Die Freunde des Reichskanzlers

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Berliner Gerichtszeitung, 11. August 1881

Mit einem an Fanatismus grenzenden Eifer sind die Offiziösen bemüht, Klagen und Vorwürfe gegen Fortschrittler, Sezessionisten [1] und Genossen zu erheben. Scheit um Scheit schleppen sie herbei zum Scheiterhaufen, auf welchem am großen Tage der Wahlen der ketzerische, vermaledeite „Liberalismus“ dem Feuertode preisgegeben werden soll zur Augenweide aller frommen Konservativen, zu höherer Ehre.der „heiligen Autortität“. Die Kreuzritter, welche einst vom Kanzler geächtet, die Orthodoxen, welche einst durch die liberale Aera verstoßen worden sind, die Agrarier, „Reichsglöckner“, Schutzzöllner u. s. w., kurz alle, welche einst als Feinde galten, und die sich heute mit Stolz die teuersten Freunde Bismarcks nennen, harren bereits des prächtigen Autodafés. Mächtig steigt der Holzstoß schon empor, und Ritter und Knechte stehen bereit, ihn anzustecken und zu schüren. Die Leiter der offiziösen Presse bringen um die Wette mit Henrici, Stöcker, Hapke, Ruppel und anderen Ehrenmännern allerlei Brennstoff und Reisigbündel herbei. und die Ketzerrichter allerorten predigen, daß der zum Tode Verurteilte die irdische und „höllisch Pein“ auch wirklich verdient habe. Allen zuvor aber an glühendem Haß und an Begier, das Todesurteil wider den Liberalismus zu vollstrecken, thut es die „Nordd. Allg. Zeitg.“, dieses Blatt, welches — vermutlich mit Unrecht — für das dem Kanzler am meisten befreundete und für das Organ der deutschen Reichs- und preußischen Staatsregierung gehalten wird. In einem angeblich offiziösen Artikel. den wir aber aus sittlichen und logischen Gründen nicht für offiziös, sondern nur für die ungeschickte Stilübung eines Offiziösen halten können, schreibt dies Blatt der Wahrheit undden von ihm früher selbst verfochtenen Ansichten zuwider gegen die Liberalen:  

„Vor den Wahlen predigten diese Leute in den Volksversammlungen „freiheitliche Rechte und freie Entwicklung des Volkes, — “ nach den Wahlen kümmerten sich die Gewählten nicht weiter um das Volk und ihre demselben gemachten Versprechungen; dem Volke überließen sie bei dieser parlamentarischen Entwicklung die Freiheit, zu hungern und unter den Segnungen der „freien Konkurrenz“ zu Grunde zu gehen.“ Klingen, so fragen wir, diese Worte nicht, als wären sie aus dem Munde der Herren Liebknecht oder Most gekommen? — „Womit hat denn, — so fragt der Offiziöse weiter, — die liberale Aera das Volk  beglückt?“ — War es nicht, so fragen wir, ein offiziöses Blatt, welches erst vor ein paar Tagen der Fortschrittspartei zum Vorwurf gemacht hat, daß sie die liberale Aera gestürzt habe? Hat sich nicht die angegriffene Partei gegen diesen ebenso ungerechten als schier lächerlichen Vorwurf verteidigt? Ist es nicht unsers Kaisers und Königs Majestät, die als Schöpferin der neuen liberalen Aera gepriesen ward und wird? War es nicht, fragen wir, unser jetziger Kaiser, der sich einst in Flammenworten gegen falsche Frömmigkeit ausgesprochen hat, „die im Gefolge nur Scheinheiligkeit habe?“ Waren es nicht jene Worte, welche die Hoffnung entzündeten, daß es mit der Macht und Nacht der Finsterlinge vorüber, und der Morgen einer lichten, freien Zeit angebrochen sei? 

„Bis kurz vor der jetzigen Zollreform, — so fährt die „Nordd. Allg. Ztg.“ fort, — hatten die auswärtigen Angelegenheiten die Thätigkeit des Reichbkanzlers vollauf in Anspruch genommen. Er konnte sich, wie er selbst gelegentlich im Reichstage ausgesprochen hat, um die inneren, namentlich um die wirtschaftlichen Fragen nicht kümmern und verließ sich in dieser Beziehung auf die von der liberalen Presse so hochgepriesenen Herren Delbrück, Camphausen, Michaelis u. s. w. — leider waren diese Manchestermänner vom reinsten Wasser. Die Liberalen waren so auf ökonomischem Gebiete zur langersehnten Herrschaft gelangt, und wären sicherlich (?) zur Erhaltung derselben jederzeit bereit gewesen, der Reichsregierung hohe direkte Steuern und Finanzzölle zu bewilligen.“ — Haben nicht, möchten wir fragen, die erstgenannten beiden Minister ihre Bestätigung durch den König erhalten? Haben sie sich nicht bewährt als treue Diener des Staats, als feste Stützen des Thrones, als wahrhafte Freunde auch des Fürsten Bismarck? Hat nicht der Fürst selbst anerkannt, daß ihm Delbrück ein guter Ratgeber und Lehrer gewesen? Fürwahr, es steht, — wie sollen oder dürfen wir doch sagen? — eigentümlich um die offiziöse Presse, wenn sie sich erdreisten darf, Männer anzugreifen, die einst von ihr selbst „hochgepriesen“ worden sind! Delbrück und Camphausen waren also nur Manchestermänner à la Cobden, der heut von den Offiziösen als ein nur für seinen persönlichen Vorteil besorgt gewesener, nur als ein seinem Vaterlande verderblicher Staatsmann dargestellt wird! Sie haben nur getrachtet, zur „Herrschaft“ zu gelangen, sie waren nur Liberale, vielleicht gar Revolutionäre gleich den nationalliberalen Bennigsen, Forckenbeck, Braun, Bunsen, Rickert  u. a. m., die noch auf Deputiertenstühlen sitzen gleich jenen Männern auch, die wie Dr. Falk, Hobrecht, Friedenthal und Friedrich zu Eulenburg bereits auf Ministerstühlen gesessen haben. Ueber ihre Thätigkeit wird der Stab gebrochen mit demselben „leichten Herzen“, mit welchem heut der noch im Amte befindliche Minister des Königlichen Hauses, Graf Schleinitz, als ein unfähiger Kopf verurteilt wird!

„Das deutsche Volk, — so heißt es in dem Artikel weiter, — verdankt dem Liberalismus die Freizügigkeit, Gewerbe-, Wucher-, Börsen- und Aktienfreiheit, die hochbedenklichen Subhastations-, Hypotheken-, Vormundschafts- und Konkursordnungen.“ — Hochbedenklich — man merke: hochbedenklich — werden diese von dem konservativen Justizminister Dr. Leonhardt geschaffenen Ordnungen genannt! Sie sind ja auch, und wenn es auch der jetzige Justizminister Dr. Friedberg leugnen sollte, — nur Ausgeburten des Liberalismus. Dieser allein ist schuld, wie die „Norddeutsche“ lehrt, an allem Unglück. an der Vermehrung der Steuern, an der Verschlechterung der Erwerbsverhaltnisse, am Sinken der Löhne, an der Schutzlosigkeit der Industrie, am „Ruin der Landwirtschaft“, am Niedergange des Getreidebaus, der Viehzucht, kurz an dem ganzen gegenwärtigen Notstande. „Schon seit mehreren Jahren waren für Brot und Fleisch viele Millionen ins Ausland gegangen. Mit Recht konnte daher der Reichskanzler den die inländische Erwerbsthätigkeit verheerenden Freihandel mit dem Koloradokäfer vergleichen. Zum Schutze der Industrie setzte er 1879 trotz des lebhaften Widerspruchs der Liberalen den Zolltarif im Reichstage durch. Von da ab aber ist der Reichskanzler wegen seiner Wirtschaftspolitik den heftigsten Angriffen ausgesetzt, und fast will es scheinen, als ob mit der zunehmenden Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse infolge der neuen Wirtschaftspolitik jene Angriffe sich steigerten.“ — Das alles steht in dem beregten Wahlartikel zu lesen, obgleich die Behauptungen der ersten Sätze teils den offenkundigen Thatsachen widersprechen und ohne die den ehemaligen Räten der Krone schuldige Rücksicht gefaßt sind, obgleich den Liberalen schuld gegeben wird, was — namentlich zur Milliardenzeit [2] — die Konservativen verschuldet haben, obgleich endlich die Behauptungen des Schlußsatzes durch die Beweise und — Zahlen fast aller Handelskammerberichte entkräftet werden! — Der famose Wahlartikel hat unseres Erachtens dem Reichskanzler einen recht schlechten, dem „Liberalismus“ aber den denkbar besten Dienst geleistet. Fürst Bismarck, der allezeit bereit ist, seine Feinde zu bekämpfen, hat allen Grund, auszurufen: „Behüte mich Gott vor meinen Freunden!“

Fußnoten

[1] „Sezessionisten“: Mitte 1880 spaltet sich der linke Flügel der Nationalliberalen als „Liberale Vereinigung“ ab. Er wird auch als „Sezession“ oder „Sezessionisten“ bezeichnet. 1884 wird er mit der Deutschen Fortschrittspartei zur Deutsch-Freisinnigen Partei fusionieren. Die „Berliner Gerichtszeitung“ ist parteilich nicht gebunden, steht aber den Sezessionisten nahe. Dies ist in diesem Artikel daran zu erkennen, daß versucht wird, einen Unterschied zwischen Bismarck und der offiziösen Kampagne zu entdecken. Selbst als ehemalige Nationalliberale stehen die meisten Sezessionisten immer noch in einem gewissen Bann des Reichskanzlers. Bei der Fortschrittspartei würde hingegen die offiziöse Presse einfach als Sprachrohr des Kanzlers gesehen werden, der auch hinter der Kampagne steckt.

[2] „Milliardenzeit“: Nach dem Krieg von 1870/71 hat das Deutsche Reich von Frankreich 5 Milliarden französische Franken (= 4 Milliarden Mark) an Reparationszahlungen erhalten, die zu einem Boom führen („Gründerzeit“), der mit einem Wirtschaftseinbruch ab 1873 („Gründerkrach“) endet.

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