Weiter Pogrome in Preußen

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Seit Anfang 1881 finden Pogrome in Hinterpommern statt, angestachelt durch Hetzer wie Ernst Henrici. Zunächst konzentrieren sich die Ausschreitungen auf Neustettin, wo im Februar die Synagoge des Ortes abbrennt. Doch im Sommer weiten sie sich auch auf andere Städte Pommerns und Westpreußens aus. Erst nach Intervention des Kronprinzen Friedrich Wilhelm beginnen die Behörden entschieden dagegen vorzugehen, wie Eugen Richter später berichtet:

Der Kronprinz führte über diese Vorgänge von England aus bittere Klage bei seinem Vater, und Minister v. Puttkamer mußte sich bequemen, wiederholt scharfe Weisungen an die Behörden zu veröffentlichen, solchen Excessen gegen die Juden entgegenzutreten.

Am 12. August 1881 berichtet die Neue Freie Presse aus Wien über die neuesten Ausschreitungen: 

[Judenverfolgungen in Preußen.] Jeder Tag bringt jetzt neue Berichte über Excesse gegen die Juden in verschiedenen Orten von Pommern und Westpreußen. In Lauenburg und Stolp haben öffentliche Scandale gegen die Juden begonnen, die gewöhnlich den Thätlichkeiten voranzugehen pflegen. In Konitz kam es am 7. d. zu einem Erceß, der durch einen ganz privaten Streit zwischen einem Fleischer und einem jüdischen Händler herbeigeführt wurde. Der Fleischer begab sich in Begleitung einiger Jungen, denen er für den Hetzruf „Hepp! Hepp!“ per Kopf 10 Pfennige zahlte, das Fleischerbeil in die Hand, nach der in der Nähe liegenden Wohnung des Händlers, um dort, wie er sagte, Alles todtzuschlagen. Glücklicherweise hatte man sein Nahen rechtzeitig bemerkt und Alles unter Verschluß gelegt. Der Fleischer versuchte, die Thür mit dem Beile einzuhauen, Als diese den gegen sie geführten Hieben widerstand, zertrümmerte er ein Fenster und begann das Fensterkreuz zu durchhauen. Der bedrohte jüdische Mann rief um Hilfe, worauf der Fleischer verhaftet wurde. In Folge des Auftrittes fanden in den Hauptstraßen Ansammlungen von Gymnasiasten, Gesellen, Lehrlingen, Knechten und Dienstmädchen statt, die sich in verschiedenen Trupps bewegten und den „Hepp! Hepp!“-Ruf ertönen ließen. Als nun auch die Polizei-Beamten und Gendarmen erschienen, wurde das Geschrei sehr lebhaft, und die verschiedenen Trupps concentrirten sich auf dem Markte. Die Situation wurde schwül. In diesem Augenblicke erschienen verschiedene Gendarmen zu Pferde, die gegen die einzelnen Trupps ansprengten und diese auseinander trieben. Nachdem neun Personen verhaftet waren, zerstreute sich die Menge. — In Folge der bereits gemeldeten Plünderungen in Schievelbein sind daselbest fünfzehn Personen verhaftet worden, unter welchen sich einige Hauptexcedenten befinden sollen. In der Person eines gewissen B., den die Menge zu ihrem Hauptrnann ausrief und der diesem Rufe Folge leistete, ist auch einer der Rädelsführer festgenommen. Der von der Stadtgemeinde zu ersetzende Schaden wird auf 30,000 bis 50,000 Mark geschätzt.

Ähnlich klingt der Bericht der Berliner Gerichtszeitung vom 13. August 1881. Hier hört man wieder die Ungläubigkeit der Zeitung heraus, daß Bismarck im Hintergrund die Vorgänge aus zynischen Beweggründen laufen läßt. Man neigt der „Liberalen Vereinigung“ zu, die sich 1880 von den Nationalliberalen abgespalten hat, aber doch noch an einer gewissen Überschätzung des Kanzlers leidet:

Die Stimme der Gerechtigkeit. — Von Brandreden und Brandschriften eifriger Agitatoren entflammt, von Skandalsucht und Beutegier getrieben, hat der Pöbel in einigen preußischen Städten den Krieg gegen die Juden begonnen und Excesse begangen, bei denen es zwar nicht zu mörderischem Blutvergießen, aber doch zu Raub, Plünderung und Eigentumszerstörung just wie in Kiew gekommen ist. Seit einer Reihe von Wochen, ja von Monaten brachte fast jeder Tag bald aus jenem, bald aus diesem pommerschen Städtchen die Meldung vom Ausbruch der Judenhetze. Es ist geschichtlich interessant, daß der Skandal ausgebrochen ist gerade in solchen Gegenden, die schon vor und seit dreißig Jahren als die Stammsitze junkerlicher Reaktion gegolten haben. Schievelbein und Dramburg waren es, aus welchen anno 1848 die Lehren der Herren Schubert und Dr. Sommer und jene bekannten „kurzen Sätze“ hervorgingen, welche gegen Fortschritt und Judentum genau dasselbe wie die heutigen Agitatoren predigten. Neustettin aber, wo die Synagoge der Juden, — es ist noch immer nicht aufgeklärt, durch wessen Schuld — in Flammen aufging, und wo Dr. Henrici vor kurzem feurige Reden gehalten hat, Neustettin war es, das lange Jahre hindurch die Ehre hatte, durch den Geh. Justizrat Wagener, den Gründer, — wir schweigen von der pommerschen Centralbahn, — der Kreuzzeitung und der reaktionären Partei in Preußen vertreten zu sein.

Den ersten Anstoß zu der Agitation, die jetzt in Akte brutalster Gewalt ausgeartet ist, haben, — es ist notwendig, daran zu erinnern, — die Artikel des Jesuitenblattes gegeben, welches vom Jahre 1870, speziell aber vom Beginn des Kulturkampfes an eine stehende Rubrik

gegen das Judentum eingerichtet hatte. Ihm schlossen sich die rheinischen und alle süddeutschen, insbesondere die bayrischen, dann die westpreußischen ultramontanen Blätter und die „Schles. Volksz.“ freudig an; ihm schlossen sich ferner an die konservativen Blätter und Blättlein und jene orthodoxen protestantischen Pastoren, welche heut im erklärten Bunde der Antisemiten-Liga mit dem ehemaligen Redacteur der „Gerrnania“, Herrn Dr. Cremer, brüderlich zusammenstehen. In der Presse wie in öffentlichen Versammlungen haben

seitdem die Führer der Antisemiten im Wahne, ein gottgefälliges und ein der Regierung gefälliges Werk zu thun, gegen die Kinder Mosis geeifert, und sie haben das, wie das Beispiel lehrt, mit einem ihre Erwartungen vielleicht (?) übertreffenden Erfolge gethan.

Die Juden sind eine „fremde Nation,“ sagt ein Hofprediger. Sie müssen ausgetrieben werden! schreit der Pöbel. Sie sind nur Eindringlinge! sagt Dr. Henrici. Jagt sie zurück nach Palästina! ruft der Pöbel. Sie sind als Richter und Lehrer angestellt in unserem christlichen Staate; ist das in der Ordnung? Nein! schreit der Pöbel. Man säubere die von ihnen beschmutzten Richter- und Lehrstühle! Die staatlichen Rechte müssen ihnen, sagt Herr Stöcker fürsichtig, auf gesetzlichem Wege wieder genommen werden; denn, -— man darf doch die Juden nicht totschlagen wollen! Warum nicht? fragt der Pöbel. Sie besitzen die schönsten Villen, die feinsten Bel-Etagen, das meiste Geld! Sie haben sich die schönsten Rittergüter, die höchsten Vorteile des Handels und der Industrie angeeignet! Aus Scheu vor körperlicher Arbeit trachten sie nur nach mühelosem Gewinn, nach Schachern und Agiotage. Ist das recht? fragen die Agitatoren Stöcker, Henrici, Ruppel, Hapke, Distelkamp und — tutti quanti. Nein! ruft der Pöbel; man nehme ihnen ab, was sie sich angeeignet! -— Kraft ihrer höheren Intelligenz übervorteilen sie euch, treiben Wucher, saugen euch das Blut aus und leben von eurem Schweiß! Was sagt ihr dazu? fragt der Agitator. „Hep, hep!“ ruft der Pöbel und rüstet sich mit Axt und Brechstange, um — auf gegebenen Wink — die Häuser und Läden der Juden zu stürmen und zu plündern.

Die Agitation hätte sicherlich die gegenwärtige Höhe nicht erreicht, wenn die Regierung gewissen Agitatoren schon früher das Handwerk,   d. h. das Redehalten, gelegt hätte, wenn nicht das passive Verhalten der Behörden den Wahn der Führer genährt hätte. In Bayern z. B., wo ja der Judenhaß eifrigst nicht allein durch ultramontane, sondern auch durch die „Fliegenden Blätter“ geschürt war, ist durch das auf königlichen Befehl erlassene Machtwort der Regierung der Ausbruch von Excessen verhindert worden. Bei uns aber ließ sich die Stimme der Gerechtigkeit nirgends vernehmen, und selbst das Wort des kaiserlichen Kronprinzen, daß „die Judenverfolgungen eine Schmach seien für Deutschland und für unser Jahrhundert,“ blieb unbeachtet. Nirgends stand offiziell oder offiziös zu lesen: „Und wenn alles wahr wäre, was gegen die Juden vorgebracht wird, ja, wenn man einen oder mehrere juden bei einem Verbrechen auf frischer That ertappt hätte, so hat doch niemand das Recht, Vergeltung und Rache selbst zu üben, so ist doch jedermann verpflichtet, Leben, Freiheit und Eigentum derer zu achten, die kraft der Staatsgesetze unsere Mitbürger und den gleichen Gesetzen wie alle Christen unterworfen sind!“

Den Führern der Antisemiten sei deshalb dringend der Artikel der offiziösen „Prov.-Korresp.“ empfohlen, welche jetzt, — es ist freilich etwas spät, — schreibt: „An mehreren Orten der Provinzen Pommern und Westpreußenj haben in der letzten und vorletzten Woche bedauerliche, mit der Zerstörung und Beschädigung von Privateigentum verbundene Ruhestörungen stattgefunden. Dem entschiedenen Einschreiten der Ortsbehörden ist es — zum Teil allerdings erst nach Verstärkung des Exekutivpersonals und unter Beihilfe des einsichtsvollen Teiles der Einwohnerschaft — überall gelungen, die Ercesse zu unterdrücken und die Excedenten zur gerichtlichen Untersuchung zu ziehen. Seitens des Ministeriums des Innern sind die Regierungs-Präsidenten der betreffenden Landesteile beauftragt worden, mit allen Mitteln, welche die Gesetze an die Hand geben, der Wiederkehr derartiger Ruhestörungen vorzubeugen und etwaigen erneuten Versuchen mit vollster Energie entgegenzutreten. Insbesondere sind die beteiligten Behörden angewiesen worden, einer Ausbeutung und Steigerung der vorhandenen Aufregung, welche aus einer öffentlichen Erörterung der bezeichneten Ereignisse und ihrer Ursachen in den von bekannten Agitatoren (!) abzuhaltenden Versammlungen zu befürchten sein würde, sofort zu begegnen, soweit dies überhaupt nach den Vorschriften thunlich ist, welche bezüglich der Verhütung eines die gesetzliche Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versammlungsrechts in Geltung stehen.“

Ist auch zu bedauern, daß der Schlußsatz dieser Kundgebung dunkel recht dunkel, ja fast unverständlich ist, so ist doch, — wie hierdurch unsererseits geschieht, — dankbar anzuerkennen, daß sich, den Stimmen der Lästerung, Verleumdung und Aufhetzung gegenüber endlich, und zwar halbamtlich — die Stimme der Gerechtigkeit hat vernehmen lassen.

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