Was ist rechts und was ist links?

Dieser Artikel wurde 3417 mal gelesen.

Oft hört man sagen, daß doch die Begriffe „links“ und „rechts“ nicht mehr zur Beschreibung von politischen Positionen taugen, daß das „Links-Rechts-Schema“ überholt sei und dergleichen Dinge mehr. So, wie die Begriffe heute benutzt werden, ist das wohl wahr. Doch warum waren sie dann überhaupt früher nützlich und wieso hat sich das geändert?

Zunächst ist ein Wortpaar wie „links“ und „rechts“ einfach nur ein praktisches Bild, mit dem man zwei Dinge ausdrücken kann: (1) es gibt zwei grundlegende Positionen und (2) diese stehen sich gegenüber und lassen sich nicht zusammenbringen. Es gäbe natürlich noch viele andere Paare mit denen sich soetwas abbilden ließe: „oben“ und „unten“ – „aufwärts“ und „abwärts“ – „vorne“ und „hinten“ – „vorwärts“ und „rückwärts“ – „früher“ und „später“. Und tatsächlich sind diese je nachdem auch zur Beschreibung politischer Positionen verwendet worden.

Der Vorteil von „links“ und „rechts“ mag sein, daß die beiden Begriffe auf einem ähnlichen Niveau stehen und damit relativ geringe Assoziationen von Ungleichheit wecken, wohingegen wohl die meisten sich lieber als vorwärts- und nicht unbeholfen rückwärtsschreitend sehen wollten. Das stimmt natürlich auch nur bedingt, da „rechts“ in den meisten Sprachen mit „richtig“ geht und bei einem wenigstens früher verbreiteten Mißtrauen gegen Linkshänder etwas positiver besetzt ist.

Entstanden sind die Begriffe „links“ und „rechts“ aus der Sitzordnung in den Parlamenten, bei denen sich verschiedene politische Richtungen auf den Seiten gruppierten. Natürlich hätte es auch andersherum kommen können, ein Beispiel für Pfadabhängigkeit, aber entscheidend war nun einmal, daß in der Versammlung der französischen Generalstände 1789 der Adel den rechten (symbolisch etwas besseren) Platz, die Bürger den linken angewiesen bekamen. Damit geriet „rechts“ auf den Kurs: Erhaltung des Status Quo. Und „links“ war demgegenüber: Veränderung des Status Quo.

Füllt man die Begriffe auf diese Weise, so entsteht allerdings ein Problem. In der Momentaufnahme mag es ja klar sein, wer für und wer gegen den Status Quo antritt. Aber im Zeitablauf kann sich das laufend ändern, sodaß was gestern links, heute rechts und umgekehrt ist. Nach ein paar Umwälzungen ist dann die Verwirrung perfekt, was die Klage oben erklären mag. Ist etwa ein Bonapartist in der französischen Republik rechts oder links? Ist ein Sozialist an der Macht rechts oder links? Von einem Begriff, der die Orientierung erleichtern soll, sollte man doch wenigstens erwarten, daß er vom politischen Zustand unabhängig ist (oder für Physiker: unabhängig vom Koordinatensystem).

Es gibt allerdings noch eine andere Möglichkeit, die beiden Begriffe zu besetzen. Wir haben diese von Jan Narveson aus dessen sehr empfehlenswerten Buch „The Libertarian Idea“ gelernt. Leider wissen wir nicht, von wem die Unterscheidung ursprünglich herrührt und würden uns in dieser Hinsicht über Hinweise freuen. Zunächst sei bemerkt, daß Narveson nicht das Paar „links“ und „rechts“ verwendet, sondern „liberal“ (als Oberbegriff für „liberal“ im amerikanischen Sinne sowie für „libertarian“) und „konservativ“.

Die konservative Einstellung geht davon aus, daß es eine verbindliche Art des „guten Lebens“ gibt. Und als politische Richtung bedeutet das, daß der Staat diese Konzeption allgemein durchsetzen soll. Eine übliche Begründung ist hierfür, daß nur so eine gesellschaftliche Ordnung bestehen und erhalten bleiben kann.

Die liberale Einstellung bestreitet das: Der Einzelne hat das Recht, für sich das „gute Leben“ zu definieren. Der Staat hat nicht die Aufgabe, eine davon auszuzeichnen und durchzusetzen, sondern höchstens die Möglichkeit zu schützen (und je nach Ausrichtung zu schaffen), daß jeder nach seiner Konzeption leben kann.

Identifiziert man die beiden Positionen als „liberal“ = „links“ und „konservativ“ = „rechts“, so lichtet sich die obige Verwirrung. Natürlich ist das erst einmal eine willkürliche Definition. Wir würden aber betonen, daß sie hinreichend im Einklang mit dem historischen Gebrauch des Wortes für politische Richtungen steht. Und sie vermeidet auch das Problem, daß man auf einen Status Quo Bezug nehmen muß. Es besteht kein Widerspruch darin, daß der Status Quo links und die Opposition dagegen rechts sein kann. Solange eine Position sich treu bleibt, ist sie zu jeder Zeit links oder rechts.

Es ergeben sich daraus auch einige interessante inhaltliche Folgerungen. Es kann unter Linken zwar Streit darüber geben, wie der Staat unterschiedliche Konzeptionen des „guten Lebens“ möglich erhalten soll (oder erst möglich macht) und ob es überhaupt ein Staat ist, der das tut. Aber das ist ein Streit über die Mittel, im Ziel sollte es keinen Dissens geben, außer vielleicht bei der Frage, ob gewisse Entwürfe ausgeschlossen sind (z. B. das „gute Leben“ als Massenmörder). Für Rechte sieht das anders aus: Hier sind beliebig viele unterschiedliche Konzeptionen möglich, die alle für sich die alleinige Durchsetzung beanspruchen. Nicht allein die Mittel, sondern die Zwecke können auseinandergehen. Islamisten, Stalinisten und Nationalsozialisten mögen untereinander spinnefeind sein, aber in der Grundannahme stimmen sie überein, daß sie das einzig wahre Muster für alle haben.

Weiterhin ist es keineswegs unmöglich, daß eine politische Richtung in Teilen rechts, in anderen Teilen links ist. Viele Sozialisten würden für sich in Anspruch nehmen, daß sie es dem Einzelnen offen lassen wollen, wie er sein Leben gestaltet, beispielsweise bei der Sexualität, aber nur bedingt oder gar nicht im Bereich des Wirtschaftens. Sie sind teilweise links, teilweise rechts.

Umgekehrt können gewisse (im angelsächsischen Sinne) Konservative behaupten, daß sie dem Einzelnen beim Wirtschaften seine freie Wahl lassen möchten, aber nicht in anderen Dingen. Mit vertauschten Rollen sind sie auch teilweise rechts und teilweise links. (Letztlich läuft die Betrachtung mit diesen beiden Dimensionen auf das bekannte Nolan-Diagramm um 90 Grad nach links gekippt hinaus.) Wir verfolgen hier nicht weiter, ob sich eine solche Kombination wirklich durchhalten läßt und ob sich nicht die eine Seite auf Dauer in die andere hereinfrißt.

Als Nominalisten scheuen wir uns nicht vor einer Definition von Begriffen. Wie schon gesagt, denken wir allerdings nicht, daß die Bestimmung der Begriffe „links“ und „rechts“ in dieser Weise ungewöhnlich ist. Vielmehr scheint sie uns die zu sein, die beispielsweise im 19. Jahrhundert verwendet wurde. Die Linke im preußischen Abgeordnetenhaus war die Fortschrittspartei, also Leute, die in wirtschaftlicher Hinsicht manchesterliberale Forderungen vertraten, was völlig konsistent, aber für heutige Betrachter oft unverständlich ist. *) Und wir würden hervorheben wollen, daß eine derartige Verwendung der Begriffe „links“ und „rechts“ auch wirklich fundamentale Unterschiede zwischen politischen Richtungen einfängt und von daher nützlich bei der Diskussion ist.

In diesem Sinne sind wir hier übrigens die Linke, weshalb wir die „Linke“ (= Neo-SED) nur in Anführungsstrichen schreiben. Wir sind die Linke, weil wir in allen Bereichen dem Einzelnen die freie Wahl seines Lebensentwurfes gönnen und es ablehnen, ihm eine bestimmte Konzeption des „guten Lebens“ überzustülpen.

*) Man schaue sich dazu einschlägige Artikel in Wikipedia an, wo mit dem Begriff „linksliberal“ herumhubert wird, weil man sich nicht vorstellen kann, daß die Linke erst später von den Sozialisten als Begriff für sich vereinnahmt wurde. In seiner Hilflosigkeit versucht man sich das dann so zu erklären, als wenn die Fortschrittspartei oder die Freisinnige Partei es nicht ganz bis zur Linken geschafft hätte. Der unsägliche Zensor des Artikels über Eugen Richter mit dem Handle „Whoiswohme“ hat es sich nicht einmal nehmen lassen, die Aussage, daß Richter einer der besten Redner „auf der linken Seite“ des Parlaments war, in die absurde Wendung „auf der linksliberalen Seite“ umzuändern. Bei dem Artikel empfehlen wir auch in anderen Teilen große Vorsicht.
Dieser Beitrag wurde unter Freiheit, Konservative, Liberalismus, Philosophie, Sozialdemokratie, Theorie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar