Wie lange reichen die weltweiten Guano-Vorräte noch?

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Im August 1881 werden von der deutschen Regierung zwei Schiffe in Kiel festgesetzt, die die Howaldt-Werft gebaut hat und die auf die klassischen Namen „Diogenes“ und „Sokrates“ hören. Die „Berliner Wespen“ illustieren dies in einer Karikatur. Dabei spielen sie nebenbei auf die Hetze der Antisemiten gegen die Klassiker, vor allem Lessing, an:

Diogenes und Sokrates.

Die Beiden. Hast Du keinen Respect vor den Klassikern?
Die Kieler Polizei. Det is mir Pipe: marsch vor Anker!

Die Presse vermutet zunächst einen Zusammenhang mit den „Höllenmaschinen“ (Infernal Machines), die auf verschiedenen britischen Schiffen um die Zeit gefunden werden. Hierbei handelt es sich um Bomben mit Zeitvorrichtung, mit denen die Fenier Großbritannien zum Abzug aus Irland zwingen wollen.

Allerdings stellt sich dann ein anderer Hintergrund heraus. Die „Diogenes“ und die „Sokrates“ sind für Peru bestimmt. Und Peru befindet sich gemeinsam mit Bolivien seit 1879 im Krieg mit Chile. Deutschland ist neutral in dem Konflikt, weshalb man keine Waffen an eine der Kriegsparteien liefern kann. Hierzu berichtet die Neue Freie Presse am 11. August 1881:

Hamburg, 8. August. (Zur Beschlagnahme der beiden Dampfer in Kiel.) Die Frankf. Ztg. erhält aus Hamburg eine Correspondenz über die Beschlagnahme der beiden Dampfer in Kiel; die uns über den Grund derselben zugegangene Mittheilung wird dadurch bestätigt. In dem Berichte, welcher manche neue Einzelheiten enthält, heißt es: „Besteller der beiden in Kiel auf der Howaldtschen Werfte neugebauten, „Sokrates“ und „Diogenes“ genannten Dampfer ist die hiesige Firma de Freitas und eigentlicher Auftraggeber die seinerzeit, d. h. als der Auftrag im vorigen Herbste ertheilt wurde, noch zu Recht bestehende peruanische Regierung. Letztere konnte natürlich wegen des Krieges mit Chile nicht direct in der Sache erscheinen, sondern mußte suchen, sich thunlichst im Hintergrunde zu halten, um so die Neutralitäts-Verpflichtungen Deutschlands möglichst aus dem Spiele zu lassen. Man erinnert sich noch, wie vor etwa Jahresfrist der derzeitige Präsident Perus, Pardo, plötzlich die Regierung seines Landes niederlegte und sich nach Europa einschiffte, um, wie er bekannt machen ließ, dort Hilfsmittel für Peru flüssig zu machen. Statt seiner bemächtigte sich Pierola der Regierung in Lima, und das Erste, was er that, war, Pardo für einen Verräter zu erklären, der die Staatskasse um große Summen betrogen habe und mit denselden nach Europa durchgebrannt sei. Pardo war aber besser als der ihm gemachte Ruf; er hat wirklich den Versuch gemacht seinem Lande neue Hilfsquellen zu eröffnen, und sowol von ihm selbst mitgebrachte Mittel als auch Summen die er sich durch Contacte, betreffend künftige Lieferungen von Guano und Salpeter, zu verschaffen wußte, zu Ankäufen von Kriegsbedürfnissen und Bestellungen von Kriegsschiffen und Bestellungen den Kriegsschiffen verwendet. Zu letzteren gehören die beiden in Kiel gebauten Fahrzeuge, deren Construction dem geübten Auge auf den ersten Blick verrieth, daß sie dazu eingerichtet sind, Geschütze zu tragen, und auch andere als blos friedliche Dienste zu leisten. Natürlich sind jetzt keine Kanonen und sonstige Kriegsmaterialien an Berd, da man damit im Falle einer behördlichen Untersuchung den Beweis eines beabsichtigten Neutralitätsbruches doch gar zu leicht gemacht hätte; aber es würde eine Kleinigkeit gewesen sein, nach dem Auslaufen von Kiel an einer beliebigen, wenig beobachteten Stelle das Fehlende und auch die Mannschaften zur Handhabung der Schiffe und Geschütze an Bord zu bringen. Das Deck eines gewöhnlichen Handelsdampfers ist nicht so construirt, daß es ohneweiteres schwere Geschütze aufnehmen und tragen kann. Um es für solche Zwecke geeignet zu machen, sind bedeutende Verstärkungen erforderlich, die bei einem blos zu Handelszwecken bestimmten Schiffe überflüssig sind und ihrer Kostsspieligkeit halber fortgelassen werden. Man kann deßhalb mit voller Bestimmtheit schließen, daß für ein Schiff, welches so gut gebaut wird, daß es im Stande ist, Geschütze zu tragen, die Absicht besteht, es Geschütze tragen zu lassen. Die Schiffe „Sokrates“ und „Diogenes“ sind in jedem Detail so gebaut, daß sie vorzügliche Corvetten abgeben können. Was nun die gegenwärtige Situation herbeigeführt hat, ist einfach der leidige Geldpunkt und die politische Lage Perus. Nachdem Pardo durch seinen Nachfolger Pierola in Acht und Bann, und Alles, was er im Namen Perus contrahiren werde, für Null und nicht erklärt worden, ist seitdem auch Pierola durch die Chilenen von seinem Präsidentensitze verjagt und irrt flüchtig im Lande umher, während der an seine Stelle eingesetzte provisorische Präsident Calderon viele Monate lang keinen Congreß zusammenbringen konnte, welcher ihn nur pro forma bestätigte, außerdem aber jetzt noch, nachdem diese Ceremonie endlich erfolgte, nur im kleinsten Theile Perus irgend welche Autorität besitzt. Unter diesen Verhältnissen geriethen die Firmen, welche Pardo Geld geliefert und noch mehr versprochen hatten, wegen ihrer Sicherheit in Besorgniß und wollten nicht mehr herausrücken. In weiterer Folge blieben auch die den Erbauern der beiden Schiffe versprochenen Schlußraten der Baugelder aus, so daß sie in Folge dessen auch die Schiffe nicht aus den Händen geben wollten. Die dann gemachten Versuche, auf andere Weise Geld zu beschaffen und zu diesem Zwecke mit der neuen peruanischen Regierung Verbindungen anzuknüpfen, hatten kein anderes Resultat, als die Sache ruchbar zu machen und die chilenische Regierung zu Reclamationen zu veranlassen, welche zu der Beschlagnahme geführt haben. Die Berechtigung zu der in Kiel verfügten Anhaltung der Schiffe ist schon durch den formalen Punkt gegeben, Jedes Schiff, welches aus dem Hafen auslaufen will, bedarf dazu der Erlaubniß und muß zuerst sich eine sogenannte Clarirungs-Befugniß einholen. Dazu hat es sich über Namen und Eigner, Heimat, Flagge und Bestimmung, Besatzung, eventuell Ladung, auszuweisen und erst, wenn diesbezüglich Alles in Ordnung befunden, erhält es vom Hafen-Capitän die Erlaubniß zum Auslaufen. So wird jeds Kauffahrteischiff behandelt und nur regelrechte Kriegsschiffe anerkannter Regierungen sind von dieser Formalität befreit. Diese Bedingungen konnten die beiden Schiffe in Kiel nicht erfüllen. Als Kriegsschiffe sollten sie ja nicht gelten, eine Nationalität konnten sie nicht nachweisen, uns so konnten sie hafenpolizeilich mit vollem Recht verhindert werden, in See zu gehen. Eine interessante Rechtsfrage wegen des Eigenthumsrechtes an den Schiffen dürfte jetzt entstehen, aber das geht die Civilgerichte an.“

Der Krieg in Südamerika ist auch als der „Salpeterkrieg“ bekannt, er wird sich noch bis 1883 hinziehen. Es geht um Vorkommen hauptsächlich von Salpeter und Guano, die sich Chile gerne aneignen will. Mit Guano — Exkrementen von Vögeln, Robben oder Fledermäusen — sitzt man nämlich auf einem aussichtsreichen Rohstoff, der insbesondere als Dünger gebraucht wird.

Wir wissen nicht, ob die Frage schon 1881 gestellt wird. Aber wir wissen, daß heutzutage eine unmittelbare Panik ausbrechen würde, daß hier nicht-erneuerbare Rohstoffe verbraucht werden. Bange Fragen würden hochkommen, wie lange die Welt noch Guano haben wird. Und düstere Filme würden die Horrorszenarien des drohenden Hungers in aller Welt ausmalen, wenn Guano versiegt. Manche Regierung würde sich wohl sogar in eine „Guano-Wende“ stürzen.

Alles Kokolores!

Es kommt ganz anders. Guano ist sehr begehrt und man kann viel damit verdienen. Aber das lockt auch findige Chemiker auf den Plan. 1909 erfindet Fritz Haber ein Verfahren, Stickstoff zu binden. Carl Bosch schafft es, dies für die Produktion im Großen einzurichten, die dann bei BASF beginnt. Beide erhalten später dafür den Nobelpreis.

Und der so viel billiger herstellbare Kunstdünger kann weit mehr abdecken, als es jemals Guano gekonnt hätte. Guano ist heute nur noch ein exotischer Düngerzusatz für ein paar Spezialisten, und so werden die Guano-Vorräte wohl bis in alle Ewigkeit reichen.

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