Rockefeller muß sich nicht warm anziehen

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Manchesterliberale sind schlechte Menschen. Und der gute Bismarck hatte ein Herz für den „armen Mann“ und mußte seine mitfühlende Politik gegen diese Freihändler durchsetzen. Das weiß ja jeder. Eugen Richter war außerdem ein dummer Pfennigfuchser, der keinen Blick für die Vision des Kanzlers hatte und nur an die Kapitalisten dachte.

Und jetzt ein kleiner Bericht aus der Wirklichkeit.

Ende der 1870er Jahre tritt Bismarck eine Lawine neuer indirekter Steuern und Zölle los. Besteuert werden sollen insbesondere die Lebensbedürfnisse der weniger gut gestellten Schichten. Dafür stellt Bismarck den besser Gestellten niedrigere direkte Steuern als „Zukunftsmusik“ in Aussicht. Natürlich wird dann ein Häppchen von den Einnahmen als große „soziale“ Wohltat wieder denselben Armen mit großer Geste hingeworfen, die hintenrum dafür bezahlen sollen. Hauptziel Bismarcks ist die Konzentration und Steigerung der Steuereinnahmen auf Reichsebene und damit seiner eigenen Macht.

Eugen Richter attackiert diese Politik 1879 in seiner Broschüre „Die neuen Zoll- und Steuervorlagen“. Wir greifen uns den Zoll auf Öl heraus (vgl. Seite 26):

Von neuen Zöllen dieser Art ist der wichtigste der Petroleum-Zoll. Petroleum war bisher unter der zollfreien Klasse: Theer etc. begriffen. Petroleum ist in obiger Statistik mit 95 Millionen Mark Einfuhrwerth unter den Harzen etc. einbegriffen. Bereits 1868 und 1869 wurde ein solcher Zoll mit 1 ½ Mark pro Centner einzuführen gesucht. Die Absicht scheiterte am Zollparlament. Seitdem ist der Verbrauch in Deutschland mit sinkenden Preisen auf 6 1/3 Millionen Centner (1878 Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr) jährlich gestiegen und ist dadurch auch den Aermeren billiges Licht bei Arbeit und Erholung vergönnt. Bei den reicheren Klassen der Bevölkerung in den Städten kommt mehr Gaslicht in Betracht. In der Statistik pro 1877 ist der Werth pro Centner Petroleum mit 14 Mark angegeben. Jetzt soll ein Zoll von 3 Mark auf den Centner gelegt werden. Dies würde eine Einnahme von 18 bis 19 Millionen Mark ergeben. — Die Fortschrittspartei erachtet die Einführung eines solchen Zolles auf ein nothwendiges Lebensbedürfniß für undiskutirbar. Der Zoll hat den Charakter eines Finanzzolles. Die inländische Mineralölproduktion vermag nicht den 50sten Theil des deutschen Bedarfs zu liefern.

Interessanterweise ist Öl um die Zeit deutlich teurer als heute. Ein Barrel kostet aktuell etwa 94,33 Dollar oder 76,76 Euro. Ein Barrel entspricht ungefähr 137 Kilogramm, womit ein Zentner etwa 56,03 Euro kostet. Es ist nicht einfach, einen Wechselkurs für die Mark in Euro anzugeben, weil sich seitdem so viel geändert hat. Eine grobe Richtung ist aber ein Kurs von 1 Mark = 10 Euro, womit der Zentner zur Zeit Eugen Richters also etwa 140 Euro kostete. Wie das mit der Panik zusammenpaßt, daß die heutigen Ölpreise das baldige Ende der Ölförderung anzeigen, überlassen wir denen, die das glauben.

Bohrturm "Mohr 3" in einer zeitgenössischen Zeichnung

Ein Zoll von weiteren 3 Mark würde auch heute mit einem Preis des Barrels von etwa 286 Dollar einen wahren Ölrausch auslösen. Und das passiert nun auch 1881 in Deutschland. Plötzlich wird mit der Behinderung der internationalen Arbeitsteilung das eigentlich unsinnige Bohren nach Öl interessant. Im sinnig am 1. Januar 1881 so benannten Oelheim bei Peine (heutiges Niedersachsen) sucht man schon seit einiger Zeit. Am 21. Juli 1881 lacht das Herz der Ölbarone, als das schwarze Gold mit der Bohrung „Mohr 3“ eruptiv aus der Erde sprudelt. Es kommt so viel Öl zu Tage, daß die vorhandenen Fässer nicht reichen.

Die Nachricht spricht sich schnell herum, und so beginnt ein regelrechter Ölrausch. Am 13. August 1881 berichtet die Berliner Gerichtszeitung im redaktionellen Teil, aber eher als eine Werbung, über die neue Gesellschaft von Adolf M. Mohr, die ihre Aktien offeriert:

Oelheimer Petroleum-Industrie-Gesellschaft. 

Wir veröffentlichen lm Inseratentheil den Prospekt betreffs der Emission der Aktien der Oelheimer Petroleum-Industrie-Gesellschaft. Von dem Aktien-Kapital hat Herr Mohr selbst für sich und ihm nahestehende Persönlichkeiten drei Viertel behalten. Von dem Rest von 1 ¼ Millionen Mark wird die hiesige Vereinsbank ein Viertel für sich behalten, so daß nur eine Million, mithin der fünfte Theil des Aktienkapitals zur Subskription gelangt. Es wird von dem Unternehmen ein Jahreserträgniß von 1,900.000 Mk. erwartet. Diese Erwartung basirt auf der bisherigen Ausbeute von 200 Faß Rohpetroleum pro Tag. Das Faß Rohpetroleum wird mit 30 Mark angenommen, die Kosten der Raffinerie werden durch den Mehrwerth des Schmieröls und des Naphta gedeckt. Das Oelheimer Petroleum enthält ungefähr 60 pCt. reines Erdöl, 5 pCt. Naphta, während der Rest als Schmieröl verwendet wird.

Mit „Faß“ ist hier nicht das angelsächsische Barrel von etwa 159 Litern gemeint, sondern ein preußisches Volumenmaß entsprechend 225 Litern, womit der Preis für das Barrel mit den obigen Umrechnungen bei ungefähr 260 Dollar heute liegen würde.

Die „Berliner Wespen“ spielen am 24. August 1881 die Positionen der verschiedenen politischen Richtungen zu den Ölfunden durch, wobei natürlich bloß die Freihändler als vernünftig erscheinen:

Oelheimliches.  

Als die Nachricht von dem Vorhandensein großer Petroleumlager bei Peine in die Welt drang, konnten wir uns der bangen Sorge nicht erwehren, daß diese Quellen nur mangelhaft ausgebeutet werden würden. Die Techniker verfehlten zwar nicht, dem Publicum die beruhigendsten Versicherungen zu machen und zu erklären, daß die betreffenden Territorien in kurzer Frist mit dem St. Gotthard und dem Suezcanal an Gebohrtheit würden rivalisiren können. Das meinten wir indeß nicht. Wir gingen von der Ansicht aus, daß ein so wichtiges Ereigniß, welches die große Gefälligkeit hatte, sich unmittelbar vor den Wahlen einzustellen, noch zu weiteren Zwecken, als der simplen Oelgewinnung, ausgebeutet werden müßte. Unserer Meinung nach übertrifft nämlich das Oelheimer Oel das Amerikanische um ein Bedeutendes, da man mit jenem nicht nur Lampen, sondern auch Flugschriften füllen und nicht nur Maschinen, sondern auch Wahlreden heizen und schmieren kann. In den jüngsten Tagen indeß scheint diese Ansicht bereits erfreulicherweise an Terrain gewonnen zu haben. Einzelne hoffnungsvolle Anlässe lassen darauf schließen, daß man das Petroleumgebiet auch politisch anzapfen, und in der bevorstehenden Wahl-Schlachtmusik kräftig die Oel-Becken schlagen wird. Noch scheinen indeß bei weitem nicht alle hierfür in Frage kommenden Gesichtspunkte erschöpft zu sein, so daß wir uns gedrungen fühlen, den geehrten Fractionen mit einigen Fingerzeigen unter die Arme zu greifen. 

Die Schutzzöllner.

Eine Entdeckung, wie die der Oelheimer Quellen, hätte überhaupt unter freihändlerischem Regime niemals gemacht werden können. Welches Interesse hätten Deutsche gehabt, deutschem Petroleum nachzustöbern, wenn sie vom Auslande her diese Flüssigkeit in unverzolltem, billigem Zustände hätten beziehen können? Erst nachdem unsere Mitbürger die Grenze vor lauter Schlagbäumen nicht mehr sahen, besannen sie sich auf die natürlichen Schätze des Landes, so daß man im eigentlichen Sinne des Wortes behaupten kann, nicht Herr Mohr, sondern der Zolltarif hat Oelheim entdeckt. Werden die Consumenten jetzt anfangen, einzusehen, auf welcher Seite sie ihre wahren Freunde zu suchen haben?

Die Freihändler.

Vorausgesetzt, daß das Unternehmen prosperirt, daß es also mit dem Oel nicht Essig ist, so bilden die neugefundenen Quellen die stärkste Stütze des Freihandelsprincips. Denn wenn wir in Zukunft unseren Bedarf an Petroleum nicht mehr vom Auslande zu holen brauchen, so haben wir einen Petroleumzoll, der keinen Pfennig einbringt. Eine Abgabe aber, die schon durch ihre bloße Existenz lästig ist, ohne ein Aequivalent durch eine Vermehrung der Staatseinnahmen zu bieten, ist unmoralisch und drückt der ganzen Zollgesetzgebung, von der sie einen integrirenden Theil bildet, den Stempel der Unsittlichkeit und der Verwerflichkeit auf. Merkst Du nun, Deutschland, wie Du von den Schutzzöllnern geschädigt und an der Nase herumgeführt wirst?

Die Antisemiten.

Erste Gruppe.

Mohr ist natürlich Jude. Nachdem seine Glaubensgenossen sich bisher mit der ihrer Race eigenen Unver — frorenheit in den Richterstand, in die Universität, in’s Militär und in den Adel hineingedrängt haben, fangen sie jetzt gar an, sich in das Erdinnere zu drängen und demselben seine Schätze abzuwuchern. Und zu welchem Zwecke? Etwa, um ihren Mitmenschen den Liter Petroleum für 0,0 Mark zugänglich zu machen? Bewahre! Lediglich um eine Börsenhausse in Oelheim-Aktien zu insceniren. Pfui!

Zweite Gruppe.

Mohr ist natürlich Christ und Antisemit. Da sieht man wieder einmal das Walten einer höheren Gerechtigkeit. Auf alle erdenkliche Weise bringen uns die Juden um unser Bischen Eigenthum, und wenn die Noth am höchsten ist, intervenirt der Himmel mit Erdöl und giebt uns das Verlorene zehnfach zurück. So wird jeder Tropfen Petroleum, der aus den Erdspalten bei Peine an’s Tageslicht quillt, zu einem geologisch-hydraulischen Beweis für die ethische Nothwendigkeit der Henricinus-Ruppelschen Bewegung. 

Die Ultramontanen.

Wer sich einigermaßen auf göttliche Finger versteht, wird nicht im Zweifel sein können, wie er das plötzliche Zutagetreten großer Oelreichthümer in Deutschland zu deuten hat. Als in Deutschland noch die Falkschen Principien maßgebend waren, hätte man vergebens im ganzen Reiche gebohrt: nicht für einen Sechser Petroleum wäre gefunden worden. Kaum aber geht Bismarck nach Canossa und wird Dr. Korum Bischof von Trier, so quittirt der Himmel dankend in Oel. Oder soll es etwa als ein Zufall betrachtet werden, daß der Segen sich gerade über Hannover, das Land unseres Vorkämpfers Windthorst, ergossen hat? Gewiß nicht. Vielmehr ist der wahre Zusammenhang der Erscheinungen so augenfällig, daß wir ohne Weiteres davon überzeugt sind, auch unter dem Burgberg bei Harzburg in Bälde mächtige Petroleumbecken erschlossen zu sehen, sobald erst die bekannte Säule aus diesem abgebrochen sein wird. Wir können somit getrost in die Zukunft blicken: wenn solches Oel in das Feuer unserer Begeisterung gegossen wird, kann uns der Sieg nicht fehlen.

Die Socialdemokraten.

Ein Triumph der Socialdemokratie! Man hat uns geknechtet und geächtet, aber wir haben neue Verbündete bekommen, die Erdgeister, welche uns Waffen in die Hände spielen. In Oelheim begrüßen wir unser Zukunftsarsenal. Das Ausnahmegesetz verbietet uns, deutlicher zu werden, aber ihr werdet uns verstehen, Petroleure und Petroleusen!  

1883 werden die Bohrungen per Gerichtsbeschluß abgebrochen, wodurch die meisten beteiligten Firmen bankrott gehen. 1885 wird das Urteil aufgehoben. In den Folgejahren versuchen sich verschiedene Firmen weiter an der Ölförderung, gehen aber zumeist auch in Konkurs.

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