Der Lyriker und die Umsatzsteuer: 1 ½ Prozent

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von Alexander Moszkowski, 1922

Vorausgesetzt, er findet einen Verleger,
Vorausgesetzt, der Mann ist ganz integer,
Vorausgesetzt, besagter Lyrikus
Erhält ein Honorar beim Rechnungsschluß;
Vorausgesetzt, daß ihn die Muse heiligt
Mit lyrischem Gefühl, das in ihm brennt, — —
So ist der Fiskus auch daran beteiligt,
Und zwar genau mit 1 ½ %.

Es stieg empor aus seiner Seelen Grüften
Ein Ahnen in beseligtem Moment,
Er sang von Rosen und von Frühlingsdüften,
Vom Duften zahlt er 1 ½ %;
Er sah der Liebsten in die keusche Seele,
Die Nachtigall bewies ihr Tontalent,
Und die besagte holde Philomele
Wird eingeschätzt mit 1 ½ %.

Er singt vom Zephyr und vom Sturmeswüten,
Vom Lotoskelch im fernen Orient,
Der Fiskus ist bei seinen Lotosblüten
Sein Sozius mit 1 ½ %.
Er jauchzt, er weint, er schwelget in Genüssen,
Ein Freudenkuß hebt ihn zum Firmament,
Und jeder einzelne von den Küssen
Stellt dar pro fisco 1 ½ %.

Wie schön, daß so die ganze deutsche Lyrik
Sich einheitlich zu dem Tarif bekennt;
Ist auch die Rechnung manchmal etwas schwierig,
Das Grundmaß bleibt doch 1 ½ %;

Und ist trotz aller Kunst des Silbenfalles
Der lyrische Poet meist insolvent,
Der Staat beteiligt sich an seinem Dalles
Unweigerlich mit 1 ½ %.

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