Bekämpfung des Hungers. 

Anstatt sich an die Vorhersage seines Lehrers zu halten, wurde Justus von Liebig Chemiker. Er studierte in Bonn und folgte seinem Lehrer dann nach Erlangen, wo er promovierte. 1822 mußte der freiheitlich Gesinnte wegen seiner Teinahme an Demonstrationen zeitweise nach Hause ins Hessische fliehen. Mit Hilfe seines Lehrers konnte er dann an der Sorbonne weiterstudieren.  Schon bald wurde Alexander von Humboldt auf den gescheiten Wissenschaftler aufmerksam. Durch dessen Fürsprache erhielt Justus von Liebig im Alter von 21 Jahren eine außerordentliche Professur in Gießen.

Bereits in den 1840er Jahren hatte Justus von Liebig mit Experimenten begonnen, Fleischextrakte herzustellen. Allerdings waren diese recht teuer. Für ein Kilo Extrakt mußten nämlich nicht weniger als 32 Kilo frisches und mageres Fleisch verarbeitet werden.  Fleisch „aus der Region“ aber war teuer, was sich durch die wachsende Nachfrage wegen der Bevölkerungsentwicklung nicht besserte. Und so erschienen Fleischextrakte nach Liebigs Rezept zunächst als ein Luxusprodukt, das sich nur über Apotheken als Stärkungsmittel vertreiben ließ. Fleischextrakt konnte gerade für ärmere Bevölkerungsklassen aber eine große Wohltat sein. Nur dazu mußte er billiger hergestellt werden. Allein in Deutschland ging das nicht.

Der Zufall wollte es, daß August Hoffmann, ein deutscher Auswanderer, um die Zeit in Uruguay eine Siedlung gründete: „Independencia“ mit dem Hafen „Fray Bentos“.  Als der deutschen Ingenieur Georg Christian Giebert 1861 die Siedlung besuchte, fielen ihm die großen Rinderherden auf. Die Rinder wurden allerdings nur wegen der Häute, Knochen und Hörner geschlachtet. Ihr Fleisch war, da es ohne Kühlmaschinen nicht verschifft werden konnte, hächstens für „Salzfleisch“ zu gebrauchen und in Uruguay ziemlich wertlos. Der größte Teil wurde den Geiern zum Fraß überlassen.

Georg Christian Giebert hatte von Liebigs Fleischextrakt gehört, und ihm kam nun eine geniale Geschäftsidee: Man könnte Fleischextrakt herstellen, der sich billig — zu nur noch einem Drittel des Preises! — in Deutschland und auch anderswo verkaufen ließe. Giebert besuchte Liebig und unterbreitete ihm die Idee. Dieser erklärte sich bereit, als Berater zur Seite zu stehen und dem Produkt seinen Namen zu leihen. Zwei deutsche Kaufleute in Antwerpen fanden auch Gefallen an dem Projekt und schossen das nötige Kapital ein.

Am 25. August 1862 konnte die Produktion von „Liebig’s Fleischextract“ in Uruguay dann aufgenommen werden. Die Vermarktung erfolgte über eine britische Firma, LEMCO (Liebig’s Extract of Meat Company). 1864 konnten bereits 23 Tonnen abgesetzt werden, 1865 schon 28 Tonnen. Und bis 1870 stieg der Ausstoß auf mehr als 400 Tonnen, denn der Fleischextrakt zu billigen Preisen entwickelte sich zu einem Renner bei den Verbrauchern. In den 1880er Jahren wurde das Sortiment dann durch Fleischbrühwürfel und Fleischbrühmasse erweitert.

Auch wenn die Popularität des Fleischextraktes späterhin nachließ, als sich mit Kühlschiffen das frische Fleisch in alle Welt verschiffen ließ, konnte er sich am Markt behaupten. Durch diverse Wandlungen ist die Produktion von „Liebigs Fleischextrakt“ so bis heute erhalten geblieben und nun ein Teil des niederländisch-britischen Unternehmens Unilever.

Da sagen wir doch einfach mal: Danke liebe Kapitalisten, Globalisierer und besonders natürlich Justus von Liebig!

Siehe auch: Schwachsinn „aus der Region“

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