Sensations-Nachrichten für Hundstageblätter

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Berliner Wespen, 10. August 1881

(Nachdruck wird mit Dank verfolgt.)   

Postnachrichten. Der außerordentliche Beifall, den die beiden Drohbriefe an den Fürsten Reichskanzler [1] in allen Kreisen der Reaction gefunden, hat Herrn Commissionsrath Pindter [2] bewogen, bei dem Generalpostmeister Stephan zur Förderung dieser wichtigen Correspondenzangelegenheit folgende Anträge zu stellen:

  1. Einführung der Rohrpostdrohbriefe und Rohrpostdrohkarten zur Beschleunigung des Transports dieser für die Wahlen fast unentbehrlichen Schriftstücke.
  2. Züchtung der Drohbrieftauben zur Beförderung der Drohungen aus Berlin und anderen Städten des Reiches nach Kissingen, Varzin, Friedrichsruh und ähnlichen Erholungsplätzen des Reichskanzlers.
  3. Herabsetzung des Portos für eingeschriebene Drohbriefe und solche mit Werthangabe. Das Letztere wird sehr nöthig sein, da manche antifortschrittliche Absender die Absicht haben könnten, durch eine sehr hohe Werthangabe die Beamten des Reichskanzlers auf die Wichtigkeit des Inhalts besonders aufmerksam zu machen. 

Vom nächsten deutsch-französischen Krieg. In unseren militairischen Kreisen ist ein interessantes Gerücht verbreitet. Auf Grund einer bekannt gewordenen Behauptung, welche von einer dem Kanzler nahestehenden Persönlichkeit aufgestellt worden ist, soll nämlich Moltke beschlossen haben, bei der nächsten Gelegenheit, die allerdings nicht etwa herbeigewünscht wird, Paris nicht wieder zu belagern, sondern mit der Hundesperre [3] zu Leibe zu gehen. Es wird sich dann herausstellen, ob diese Maßregel, weil als fühlbarer als der Belagerungszustand bezeichnet, rascher zum Ziele führen wird. 

Der deutsche Turnverein in Paris. (Von unserem eigenen Chauvinisten.) Mit Recht hat die Zeitung „La France“ den deutschen Turnverein in den Verdacht der Spionage gebracht. Besonders erschwerend erscheint dem genannten Journal der Umstand, daß der Verein nicht in einem und demselben Saal musicire und turne: in einem Saal werden die Festlichkeiten begangen, in einem andern wird geturnt. Das ist allerdings verdächtig. Warum klettern die Deutschen nicht am Notenpult? Warum musiciren sie nicht am Reck? Warum machen sie die Bauchwelle nicht am Cello? Warum singen sie nicht am Barren? Warum springen sie nicht vom Blatt? Warum üben sie den Chorgesang nicht im Dauerlauf? Solche Fragen drängen sich unwillkürlich dem über seine Sicherheit wachenden Franzosen auf, und so lange dieselben nicht befriedigend und beruhigend beantwortet sind, werden wir die Deutschen Turner in Paris für Spione halten.   

Dank-Sechserkarten. Eine prächtige und zugleich praktische Idee! Seit einiger Zeit treffen bekanntlich in Kissingen Depeschen ein, durch welche Kegelclubs, Lesecirkel, Studentenvereine, Casinos-, Tanzkränzchen und andere Gesellschaften ihre Zustimmung zu der neuen Wirthschaftspolitik ertheilen und dem Fürsten den Schwur der Treue übermitteln. [4] Der Reichskanzler will nun etliche Tausend Sechserkarten mit dem üblichen Dank drucken und je eine solche Karte allen möglichen Vereinen, welche sich noch nicht zustimmend geäußert haben, zuschicken lassen. Eine Notiz auf der Karte fordert die Vereine auf, den Dank mit der Zusendung einer Loyalitätsadresse und des üblichen Eides der Treue zu beantworten. Auf diese Weise, durch einfaches Umdrehen des Spießes, ist das ewige Telegraphiren auf den Zeitraum von einigen Tagen zusammengedrängt und das viele Gelaufe des Telegraphenboten hört auf. Eine einfachere, originellere Lösung der lästigen Loyalitätsadressenfrage ist kaum denkbar. 

Professor Adolf Wagner hat sich in seiner neulichen Candidatenrede für erbliche Monarchie erklärt. Die Wähler Berlins sind durch diese Erklärung ungemein beruhigt und blicken voll Hoffnung in die Zukunft. Da sich damit die Aussichten auf ein Mandat für Professor Wagner bedeutend vermehrt haben, so wollen nun auch andere Antifortschrittler durch ähnliche Erklärungen zu Mandaten zu kommen suchen. Wie wir hören, wird sich Einer für das Verbleiben der Königskrone bei den Hohenzollern, ein Anderer für die Vertheidigung der Landesgränzen, ein Dritter für die Nichtwiederauslieferung des Elsaß, ein Vierter sogar für allgemeine Wehrpflicht erklären.   

T’Kint, [5] dem es nicht vergönnt war, durch den Diebstahl von noch einer Million die zwei Dutzend, welche er gestohlen, voll zu machen, ist begnadigt worden. Als er das Gefängniß verließ, pfiff er „O selig, o selig, ein T’Kint noch zu sein!“ auf die Gesetze. 

27 Gendarmen und 16 Geheimpolizisten [6] sorgen in Kissingen für die Sicherheit des Fürsten Bismarck. Dieselben haben aber doch nicht verhindern können, daß der Fürst täglich von dem Commissionsrath Pindter besucht wurde.

Fußnoten

[1] Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ veröffentlicht Ende Juli einen angeblichen Drohbrief an Bismarck, der im Urlaub in Kissingen weilt. Es wird suggeriert, daß es sich bei dem Briefschreiber um jemand handelt, der von der fortschrittlichen Presse aufgehetzt ist. Allgemein wird angenommen, daß es sich um eine Fälschung handelt. Vgl. Wer bedroht Bismarck? und Wer bedroht Bismarck? (II).

[2] Emil Johann Alois Friedrich Pindter, Leiter der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ 

[3] Die Berliner Stadtverwaltung hat wegen der Tollwutgefahr die sogenannte „Hundesperre“ (Leinenpflicht für Hunde) verfügt. Der Sohn des Reichskanzlers Graf Wilhelm Bismarck stellt in einer Rede die Behauptung auf, daß die Hundesperre die Berliner mehr bedrückt als der „Kleine Belagerungszustand“ aufgrund des Sozialistengesetzes. Dies wird von Eugen Richter mit den Worten zurückgewiesen:

„Viele vornehme Herren haben sich in der letzten Zeit in Berliner Versammlungen mit ihren freundlichen Gesinnungen für die Arbeiter groß gethan. Hier ist einmal in der Laune des Uebermuthes die Maske gefallen und das wahre Gesicht zum Vorschein gekommen und eine Gesinnung hervorgetreten, welche, wie man auch zum Socialismus stehen mag, Jeden sittlich zurückstoßen muß.“ 

Vgl. Graf Wilhelm Bismarck steigt zum Volke herab, Die Rede des Grafen Bismarck, Eugen Richter gegen den Grafen Wilhelm Bismarck und Retourkutsche für den “Bill”.

[4] Insbesondere von den Antisemiten werden laufend Huldigungstelegramme an Bismarck abgesandt, die dieser wohlwollend beantwortet. Vgl. Antisemitische Huldigungen für Bismarck und Der Reichskanzler ermuntert die Antisemiten

[5] Eugene T’Kint van Hoodebecke, belgischer Bankangestellter, der 1875 mehrere Millionen belgischer Franken unterschlagen hatte und 1876 auf der Flucht gefaßt wurde. Vgl. Bericht von „The World“, New York, 29. November 1878.

[6] Der starke Polizeischutz für den Reichskanzler bei seinem Urlaub in Kissingen wird in der Öffentlichkeit gerade um die Zeit von offiziöser Seite betont, wo auch die Gerüchte über Drohbriefe ausgebreitet werden. Vgl. Brief nach Kissingen

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