Streit beim Antifortschritt

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Unter der gemeinsamen Flagge eines „Antifortschritts“ treten (durchaus auch antisemitische) Konservative und (teilweise eher antikonservative)  Antisemiten in Berlin gegen die Fortschrittspartei an. Allerdings geraten sie in Streit miteinander, wer denn nun in den Reichstag geschickt werden soll. Wie Eugen Richter sich später erinnert (Kapitel „Berliner Wahlkämpfe“ in: Im Alten Reichstag, 1896):

Aber freilich waren in Berlin im August und September die Konservativen und Antisemiten untereinander in heftigen Zwiespalt geraten über die Auswahl der Reichstagskandidaten, also über die Verteilung des Felles vom Bären, welcher noch nicht erlegt war. Noch hatte sich nicht, wie es späterhin erfolgte, aus der konservativen Partei eine besondere antisemitische Richtung herausgebildet, aber das Material dafür war bereits vorhanden. Der Grundzug der neuen “Bewegung” in Berlin, wie sie Stöcker eingeleitet und Fürst Bismarck später gefördert hatte, war Antisemitismus. Diejenigen, welche sich dabei in der Judenhetze hervorgethan, wollten nun auch bei der Verteilung der Reichstagsmandate in erster Reihe bedacht sein. Die Henrici, Ruppel, Pickenbach erklärten das konservative Wahlkomitee in Berlin für einen Popanz, veranstalteten große Versammlungen, zu denen sie alle “freisinnigen Wähler deutscher Abstammung” einluden und griffen die konservative Partei als solche an; diese wurde wiederum von Liebermann v. Sonnenberg und Förster verteidigt. Cremer versuchte andererseits die Katholiken Berlins auf die Seite der Regierung zu ziehen und veranlaßte dadurch stürmische Auseinandersetzungen innerhalb der Centrumspartei. Zuletzt freilich einigte man sich bis auf den 3. Wahlkreis, wo Henrici eine Sonderkandidatur beibehielt, über eine Kompromißliste. Das Centrum blieb bei seinen besonderen Zählkandidaten.

Alle diese häßlichen Streitigkeiten lichteten aber die Gefolgschaft, welche die Antisemiten gewonnen hatten, in beträchtlichem Maße. Dazu waren noch die Excesse der Antisemiten in einzelnen Städten Hinterpommerns gekommen; angestachelt durch Berliner Hetzredner, kam es dort den Juden gegenüber zu Gewaltthätigkeiten gegen Person und Eigentum. Der Kronprinz führte über diese Vorgänge von England aus bittere Klage bei seinem Vater, und Minister v. Puttkamer mußte sich bequemen, wiederholt scharfe Weisungen an die Behörden zu veröffentlichen, solchen Excessen gegen die Juden entgegenzutreten.

Am 9. August 1881 berichtet die Allgemeine Zeitung des Judenthums in ähnlichem Sinne:

Berlin, 28. Juli. Zur Charakteristik des Augenblicks dient. Folgendes: Aus antisemitischen Kreisen will die „Volksztg.“ Folgendes erfahren haben: „Zur Beilegung der Zwistigkeiten, welche zwischen den Conservativen und den Antisemiten ausgebrochen sind, ist Herr Stöcker ausersehen. Derselbe befindet sich bekanntlich in der Schweiz und beabsichtigte erst am 27. d. M. wieder zur Reichtshauptstadt zurückzukehren.

Wie wir nun erfahren, ist Herr Stöcker telegraphisch um seine Intervention von den Antisemiten angegangen worden und bereits wieder in Berlin eingetroffen. Sollte übrigens eine Einigung zwischen den Parteien durch Hofprediger Stöcker nicht herbeigeführt werden können, woran vielfach gezweifelt wird, so werden die Antisemiten ihre eigenen Candidaten aufstellen. — Die Führer des conservativ-antisemitischen „Deutschen Volksvereins“, Dr. B. Förster und v. Liebermann, veröffentlichen im „Deutschen Tageblatt“ eine  Erklärung, in welcher sie zur Einigkeit mahnen und darthun, daß auch der „D. Volksverein“, wenn er auch conservativ sei, eine gesetzliche Regelung der Judenfrage für die Grundbedingung einer durchgreifenden Socialreform halte. Deshalb sei immer noch auf ein Zusammengehen aller antisemitischen Parteigruppen Berlins bei den Wahlen zu hoffen. — Die „Kreuztg.“ betont nochmals die Selbstständigkeit der Berliner conservativen Wahlbewegung, während die „Tribüne“ an der Hand eines Mitgliederverzeichnisses des conservativen Vereins im 2. Berliner Wahlkreis nachzuweisen versucht, daß der Verein zumeist aus Beamten bestehe. Dem Verein gehörten, wie das genannte Blatt schreibt, am 9. Juni c. 357 Mitglieder an, darunter ca. 30, die ihren Wohnsitz nicht im 2. Reichstagswahlkreise, sondern in anderen Wahlkreisen, theilweise sogar nicht einmal in Berlin, sondern in Pankow oder Teltow haben. Unter den 357 Mitgliedern befinden sich 116 Beamte, vom Geh. Rechnungsrath bis zum Küster und Kirchendiener herab. Richterliche Beamte haben wir nicht gefunden, 4 oder 5 Referendare ausgenommen. Bemerkenswerth ist die verhältnißmäßig große Zahl von Journalisten und Lehrern. (Vor solchen Zahlen braucht man sich nicht zu fürchten!)

— Das fast wahnsinnige Gebahren des Dr. Henrici steigert sich noch immer. In einer letzten Versammlung seines Vereins forderte er nicht nur die Entfernung aller jüdischen Lehrer, sondern auch aller jüdischen Schüler aus den öffentlichen Schulen. Dafür wird ihm und seinen Genossen in einer Erklärung aus dem conservativen Wahlcomité folgendes Zeugnis; ausgestellt: „Die Herren Dr. Förster, Liebermann, v. Sonnenberg, Pickenbach, Dr. Henrici sind trotz aller Aufforderung nicht im Stande, auch nur einen wählbaren Namen zu nennen, denn das Unmögliche von Candidaturen wie Förster, Henrici und Genossen müssen jene Herren selbst zugeben. Daß das nicht ganz ohne Murren geschieht, daß man hierüber ärgerlich wird, wenn einem so ein Lieblingskartenhaus oder Luftschloß „flöten“ geht, ist erklärlich, daher auch die „Hengstsprünge“ des Herrn Dr. Henrici. Von vielen Gesinnungsgenossen wird die Ansicht getheilt, daß dass kopflose blindwüthende Ueberstürzen einiger Heißsporne gerade noch zur rechten Zeit kommt, um ihren Anhängern die Augen zu öffnen und denselben zu beweisen, daß in dem glücklichen Durchführen einiger besuchter Volksversammlungen noch nicht die Qualification zur Reichstagswahlcandidatur enthalten sei und daß diese Herren in der richtigen Erkenntniß, sich bereits lächerlich gemacht zu haben, in ihrem weiteren Vorgehen nur noch darin Glück haben werden, sich von Tag zu Tag mehr lächerlich zu machen.“

Am 3. August 1881 machen sich die „Berliner Wespen“ über die Zerfahrenheit der Antifortschrittler lustig:

Versammlung der Antifortschrittler.

Zukunfts-Bericht.

Die von etwa 500 Personen besuchte Versammlung, welche um 8 1/2 Uhr eröffnet werden sollte, bildete bereits um 8 Uhr ein wüstes Handgemenge.

Erst um 9 Uhr verschaffte sich der Vorsitzende Gehör, auf welches er aber sofort eine derartige Knallschote erhält, daß er aus dem Saal getragen werden muß.

Der Vicepräsident. Meine Herren, wenn ich mein Auge — (An dasselbe fliegt ein Seideldeckel.) Was soll das heißen? Ich bin eine ehrliche Haut — (Rufe: Ja, ja, haut ihn!)

Stimme aus der Versammlung: Ich mache dem beaufsichtigenden Polizeilieutenant die Anzeige, daß ich eben eine Ohrfeige bekommen habe.

Zweite Stimme. Der Lump lügt, es war ein Katzenkopf!

Dritte Stimme. Ich protestire, es war eine Backpfeife. (Neuer Tumult. Zehn Theilnehmer werden die Treppe hinabgeflogen.)

Pastor Distelkamp. Ich pflichte dem geehrten Vorredner bei, es giebt jetzt nur noch zwei Parteien: die eine, welche ohrfeigt, und die andere, welche backpfeift. Die Parole bei den nächsten Wahlen wird lauten: „Haust Du Deinen Juden nicht, so hau‘ ich Dich!“ Wer dafür ist, der hebe die Hand auf! (Es geschieht, worauf die aufgehobenen Hände auf die Köpfe derer niedersausen, die nicht mitgestimmt haben. Tumult. Prügelei.)

Pastor Distelkamp. Hoffentlich wird die Berliner Bevölkerung diesmal dem Fortschritt zeigen, was eine Harke ist!

Henricinus. Das ist nicht genug. Es muß dem Fortschritt auch gezeigt werden, was ein Flegel ist! (Henricinus wird unter großem Jubel im Saal herumgetragen.)

Professor Dr. Adolf Wagner. Meine Herren, bei den nächsten Wahlen wird es nur zwei Parteien geben: eine mit der Harke und eine mit dem Flegel! (Rufe rechts: Wer hier Flegel schimpft, kriegt eines mit der Harke! Rufe links: Umgekehrt! Große Prügelei zwischen Thür und Tribüne.)

Ruppel (kommt endlich zu Wort). Meine Freunde! Hier ist kein Jude im Saal! (Leute eilen auf die Straße und bringen einen Juden, der durchgebläut wird.) Meine Freunde, nieder mit dem Fortschrittsring! Nieder mit dem conservativen Ring! Nieder mit dem Secessionisten-Ring! Nieder mit dem Ring der Anständigen und Neutralen! Es lebe der Schlagring!

(Alle fallen über Alle her und beschädigen sich mit Schlagringen, Harken und Flegeln. Unter den Klängen der Antimarseillaise: „Hauen, hauen über Alles!“ wird die Schlägerei auf der Straße fortgesetzt.)

 

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