Ein König zum Anfassen

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König Kalakaua (Quelle: Wikipedia)

König David Kalakaua von Hawaii befindet sich 1881 auf Weltreise, wie wir bereits berichteten. Nach seinem Aufenthalt in Berlin zieht es ihn im August nach Wien. Auch dort wird sein Besuch mit großem Interesse verfolgt. König Kalakaua scheint, trotz oder wegen seiner exotischen Herkunft, als „edler Wilder“ ein Bedürfnis nach einem weisen Herrscher zu stillen, das von den europäischen Herrschern wohl etwas unzureichend abgedeckt zu werden scheint. Und er ist auch jemand zum Anfassen.

In Wien zeigt Kalakaua (auch bekannt als der „Merrie King“) dann auch, daß er selbst nicht abgeneigt ist, Hand anzulegen. Allerdings tut dies seinem Nimbus einen gewissen Abbruch, wie die Berliner Gerichtszeitung am 18. August 1881 berichtet. Wir geben auch den Teil des Artikels wieder, der sich um andere Dinge dreht. Insbesondere geht es dabei um die Wahlen in Frankreich im August/September 1881, bei denen ein Sieg Léon Gambettas erwartet wird, was aus deutscher Sicht als nicht unproblematisch erscheint. Insbesondere bezieht man sich dabei auf die „Krieg in Sicht“-Krise von 1875. Im Wahlkampf wird nämlich immer wieder die Angst vor einem Krieg zur Stützung Bismarcks ausgespielt, was von den „Berliner Wespen“ sehr schön am 5. März 1880 in dem Artikel „Frieden in Sicht“ persifliert wird:

In den Hundstagen. — Nur noch kurze Zeit — und es geht zu Ende mit der Herrschaft des Sirius, dieses auch „Hundsstern“ benamsten Gestirns, von dem seit Jahrtausenden die Sage geht, daß es gar wunderliche Blasen treibe im Gehirn der Menschen. Im laufenden Jahre hat es, unterstützt durch die nach dem Volksglauben unleugbare Ein- und Mitwirkung zweier Kometen, seine alte Wunderkraft bewährt. Aufgeweckt durch die Nachricht, daß der Aufgang des Sirius nahe bevorstehe, hat sich der Beherrscher Hawais, Kalakaua, aufgemacht und ist in Europa eingetroffen gerade zu rechter Zeit, um dem hundstäglichen Treiben der „civilisierten“ Völker zuzuschauen. In Berlin ist er mit fürstlichen Ehren empfangen, von einem Dollmetscher und militärischer Ehrengeleitschaft zu allen Sehenswürdigkeiten der Residenz geführt, und sind ihm künstlerische und auch soldatische Schauspiele bereitet worden. Durch sein chevalereskes Auftreten, durch das Interesse, welches er für alles Wissenswerte bezeigte, wie durch den Ernst und die Würde seiner Unterhaltung hat er sich die Beachtung und Achtung selbst derer erworben, die anfänglich verächtlich oder spöttisch auf die „wilde“ Majestät blickten. Um seine Person bildete sich ein Kreis von Neugierigen, ja von Verehrern, um sein Haupt der Nimbus königlicher Hoheit. Man erzählte von ihm, wie klug er sich über dies und das ausgesprochen, wie weise er durch die von ihm instruierten Minister vor der Auswanderung er Deutschen nach Hawai gewarnt, und wie er auch hier die einst von ihm in einer Freimaurer-Loge (!) entwickelten, wahrhaft humanen Grundsätze vertreten habe. Umstrahlt von souveränem Glorienschein, reiste er nach Wien; auch dort ward er gleich einem europäischen Fürsten empfangen und bald, — denn die Zeitungsreporter begleiteten ihn auf Schritt und Tritt und berichteten täglich genau über ihn, — zum „Löwen des Tages.“ Von einem Literaten „interviewt,“ soll er dort feierlich erklärt haben, daß er in seinem Inselreiche weder Kulturkämpfe noch Judenhetzen, noch den Streit der Nationalitäten dulde, daß er ein Feind sei der Stellen- und Ordensjäger, der Schmeichler und Kriecher, und daß sein Reich, so klein es auch sei, doch wirklich konstitutionell regiert werde. Sein Ansehn stieg dermaßen, daß er fast wie ein legitimer Fürst, ja wie ein Wesen höherer Gattung betrachtet wurde. Da aber — o Wehe des Tages, da er hinausging zum Prater in Ronachers Kaffeehaus, wo die Klänge Straußischer Walzer sein königliches Ohr kitzelten, und die verführerischen Augen der „feschen“ Wienerinnen ihn trafen! — da aber ward auch er von den Strahlen des Sirius getroffen und ganz wie andere gewöhnliche Menschen in den Strudel der Tollheit fortgerissen. Von dem Moment ab, da er die Hüfte einer Schönen umschlang, um sich mit ihr im Walzer zu wiegen, war der König von Gottes Gnaden entgöttert: der Nimbus schwand, und die Verehrer Kalakauas sahen, daß auch er — ach, und wie! — sterblich und mit irdischen Schwächen behaftet sei. Von diesem Momente an hatte er für die Wiener kein anderes Interesse mehr als das eines — amüsanten Vergnügungsreisenden. Auch in Paris, wohin sich die dunkle Majestät hernach begeben, wird sie nicht anders betrachtet werden als die Mehrzahl jener mehr oder minder dunklen fürstlichen Existenzen, welche sich, — man denke nur an den „hochseligen“ Herzog Karl von Braunschweig und an andere Depossedierte! — auf den Boulevards herumtreiben. Vor der verhängnisvollen Sirius-Nacht vom 12. August wäre vielleicht auch er als Gast des „Elysée“ empfangen, von Grévy begrüßt, von Gambetta fetiert, von Deputierten und Reportern umschwärmt worden; heut ist er eben nichts mehr als ein — simpler „Boulevardier“. Doch lassen wir den farbigen Fremdling, und wenden wir uns zu anderen hundstäglichen Erscheinungen!

Zu den wunderlichsten „Blasen,“ welche jemals das Gehirn der Journalisten getrieben hat, gehören die Artikel, welche in verschiedenen Zeitungen über die Reise des österreichischen Kaisers in vergangener Woche zu lesen waren. Der gesunde Menschenverstand sagte: Die Besuche, welche der hohe Herr gemacht, die Unterredungen, welche er mit dem deutschen Kaiser, mit den Königen von Württemberg und Sachsen und mit dem Großherzoge von Baden gehabt hat, waren einfache Höflichkeits-, vielleicht auch Freundschaftsbezeugungen und hatten als solche eine zwar nicht zu unterschätzende, aber doch keine höhere politische Bedeutung. Die vom Sirius erhitzte Phantasie der Publizisten jedoch sagte: Es sind bei diesen Rendez-vous eminent bedeutsame Dinge abgesprochen worden. Nummer A. berichtete: Die Fürsten sind darüber einig geworden, dem Großherzog von Baden eine Standeserhöhung, d. h. die Erhebung zum Könige anzutragen. Nummer B. erzählte: Die Fürsten haben sich mit der Regelung der braunschweigischen Erbfolgefrage beschäftigt. Nummer C. sagte: möglich, daß über die dereinstige Besetzung des braunschweiger Thrones verhandelt worden ist, ganz gewiß aber, — „wir schöpfen aus zuverlässigster Quelle, — haben sich die Fürsten über die bayrische Erbfolge verständigt. Nummer D. fügte hinzu: Nicht bloß das haben sie gethan, sondern auch „gewisse Eventualitäten“ ins Auge gefaßt, welche bei den seltsamen Zuständen in Bayern und den Gemütsstimmungen des Königs schon jetzt verdienen, von den Fürsten und Diplomaten Deutschlands erwogen zu werden.“ Gehört auch, sagte Nummer E., der Kaiser Franz Joseph nicht zu den deutschen Bundesfürsten, so ist doch auch seine Stimme bei etwaigen Veränderungen in Deutschland gewichtig, so ist er doch im Falle eines Krieges mit dem Auslande gewiß unser Bundesgenosse!

Von „Krieg in Sicht“-Artikeln haben wir freilich während des August nichts zu lesen bekommen; dafür aber haben wir die Rede vernommen, welche Gambetta, nachdem er sich in Tours sehr resigniert und allein über innere Reformangelegenheiten geäußert hatte, vor der Pariser Wählerschaft von Belleville gehalten hat. Am Schlusse dieser, ebenfalls recht friedlich klingenden und vor Abenteuern warnenden Rede spricht der Exdiktakor die feste Zuversicht aus, daß die waltende „Gerechtigkeit“ einst den Franzosen gestatten werde, sich wieder mit Elsaß und Lothringen, „den getrennten Brüdern,“ zu vereinigen. — Frankreich hat also den Gedanken an Wiedererlangung der deutschen Reichslande noch nicht aufgegeben. Auch die berühmte internationale Fiedensliga rät in einem Aufrufes an die französische Nation, dem Kriege und allen Kriegegelüsten zu entsagen, aber festzuhalten an dem Gedanken der Wiedervereinigung mit den eroberten Provinzen, an der Hoffnung auf eine bessere und gerechtere Zukunft. — Daß sich die Gedanken des Ex- und Zukunfts-Diktators mit denen der Liga begegnen, das ist kein zufälliges, sondern ein Zusammentreffen, das aus zwingender, fast möchten wir sagen mit Natur-Notwendigkeit erfolgen mußte unter dem Einflusse der Hundstage.

Die „Berliner Wespen“ greifen den sehr menschlichen Faux-pas des hawaiianischen Königs am 17. August 1881 in zwei Artikeln auf. Der erste ist in der Form eines Artikels der „Hawaiian Gazette“ aus der Feder des Monarchen abgefaßt (König Kalakaua scheibt tatsächlich für heimische Blätter):

An die „Hawaiian Gazette“.

Von Kalakaua, König und Redacteur.

Se. Majestät der Correspondent der Hawaiischen Staatszeitung schreibt an diese:

K—a. Ich habe in der letzten Zeit wenig Gelegenheit gefunden, Meinem getreuen Blatte eine Correspondenz zugehen zu lassen, auch fehlte es Mir an der nöthigen Zeit. Das Reisen von einem Hof zum andern ist in Europa besonders anstrengend. Man braucht nur einen Tag zu fahren, um auf einen anderen Monarchen zu stoßen. Ich kenne bereits Herrscher in allen Größen, denn es wird in Europa ganz enorm viel geherrscht. Die Regenten sitzen von Morgens bis Abends auf dem Thron und kommen vor lauter Regieren kaum vor die Thür. Selbst in den Ferien, während sie zur Erholung im Bade sind, halten sie, wie man sich hier ausdrückt, die Zügel der Regierung in der Hand. Wie das die Unterthanen aushalten, ist Mir nicht recht klar geworden.

Man kann sich aber denken, daß die vielen Fürsten auch nicht viel Zeit haben, Besuche zu empfangen. Da sie, wie gesagt, in die Nacht hinein regieren, so kommen sie spät in’s Bett, und wenn man ihnen früh Morgens eine Visite machen will, so schlafen sie noch. Man wird abgewiesen und muß in zwei Stunden wiederkommen. Da bleibt einem König wenig Muße, für seine Zeitung zu schreiben.

Nun aber will Ich nicht länger zögern und Meiner getreuen Redaction das Wichtigste aus Meinem Notizenbuche mittheilen.

In mehreren Städten Europas stellte man zwei Soldaten, Schildwachen genannt, vor Meine Thür. Sie sind die Beweise für die überall herrschende Unsicherheit. Der eine Soldat beschützte Mich, weil Ich König bin, der andere, weil Ich als Redacteur für einen Juden gehalten werden könnte. Die Könige und die Juden aber werden jetzt überall von Attentätern verfolgt. Der einzige König, auf den außer Meiner Wenigkeit, dem Dohlenkönig und King Fu, noch kein Attentat ausgeführt wurde, ist der Walzerkönig Strauß. Schon die Neugierde trieb Mich natürlich, ihn aufzusuchen. Er residirt in Wien, im Schloß Ronacher. Sein erster Minister heißt Rabensteiner.

Ich wohnte in einer Loge einem Manöver bei, welches bis zum anbrechenden Morgen dauerte. *) Als Ich Mich in die Reihen der tapferen Leute begab und einige der Bewegungen mitmachte, ertönte weithin der Ruf: „Bravo Kalakaua! Hoch Kalakaua!“ Gleichzeitig gab Mir die Tanzkönigin, eine freundliche junge Dame, ihr Wohlgefallen zu erkennen, so daß Ich Mich beeilte, ihr einen Korb Blumen zu verleihen. Unter dem Geläute der Glocken von Corneville verließ Ich den Tanzplatz.

Am andern Tag besuchte Ich die Redaction der Neuen Freien Presse, geführt von deren Redacteur Becher, der nicht König ist, aber trotzdem nicht mit Mir tauschen möchte.

Zu Meinem Erstaunen fand Ich, daß die Bewohner Berlins ungemein wenig gelernt haben. Das wurde Mir dadurch klar, daß in Meinem Hötel ein anständig gekleideter Herr erschien, der Mich nach den gewöhnlichsten Dingen fragte. Man nennt dies: Interviewen. Der halbnackteste Meiner Unterthanen würde sich schämen, durch derartige Fragen einem Fremden gegenüber seine völlige Unkenntniß in vielen Dingen an den Tag zu legen.

Als Ich einige namhafte Priester sehen wollte, sagte man Mir, Ich müßte in die Volksversammlungen. Da daselbst nicht getanzt wird, so verzichtete Ich.

Was Mich besonders in Erstaunen setzte, war, daß in einigen deutschen Gegenden keine Fenster eingeworfen und keine Läden geplündert wurden. Ich ersah daraus, daß noch an manchen Orten das Eigenthum der Bürger geschützt wird.

Als Ich Deutschland verließ, machte die Nachricht vom Tode Tanners einiges Aussehen, eines Mannes, der in Folge des Hungerns gestorben war. Man knüpfte an diese Nachricht die Hoffnung, daß die Regierungen nicht fortwährend neue Steuern ersinnen würden.

Nächstens mehr. Den Abonnenten und Lesern Meiner Zeitung Meinen königlichen Gruß. 

*) Die Nummer der „Hawaiian Gazette“, in welcher diese Meine Correspondenz erscheint, soll Meiner Gemahlin nicht zugestellt werden.

Und dann machen sich die „Berliner Wespen“ auch gleich Gedanken über die Implikationen für andere hohe Häupter:

Für schwofende Könige.

Nicht nur die Kanzler, sondern auch die Könige müssen bisweilen zum Volke herabsteigen. Die enthusiastischen Hochrufe, welche kürzlich einer vielgenannten Majestät in Wien bei solcher Gelegenheit gezollt wurden, mögen den Regierenden eine Mahnung sein, sich öfter, als es leider bisher geschehen, von der Höhe ihres Thrones in das Gewühl der unteren Zehntausend hinabzubemühen. 

Es ist allerdings unbestreitbar, daß die Könige zum Theil nur darum so selten die niederen Tanzlocalitäten besuchen können, weil diese in fast allen civilisirten Staaten gegenwärtig schon um Mitternacht geschlossen werden und ein halbwegs beschäftigter Regent bis dahin nicht mit seinen Arbeiten fertig wird. Trotzdem möge es der König nur versuchen: es ist anzunehmen, daß kein Polizist es wagen wird, das Auslöschen der Lampen zu verlangen, wenn der Landesfürst eben im Begriff steht, zum Contre zu engagiren oder einen Walzer zu beginnen. 

Scepter, Purpur, Krone und sonstige Herrscherinsignien giebt der König am Besten in der Garderobe ab. Es könnte zu Unannehmlichkeiten führen, wenn das Scepter einem Mittänzer zwischen die Beine käme, oder der Reichsapfel unter die Quadrille kugelte. Könige, welche Klappkronen besitzen, können dieselben indeß getrost unter dem Arm in den Saal mitbringen. 

Der König sei artig gegen die Damen; er schenke ihnen Bouquets, Confect, allenfalls auch kalte Küche oder etwas Kleingeld für die Nachtdroschke. Giebt er ihnen indeß Provinzen oder Festungen, so riskirt er, im Volksmunde als sogenannter Potsdamer fortzuleben. 

Es bleibt dem Könige unbenommen, seine Dame nach dem Stande ihrer Schulden zu fragen. Will er diese tilgen, so thue er es sofort baar und nicht mit Heranziehung des Parlaments, des Finanzministers und der Oberrechnungskammer. Denn der König muß vor allen Dingen im Auge behalten, daß nicht nur das Mädchen, sondern daß er auch sich selbst Verschiedenes schuldig ist. 

Wünscht die Dame einen Stammbuchvers zum Andenken, so verfahre der König mit äußerster Vorsicht. Verse, wie: 

„Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der halben Welt!“ 

dürften sich beispielsweise nur sehr bedingungsweise für den gedachten Zweck qualificiren. 

Der Lebekönig ist nicht gezwungen, links herum zu tanzen, wenn dies seiner conservativen Gesinnung widerspricht. Die Anrede Du oder gar Onkel kann als Majestätsbeleidigung nicht angesehen werden. 

Verläßt der König das Local, so gehe er direct nach Hause. Es kommt zu häufig vor, daß Besucher von Tanzlocalen auf Bänken im Thiergarten einschlafen und ausgeplündert werden. Eine größere Gefahr für einen König liegt darin, daß er in eine Razzia der Polizei hineingeräth und verhaftet wird. Man denke sich den üblen Eindruck, den die Meldung des in die Zelle tretenden Schutzmanns machen würde: 

„Majestät, der grüne Wagen ist vorgefahren!“ 

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