Ihr könnt in meinen alten Tagen

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Friedrich Stoltze (Quelle: Wikipedia)

Wir beziehen uns hier offensichtlich gerne auf Eugen Richter und die Fortschrittspartei, bzw. die Freisinnigen. Es gab aber im Kaiserreich noch eine andere Richtung, die diesen nahestand, die Demokraten in Süddeutschland. Oft stritt man zusammen für oder gegen dieselben Dinge, nicht selten behakte man sich aber auch mit großer Inbrunst.

In manchen Punkten gefallen uns die süddeutschen Demokraten besser als die Fortschrittler und sogar Eugen Richter, wobei diese ja auch Demokraten waren.

Ein paar starke und schwache Punkte:

Die süddeutschen Demokraten ließen sich nicht auf den Kulturkampf ein wie viele Fortschrittler (aber nicht Richter). Sie hatten ein gutes Auge dafür, wie schädlich die Zentralisierung des Reiches war, besser als viele Fortschrittler, die von Preußen aus am Drücker saßen. Und die Demokraten sahen richtig, daß die Annexion von Elsaß-Lothringen ein strategischer Fehler ersten Ranges und ein Unrecht war, wofür die Fortschrittler blind waren (diesmal leider auch inklusive Eugen Richter). Dafür gefallen uns dann die Fortschrittler wieder bei wirtschaftlichen Fragen besser, wo die Demokraten sich doch allzu leicht mit „Sozialreformen“ ködern ließen und ihren Bastiat nicht gelesen hatten.

Was die Demokraten aber einfach mitreißend macht, ist eine amerikanische Liebe zur Freiheit und der Würde des Individuums. Wir kennen in deutsche Sprache kein schöneres Gedicht über die Freiheit, und es treibt uns die Tränen vor Rührung in die Augen, als das folgende von Friedrich Stoltze, dem großen Dichter der Freien Stadt Frankfurt, der sowohl in Frankfurter als auch hochdeutscher (!) Mundart schrieb. Verfaßt wurde es 1876, nachdem Stoltze wegen Beleidigung Bismarcks zu einer Geldstrafe verurteilt worden war:

Ihr könnt in meinen alten Tagen.

Ihr könnt in meinen alten Tagen
Mich schleppen vor ein Strafgericht,
Mich sammt der Gicht in’s Zuchthaus tragen,
Doch bessern, bessern wird’s mich nicht!

Das Uebel ist mir anerzogen,
Und, ach, so etwas haftet schwer;
Es stammt noch von den Demagogen,
Noch aus dem alten „Rebstock“ her.

Dort auf dem Arm – als kleines Bübchen –
Nahm mich die Göttin Freiheit schon,
Trug singend mich herum im Stübchen,
Und ich behielt des Liedes Ton.

Von Freiheit muß ich immer singen,
So lang‘ mein Herz noch fühlt und lebt;
Nach Freiheit, Freiheit muß ich ringen,
So lange, bis man mich begräbt.

Begräbt man mich im schwarzen Röckchen,
Das Meister Hobel hat gefügt,
Ich bitt‘ um ein paar Blumenglöckchen,
Sonst weiter gar nichts. Das genügt.

Im Leben hatte ich der Schmerzen,
Der Pein, der Sorge so vollauf;
Der Tod nimmt mir den Stein vom Herzen,
O, wälzt mir keinen neuen drauf!

Und wann die Siegeshörner blasen,
Und glüht der Völker Morgenroth,
Heb‘ ich hinweg den leichten Rasen
Und rufe „Freiheit“ noch im Tod.

 

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